
Originaltitel: The Tuxedo
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 2002
Regie: Kevin DOnovan
Darsteller: Jackie Chan, Jennifer Love Hewitt, Jason Isaacs, Ritchie Coster, Debi Mazar, Brian Rhodes, Larissa Laskin, Boyd Banks, James Brown, Mia Cottet, Daniel Kash, Romany Malco, Mike 'Nug' Nahrgang, Peter Stormare, Manuel Verge u.a.

Und so beginnt die Geschichte...
Die Zeit der Überraschungen ist bei Jackie Chan wohl vorbei, selbst, wenn seine Projekte doch mal wieder in Hong Kong entstehen. Dann nämlich entziehen sie sich wenigstens dem kuriosen Phänomen, das Sujet einfach zu verfehlen, die eigentlich wichtige Substanz nicht zu erfassen, wie es bei Chans US-Filmen fast durch die Bank der Fall ist. “The Tuxedo” ist diesbezüglich ein exquisites Musterbeispiel, so pur wie das zum Plotgegenstand zusammengefrickelte Trinkwasser, so rein wie die Gesichter der Hollywood-Sidekicks, so glänzend wie die Fassade aus schicken Skylines und modischen Special Effects. Eine durch und durch substanzlose Missachtung dessen, was Filme wie “Project A” so besonders gemacht hat.
Man wird es dem quirligen, aber in die Jahre gekommenen Martial Arts-Experten natürlich nicht verübeln, dass er auf diese Weise seine Rente sichert; im Gegenteil, in Anbetracht dessen, was er schon alles erreicht hat, ist seine Leisung nach wie vor mehr als ordentlich, wenn auch von mal zu mal mehr Seile ins Spiel kommen. Das wird in Kevin Donovans Regiedebüt (und bisher einzigem Projekt) überdeutlich, wenn auch nicht immer als Hilfestellung für den gealterten Star, sondern meist doch, um eher unmotiviert mit Effektereichtum zu protzen und um unmögliche Bewegungsabläufe zu zeigen - weit entfernt von der Ästhetik und Metaphorik des Neo-Genres um “Tiger & Dragon”, “Hero” und “House of Flying Daggers”. Was Donovan hier in Wirklichkeit macht, ist ein Kampfsportspektakel inszenieren für Leute, die mit Kampfsportfilmen nichts zu tun haben (wollen) - eine überstilisierte Schablonierung dessen, was in der unbehandelten Formel abseits der USA so schön sein kann.
Sicher, “The Tuxedo” ist kein wirklich schlechter Film - er ist stilsicher inszeniert, verfügt über gute Effekte, Hochglanzlook und eine simple Geschichte. Das sind zumindest die Voraussetzungen für einen vergnüglichen Filmabend, dem man gut folgen kann, ohne sich um Lebenszeit betrogen zu fühlen. Ein guter Film muss es deswegen noch lange nicht sein, denn dazu bleibt die ganze Sache zu seicht, auch für Leute, die nicht - wie ich, zugegeben - einem Chan-Faible mit Komplettierungswahn unterliegen.




Da wäre zum einen eine wahnsinnig dumme Geschichte, deren einziger Vorteil der ist, dass man ihr einfach folgen kann und sie doch die ein oder andere nette Idee beinhaltet. Die Grundidee bleibt dabei aber von Grund auf blödsinnig, vor allem im Zusammenhang mit dem Handlungszeitpunkt: Ein Trinkwasserproduzent, der durch einen miesen Trick jegliches Wasser der Konkurrenz vergiftet, um seine eigene Firma zu einem Monopol aufzurüsten. Das gab’s schon öfters, in der Regel in gesellschaftskritischen Endzeitfilmen. Eine Öko-Actionkomödie wird diesmal allerdings sicher nicht draus, denn dazu passt einfach nicht die Einordnung in die Gegenwart, mit deren Berücksichtigung von einem möglichen Szenario weniger zu sprechen ist als vielmehr von einem unlogischen High-Tech-Paralleluniversum für Kinder, mit viel Pseudowissenschaft und Quacksalberei. Angefangen bei den Anfangscredits, die das Wasser von einem Gebirgsbach bis zur Abfüllung in den Flaschen des Trinkwasserproduzenten begleiten, ist der Plot zu keinem Zeitpunkt irgendwie greifbar und kann demzufolge niemals Parallelen zur realen Welt ziehen - ein schönes buntes Gelände mit viel Platz für hübsche Kamerafahrten, aber ohne Substanz. Wenn dann unsere Hauptfiguren in diese antiseptische Plastikwelt eindringen, lassen sich ihre Schritte darin nicht mehr nachvollziehen, sprich: Das Identifikationspotenzial bleibt von vornherein draußen wie der Hund vor dem Geschäft.
