Sigh - Eine Retrospektive mit Seufzer

Liquids kulturelles Sammelsurium.

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Sir Jay
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Sigh - Eine Retrospektive mit Seufzer

Beitrag von Sir Jay » 27.12.2025, 00:15

Je älter man wird, desto seltener stößt man auf Dinge, die einen noch wirklich begeistern. Besonders schade ist das bei den eigenen Kernhobbys, etwa beim Musikhören, das man früher leidenschaftlich und mit einer gewissen Ekstase ausgelebt hat. Irgendwann gerät man jedoch an einen Punkt, an dem das Altbewährte und Prägende allmählich seinen Reiz verliert – eine wohl dosierte Wiederbegegnung alle Jubeljahre geht gerade noch so. In diesem Zustand der Abstumpfung führen Neuentdeckungen, ob frisch oder alt, meist nur noch zu einem indifferenten Schulterzucken.
Nicht einfacher wird die Sache, wenn man zudem ausgesprochen wählerisch ist, ein sehr spezifisch definiertes Anforderungsprofil mitbringt und im Bereich des avantgardistischen, düsteren Weird Metal nach dem nächsten Kick sucht. Umso mehr sollte man jene Momente würdigen, in denen es nach dem Durchschleusen zahlloser Kandidaten plötzlich doch funkt – und aus einer zufälligen Begegnung so etwas wie eine Beziehung entsteht.


So erging es mir bei der Entdeckung einer japanischen Black Metal-Band. Eigentlich war Ich auf der Suche nach noch unentdeckten PROG-Welten und stieß dabei über diese Liste von Loudwire
Das dort vorgestellte Album “Heir to Despair” war endlich genau die Frischzellenkur, nach der ich mich gesehnt hatte – besonders nach all dem Mittelmaß, das mittlerweile auch große Platzhirsche wie Dream Theater oder Opeth produzieren. “Heir to Dispair” hatte etwas so unverbraucht eigenes und ein so liebreizend irreführendes Cover, dass ich anfing mich ein wenig mehr mit der Band auseinander zu setzen. Und schon befand ich mich unverhofft auf einer Entdeckungsreise begeben, die mir so einige physische Datenträge ins Regal brachte.

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Dabei hätte es eigentlich gar nicht so weit kommen dürfen, denn Black Metal stellte für mich lange Zeit ein eher abstoßendes Genre dar. Zwar habe ich mich in den vergangenen Jahren aus rein musikhistorischem Interesse – und mit einer gewissen Portion Masochismus – durch einige Genre-Essentials gearbeitet und konnte der einen oder anderen Facette sogar etwas abgewinnen, insbesondere im symphonischen und ambienten Bereich. Dennoch blieb Black Metal stets eine Randerscheinung auf meinem Radar.
Sigh hingegen begegnen dem Black Metal mit ausgeprägtem avantgardistischem Trotz und einem starken kulturellen Selbstbewusstsein. Statt sich der ästhetischen Monokultur des nordischen Black Metal zu unterwerfen, formen sie eine eigene, unverkennbar japanische Identität. Die Verbindung fernöstlicher Mystik mit komplexen, kaum vorhersehbaren Songstrukturen macht Sighs Musik gerade für Japan- und Prog-affine Hörer wie mich besonders zugänglich – und lässt selbst das typische Black-Metal-Krächzen erstaunlich bekömmlich erscheinen.
Seit Monaten lässt mich diese Band nicht mehr los. Sie begleitet mich beinahe täglich, wenn nicht aktiv, dann zumindest gedanklich. So blieb mir letztlich kaum eine andere Wahl, als meine Begeisterung in diesen Text zu gießen und eine Albumretrospektive vorzulegen – vermutlich das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum.
Als Referenz dienen mir dabei zwei bestehende Rankings aus dem englischsprachigen Raum, wobei ich mich insbesondere an jenem von The Hard Times orientiert habe. Dieses nutzte ich anfangs als eine Art Leitfaden, um mich gedanklich von „unten“ nach „oben“ durch die Diskografie zu arbeiten.


