
- - - - Frontbericht von Rock am Ring 2006 - - - -
Zum 21. mal fand dieses Jahr das legendäre „Rock am Ring“-Festival am Nürburgring in der Vulkaneifel statt. Im Vorfeld brodelte die Gerüchteküche auf Hochtouren. Im Sommer 2005 war von „Robbie Williams“ die Rede, „System of a down“ war laut der Presse schon bestätigt, genauso wie „Linkin Park“. All diese Hochkaräter fanden aber letztendlich nicht den Weg ins Line up. Nur „Depeche Mode“, die schon letztes Jahr angekündigt wurden standen zum Jahreswechsel als Headliner fest, langsam gesellten sich dann mit „Korn“ und „Tool“ weitere große Acts hinzu. Im Februar kündigten sich dann schließlich die Masters of Metal an, „Metallica“ würden im Rahmen ihrer „Escape from the Studio 06“-Tour einmal mehr am Ring spielen. Wenig später ließ Festivalveranstalter Marek Lieberberg dann die Bombe platzen und kündigte „Guns & Roses“ an, die nach langer Bühnen-Abstinenz dieses Jahr ausgerechnet das Ring-Publikum beehren würden…und nur das Ring-Publikum, die parallel laufende Nachbarveranstaltung „Rock im Park“ schaute diesbzgl. in die Röhre. Als der Name „Metallica“ fiel, war der Kauf des Ring-Tickets für mich so klar wie Kloßbrühe, aber es sollten noch weitere Bands zum Line-up hinzukommen, die die Ausgabe von 130 Euro (bzw. für mich 100 Euro als Sohn einer Sponsoren-Mitarbeiterin) rechtfertigen würden. So ergänzten die Metal-Newcomer „Bullet for my Valentine“ die Bandliste, ebenso wie – alle Jahre wieder – „In Flames“. Außerdem war die „Bloodhound Gang“ auf dem Spielplan vertreten. Der erschien dann etwa einen Monat vor dem gigantischen Festival und ein Raunen ging durch die Reihen der musik-interessierten Festivalbesucher. Völlig Fehl am Platz agierte bspw. „Reamonn“ als Vorgruppe zu „Metallica“, fast alle interessanten Metal-Acts spielten parallel. Aber wer fährt schon wegen der Musik auf den Ring..?
Freitag, 2. Juni 2006
Mit genau 12 Flaschen Bier machen wir, d.h. 3 Kumpels und ich, auf den 66km langen Weg zum Nürburgring. Eine knappe Stunde später sind wir kurz vor dem Ziel, da wir schon relativ spät an sind, hält sich der Stau in Grenzen. Wo wir letztes Jahr noch ca. 2 Stunden im Stau standen, kommen wir jetzt nach 20 Minuten Warten auf unserem Caravan-Platz an. Entgegen dem Standart Ringrocker haben wir einen Van als fahrbaren Untersatz dabei und benutzen den als Schlafplatz, haben somit keinen Ärger mit Zelt aufbauen, es ist wärmer, gemütlicher und alles ein bisschen leiser. Denn übernachten auf dem Ring hat nix mehr mit normalem Campen oder Caravaning zu tun. Knapp hundert Meter von unserem Platz entfernt sind ein paar Kerle mit LKW angereist, der mit Bier vollgeladen ist. In einer kleinen Lücke ist eine Musikanlage untergebracht, an die Lautsprecher angeschlossen sind, die bei uns i.d.R. auf Eifel-Discos verwendet werden. Dementsprechend läuft die Musik nonstop durch auf einer Lautstärke, die man schon einen Kilometer vorher hört. Egal ob Zeltplatz oder Parkplatz, der Boden ist aufgewühlt, als wär ein Minenfeld hochgegangen. Jedes Auto, jeder Camper, jeder Stuhl ist voll mit Matschspritzern, ein schneidender Alkohol-Urin-Geruchsmix liegt in der Luft. Willkommen auf dem Ring!

Unser lauschiger Caravan-Platz :-D

Überzeugen Sie sich selbst von der Sauberkeit…

…und der fortschrittlichen Hygiene-Technik auf unseren Zeltplätzen!

