
Neal Morse & Dream Theater live @ Amphittheater Gelsenkirchen
Hannibal's Bericht: Ein Old Schooler beginnt zu proggen...
Mittwoch, der 24.6......um 6:00h klingelt der Wecker, dann im Eiltempo geduscht, gefrühstückt, mit dem Regionalexpress an die Uni, ein Referat gehalten...”Any questions?” Nein? Perfekt, wieder mit dem Zug nach Hause gefahren, zu Mittag gegessen, das Auto wohlwissend mit allen nötigen Utensilien ausstaffiert, dann noch getankt und schließlich einen kurzen Moment der Ruhe genießen...
Die Sonne scheint, keine einzige Wolke weit und breit...No Clouds & Silver Linings sozusagen...ideales Open-Air-Wetter also! Alles Nötige ist im Auto verstaut und es kann endlich losgehen. Zwischenziel auf der 2,5-3-stündigen Fahrt nach Gelsenkirchen ist die Heimatstadt der Mammuts, wo der Vince in unseren Prog-Express zusteigen wird.
Durch Belgien geht's also nach Aachen, wo wir uns erstmal dezent verfahren, dann aber doch den Weg zu meinem Langzeit-Foren-Kollegen finden. Es wird also wieder Zeit den berühmt-berüchtigten Anruf zu tätigen: “Ey Vince, komm raus!” Den Namenskonflikt (Nickname vs. Realname) werden wir in den folgenden Stunden wie schon beim letzten Mal großzügig umschiffen, in dem wir unsere Dialoge klar strukturiert auf's Gegenüber aufbauen und wenn selbiges nicht hört, tippt man ihm halt auf die Schulter oder so. Namen sind voll überbewertet! ;-)
Wenig später steht er vor mir, live und in Farbe...und man merkt kaum, dass bereits ein Jahr seit dem letzten gemeinsamen Konzert-Ausflug vergangen ist. Auf der weiteren Fahrt nach Gelsenkirchen ist das neueste “Dream Theater”-Werk natürlich das Hauptthema und so hundertprozentig warm ist niemand im Auto mit der Scheibe geworden, lediglich der “Count of Tuscany” trifft überall auf Begeisterung. Wir sind gespannt, ob es auch heute nur die Single-Auskopplung “A Rite of Passage” zu hören gibt.
Nach ca. 1,5 Stunden Fahrt kommen wir schließlich in der Heimatstadt von “Schalke 04” an. Die Sonne brennt vom Himmel und ich schaffe es endlich, den Vince von einem alkoholfreien Getränk aus der Kühlbox zu überzeugen...Erfahrungen in der Vergangenheit haben gezeigt, dass lange in brütender Hitze stehen und fehlende Flüssigkeitszufuhr im Konzert-Betrieb zum unschönen Aufwachen im Sanitätszelt führen können...das überzeugt dann auch den Aachener Reviewnator nochmal seinen Flüssigkeitshaushalt auf Vordermann zu bringen.
Frisch gestärkt geht's dann zügig zum Konzert-Gelände, einem beeindruckend gelegenen modernen Amphittheater direkt am Ufer des Rhein-Herne-Kanals, dass zwischen 5000 und 7000 Zuschauer fasst. Dem ein oder anderen Schwermetaller sollte es als Location des “Rock Hard”-Festivals ein Begriff sein.