Von der Anlage her referiert “The Tuxedo” unmissverständlich auf James Bond, und natürlich ist auch diese Filmreihe dafür bekannt, sich nicht unbedingt immer auf realistischem Terrain zu bewegen, doch irgendwo gab es dort einen greifbaren Ansatz, von dem aus man sich auf das Geschehen einlassen konnte. Das geht hier einfach nicht. Was auch an der Unerklärtheit vieler Dinge liegen kann. Was hat es beispielsweise mit dem ominösen “Tuxedo” auf sich? Na klar sieht das schick aus, wenn Jackie sich den Anzug überstreift. Eine auf jede Mikrofaser bedachte Kamera packt das Auge fürs Detail aus und fährt im Stil von David Finchers “Fight Club” in den Ärmel rein, wo sich am Stoff Hunderte von Synapsen ausstrecken, um mit der Haut des Agenten eine somatische Symbiose einzugehen und mit ihm eins zu werden - quasi die Ausgeh-Version von Spawns Höllensymbiont. Fein fein, die Idee ist auch witzig, nur: wo zum Teufel kommt das her? Ebenso wie die Vorhaben des fiesen Wasser-Geschäftsmanns werden da seltsame Tatsachen einfach in den Raum gestellt und nicht weiter erklärt.
Haben wir das akzeptiert, so ergeben sich schöne Möglichkeiten, die “Fähigkeiten” des Anzugs zu demonstrieren. Jackie ist darauf bedacht, so zu agieren, dass es so aussieht, als wenn der Anzug die Arbeit macht und Jackie selbst als Jimmy Tong nur den Korpus stellt. Passend dazu behauptet er zu Beginn auch, dass “nicht alle in Hong Kong Karate können” (einer lügt: entweder Jet Li in “Romeo Must Die” oder Jackie in “The Tuxedo”), er also auch nicht. Dies darzustellen, gelingt durchaus in einigen Szenen; als Jackie den Anzug erstmals überstreift, demoliert er ein ganzes Zimmer voller Kostbarkeiten, und ein Höhepunkt in dieser Sache ist der Versuch, den Anzug anzuziehen, während ein paar Bad Guys sich auf Jackie werfen - als der nur ein Hosenbein angezogen hat, ist es ein Gaumenschmaus zu sehen, wie er vorgibt, nur in diesem Bein Martial Arts-Fähigkeiten zu haben. Das erinnert beinahe an Bruce Campbells legendären Kampf mit seiner besessenen Hand in “Evil Dead 2".
Leider ist die Übertragung der Fähigkeiten auf den Anzug zugleich ein Symbol für und ein Zugeständnis an die abnehmende Power des damals immerhin schon 48-Jährigen. Der ist nach wie vor für sein Alter zu Unglaublichem fähig, von dem er hier aber eher selten etwas zeigt, und wenn, dann nur verdünnt durch irgendwelche Wirework-Spirenzchen. Man kann ausgehend von dem hier gezeigten Material nur annähernd erahnen, was wirklich dem Oeuvre des Jackie Chan angehört und welche Über-Stunts er in seiner Karriere schon abgeliefert hat. Derartiges muss heute ganz sicher nicht mehr getoppt werden, aber niemand hätte was dagegen gehabt, wenn Jackie die Chance bekommen hätte, unverfälscht das zu zeigen, was er halt kann - so wie es ihm in den zeitlich überschneidenden Projekten aus Hong Kong gewährt wurde.