Scorn Defeat - 1993
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Das Debütalbum und damit historisch betrachtet noch am stärksten im klassischen norwegischen Black Metal verankert, was Produktion und Lyrik angeht. Entsprechend war das auch kein Dauerbrenner in meiner Retrospektive, dennoch würde ich dem Kollegen von hardtimes zustimmen, das hier bereits genre untypische Ideen finden lassen, die das Hörerlebnis melodischer, orchestraler und somit auch etwas zugänglicher machen. Sigh hatte besaß damals schon die Unverfrorenheit ruhige, wenn auch unheilvolle Pianoteppiche auszulegen, um der ruppigen Produktion mit filigraner Eleganz zu begegnen. Es ist absurd es zu erwähnen denn beim Black Metal geht es sicherlich nicht um Zugänglichkeit, doch die Art und Weise wie Sigh hier bereits ihre eigene Vorstellung von düsteren Klangwelten in die Realität umsetzen macht Scorn Defeat eben zu genau dem - Ein glitzernder Paradiesvogel noch etwas verdreckt vom skandinavischen Metalsumpf. (No Offense)
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Für die Einmal Black Metal mit Piano und Orgel bitte-Playlist: Gundali

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Überall Streambar, CD und Vinyl zu normalen Preisen zu haben


Infidel Art - 1995
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Waren Sigh in ihrem Debut noch sehr stark mit der Reproduktion traditioneller skandinavischer Genremuster beschäftigt,
Verpasst Sigh ihrem zweiten Album hier erstmals etwas kulturelle Identität, auch wenn diese sich noch nicht in der Lyrik niederschlägt. Gleichzeitig verschlägt es die Band hier in den Doom Metal Bereich, und verliert sich über weite Strecken schon gerne mal langgezogenen, tiefgelegenen Elendspassagen. Das macht Infidel Art gerade in der zweiten Hälfte überwiegend schwerfällig und langatmig, doch in den besten Momenten wird angeregt durch präzise sich steigende Riffs und dem souveränen Einsatz der Pan Flöte ein höchst elegant majestätischer Klangtanz in prachtvollen Kaisergärten vollführt. Diese Passagen in zombie terror und The Last elegy bilden klare und einzigartige Highlights sowohl in Sighs Discrography als auch im kompletten Genre. Den Rest nimmt man als peripheren Stimmungsunterbau auch noch mit.
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Kommt in die Progtüte: Zombie Terror
Für die Ich möchte gerne majestätisch empfangen werde-Playlist: The Last Elegy


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Erst seit Ende 2025 überall Streambar, CD und Vinyl zu normalen Preisen zu haben - zuvor war das Album nur über youtube zugänglich


Hail Horror Hail (1997)

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Sigh auf dem Weg zu Sigh. Hier schüttelt die Band das letzte bisschen der schwarzmetallischen Rohheit, die noch haften blieb, von sich und verwandelt den Black Metal endgültig in ein vehikel für Horrorästhetik, Heavy-Metal-Drive und bewusst überzeichnete Theatralik – orchestriert mit verschachtelten Songstrukturen und cineastischer Dramaturgie. Hier dürfte erstmals der aufgeschlossene Prog-Hörer eher andocken als der streng traditionelle Black-Metal-Purist. Das ganze gipfelt mit dem klaren Album Highlight “Invitation to die”, denn hinter dem ironisch-makaber klingenden Titel wartet eine überraschend wunderschön verträumt, elegische und beinahe erhabene Komposition, die von einer sanften Anmut getragen wird, während fernes, schwarzmetallisches Gekrächze im Hintergrund aufschreit. Es wirkt fast so als wolle der Black Metal den Genre Muffel mit einem leisen Lächeln an die Hand nehmen und mit behutsamer Warmherzigkeit wohl stimmen. Ein wahrer Geniestreich - so sehr, dass es fast den Rest des Albums trotz starker Momente ein wenig in den Schatten stellt.
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Kommt in die Progtüte: The Dead Sing
Für die Ich möchte, dass mich der Black Metal zärtlich, einfühlsam und rücksichtsvoll mit Samthandschuhen berührt-Playlist: Invitation to Die

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Wird Anfang 2026 normal Streambar und CD und Vinyl zu normalen Preisen zu haben sein - bis dahin das Album nur über youtube zugänglich


Scenario IV: Dread Dreams (1999)