Das malerische Amphittheater Gelsenkirchen mit dem Rhein-Herne-Kanal direkt hinter der Bühne...
Vor den Eingängen haben sich jedenfalls schon lange Schlangen gebildet. Bevor wir uns den anderen Proggern anschließen, müssen wir erstmal in Erfahrung bringen, wo Vince seinen Fotopass herbekommt, den er durch seine Review-Tätigkeit bei musikreviews.de an Land gezogen hat. Nach ein paar Minuten des Rumfragens pappt das gute Teil auf seinem T-Shirt und es bleibt nur noch ein Problem: Mein Fotoapperat. Die gründlich durchsuchende Security packt hier auch mal beherzt zwischen die Beine, so dass selbst dieser Ort nicht sicher genug erscheint.
Aber da der Vince jetzt einen Fotopass hat, kommt er auf die rettende Idee. Meine Cam verlässt den scheinbar sichersten Platz auf diesem Planeten wieder und Vince nimmt sie mit skeptisch-prüfendem Blick an sich...ja, ok, wir hätten früher an den Fotopass denken können, aber ich hatte ja geduscht ;-)
Ohne Probleme marschieren wir alle breitgrinsend durch die Kontrollen.
Dann wird erst mal die Lage gecheckt, im Innenraum ist es noch bis auf einige Hardcore-Fans sehr ruhig, so dass wir noch einen Drink zu uns nehmen, bevor wir uns ins Getümmel stürzen. Dabei keimt irgendwann die Frage auf, wie man “King Crimson” eigentlich korrekt ausspricht...wir diskutieren zwischen “Creimson” und “Crimson” hin und her. Um das Rätsel aufzuklären wird der fachkundige FrancesTM per SMS kontaktiert...
Die Band-Shirts werden noch abgecheckt, aber für 30 Euro (lt. einiger Fan-Aussagen in Foren sogar 35 Euro) können Portnoy & Co die nicht mal sonderlich schönen Tour-Shirts behalten.
Dann geht's zurück in den Innenraum, wir probieren ein paar Positionen aus und finden uns schließlich in der ungefähr 4-5 Reihe am John Myung-Platz auf der linken Bühnenseite ein. Wie wir die so die sagenhaft coole Location bestaunen, bemerken wir eine Menschenmenge am Tribünenrand links von uns. Ich werde neugierig und nachdem irgendjemand aus dem Publikum was von “Mike Portnoy” faselt, laufen wir zum Ort des Geschehens. Ein Blick über den Tribünenrand und wir erblicken den Drumgott und John Petrucci beim Meet & Greet. Ganz locker an die Wand gelehnt, lässig mit Fans plaudernd...es herrscht ehrfürchtige Stille und es wird erstmal die halbe Speicherkarte verschossen, um diesen Moment für die Nachwelt festzuhalten. Wenn dann die Enkelkinder irgendwann mal nach Mike Portnoy fragen sollten, habe ich jede Menge Vorführmaterial...

Mike Portnoy (links) und John Petrucci (rechts in hellblauem Shirt) ganz nah...
Nachdem das Meet & Greet beendet ist, verabschieden sich die beiden Prog-Stars auch nochmal bei den ehrfürchtigen Zaungästen und Portnoy verschwindet in die Katakomben mit der Empfehlung, dass wir jetzt Neal Morse schauen gehen sollen.
Gesagt, getan...schnell wieder zur Bühne und wir erreichen unsere Position von eben noch ohne größere Probleme. Das Handy vibriert, FrancesTM liefert des Rätsels Lösung...es wird “Crimson” ausgesprochen und ich ärgere mich, dass wir um nix gewettet haben. ;-)
Dann wird's Zeit für den Gottesdienst...äh...die Neal Morse-Show. Das “Spock's Beard”- und “Transatlantic”-Mitglied (von letzterem gibt's Ende des Jahres ein Reunion-Album), dass der heutigen Support-Band seinen Namen gibt, hatte sich vor einigen Jahren von seinen damaligen Projekten getrennt, weil er sich zu Höherem berufen fühlte. Seitdem werden in emsiger Regelmäßigkeit Alben über den Herrn auf den Markt geworfen. Dazu kann man stehen wie man will, Fakt ist, dass die Musik allererste Sahne ist, weswegen ich mich auf den gerade startenden Gig ähnlich gefreut habe, wie auf die erste Live-Begegnung mit den Prog-Königen.
Die Band steigt gleich in ihr 45-minütiges Set und brennt ein progressives Feuerwerk sondergleichen ab. Die Morse'sche Missionarstätigkeit fällt vor allem in den etwas zu dominanten Balladen auf, die in unschöner Regelmäßigkeit von seltsamen Priester-Bewegungen begleitet werden. Wenn der Mitt-40er mit zum Himmel ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen auf der Bühne steht, kann ich mir ein gewisses Grinsen nicht verkneifen. Das Publikum nimmt die Show dennoch äußerst positiv auf, geht begeistert mit, reckt die Hände in die Luft und ich habe das Gefühl, der Einzige zu sein, der ständig eine Pommesgabel zeigen will, sich aber nicht sicher ist, ob ihm Mr. Morse dann nicht ins Gesicht springt. Folglich bleibt der kleine Finger – auch wenn's schwer fällt – unten und wir versuchen ganz ohne satanistische Symbolik den krummen Takten der vertrackten Kompositionen zu folgen.

