Die wahren Memoiren eines internationalen Killers

Der Action Film der 80er, der 90er und heute.
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John Woo
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Die wahren Memoiren eines internationalen Killers

Beitrag von John Woo » 13.11.2016, 17:18

Die wahren Memoiren eines internationalen Killers

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Originaltitel: True Memoirs of an International Assassin
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 2016
Regie: Jeff Wadlow
Darsteller: Kevin James, Kim Coates, Maurice Compte, Zulay Henao, Andy Garcia u.a.

Sam Larson (Kevin James) schrieb sein erstes Buch über die Geschichte eines Auftragskillers, doch sein Verleger lässt die von Larson frei erfundene Geschichte als eine Autobiografie veröffentlichen. Larson handelt sich dadurch einigen Ärger ein, denn schon bald wird er von zwielichtigen Gestalten entführt, die da ein paar Fragen und unerledigte Aufgaben haben.

Für die Filmografie des Komikers Kevin James erscheint dieser Film vergleichweise doch eher ungewöhnlich, kennt man ihn doch vor allem aus Sitcoms ("The King of Queens") oder harmlosen Komödien (z.B. "Der Zoowärter"), wobei seine Filme zumeist kaum an die Qualität seiner Hit-Sitcom anknüpfen konnten.
Ein wenig vom bekannten Schema abzuweichen hat aber schon bei vielen Schauspielern zu überraschenden Ergebnissen geführt, und auch James konnte dies zuvor schon in "Das Schwergewicht" bereits in Ansätzen ausprobieren. In der Sportkomödie wusste er als Kampfsportler zu überzeugen, und auch in "Die wahren Memoiren eines internationalen Killers" scheint man nun wieder vermehrt zu versuchen, James ins Actiongetümmel zu schicken. Wo die Action in den "Kaufhaus Cop" -Filmen zumeist nur für billige Witze herhalten musste, scheint man hier tatsächlich versucht zu haben, einen unterhaltsamen Actionfilm abzuliefern, der weitgehend auf die üblichen Scherze verzichtet.

So macht James in diesem Film, dessen Titel etwas zu lang geraten ist, dann auch eine überraschend gute Figur in den Actionszenen, gerade auch in den Kampfszenen, aber auch einige Stunts scheint er selbst auszuführen. Ein Vorteil, welcher schon bei "Das Schwergewicht" positiv auffiel.
Er erhält dabei von Zulay Henao Unterstützung, welche als Partnerin überzeugen kann und in vielen Actionszenen mitmischt.
Allgemein wirken die Actionszenen erstaunlich dynamisch inszeniert. Die Choreografie der Kampfszenen weiss zu gefallen, und auch die restlichen Actionmomente überzeugen durchaus und sollten wohl nicht zufällig an manche grossen Agentenfilm-Vorbilder erinnern. Gerade im Wissen darum, dass es sich hier nicht unbedingt um die grösste Blockbuster-Produktion handelt, kann man durchaus zufrieden sein.

Regisseur Jeff Wadlow, der vor allem durch die mittelmässige "Kick-Ass" -Fortsetzung bekannt ist, scheint nicht nur die Actionszenen gut im Griff zu haben, sondern kreiert auch einen überraschend hochwertigen Look. Die exotischen Locations wurden von einer tollen Kameraarbeit überzeugend eingefangen.
Leider wirken manche Rückprojektionen arg mässig, ein Problem welches auch schon bei "Kick-Ass 2" gelegentlich zu erkennen war. Etwas mehr Zeit in der Post-Produktion hätte hier möglicherweise ein besseres Ergebnis erzielen können. Auch einzelne CGI-Szenen, von denen zum Glück nur sehr wenige auszumachen sind, zeigen die Grenzen der Produktion auf.
Dagegen weiss der Soundtrack von Ludwig Göransson, welcher bislang vor allem für den Serienbereich komponierte (unter anderem für die Sitcom "Community"), durchaus zu gefallen und kann den Film an den richtigen Stellen vorantreiben.