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Wem die bisherigen Sigh Alben noch zu gewöhnlich waren, der erhält mit Dread Dreams den ersten Weckruf, dass die Weichen nun ernsthaft Richtung “WTF” gestellt werden. Hier fängt die Band an nun wirklich kühn und unbeirrt Stile und Stimmungen miteinander zu mischen, die so klingen als ob Mr. Bungle sich auf eine kleines Kaffeekränzchen mit Opeth treffen würden. Damit darf das Album auch rückblickend als das sicherlich verspielteste von Sighs Werkschau betrachtet werden, ist aber deswegen auch noch etwas unausgereift und ziellos. Insofern nicht mehr als “interessant”, aber auf jedenfall auch eine notwendige Fingerübung für das, was danach kommen sollte…
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Hat sich bei mir noch nichts hervorgekämpft...

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Überall streambar, CD jedoch wird für 199€ angeboten...


Imaginary Sonicscape (2001)

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Und was folgen sollte, ist ihr absolutes Opus Magnum: das Album, mit dem die Fachpresse nahezu durchweg überzeugt wurde und nachhaltig die Aufmerksamkeit von Prog- und Avantgarde-Metal-Hörern auf sich zog. Es ist ihr „Master of Puppets“, ihr „The Downward Spiral“, ihr „Lateralus“, ihr „Blackwater Park“ – das Referenzwerk, auf das sich viele Fans und Kritiker als künstlerischen Höhepunkt einigen, auch wenn es in seiner Vision und Stilvielfalt (nicht im Klang und Stimmung - das sollte noch mit Scenes from Hell folgen) wohl das kompromissloses und sperrige Album ist. Wo die verspielten Klang Mixtur im Vorgängeralbum noch etwas überambitioniert wirkte ist hier zur vollständigen Souveränität gereift und mischt derb zur Sache gehenden Riffs mit psychedelischen Synthie-Arrangements und sehr bedrohlich erdrückenden Klangwänden weltschmerzlicher Nachdenklichkeit und erzeugt damit eine unheilvolle surreale Stimmung. Highlight ist dann sicherlich das in drei Akte geteilte “Slaughtergarden Suite”, das sich sehr schwerfällig und bedrohlich aufbaut, ehe sich die Stimmung in völlig unerwartete ferne Klangspähren dynamischer Rythmik und ungeheurem Groove erhebt - eine wahre Masterclass in Sachen progressiver Songarchitektur. Und wie es sich für einen wahren Klassiker gehört weiß das Album auch absolut würdevoll und on point majestätisch zu verabschieden mit einem kleinen Chopin Zitat - natürlich nicht ohne dem ganzen einen etwas morbiden Twist zu verleihen. Ich kann nur sagen: Do believe the hype - das ist schon ein geiles Teil.
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Für die Dirty Badass Riff-Playlist: Scarlet Dream

Kommt in die Progtüte: Dreamsphere
Für die Zombies entsteigen dem Grab für eine fetzige Jam Session-Playlist: Slaughtergarden Suite
Für die Ich möchte königlich verabschiedet werden-Playlist: Requiem - Nostalgia

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Überall streambar, CD erschwinglich, Vinyl hingegen bei über 400€...


Gallows Gallery (2005)

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Wohin nur nach so einem einschlägigen Werk wie “Imaginary Sonicscape”? Nun erstmal mehrere Jahre Pause - die längste seit Bandbestehen - und dann hin zur radikalen Stilumgestaltung. Gerne mal als das “Powermetal”-Album in Sigh’s Discographie verschrien, ragt es eben mit sehr handfesten und geradlinigen - ja fast schon gut gelaunten Tracks heraus und verzichtet vollständig auf den Krächzgesang. Einziges Problem: Die Clean Vocals sind auch nicht gerade toll. High Pitch Arien wie von Helloween und co sollte man nicht erwarten, es ist eher so als ob Kawashima einfach seine Stimme schonen wollte. Und obwohl der Sound aus rein kommerzieller Sicht als “zugänglicher” betrachtet werden könnte, operiert es doch wieder etwas zwischen den Zielgruppen. Dem reinrassigen Powermetal Gierschlund wird hier wohl die klebrige Theatralik fehlen, Proggern die psychedelische Tiefe und Black Metal Anhänger haben hier nun gar nichts mehr zu suchen. Eigentlich werden hier nur Sigh Fans, die schon immer an der Band die Liebe zum Experiment schätzten zufrieden gestellt, denn wenn man sich einfach von Erwartungen löst bekommt man gut geschriebene (und sehr kurze) Songs, die durchaus in Groove Stimmung versetzen, mit dem Tranqualizer Song den gar ins schwelgerische Träumen versetzen und mit “Gavotte Grim” aber auch eine etwas unheilvollere Nummer serviert wird, die an die eigentliche DNA der Band erinnert. Doch trotz einzelner Highlights bleibt eher ein leicht positiver Gesamteindruck als einzelne Momente…
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Für die Ich will eine dunkle Höhle hinabsteigen-Playlist: Gavotte Grim