In Missionars-Stellung: Neal Morse...
Bei der Ballade “We All Need Some Light” keimt plötzlich Jubel auf, da Mike Portnoy höchstpersönlich die Bühne betritt und sich hinter die Drums setzt. Auf fast allen Neal Morse-Studio-Alben ist er zu hören, live greift Morse auf weniger stark beschäftigte Auftragsschlagzeuger zurück. Auch wenn der Song drum-technisch eher unspektakulär ist, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Es folgt das technisch äußerst anspruchsvolle “Author of Confusion” mit ein paar “Spock's Beard”-Zitaten (“I'm the Guy”), welches vor allem mit unglaublichen, mehrstimmigen Acapella-Passagen für runterrauschende Kinnladen sorgt.
Zur Entspannung feuert Neal wieder eine Ballade hinterher, die er zusammen mit seinem Sohn singt. Obwohl technisch einwandfrei von beiden vorgetragen, schraubt sich hier der Kitsch-Faktor doch ins Unermessliche. Die Werte-Keule des Vorzeigechristen wird hier mit einer nur noch schwer zu ignorierenden Vehemenz geschwungen, was für einen leicht bitteren Beigeschmack sorgt.
Der herausragende 13-minütige Titeltrack vom aktuellen Album “Lifeline” beendet das Set schließlich, während dem Morse auch einen Ausflug ins Publikum bis hin zu den oberen Rängen des Amphittheaters wagt. Das sorgt für eine Menge Sympathie und suggeriert sagenhafte Fan-Nähe, trägt aber auch den dezent-faden Beigeschmack vom ZDF-Fernsehgarten. Dennoch ist der Song über jeden Zweifel erhaben und endet in einer sagenhaften Solo-Sektion, in welcher der Gitarrist der Band Unglaubliches leistet.
Die Band erhält dafür jede Menge Beifall und selbst dem sonst so kritischen Vince scheint's gefallen zu haben.
Eine gute halbe Stunde später ertönt dann endlich das schon von der 2007er “Systematic Chaos”-Tour bekannte “Psycho”-Intro mit einer anschließenden DT-Collage. Die Hände sind alle oben und nun darf auch endlich der kleine Finger wieder seine Pflicht erfüllen. Vince verabschiedet sich derweil zum mittlerweile zweiten Mal in den Fotograben.
Dann betreten die 5 Meister ihrer Instrumente die Bühne und starten ohne große Umschweife direkt in “In the presence of the enemies Pt. 1”, welches sich trotz ausführlichem Instrumental-Intro als hervorragender Opener entpuppt. Das Amphittheater, welches mittlerweile gut gefüllt, wenn auch noch lange nicht ausverkauft (besonders an den Seiten zeigen sich große Lücken) ist, geht gehörig mit und erweist sich als äußerst Text- und Solo-kundig.

Und schon jetzt fällt auf, mit welcher unheimlichen Selbstverständlichkeit die New Yorker die für jeden Normalsterblichen arsch-schweren Takt-Frickeleien auf's Parkett zaubern, ohne dabei introvertiert (John Myung mal ausgenommen ;-)) zu wirken. Der Draht zum Publikum steht von der ersten Sekunde an und wird vor allem von Mr. Mike Portnoy permanent aufrecht erhalten. Es ist kaum zu glauben, mit welcher enormen Bühnenpräsenz er trotz alles überragender Drum-Burg das Geschehen dominiert. In jeder freien Sekunde zeigt er ins Publikum, fordert zu klassischen “Hoi Hoi”-Chören auf, singt mit und frickelt sich während all der Entertaining-Maßnahmen einen umwerfenden Drum-Lauf nach dem anderen aus dem Ärmel.

Der Meister bei der Arbeit...
Es folgt das “Scenes”-Epos “Beyond This Life”, dessen Solo-Sektionen mit geradezu unmenschlicher Präzision abgefeuert werden. Nach einer knappen halben Stunde hat die Band gerade mal ihr zweites Lied beendet und das Gelsenkirchener Publikum dennoch fest in ihren Händen.
“Take the Time” lädt zum beherzten Mitgröhlen ein, bevor mit der aktuellen Singe “A Rite of Passage” das erste und einzige Stück des neuen Albums gespielt wird. Live kann die Nummer überraschenderweise restlos überzeugen,während sie auf “Black Clouds & Silver Linings” zwischen all den Ü10-Minütern vollkommen unspektakulär daherkommt. Die straighten Riff-Attacken des Songs wirken in dem konzentrierten Gefrickel einer DT-Live-Show dafür äußerst erfrischend. Dazu wird das Live-Potenzial nochmal durch den catchigen Chorus verstärkt....die Überraschung des Abends!
Dann folgt die “Falling into Infinity”-Ballade “Hollow Years”, in welcher vor allem John Petrucci's Gitarrenspiel über alle Maßen umhaut, bevor die Band in ihr “Awake”-Trio bestehend aus “Caught in a Web”, “Erotomania” und “Voices” startet, in welchem sich vor allem nach der Monster-Ballade die ein oder andere Länge einschleicht und die Konzentration des Publikums merklich nachlässt. Hier hätte ein linear nach vorne drückender Groover der Marke “Constant Motion” perfekt dazwischen gepasst, denn die Aufmerksamkeitsspanne lässt nach über einer Stunde technischer Solo-Orgasmen eben doch vereinzelt nach.
Das kleine Spannungsloch fängt man dennoch routiniert mit dem “Six Deegrees”-Ausschnitt “Solitary Shell” auf, welches auf Anhieb wieder alle Händen zum Beat-Mitklatschen nach oben schnellen lässt. Plötzlich nimmt die Text-Sicherheit auch wieder merklich zu und das gesamte Amphittheater schmettert zusammen mit dem äußerst gut aufgelegten James LaBrie den catchigen Refrain.

