Auf den letzten Metern noch im Kino mitgenommen, ohne TikTok-Eskalierer, aber auf eher kleiner Leinwand. Von den Streitigkeiten zwischen Winkler und Sly wusste ich bis zur Lektüre des Reviews nicht, jedoch fühlt sich "Creed III" auch ohne dieses Wissen wie eine Emanzipation von der "Rocky"-Reihe an: Auch von der Drago-Familie ist nur noch Junior, nicht mehr mehr Papa Ivan am Start. Tatsächlich kommt der Film auch recht gut ohne Sly aus; nur an einer Stelle, bei einem bestimmten Schicksalsschlag, hätte eigentlich ein Rocky-Cameo sein müssen. Apropos Cameos: Aus dem echten Box-Business ist gleich eine ganze Handvoll Prominenz dabei. Canelo Alvarez post kurz mit Adonis, Terence Crawford gibt dessen Protége und späteren Sparringspartner, Jessica McCaskill kommentiert den ersten Fight, Tony Bellew schaut noch in seiner Rolle aus dem Erstling vorbei, Ansager und Kommentatoren (Chris Mannix, David Diamante, Jimmy Lennon jr. usw.) spielen sich selbst.
Etwas seltsam wirkt das Casting von Jose Benavidez jr., den uns der Film als Schwergewichtsweltmeister verkaufen will, obwohl er ganze sechs Gewichtsklassen tiefer, nämlich im Weltergewicht, boxt. In den Ring geht es vergleichsweise wenig, dafür sind die Fights recht souverän inszeniert. Ohne den Biss und den inszenatorischen Einfallsreichtum, den Ryan Coogler im ersten "Creed"-Film zeigte, aber mit der einen oder anderen netten Idee (etwa das Ausblenden des Publikums bei der Zusammenfassung von Runde drei bis elf im Finale). Schade nur, dass die ersten Kämpfe Ansätze liefern, die im Finale kaum aufgenommen werden: Das Vortäuschen von Schwäche, um einen Fehler zu provozieren, oder das dreckige Boxen des Antagonisten.
Dramaturgisch knistert es leider eh ein bisschen im Gebälk: Die Exposition dauert reichlich lang, doch kaum hat sich Damien als Champ etabliert, folgen auch schon Creeds Training und der finale Fight. Den späteren Konflikt der früheren Freunde hätte man ruhig etwas ausschmücken können, sich dafür etwas kürzer bei der Einführung fassen können. Warum der Zwischenfall vor dem Supermarkt nur häppchenweise enthüllt wird, obwohl jeder sich denken kann, was damals passiert ist, macht leider wenig Sinn. Ebenfalls etwas befremdlich ist es, wenn zum Ende des zweiten Drittels die Schicksalsschläge im Minutentakt auf Adonis einprasseln, da wirkt das Melodrama etwas forciert. Und mancher Ansatz (z.B. das mögliche Aggressionsproblem der Tochter) versandet ohne Lösung.
Trotzdem: "Creed III" bedient die "Rocky"-Standards gut, fühlt sich auf seinen knapp zwei Stunden erfreulich kurzweilig an und kann von den Performances von Michael B. Jordan sowie seines Antagonisten Jonathan Majors gut profitieren. Nett ist auch der Nachklapp zum Showdown, der mit ein paar Erwartungen bricht, während sich Jordan auch als Regisseur achtbar schlägt. Zwar noch ohne eigene Handschrift, aber mit solidem Handwerk. Solides Handwerk ist eh ein gutes Stichwort für den Film, dem einfach das gewisse Etwas fehlt, der richtige Biss, um mehr als nette Boxfilmunterhaltung zu sein.