Das überträgt sich auch auf die Ausstrahlung. Der Humor ist deutlich merkbar vorgeschrieben; es wurde Jackie und überhaupt allen anderen gesagt, wie sie sich verhalten und welches Klischee sie bedienen sollen. Zwar ist es immer noch charmant, Jackie als schüchternen Kerl zu sehen, der sich nicht traut, eine Kunstmuseumsangestellte anzusprechen und der doch über seine eigene Art von Selbstbewusstsein verfügt (Unterlippenbärtchen), aber dahinter steckt nichts von Jackie selbst. Es ist die Art, wie US-Produzenten ihn dargestellt sehen wollen.
Mit den anderen Charakteren läuft das keinen Deut besser: Praktisch jeder legt abgedroschene Verhaltensweisen an den Tag. Ganz schlimm sieht es mit Jason Isaacs aus, der den legeren Boss Clark Devlin spielt. Jackie bekommt als sein neuer Fahrer ein Handbuch mit dem Hinweis, Devlin nicht anzusprechen, und Devlin entpuppt sich dann als netter Kerl, der auf die Regeln pfeift. Okay, das hatten wir jetzt bestimmt schon einen Sommer lang nicht mehr. Debi Mazar zelebriert mal wieder das Miststück, Ritchie Coster ist der gewissenlose Supervillain schlechthin (was durch eine besonders fiese Szene mit der Austrocknung eines Versuchskaninchens verifiziert wird) und Peter Stormare schüttelt den vertrottelten Baddie-Gehilfen nur so aus dem Ärmel. Jennifer Love Hewitt zuletzt ist wohl der bestaussehendste Buddy, den Jackie jemals an seiner Seite hatte... nur soll’s das auch schon gewesen sein, obwohl die Zickenmasche für sich betrachtet schon ganz gut zu der Frau mit dem “Love” im Namen passt und streckenweise auch ganz witzig ist; als Buddy geht sie aber mal gar nicht. Was ist das eigentlich: Nie kommt der Gedanke auf, dass die beiden eine Beziehung eingehen könnten (da passt was nicht, außerdem hat’s Jackie in seinen Filmen nicht so mit Frauen und Sex), für eine kumpelhafte Figur ist sie aber zu divenhaft. Sie zeigt nie wirkliches Interesse an ihm (er auch nicht an ihr), und doch wird sie eifersüchtig, wenn sich die dumme Schnatterpappel auf ihn stürzt. Sie bedient also eifrig das Frauenklischee, nicht jedoch die Buddy-Konstellation - und wenn sie dann auch noch eifrig Karatekicks verteilt, wird’s unglaubwürdig.
Man kann zumindest auf die ein oder andere ordentliche Kampfszene hoffen, auch eine hübsch (aber zu hektisch) geschnittene Autoraserei ist dabei, aber insgesamt bleibt der Eindruck zurück, dass die Action zu kurz kommt und durch aufgedunsene Pseudo-Action substituiert wird - Tanzszenen halten hier für Fights her, übelst unspektakulär inszenierte Kletterpartien für Stunts mit Hand und Fuß.
Wenigstens kann man nicht behaupten, “The Tuxedo” sei in irgendeiner Weise langatmig; Kurzweil ist zweifellos gegeben, obwohl man, schaut man ihn in Begleitung, wohl seine Mühe damit hat, nicht zu angetan zu wirken, denn die Unterhaltung läuft auf dem primitivsten Niveau ab - Bedingung ist zu wissen, wie man das Wort “du” buchstabiert.
Fazit: Halbgarer, unentschlossener Comedy-Actioner nach altbewährtem, verfälschten US-Schema. Wie üblich ist nichts an diesem Streifen vorhanden, das einen Jackie Chan-Film wirklich ausmacht. Als bunter Hochglanztrubel, der er ist, kann “The Tuxedo” wenigstens von sich behaupten, einen misslungenen Abend zu retten und nicht noch zu verschlimmern. Man kennt grausigere Verbrechen an der Kunst des Films...
Noch

Die ordentliche DVD kommt aus dem Hause Universal / Dreamworks und ist ungeschnitten.