Jordan Rudess (links), John Myung (Mitte) und Burg Portnoy...
Ohne große Umschweife geht man sofort in die zweite Singleauskopplung der “Systematic Chaos” über: “Forsaken”, die oft kritisierte Mainstream-Gothic-Rock-Gedächtnis-Hymne mit oft diskutiertem Petrucci-Text über so gar nicht proggige Vampir-Geschichten, weiß live mit ihrer simpel nach vorne drückenden Songstruktur durchaus zu gefallen, auch wenn sie im Vergleich zum restlichen Set doch merklich abfällt.
Danach wird die Bühne dunkel, aber schon bevor die ersten Zugaberufe laut werden, taucht John Myung wieder vor uns auf und stimmt zum Flagoelet-dominierten “As I Am”-Intro an. Kurz darauf donnert Mike Portnoy mit einer metallischen Aggressivität auf seine Becken, dass jedem unmissverständlich klar wird, dass es sich hier um ein Stück vom wohl Metal-lastigsten DT-Album, der “Train of Thought”, handeln muss. Seine Haare fliegen mit jedem Beckenschlag in hohem Bogen über ihn hinweg, John Petrucci lässt sein recht Hand spektakulär kreisen, ehe das Plektrum mit brachial-brutaler Entschlossenheit die Saiten in bis zum Gehtnichtmehr verzerrte Schwingungen versetzt und Jordan Ruddess hat gerade nix zu tun, außer seine Pommesgabel gen Publikum zu strecken.

Auf dem besten Weg zum Gitarren-Orgasmus: John Petrucci...
Und dann geht der zweite wirkliche Groover des Sets in die Vollen und Portnoy ist mit geradezu unglaublichem Enthusiasmus bei der Sache. Die Becken werden nach allen Regeln der Kunst verdroschen, Tom-Läufe werden über's donnernde Bass-Drum-Fundament gepflastert und die Snare peitscht die tonnenschwere Maschinerie vorwärts, während er im gleichen Zug noch die Background-Vocals übernimmt um den Hetfield-kopierenden James LaBrie zu unterstützen. Dazwischen immer wieder Interaktion mit dem Publikum, man hat teilweise das Gefühl, dass der Ausnahmedrummer jeden im Publikum höchstpersönlich anspricht, ihnen freundschaftlich zu winkt, ehe er sie wieder mit autoritären Gesten zum Mitmachen auffordert. Sensationell und ein fantastischer Abschluss des regulären Sets.

