In der Grauzone treibt sich Guy Ritchie schon länger herum. Zwischen stromlinienförmigem Crime-Action-Comedy-Hochglanz und einer schwach nachwirkenden Note seiner früheren Signatur haben die heutigen Fließbandarbeiten längst nicht mehr den kantigen Mockney-Touch der Frühwerke, sind aber trotzdem zu eigenwillig, als dass sie jemand anders überzeugend kopieren könnte. Ähnlich wie seine Charaktere weiß er einen Ausdruck von Individualität weiterhin zu schätzen, ist aber viel zu sehr Geschäftsmann, als dass es ihm in erster Linie nicht darum ginge, möglichst viele Abschlüsse zu suchen, selbst wenn es bedeutet, dass er nur noch ein Massenprodukt anbietet.
Wenn Jake Gyllenhaal am Steg bei rauer Brise um sein Seidenhemd besorgt ist und Eiza González im schicken Hosenanzug mit Carlos Bardem um Millionen handelt, könnten das genauso gut geschnittene Szenen aus seiner aktuellen Serie „The Gentlemen“ sein. Auch Cavill als Gorilla und Pike als Natter sind nur allzu vertraute Anblicke. Die Szenarien, die Charaktere und die paradiesischen Treffpunkte der Reichen und Schönen sind soweit bekannt. Die Langeweile, die man dabei empfinden kann, ist überaus gepflegt. Irgendwie gelingt es Ritchie trotzdem immer wieder aufs Neue, seine eingespielten Abläufe derart präzise auf Maß zu schneidern, dass man gar nicht so angeödet ist, wie man sein sollte. Man ist vielmehr voll in der Situation.
Das gilt gerade auch für „In the Grey“, dessen zweiteilige Struktur darauf ausgelegt ist, zunächst die Machtverhältnisse in einem Geschäftspoker auszuhandeln, um im zweiten Teil Taten als Konsequenz der Worte aus dem ersten Teil sprechen zu lassen.
Beide Seiten der Medaille hat Ritchie in den vergangenen Jahren in allen möglichen Varianten bereits ausgespielt. Krumme Geschäfte treffen auf Missionseinsätze, wobei es kaum einen Unterschied macht, ob Marihuanaplantagen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen oder wie in diesem Fall Milliardärsschulden für eine Vermögensfirma eingetrieben werden sollen, ob Kriegseinsätze auf dem Plan stehen, Abenteuerreisen oder wie hier eine Rückholaktion initiiert werden soll. Die gestrichelten Linien führen zuverlässig über die Landkarte und verknüpfen Punkte miteinander. Kapitelüberschriften suggerieren ein kontrolliertes Weltbild ohne Zweifel. Es braucht die Coolness von González, Gyllenhaal und Cavill, um die Coolness von Pike und Bardem zu neutralisieren. Gerade dieser Kampf der Eiszapfen in sommerlichem Ambiente ist es, den man von der Marke Ritchie inzwischen vermutlich erwartet und die er mit „In the Grey“ als Konglomerat all seiner bisherigen jährlichen Produktionen der 20er Jahre gewissermaßen perfektioniert. Das ist vollendete Verweigerung von Weiterentwicklung zugunsten der Konsolidierung des Bestehenden.