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etwas dubios...aber streambar!


Hangman's Hymn (2007)

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Definitiv das mir unliebste Sigh Album. Es wäre zu erwarten gewesen, dass das Debut Album Scorn Defeat aufgrund des vermeintlichen Purismus und der Nähe zum Black Metal die größte Hörherausforderung darstellen würde, doch tatsächlich ist es dieser Fan-Liebling aus ihrer Hochphase, der bei mir am wenigsten vordringt, obwohl die Idee eine satanische Totenmesse mit europäischer Klassik und sakraler Epik zu umweben sehr reizvoll klingt.
Doch das in 3 Akte aufgeteilte Konzeptalbum ist so unbeirrt von kaltem Thrash durchzogen und drückt fast durchgehend aufs Gas, das sich kein Gefühl von Songstruktur oder gar Abwechslung einstellen möchte und ich mich einfach nur unaufhörlich verprügelt fühle. Akt 1 und 2 sind kaum voneinander zu unterscheiden, wobei da “Me-Devil” noch mit einem recht eingängigen Hook herausragen kann. Akt 3 erweitert das Klangbild dann doch noch ein wenig um ein paar Chöre und düstere Anbahnungen, doch nichts hiervon kann mich wirklich fesseln.

Freunde des “Symphonic Blackened Thrash” mögen das ganz anders wahrnehmen - irgendwo muss ja der Fan FAvourit status ja herkommen - aber für mich ist es das Sigh Album, das am wenigsten in mir auslöst und am ehesten zu nerven beginnt.
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Am ehesten noch "Me-Devil"

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normal zu streamen, CD Preise etwas unsexy bei knapp 40€


Scenes From Hell (2010)

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Das angeblich „eigentliche“ beste Album, wenn man sich als Kenner und Versteher der Band profilieren möchte. Mein Fall ist es nicht so ganz, obwohl das Album mit der Zeit hinzugewonnen hat muss ich dem KOllegen von Hardliner entschieden widersprechen. Einen umfassenden Rundumschlag dessen, was Sigh ausmacht, liefert das Album nämlich keineswegs. Im Gegenteil: Es ist vermutlich das radikalste Werk der Band, weil es auf viele typische Sigh-Tropes wie Humor oder verspielte Stimmungswechsel verzichtet und sich stattdessen kompromisslos auf eine einzige Stimmung, ein einziges Bild konzentriert, das hier seine klangliche Entsprechung findet.
Das Bild absoluter Zerstörung und ewiger Qual – eine Hölle auf Erden.
Getrieben von einer massiven Brigade an Blasinstrumenten und bewusst gesetzten Dissonanzen entsteht ein orchestraler Militärbombast, der den Hörer durch diese „Scenes from Hell“ schleift. Durchzogen von präzise arrangierten Riffs offenbaren sich im Chaos beeindruckende Strukturen, was das Album durchaus zu einem der stärksten Vertreter macht des…ja, vielleicht des Apocalyptic Metal?
War ich anfangs noch etwas ernüchtert ob der ratternden Monotonie, entfaltete das Album bei weiteren Durchläufen doch eine groteske Schönheit, wo sich wieder Sigh’s Hang zur Klassischen Musik zeigt und somit trotz aller Härte mehr Abwechslung und Poetik mit sich trägt als das Vorgängeralbum.
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Für die Dirty Badass Riff-Playlist: The Red Funeral
Für die Königlichen Tanzaufführung mitten in einem höllischen Schlachtfeld-Playlist: The Summer Funeral


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kein stream, nur youtube, CD Preise etwas unsexy bei knapp 40€