Neben den gut aufgelegten Hauptdarstellern überzeugt auch Andy Garcia in der Rolle des Fieslings El Toro. Garcia scheint sichtlich Spass an der Rolle gehabt zu haben und hat dabei auch einige der besten Sätze des Drehbuchs abbekommen.
Die weiteren Darsteller liefern ordentliche Leistungen, wobei Rob Riggle und Leonard Earl Howze (welcher auch in James' neuer Sitcom "Kevin Can Wait" zu sehen ist) in ihren Rollen etwas verschenkt wirken. Dafür kann Kelen Coleman in ihrer kleinen Rolle als verrückte Verlegerin Kylie Applebaum durchaus überzeugen.

Das Drehbuch von Jeff Morris, dessen zuvor einzig bekanntes Werk der TV-Film "Grumpy Cat's Worst Christmas Ever" darstellt, versucht den Film etwas komplexer zu gestalten als er eigentlich ist, indem während des Verlaufs mehrere verschiedene Parteien eingefügt werden. Dadurch wird zwar durchaus etwas Witz in die Geschichte gebracht, aber man kann auch an mehreren Stellen erkennen, dass im Grunde doch nur die übliche Geschichte eines Underdogs erzählt wird, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Die Geschichte mag also nicht die originellste sein, dies fällt auch an manchen Situationen auf, an welchen genau das gesagt oder getan wird, was von einem Film dieses Genres zu erwarten ist. Glücklicherweise schafft es der Film zumeist doch noch rechtzeitig, eine originelle Szene oder Idee einzubauen und da Regisseur Wadlow dem Film ein erfreulich hohes Tempo vorgibt, erhält man während des Verlaufs auch kaum Gelegenheit, sich weiter über die bekannten Versatzstücke zu ärgern.

James hat für dieses Projekt nicht mit seinen üblichen Produzenten und Autoren zusammgearbeitet. Auch sein Kollege Adam Sandler, der fast jeden Film mit James produzierte, war diesmal weder vor noch hinter der Kamera am Projekt involviert.
Die ungewohnte Besetzung hinter der Kamera merkt man dem Film dann auch deutlich an, insbesondere da auf die üblichen Klamauk-Witze verzichtet wird, die man eigentlich erwarten könnte. Allerdings hätte der Film gleichzeitig durchaus an einzelnen Stellen noch ein wenig mutiger und frecher auftreten können.

Dennoch kann man mit dieser Actionkomödie nicht viel falsch machen, wenn man einfach nur einen kurzweiligen Film ansehen möchte, der das Genre zwar in keinster Weise revolutioniert, aber solide Unterhaltung bietet und wohl einen der unterhaltsameren Filme des Hauptdarstellers darstellt.
:liquid6: - :liquid7:

Der Film ist seit dem 11. November auf Netflix erhältlich.

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kami
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Beitrag von kami » 21.12.2016, 14:03

Naja, so knappe 6 Punkte hätte der von mir bekommen. Zwar leistet sich der Film kaum echte Schwächen, dafür gebrichts aber auch an wirklichen Highlights. Die Optik ist attraktiv, die Action nicht allzu zahlreich, aber zackig inszeniert, selbst dem dicken Hauptdarsteller nimmt man seine Actionszenen durchaus ab. Vom Budget scheint man sich auf dem Niveau der Pseudo-Willis-Filme zu bewegen, sprich, richtig großes Feuerwerk sollte man nicht erhoffen. Story und Dialoge sind ausreichend, um die Kiste unterhaltsam am Laufen zu halten, bleiben aber kaum hängen.
Für Freunde des Doug ist die Netflix-Produktion also durchaus einen Blick wert, auch der anspruchslose Actioncomedy-Konsument macht nix verkehrt.