John Myung & Mike Portnoy in Aktion...
Der erfahrene Setlist-Student weiß, was als nächstes kommt. Das “Metropolis Pt. 1”-Intro kommt vom Tape ehe die Band übergangslos in ihr “Images & Words”-Epos startet, welches für Gänsehautschauer in Orkanstärke sorgt, bevor es in der Bridge in einen sagenhaft genialen Improvisationsjam geht. Portnoy & Myung liefern hier das Rhythmus-Fundament zu einem unglaublichem Solo-Duell zwischen Jordan Rudess und John Petrucci, die sich mit aberwitzig schnellen Skalen bebatteln, als gäbe es kein Morgen mehr. Technisch grandios, perfekt auf das jubelnde Publikum abgestimmt und originell ins finale Medley eingebunden, welches nach dem “Metropolis”-Beginn schließlich zu “Learning to Live” umschwenkt, ehe es – nicht hundertprozentig sauber – in das “A Change of Seasons”-Finale “The Crimson Sunset” überleitet, von dem wir dank FrancesTM nun auch wissen, wie man es korrekt ausspricht. Danke nochmal! :-D
Kurz darauf ist der Progressive-Orkan vorüber und die Band bleibt noch einige Minuten auf der Bühne, wirft Plektren und Sticks ins Publikum, bedankt sich mehrfach und weist noch auf die im Herbst nach Europa kommende “Progressive Nation”-Tour hin.
Als das Quintett die Bühne verlässt, machen auch wir uns langsam auf den Rückweg zum Auto mit massiv rauschenden Ohren. Dort angekommen erstmal in aller Ruhe den Flüssigkeitshaushalt wieder aufgefüllt und da es aufgrund eines Auffahrunfalls überhaupt nicht voran geht, haben wir fast eine ganze Stunde Zeit das gerade Erlebte in aller Ausführlichkeit zu besprechen und die Begeisterung über die energie-geladene, technisch absolut umwerfende Performance ist bei uns allen zu spüren. Der Flyer zur kommenden “Progressive Nation”-Tour wandert im Minutentakt durch meine Hände und tief im Inneren bin ich schob beim Bestellvorgang für das Düsseldorf-Konzertticket.
Dann geht's mit großen Schritten heimwärts und nach einer guten Stunde Fahrt endet das zweite metallische Aufeinandertreffen zwischen Vince und mir und es hat mal wieder einen Heidenspaß gemacht, zumal “Dream Theater” wohl unser derzeit größter gemeinsamer musikalischer Nenner ist, obwohl Vince mir ja fast kleinlaut eingestanden hat, dass er sich mittlerweile auch ganz dezent in Old-School-Gefilde vorwagt. Wer weiß, vielleicht findet das ganze ja nächstes Jahr seine Fortsetzung auf einem “Iron Maiden”-Konzert mit Ed Hunter ;-)
Bis dahin begnügen wir uns aber erstmal mit den heute gelernten Lektionen:
- “Crimson” spricht man \ˈkrim-zən\ aus
- auch christlicher Progressive Metal kann die Wurst vom Brot rocken, wenn man über Priester-Posen und einige Kitsch-Attacken hinwegsehen kann
- Progressive Metal muss nicht immer introvertiert vorgetragen werden, sondern funktioniert auch mit einer “Big Balls”-Live-Performance.
- Mike Portnoy = Gott
In diesem Sinne:
Bis zum nächstem Mal! ;-)
Neal Morse
Dream Theater
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Der Vince zu Füßen der Götter...
Die magische Formel: “Vince, komm raus!”
Mittwoch, 24. Juni 2009. Es ist gerade einen Tag her, da habe ich meinen Geburtstag mit einer 7-Stunden-Schicht bei der Arbeit gebührend gefeiert. Ehrenvoll stellte ich mich in die Dienste der Volkswirtschaft. Das hatte auch folgenden Grund: Ich wusste, ich würde nur einen Tag später die Gelegenheit bekommen, ordentlich nachzufeiern. Also scheiß auf den Dreiundzwanzigsten, in diesem Jahr würde ich die Feierlichkeiten einfach um einen Tag verschieben.
Während mein Mitstreiter gerade auf dem Weg zu mir ist, um mir den Hintern nachzutragen (sprich: mich durch die Gegend zu kutschieren), mache ich das gleiche wie vor einem Jahr zum Pinkpop: Ich setze mich erwartungsfreudig und abmarschbereit ins Wohnzimmer und warte aufs Hannibal’sche Klingeln. Letztes Mal gab’s nebenbei die “schrecklich nette Familie”, diesmal wird zwischen “King of Queens / Two and a Half Men” und dem “Mein großer Freund Joe”-Schwarzweißoriginal auf Arte hin- und hergezappt (ganz netter Film btw.,
).Gegen halb fünf geht dann das Handy. Ich nehme ab und eine vertraute Stimme vermeldet das Startsignal: “Vince, komm raus!”
Vince, der ja eh immer tut, was man ihm befiehlt, begibt sich auf der Stelle zum Parkplatz. Ich sehe ein Eifelmobil (diesmal in blau, das letzte war noch rot) und einen Eifelmenschen, den ich schnell als Hannibal erkenne, unseren Hannibal, Master of the Erlebnisberichte, King of the Konzertreviews, Lord of the Lautmetall. Seine Besetzung hat sich gegenüber dem letzten Mal verändert, lediglich der Drummer seiner Band Xplorer ist mit an Bord. Ich fühle mich schon ganz geehrt und erwäge, die Reise nach Gelsenkirchen gleich mit einem Interview zu verbinden. Wenn die Jungs mal groß rauskommen, kann ich später meinen Enkelkindern erzählen “... und ich bin mit denen im Bus zum Dream Theater-Konzert gefahren”.
Anreise und Ankunft: Camera Obscura
Ausgestattet mit ner dicken Kühlbox voller antialkoholischer Getränke geht es dann auf die Autobahn. Die Anreise besteht im Wesentlichen aus fiesen Lästereien gegenüber allen nichtanwesenden Liquidianern. Metalfans sind halt schlimmer als Tanten beim Kaffeeklatsch. Nebenbei wird aber auch einstimmig festgestellt, dass die neue Dream Theater-Platte nicht ganz die Erwartungen erfüllen kann, mit dem 19-Minüter “The Count of Tuscany” aber einen echten “Instant Classic” an Bord hat.
Gegen viertel vor Sieben biegen wir ab auf das Gelände. Die Parkplatzboys knöpfen uns 5 Euro ab, im Gegenzug sind wir schnell vor der Arena, wo einige recht lange Schlangen erwartungsfreudiger Fans stehen. Wir suchen das Kassenhäuschen, da soll Musikreviews.de - meinen anderen, offizielleren Livebericht lest ihr hier http://www.musikreviews.de/live/Dream-T ... 4-06-2009/ - für mich einen Fotopass hinterlegt haben, damit ich schön nah an die Band komme. Und damit ich überhaupt eine Kamera reinbekomme, denn zu Knipser-Hannis Entsetzen sind Knipser auf dem Gelände nicht erlaubt. Also steckt er sich das Ding erstmal dorthin, wo kein Security freiwillig hingreifen möchte (wirklich nicht!), nur um es sich im nächsten Moment anders zu überlegen und mir die Kamera unterzujubeln, damit ich sie - Fotopass sei dank - reinschmuggle. Ich frage gar nicht erst, warum er sich das nicht hätte überlegen können, BEVOR er sich das Ding in die Hose steckt, sondern greife beherzt zu.
Der Plan geht auf: Hanni und Vince sind nun bewaffnet und liefern euch ein ganzes Arsenal an Fotos - diesmal sogar mit uns beiden drauf!