In Somniphobia (2012)
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Nach den deutlich härteren Vorgängeralben Scenes from Hell und Hangman’s Hymn, die sich mit sakralem Bombast zivilisationskritische Themen wie Gotteswut und die Schrecken des Krieges behandelten, machten Sigh mit “In Somniphobia” wieder eine radikale Kehrtwende und bewegen sich von der kosmischen Ebene zurück zum isolierten Indualismus - vom Makro- zum Mikrohorror. Hier widmet sich die Band der psychologischen Angst vor dem Träumen - oder besser gesagt vor einem endlosen Albtraumzustand.
Hier tritt die Band wieder deutlich verspielter auf mit neuer Lust am Einbeziehen genre fremder Instrumente und anderen Klangspielereien. So bekommt man neben all den typischen Metalriffs und unangepasstem Krächzgesang auch sehr groovige Jazz-Passagen, die abgelöst werden von dem Aufscheinen eines klassischen Akkordeons nach im Geiste der Pariser Romantik. Mit dieser bewusst gesetzten Jahrmarkt- und Varieté-Stimmung wird eine leicht frivole, fast schon nostalgisch-morbide Atmosphäre erzeugt und macht damit im Grunde das Sigh-Erlebnis perfekt. Einziger Kritikpunkt ist, dass das Album nicht so ganz den perfekten Schlusspunkt findet, und nach “Ending Theme: Continuum” eigentlich perfekt abklingt, nur um dann doch noch mal mit zwei Tracks weiter zu machen, die für sich genommen nicht schlecht sind, aber dennoch den Flow etwas irritieren - vllt ist es aber auch ein Gag den ich nicht verstanden habe - Sigh ist es zuzutrauen.
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Für die Dirty Badass Riff-Playlist: The Transiguration Fear
Für die Was habe ich da für einen seltsamen Scheiß geträumt-Playlist: Amnesia

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Überall Streambar, physisische Datenträger jedoch reichen beide jedoch über 200€!!


Graveward (2015)

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Das Album mit dem Charme einer grauen Friedhofsmauerblume - Es ist niemandes Lieblingsalbum, aber auch keine Enttäschung. Gut könnte man jetzt über viele Alben sagen, aber hier tue ich mich noch am meisten schwer, finale Worte zu finden. Viel neues bekommt man hier nicht, das interessanteste wird bereits in den ersten paar Tracks verbraten.
Auffällig sind natürlich die etwas bubenhaft wirkenden High Pitch Vocals, die das düstere Gekrächze kontrastierend begleiten, und dabei ein wenig so klingen, als stammen sie aus einem Anime Intro. Während das eher merkwürdig und befremdlich wirken mag, liefert die Band aber mit “Tombfiller” wieder ein echtes HIghlight in ihrem Song Katalog, wo mächtige Wände von Blasinstrumenten erhoben werden und so dermaßen eindrucksvoll und souverän ertönen, das man damit Oger Armeen auf dem Schlaftfeld zermalmen könnte.
Nach einigen weiteren starken Momenten aber flacht das Album aber auch schon etwas ab und der etwas leichtfüßige, mit dünnem Sound daher kommende Rausschmeißer Song weckt ein Gefühl von verschenktem Potential…
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Für die Lasst uns gemeinsam mit erhobener Fahne in die Schlacht ziehen-Playlist: The Tombfiller
Für die Dirty Badass Riff-Playlist: The Forlorn

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Überall Streambar, CD auf amazon jedoch bei 64€


Heir to Dispair (2018)