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Vince
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Re: Die wahren Memoiren eines internationalen Killers

Beitrag von Vince » 02.06.2019, 07:51

Das Skript von Jeff Morris muss natürlich im Mittelpunkt stehen, wenn selbst im sperrigen Filmtitel von Memoiren die Rede ist. Bereits der Vorspann wird in Times New Roman über die Hafenbilder getippt, die Sekunden später zu einem Action-Setpiece mutieren, bis eine Bazooka mit schickem Feuerwerk für Schicht im Schacht sorgt. Mittendrin Kevin James, von dem wir wissen, dass er trotz seiner Körperfülle immer für Physisches zu gebrauchen ist – das war schon in „King Of Queens“ so, lange bevor er in „Das Schwergewicht“ recht überzeugend auf MMA-Fighter machte. Oder nun eben den bösen Buben in Südamerika als supergeheimer Geheimagent den Arsch versohlt.

Doch Moment... Morris' Skript sieht vor, dass der Protagonist eigentlich ein verträumter Everyman ist, also wird unser Actionheld rüde aus seiner Vision gerissen und wacht mit biederem Kurzarmhemd im verdunkelten Zimmer vor dem Laptop aus. Für James ist dieser Wechsel kein Problem; ganz im Gegenteil, seine Art von Comedy hat er auf dem Bild des unbeholfenen Erwachsenen mit kindlichen Träumen überhaupt errichtet.

Und doch muss man an Perlen vor die Säue denken. Das Drehbuch erscheint eigentlich einen Tick zu gut, um für eine flache Kevin-James-Klamotte auf den Kopf gehauen zu werden. Die für Netflix produzierte Actionkomödie zeigt zu Beginn sehr interessante Ansätze im Spiel mit erzählerischen Stilmitteln, wo immer sich Variationen zwischen der Vorstellungskraft des Autoren und der von ihm selbst durchlebten Realität ergeben. Jeff Morris und Regisseur Jeff Wadlow finden stets verspielte Wege, Fiktion und filmische Realität miteinander zu kreuzen. Das Ergebnis könnte man beinahe als Parodie auf die „Equalizer“-Filme verstehen: Während deren Protagonist mögliche Handlungsausgänge in Gedanken vorzeichnet und ihnen schließlich präzise in Taten folgt, gerät unser Autor beim zweiten Schritt immer möglichst spektakulär ins Stolpern.

James weiß als Vollprofi für Comedy und Timing die Drehbuchvorgaben natürlich auf bestmöglichem Weg umzusetzen und verschafft sich so ein paar gelungene Auftritte, zumal er in dem nicht gerade actionarmen Parcours auch mit 51 Jahren noch ziemlich gut aussieht. Nur haben seine Filme auch immer diesen unnötig biederen Anstrich, der mit jeder verstrichenen Minute penetranter wird. Oft warten am Ende hübsche Frauen mit Kuschelbären-Fetisch, die mit Gestottere und treudoofen Hundeaugen erobert werden wollen. Wenigstens das bleibt einem erspart, obwohl Zulay Henao als schlagfertiges Hasch-mich-Babe immer in Griffweite ist. An der merkwürdigen Verlegenheit, mit der man beobachtet, wie sich James' Charakter aus der Versager-Position kämpft, ändert das jedoch nichts.

Noch dazu trampelt die Regie ohne jedes politische Feingefühl durch die venezolanischen Schauplätze, ohne sich ernsthaft mit der Situation im Land auseinanderzusetzen. Dadurch wurden unnötigerweise auch noch Kontroversen entfacht, wenngleich die vermutlich in der kindlichen Denkweise dieser Produktion zu keinem Zeitpunkt Berücksichtigung gefunden haben. Und so wird aus dem ambitionierten Start mitsamt ansprechender Produktionswerte (wenn auch immer im Rahmen familiärer Berieselung) mal wieder der berühmte Elefant im Porzellanladen – wie eigentlich noch fast jede Kevin-James-Komödie bis dato.
:liquid5:

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