Können auch ohne Grimassen: Hannibal (links) und Vince (rechts)...
Wir betreten ein halbmondförmiges Gelände, das zur Bühne hin abfällt. Oben sind Fressbuden und T-Shirt-Shops angesiedelt. Letztere gehen mit 30 Euro pro Shirt nicht gerade zimperlich zu Werke. Aber auch die Getränke sind nicht ohne: Cola 4 Euro, Wasser 3,50 - plus jeweils 1 Euro Pfand für den Becher.
Nachdem wir uns haben abzocken lassen (allerdings hat selbst T-Shirt-Groupie Hannibal diesmal verzichtet), steigen wir abwärts und sind ganz überrascht, denn eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff ist noch kaum was los. Lediglich die ersten vier Reihen unmittelbar vor der Bühne sind annähernd belegt, auf der Tribüne hinten sitzen die Stehfaulen. Überrascht sind wir auch deswegen, weil die Bühne so greifbar nah ist. Beinahe konnte man meinen, der Fotopass sei überflüssig, denn wenn die Progmetal-Ikonen die Bühne entern würden, würde man sie ebenso gut erkennen können wie den eigenen Nachbarn, wenn er die Zeitung holt. An diesem mit bestem Wetter gesegneten Mittwoch würde man die größ(enwahnsinnigs)te Progband der Welt im lauschigen Schunkelambiente erleben. Ein verlockender, ja spannungszehrender Gedanke...Hannibal hat geschrieben:So viel Kohle bezahl ich nur für Metallica!
Peace, Love & Neal: Der Vince im heiligen Graben des Glaubens
Die Bühne ist gefüllt mit jeweils einem großen Instrument und einer kleineren Ausgabe desselben Instruments. Schnell wird klar, weshalb: das kleene Zeugs, das Neal Morse & Co. gehört, ist einfach zu klein für einen Mike Portnoy, einen James LaBrie, einen John Petrucci. Und doch geben sich die Herren Helden keineswegs unnahbar. Nicht nur haben frühe Schlangesteher aus den Katakomben eine “A Nightmare to Remember”-Jam-Session vernehmen können (was die Hoffnung schürt, dass mal was anderes vom neuen Album gespielt werden würde als “A Rite of Passage”), auch konnten aufmerksame Besucher Mr. Portnoy höchstpersönlich vor der Show am Arena-Rand beim Plausch begutachten. Es würde nicht sein einziges Ausrufezeichen an diesem Abend bleiben.

Schließlich wird der Songmix aus den Lautsprechern abrupt unterbrochen (ausgerechnet mitten in einem Steven-Wilson-Song... menno!) und der Mann rennt auf die Bühne, den die Progwelt so unterschiedlich aufnimmt. Jener Mann, der regelmäßig nicht nur Rockkonzerte gibt, sondern auch schon mal Lobpreis-Abende. Jener Mann ferner, der ausgerechnet Bruce Campbell so ähnlich sieht, dessen Hand bekanntlich - Sam Raimi zum Dank - mal vom Teufel besessen war. Neal Morse muss man mit Vorsicht genießen, wie einen Film von Michael Bay - gewisse Dinge sind einfach auszublenden. Zugegeben, in Momenten wie jenen, wo Morse unverhofft ins Publikum läuft und, einen Zuschauer kumpelhaft umarmend, seine religiösen Texte singt, oder sein eigener Sohn die Bühne betritt und mit dem Vater ein schnulziges Duett vorträgt, da verhält es sich mitunter schwer mit dem Ausblenden. Dennoch haftet diesen Szenen auch immer etwas Hingebungsvolles an. Hannibals Reaktion
fasst das Zwiespältige an dem Auftritt gut zusammen.Hannibal hat geschrieben:Da weiß man gar nicht, ob man dem überhaupt die Pommesgabel zeigen darf...
Dennoch überwiegt klar das Positive. Wohlwissend, dass nur wenig Zeit ist, geht die Dreiviertelstunde Neal Morse im Eiltempo nach vorne. Der Sound ist hervorragend abgemischt, die Band spielfreudig. Insbesondere Bassist Wilco van Esschoten und Drummer Collin Leijenaar haben gewaltig Spaß an ihrer Sache, gehen sie doch ab wie Rampensäue. Morse selbst ohnehin, lässt der sich doch sogar zu einem leicht hilflosen, aber ungemein sympathischen Moment des Headbangens hinreißen.