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Mein persönlicher Einstieg in die Welt von Sigh, und rückblickend betrachtet eignet sich dieses Spätwerk auch hervorragend als Kennenlern-Album, da es mit vergleichsweise weicherem Sound, viel Ruhe, klaren Sonstrukturen und (nicht nur) clean Vocals Freunde des nicht ganz so exzentrisch harten Metals anspricht. Insofern darf man schon von einem für Sigh Verhältnisse zugänglichen Album sprechen, und doch muss ich dem Kollegen von The Hardline vehement widersprechen, wenn er hier von “playing it safe” spricht und deswegen das Album im Ranking so dermaßen tief setzt.
Wegen fehlender Härte der Band vorzuwerfen sie würde auf Nummer sicher gehen wollen verrät, dass im Grunde das Fundament von Sighs Schaffens nie vollends verstanden wurde und man sie bisher lediglich aus den falschen Gründen wertschätzte.
Das hier ist mit Sicherheit das persönlichste und reifste Werk der Band, da der stilistische Rückzug weniger als Anbiederung missverstanden werden sollte, sondern vielmehr als bewusste Emanzipation vom eigenen Eskalationsdrang und der früheren, oft demonstrativen Experimentierlust. Die kulturelle Identität der Band ist hier erstmals nicht nur ein exotischer Anstrich, sondern tief in der Albumkonzeption verwurzelt, da hier explizit japanische Themen wie Einsamkeit, kollektive Erwartungshaltungen und existenzielle Erschöpfung verhandelt und auch erstmals überwiegend in Japanisch vorgetragen werden.
Durch die Abkehr vom Horror- und Okkultismus-Fokus hin zu gesellschaftlich-existenziellen Motiven zeigt sich, wie Sigh von wilden, unangepassten Rebellen zu desillusionierten Veteranen herangereift sind und ihre Markenzeichen – die berühmte „Weirdness“ – nicht abgelegt, sondern präziser einsetzen. Genau das macht dieses Album zu einem der besten – nicht zu einem der schwächsten – Werke der Band.
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Für die Ich muss Leid aus der finstersten Hölle heraus klagen-Playlist: Heresy I: Oblivium
Für die Dirty Badass Riff-Playlist: Homo Homoni Lupus


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Überall Streambar, CD bei 30€, Vinyl 40€


Shiki - 2022
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Es ist ausgesprochen respektabel, wie sich Sigh der Versuchung widersetzen, den direkten Vorgänger zu wiederholen, auch wenn der mit Heir to Despair eingeschlagene Weg inhaltlich konsequent fortgeführt wird. Die Band bleibt fest in einer japanischen Themenwelt verankert und strukturiert das Album entlang der vier Jahreszeiten, die hier nicht romantisiert, sondern als Zyklen von Verfall, Gewalt, Stillstand und unausweichlicher Wiederkehr verstanden werden. Diese Motive werden erneut konsequent in japanischer Sprache verhandelt – eine kulturelle Erdung, die den teils opernhaft angelegten Vocals eine besondere Unmittelbarkeit und Intensität verleiht und unweigerlich die Frage aufwirft, warum Sigh nicht schon deutlich früher zu diesem sprachlichen Ausdrucksmittel gefunden haben.
Besonders interessant ist jedoch, dass Sigh auch hier den Avantgardismus spürbar zurückfahren, diesmal jedoch zugunsten von knüppelhartem, rasendem Metal-Songwriting, das mit kompromissloser Wucht weniger auf Überraschung als auf nachhaltige Überwältigung zielt. Man möchte fast von einer Neudefinition der Band sprechen, denn ein Track wie „Shouku“ steuert im Mittelteil ein derart verblüffend kraftvolles und effektives Solo bei, dass es klingt, als würde sich die Band damit offiziell beim Komitee für den besten Metal-Song des 21. Jahrhunderts bewerben. Absolut beeindruckend für ein derart spätes Werk.
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Für die Dirty Badass Riff-Playlist: Satsui, Shouku

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Überall Streambar, CD und Vinyl zu normalen Preisen zu haben


I Saw the World's End – Hangman's Hymn MMXXV (2025)

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Wäre mir die Band deutlich früher begegnet, hätte ich angesichts der beiden Vorgängeralben mächtig auf diesen Release hingefiebert - und wäre massiv enttäuscht worden. NIcht nur handelt es sich bei diesem Album lediglich um ein Rerecording/-mastering eines älteren Albums - es ist also kein neuer Song dabei - nein es handelt sich ausgerechnet auch nur um ein Remake von Hangman’s Hymn - das mir unliebste SIGH Album. Offenbar lag es Mirai Kawashima besonders am Herzen, dieses Werk mit verbesserten Produktionswerten noch einmal würdig neu aufzubereiten. Das Endergebnis empfinde ich jedoch – unabhängig vom eigentlichen Songwriting – vor allem als verwirrend. Kawashimas Vorstellung eines „besseren Klangs“ scheint darin zu bestehen, die Vocals deutlich in den Hintergrund zu rücken, sodass sie nun wie ein fernes Echo wirken. Damit wird ausgerechnet der für mich stärkste Aspekt des Originals, etwa der prägnante Refrain von „Me-Devil“, spürbar entwertet, da er schlicht weniger einnehmend und präsent wirkt.
Unterm Strich bleibt für mich nur der Eindruck einer klaren Verschlimmbesserung.
:liquid3:

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Auch wenn die Retrospektive mit dem jüngsten Album (2025) auf einer negativen Note ende (und ich mir damit so einiges an Shitstorm provoziere), ist ja das schöne bei SIGH, das es allen Grund gibt beim nächsten Album wieder einen absoluten Banger zu erwarten. Eine Band, die sich über die Jahrzehnte hinweg durch konsistente Neuausrichtung und Experimente mit immer wieder verblüffenden Ergebnissen relevant hält ist nunmal eine wahre Seltenheit. Erst recht wenn man bedenkt in was für einer Nische sie sich letztlich doch bewegt.Ich kann nur noch einmal betonen, dass mich die Band vor allem als Prog-Liebhaber abgeholt hat und eindrucksvoll vorführt, was jenseits der üblichen Verdächtigen möglich ist — und dabei auf ganz eigene Weise erstaunlich frisch klingt. Zu einem echten Fan reinen Black Metals hat mich diese Reise dennoch nicht gemacht, wohl aber ein Stück weit abgestumpft. Vor Jahren war ich auf der Suche nach neuem Prog-Material auf das oft zitierte Referenzwerk Below the Lights von Enslaved gestoßen, das als Paradebeispiel für „Black Metal meets Prog“ gilt. Damals empfand ich das Album als zu hart und anstrengend; bei meinem jüngsten Wiederbesuch, mit Sigh im Ohr, wirkte es hingegen schlicht überraschend langweilig.

Bemerkenswert ist, dass Sigh in den letzten Monaten spürbar neu entdeckt werden. Re-Releases älterer Alben auf Vinyl und anderen physischen Formaten rücken den Backkatalog wieder ins Bewusstsein und machen ihn endlich realistisch zugänglich. Physische Datenträger Vieler Ihrer Alben werden aktuell noch immer zu unerhörten Wucherpreisen - teilweise im dreistelligen Bereich- gehandelt, während andere nur über YouTube überhaupt erlebbar sind.


WEITERE REVIEWS UND REFERENZEN:
https://thehardtimes.net/lists/every-si ... t-to-best/
https://prolefeed101.wordpress.com/2018 ... ms-ranked/
https://www.metal.de/bands/sigh-103143/

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Re: Sigh - Eine Retrospektive mit Seufzer

Beitrag von Vince » 27.12.2025, 16:43

Nice, danke für den Rückblick. Hatte mich ja schon an anderer Stelle dafür bedankt, dass du die Truppe wieder auf meinen Radar gebracht hast, denn ich bin irgendwann vor ein paar Jahren auch erstmals auf "Heir to Dispair" gestoßen und habe die dann aus den Augen verloren und auch nach Stichwortsuche im Netz nicht wiederfinden können. Seitdem habe ich mich aber noch nicht weiter mit ihnen bzw. mit den anderen Alben beschäftigt, müsste ich eigentlich mal machen.

Aus deinen Beiträgen liest man ja immer wieder diese unerfüllte Sehnsucht nach Überraschung und den Überdruss gegenüber dem Establishment heraus, ein echtes Rezept zum Stillen habe ich aber noch nicht gefunden, aber das ist wahrscheinlich Teil des Problems...

hast du es eigentlich mal mit OU versucht (die ja zuletzt auch von Devin Townsend produziert wurden)? Bei denen fiele es mir zumindest schwer, Vergleichsobjekte zu finden...

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Re: Sigh - Eine Retrospektive mit Seufzer

Beitrag von Sir Jay » 28.12.2025, 10:10

OU sagt mir tatsächlich gar nichts, aber setze ich mir auf die Liste - suche eh langsam mal nach etwas neuem, um mich wieder von SIGH zu lösen :lol:
Lass gerne Feedback da, falls du die Zeit für eines ihrer Alben gefunden hast und es haften geblieben ist!

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