
Originaltitel: Ballistic Kiss/ Sha sha ren, tiao tiao miu
Herstellungsland: Hongkong
Erscheinungsjahr: 1998
Regie: Donnie Yen
Darsteller: Donnie Yen, Annie Wu, Yu Rongguang, Jimmy Wong, Vincent Kok, Simon Loui
Donnie Yen ist mittlerweile Hongkongs unangefochtener Actionfilmprimus, seitdem Jackie Chan dem Alter auch in seinen Filmen Tribut zahlt und sich selbst Jet Li gerne Dramen zuwendet, steht der US-Chinese bei den Produktionsfirmen hoch im Kurs, nur wenige Schauspieler der ehemaligen Kronkolonie verdienen mehr. Das war jedoch nicht immer so, Mitte der 90er Jahre befand sich Donnie Yens Karriere auf einem echten Tiefpunkt. Seine letzten Kinofilme, darunter auch Klassiker wie IRON MONKEY und WING CHUN, waren finanziell wenig erfolgreich gewesen, und seine zwei TV-Serien, KUNG FU MASTER und FIST OF FURY, erzielten zwar hohe Einschaltquoten, befriedigten aber nicht den Wunsch nach Kinoruhm, den der nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannte Schauspieler für sich beanspruchte. Nach einer Reihe weiterer Flops wie ASIAN COP, HOLY VIRGIN VS. EVIL DEAD oder IRON MONKEY 2 beschloss Donnie Yen, selbst das Heft in die Hand zu nehmen und drehte in Personalunion aus Regisseur, Produzent, Drehbuchautor, Actionregisseur und Hauptdarsteller den mit 250000 US$ Budget ausgesprochen billigen Martial-Arts-Streifen LEGEND OF THE WOLF. Das Kritikerurteil über diesen reichlich prätenziösen Film war vernichtend, an der Kinokasse spielte er gar keine Rolle, wohingegen westliche Martial-Arts-Fans schnell Gefallen an dem immerhin recht ungewöhnlichen und zudem sehr actionlastigen Werk fanden. Der ambitionierte Autorenfilmer selbst ließ sich durch den Misserfolg nicht beirren und präsentierte zwei Jahre später BALLISTIC KISS, eine style-, blut- und pathostriefenden Ode Donnie Yens an sich selbst.
Darin spielt der Yenster einen Killer namens Cat. Natürlich ist er kein schmieriger, kleiner Wald- und Wiesenkiller, sondern ein Virtuose seines Fachs, der beim ersten Auftrag im Film zunächst einige Büttel des Ziels geschmeidig mit einer Hantelscheibe ausknockt, bevor er sich an den Hauptgang macht. Dirigierend schwingt er Arme und Hände zur Filmmusik (btw, eine Szene, die ohne Ton entzückend grotesk wirkt), dann verknotet er die letzten Schergen ineinander, drischt ihnen Blutfontänen aus dem Kopf, erschießt auch einen und gesellt sich letztlich zum Boss, dessen Abgang allerdings vergleichsweise konventionell wirkt.
Abseits seines ungewöhnlichen Tag- und Nachtwerks ist Cat ein eher ruhiger und introvertierter Zeitgenosse, der regelmäßig mit einem Radiomoderator vulgärphilosophisch palavert und gelegentlich von den Bergen herab auf die Stadt schaut und dabei geschwollene innere Monologe dichtet. Wie so vielen Killern vor ihm wird aber auch Cat eine Mischung aus verräterischem Auftraggeber und der Liebe zu einer Frau, hier die seinen Aufträgen hinterher ermittelnde Polizistin, zum Verhängnis, und noch ehe es sich der gerne Sonnenbrille tragende Tötungsprofi recht versieht, hat er eine Beziehung am Hals und eine Assassinenmeute an den Hacken.
Diese Art von Story verbindet man als erfahrener Filmfreund selbstverständlich genauso mit knackiger Action wie die Anwesenheit Donnie Yens in einem Film, und BALLISTIC KISS enttäuscht in dieser Hinsicht nicht. Zwar ist die Actiondichte geringer als im Vorgängerwerk LEGEND OF THE WOLF, dank strategisch geschickter Verteilung und funktionellen Storyrahmens macht sich das aber nicht negativ bemerkbar. Im Gegenteil, dank etwas Abwechslung zwischen gewohnt überzeugend choreografierten Kämpfen und Shootouts der Woo'schen Bloodshed-Schule ermüdet die Action nie. Aufgrund des niedrigen Budgets (in etwa das des Vorgängers) muss man zwar auch in BALLISTIC KISS auf große Explosionen und Verfolgungsjagden verzichten, die Shootouts sind aber sorgfältig und aufwändig genug inszeniert, dass der Mangel an Materialschlachten gar nicht auffällt.
Schon eher fallen die bescheidenen Darstellerleistungen auf: Donnie Yen wirkt gewohnt selbstverliebt und schafft es nie, echte Emotionen zu transportieren. Letzteres gilt auch für seine romantische Partnerin Annie Wu (FIRST STRIKE), die hübsch, aber völlig blass ist. Die Nebenrollen sind schauspielerisch anspruchslos, so dass ihre Darsteller zumindest nicht enttäuschen.
Explizit positiv muss jedoch die formale Umsetzung des Filmes erwähnt werden. Die Kameraarbeit ist verantwortlich für einen überraschend gediegenen Look, der den urbanen Schauplatz der Geschehnisse in ein attraktives, atmosphärisches Gewand hüllt und auch in aufwändigeren Produktionen einen Pluspunkt darstellen würde. Mindestens genauso vorteilhaft wirkt sich der famose, gelegentlich vielleicht eine Spur zu sentimentale Score von Yukie Nishimura auf das Gesamtkunstwerk aus, zwischen pulsierenden Actionthemen und melancholisch jazzigen Balladen angesiedelt, vertreibt die Musik jeden Hauch von B-Muff von der Tonspur.
Betrachtet man BALLISTIC KISS wie vom Künstler intendiert als ernsthaftes Statement Donnie Yens zum Zustand menschlichen Zusammenlebens, dann ist der Film nur ein Hohnlachen wert: Die geäußerten Ansichten sind platt, reaktionär, dumm, ihre filmische Umsetzung ist plump. Lässt man diese Betrachtungsweise aber außen vor, erhält der Genrefreund mit BALLISTIC KISS eine stylish inszenierte Killerballade mit Standardplot, mitreißenden Actionszenen, einem nahe der Grenze zur Parodie agierenden Star und beeindruckender Präsentation, der dem verblüffend ähnlichen HER NAME IS CAT (dt. THE HUNTRESS) aus dem selben Jahr ein gutes Stück überlegen ist.

Erhältlich ist BALLISTIC KISS als mäßige HK-DVD von UNIVERSE. Extras gibt’s außer Trailern keine, das nichtanamorphe Widescreenbild ist nicht das Schärfste, aber sauber, der Ton leider etwas dumpf. Dank anderer Alternativen dennoch zu empfehlen.