Der liebe Vince hat übrigens derweil seine Premiere als aktiver Musikreviews-Journalist. Ich verabschiede mich kurz aus dem Publikum und laufe zum Bühnenrand. Als mich der Security wie ein Terminator nach dem Fotopass absucht und dann zustimmend nickt - ey du kannst rein - fühl ich mich wie in einem Hollywood-Film. Den ersten Moment des Einbiegens in die Fotogasse, keine zehn Zentimeter von den Füßen der Band entfernt, werde ich nicht mehr vergessen. Hinter mir die kreischende Fanmeute, vor mir die rockende Band und der wummsende Bass aus den Boxen. Also, musiktechnisch ist es kein Genuss, da vorne zu stehen - später bei Dream Theater würde ich vor lauter Gitarrengedröhne nicht einmal die Stimme von James LaBrie hören. Aber so nah wir auch im Publikum an der Bühne stehen, der Fotograben ist doch noch mal eine ganz andere Welt.
Ich entwickle einen Tunnelblick und versuche, nicht vor Staunen festzufrieren, denn immerhin habe ich ja nur einen oder zwei Songs lang Zeit, Fotos zu machen. Bevor ich zur Eissäule erstarre, nehme ich einen nach dem anderen aufs Korn. Der Bassist hat es mir mit seinen Posen, die nach Fotografie nur so schreien, besonders angetan, aber auch Morse selbst möchte ich möglichst oft drauf haben. Insgesamt schieße ich noch relativ wenig Fotos - vielleicht aus Angst, dass nachher kein Speicherplatz mehr da ist oder die Batterie leer.
Weitere Details zum Morse-Auftritt könnt ihr vielleicht Hannibals Bericht entnehmen oder meinem auf Musikreviews.de.
Zu Füßen der Götter: Dream Theater > Vince
Nachdem der gut rockende und höchst gelungene Anheizerauftritt Morses bewältigt ist, bin ich erstaunlich ruhig in Anbetracht der Tatsache, dass ich bald zu Füßen DER Prog Rock Superstars stehen würde, so nah, dass ich sie bald anfassen könnte. Als dann endlich - es ist inzwischen fast auf die Minute genau 21 Uhr - das berüchtigte “Psycho”-Theme ertönt, werden meine Beine doch noch Wackelpudding, denn ich weiß nun: jetzt ist High Noon. Ein zweites Mal stürme ich aus dem inzwischen schon recht prall gefüllten Halbrund und bewege mich erneut zur Security. Diesmal ein Neuer und der Typ will mich aufhalten! Muss daran liegen, dass mein T-Shirt ebenso schwarz-neongrün war wie der Fotopass. Der Security von eben eilt herbei und hält den ersten zurück - is schon okay, den kenn ich - und ich darf durch.

Wieder so ein Moment, den ich nie vergessen werde: Die Meute in meinem Rücken ist noch lauter geworden, die Musik vor mir ebenfalls. Ich höre und sehe nichts mehr als Rauschen. Dann entern vier Menschen die Bühne, Menschen, von denen ich all die Jahre immer durch eine Fernsehmattscheibe getrennt war und die jetzt keine Handbreit von mir entfernt stehen und... rocken! “In the Presence of Enemies Pt. I” erahne ich in seiner majestätischen Erhabenheit in dem niederwalzenden Soundbrei, der mir anschließend noch eineinhalb Tage leichte Schwerhörigkeit zufügen wird. Und dann ist da John Myung links von mir. Einen Moment lang kann ich nur seine spinnenartig auseinanderstrebenden Langfinger hypnotisiert anglotzen, seinen konzentrierten Blick auf den Bass und die hundertprozentig stimmige Rhythmik fühlen. Mit jedem Bassanschlag geht mir eine Druckwelle durch Mark und Bein. Ich schaue nach links: Da steht “das Tier”, Mr. John Petrucci, ähnlich konzentriert, den Blick gesenkt auf die Saiten seiner giftgrünen Gitarre, die ebenfalls hervorragend zu meinem T-Shirt gepasst hätte. Im Hintergrund, aber keineswegs versteckt der grimassierende Keyboarder Jordan Rudess und Mike Portnoy an einem silbern glänzenden Monstrum.