Und hier noch mal einer der unzähligen Zeltmöglichkeiten vor dem Hintergrund der Nürburg
Und wenn in dieses von Alkohol und Grillwürstchen regierte Chaos jemand passt, dann ja wohl ich als Vegetarier, Anti-Alkoholiker, Nicht-Raucher & Heimscheißer ;-)
Somit heißt die Devise wie schon letztes Jahr möglichst schnell von dem versifften Campingplatz zu verschwinden und sich in Richtung des 2-3 km entfernten Festivalgeländes zu bewegen. Der Betrieb wird mit jedem Schritt dichter und schließlich am Haupteingang angekommen lassen sich erstmals die ungefähren Dimensionen dieses Festival-Monsters erahnen. Zeltplätze in allen Himmelsrichtungen und von überall her strömen Menschenmassen in Richtung des Haupteingangs.

Aufgrund unserer späten Ankunft sind die „Deftones“ schon am spielen, also bewegen wir uns zügig zur Center Stage, um noch was von dem Auftritt mitzukriegen. Ich hatte mich hier im Vorfeld dezent reingehört, kannte nicht allzu viele Songs aber Chino Moreno & seine Jungs rocken überaus ordentlich. Nahezu unglaublich für den Ring scheint die Sonne in vollsten Schüben und eine gigantische Menschenmasse lauscht den „Deftones“ unter strahlend blauem Himmel. Gegen Ende des Gigs wird das Geschehen ungemütlicher, immer mehr Menschen bewegen sich in Richtung Center Stage, es wird langsam drückend voll. Als erster großer Headliner werden „Korn“ vor einem genialen Sonnenuntergang die Bühne betreten. Pünktlich um 20h rocken die Jungs um Sänger Jonathan Davis los und liefern eine hervorragende Show ab. Entgegen den „Deftones“, die trotz guter Performance doch ein wenig zurückhaltend wirkten, dreht Mr. Davis voll auf, bezieht immer wieder das Publikum in die Show ein. Auf der Setlist befinden sich relativ viele neuere Songs, aber auch ältere Sachen wie „Here to stay“, „Freak on a leash“ und „Thoughtless“ werden angestimmt. Nicht nur die Show stimmt, auch der Sound wirkt wesentlich ausgereifter als noch bei den „Deftones“. Die gesamte Abstimmung ist überaus professionell und kommt dem perfekten Klangerlebnis schon sehr nah. Als Abschluss gibt’s „Blind“, bei dem die Masse, als der Song schließlich richtig losgeht, völlig ausflippt.


Vor traumhafter Sonnenuntergangskulisse entzünden die Fans bei „Korn“ bengalische Feuer
Da wir einen „tool“-Hörer dabei haben, bewegen wir uns näher zur Hauptbühne des Festivals. Bisher haben wir das Geschehen aus sicherer Entfernung betrachtet, wo man recht angenehm stehen konnte. Nach dem „Korn“-Fans abgezogen sind, kommt man aber recht gut nach vorne und wir finden eine recht angenehme Position an einem „Wellenbrecher“ ca. 30m von der Bühne entfernt. Nach einem recht langen Bühnenaufbau betreten dann schließlich „tool“ die Bühne, mit denen ich mich bisher noch gar nicht befasst hab, weswegen ich keinen Kommentar zur Musik abgeben will. Der Auftritt ist jedenfalls stinklangweilig. „tool“ spielt wie vom Publikum abgeschottet einen technisch hervorragenden aber seelenlosen Gig. Es kommt nicht mal ansatzweise Stimmung auf, die Reihen vor der Bühne werden immer dünner, selbst Fan verlassen den Auftritt. Die Leinwände links und rechts von der Bühne werden für kleine kunstvolle zu den Liedern passenden Filme genutzt. Wo die Fans normalerweise ihre Lieblingsband in Großaufnahme betrachten können, bekommen sie hier eine tiefsinnige optische Show geboten, die den lahmen & müden Auftritt der Jungs auch nicht besser macht und zu dem den Zuschauern auf den hinteren Rängen die Chance auf einen Blick zur Band vermasselt. Die Musik von „tool“ hat sich gar nicht mal schlecht angehört, aber so eine seelenlose Show hab ich selten gesehen und der Unterhaltungsfaktor gehört für mich zu einem Live-Konzert dazu. Wer das noch nicht mal im Ansatz schafft, soll Platten rausbringen und die Bühne meiden. Das ging übrigens nicht nur mir so, auch unser „tool“-liebender Mitfahrer, der seine Ring-Karte v.a. wegen der Band gekauft hat, war wenig begeistert und sah es ähnlich wie ich.
Schließlich betritt Festivalveranstalter Marek Lieberberg die Bühne und hat Neuigkeiten zum Thema „Guns & Roses“. Nein, sie haben tatsächlich nicht abgesagt, verspäten sich allerdings um 1-2 Stunden.