Spätestens als schließlich James LaBrie hinzustößt und eine Pose nach der anderen liefert, ist meine Starre gebannt. Ich drücke auf den Auslöser wie ein Wilder. Nebenbei merke ich, dass ich der einzige Idiot mit einer stinknormalen Digitalkamera bin, während alle anderen um mich herum professionelle Gerätschaften mit sich herumtragen.
Das Treiben ist so schnell vorbei wie es angefangen hat, noch während der erste Song läuft, werden wir hinausgebeten. Anschließend müssen alle Fotografen zusammen in einer Gruppe bleiben, wie in einer Razzia. Nachdem ich die Frage “Du hast nur die Digitalkamera?” mit “Ja” beantwortet habe, darf ich als Erster gehen und überlasse die anderen ihrem Schicksal. Ich laufe durch das Rund, um Fotos aus verschiedenen Perspektiven einzufangen, und gehe anschließend zurück zu Hannibal und seinem Kumpel, wozu ich zwar etwas drängeln muss, was aber nicht unmöglich ist.
Der Abend wird inzwischen dunkler und ich erlebe eine fesselnde, wenn auch routinierte Show der Extraklasse. Als “Awake”-Fan kann ich mich an dem Block mit “Caught in a Web”, “Erotomania” und “Voices” ganz besonders erfreuen. Leider wird vom neuen Album wieder nur “A Rite of Passage” gespielt, das sich aber live als kleine Bombe entpuppt.

Gelungen sind viele Dinge, die in der Vergangenheit nicht immer stimmten: LaBries über weite Strecken sehr solide Gesangsleistung zum Beispiel. Oder Myungs diesmal klar zu vernehmender Bass. Oder Rudess’ Verzicht auf allzu quietschige Soloeskapaden. Der Keyboarder hat sogar ein richtiges Highlight am Start, als er gemeinsam mit John Petrucci in der Zugabe ein improvisiertes Duett zum Besten gibt.
Wie immer ist allerdings Mike Portnoy unzweifelhafter Kern der Gruppe.
Hannibals Begeisterung für den agilen Drummer - ich nehme an, in seinem Bericht kommt sie in allen Facetten zur Geltung - ist nach seiner “Hetfieldphilie” mehr als nachvollziehbar. Meine Identifikation bleibt trotzdem bei John Myung, der mich mit seiner Souveränität ebenfalls sehr beeindruckt hat - gemeinsam mit dem Rest der Traumtheatertruppe.Vince hat geschrieben:Die Drumsticks wurden alle paar Minuten jongliert, der Blickkontakt ins Publikum durch die Becken hindurch immer aufrecht erhalten, es wurde angeheizt und Druck gemacht, dirigiert und delegiert, und nie bestand ein Zweifel daran, wer das Zentrum der Band ist.

Spinnenfinger John Myung (links) und Ipod-Wizard Jordan Rudess (rechts)...
Das Gesamtpaket jedenfalls bestand aus dem unwiderstehlichen Reiz, die großen New Yorker, deren pompösen “Score”-Auftritt mit Orchester ich noch vor dem inneren Augen hatte, vor idyllischem Hintergrund zu erleben, fast mit einer “Fass mich an, ich bin real”-Dreingabe. Dream Theater, dein Freund und Nachbar. Wen kümmert’s da, dass die Ecken der Arena nicht komplett mit Menschen gefüllt waren an diesem schönen Abend. Soll Mario Barth doch seine Stadien füllen, ich bin sicher, das Publikum hat zu seinen Sprüchen nicht so rocken können. Diese zwei Stunden in einer wirklich tollen Arena waren trotz weniger Überraschungen und viel Routine ein echtes Erlebnis an einem rundum gelungenen Abend.
Und vielleicht gibt’s irgendwann einen dritten Forentreff vor Metal-Kulisse und wer weiß, vielleicht beehrt uns dann ja sogar noch der ein oder andere Liquidianer mehr...
Neal Morse
,5Dream Theater
Setlists:
NEAL MORSE
- The Creation
- Leviathan
- We All Need Some Light (feat. Mike Portnoy)
- Author of Confusion / I'm The Guy
- Cradle To The Grave
- Lifeline
DREAM THEATER
- In The Presence Of Enemies Pt. I
- Beyond This Life
- Take The Time
- A Rite Of Passage
- Hollow Years
- Caught In A Web
- Erotomania
- Voices
- Solitary Shell
- Forsaken
- As I Am
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- Medley:
I: Metropolis Pt. I
II: Learning To Live
III: A Change Of Seasons: The Crimson Sunset