Warten auf „Guns & Roses“…
Nach nun beinahe 6 Stunden stehen am Stück sind wir alle platt und suchen uns in der willkommenen Pause erst mal einen Sitzplatz auf der Nürburgringtribüne. Der ist auf dem Festivalgelände nur eine geöffnet, auf der bei schlechtem Wetter übelst kalte Winde auf die Erholung suchenden Ringrocker prallen. Heute ist dem Gott sei Dank nicht so, es herrschen auch um Mitternacht noch halbwegs angenehme Temperaturen.
Eine gute Stunde später verlassen wir halbwegs erholt unseren mittlerweile doch recht windigen Sitzplatz und bewegen uns wieder zur Center Stage. Wir kommen ohne Probleme ungewöhnlich weit nach vorne. Der Großteil der feiernden Meute scheint zu müde zu sein, um die ca. 1 ½ Stunden Verspätung in Kauf zu nehmen und hat das Festivalgelände verlassen. Gegen 1.30h richten sich die Scheinwerfer auf die gigantische Bühnenkonstruktion und das Intro zu „Welcome to the jungle“ erklingt. Mr. Axl Rose betritt die Bühne und löst den Startpfiff zu einer Rockshow der Superlative aus. Sage & Schreibe 2 ½ Stunden tobt der gealterte und vom Drogenkonsum gezeichnete Rockstar über die Bühne, von links nach rechts und wieder zurück, schmettert einen „Guns & Roses“-Klassiker nach dem anderen, hält das verbliebene Publikum nonstop auf Trab und lässt seine beinahe rund um erneuerte Band unglaubliche Solis reißen. „Knockin on heavens door“ wird in die Länge gezogen, damit das Publikum den eingängigen Refrain möglichst oft zum Besten geben kann, als erste Band auf der Center Stage wird hier mit starken Pyroeffekten gearbeitet und als „Paradise City“ nach über 150 Minuten Spielzeit angestimmt wird schießen Konfettikanonen unermüdlich tausende von Papierschnipseln ins Publikum.
Die Truppe um Axl Rose hat somit den klar besten Auftritt des Abends bzw. der Nacht hingelegt. Und angesichts der zahlreichen Negativschlagzeilen, die die Band im Bezug auf Live-Konzerte in den letzten Jahren einstecken musste, überrascht diese grandiose Rock-Show umso mehr. Auch überraschend ist, dass wir unsere Beine nach 2 ½ Stunden Daueraction mit dem vollen Programm beinahe nicht mehr spüren. Zusammen mit den anderen Zuschauern, die den „Guns & Roses“-Gig durchgehalten haben bewegen wir uns Richtung Ausgang und dann marschieren wir in der Morgendämmerung noch gute 20 Minuten zu unserem Schlafplatz. Der Van wird mit Schaumstoff-Matten und Kissen so ausstaffiert, dass durch die Fenster kein Licht mehr kommt, die Ohrenstöpsel kommen zum ersten mal zum Einsatz, weil die LKW-Fahrer 100m weiter die ganze Nacht ihre Anlage auf donnernder Lautstärke krachen lassen und da wir nun mittlerweile ca. 23 Stunden auf den Beinen sind wir auch verhältnismäßig schnell in den mäßig bequemen Autositzen am pennen…
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