MTV Unplugged

Technische Daten
Vertrieb: Virgin Records
Laufzeit: 44:49 Min.
Anzahl der Tracks: 11
Extras: Keine
Booklet: 8 Seiten
Verpackung: Jewel Case
Tracklist
01. Blind – 3:30
02. Hollow Life – 3:25
03. Freak on a Leash (featuring Amy Lee von Evanescence) – 3:56
04. Falling Away From Me – 3:56
05. Creep (Radiohead cover) – 3:51
06. Love Song – 3:51
07. Twisted Transistor – 3:49
08. Got the Life – 3:01
09. Coming Undone – 3:35
10. Make Me Bad/In Between Days (feat. The Cure) – 3:46
11. Throw Me Away – 6:20
Kritik
Seit dem 9. Dezember 2006 dürfen sich Korn also nun auch in die Reihe der Künstler einfügen, die vor einem kleinen Publikum ohne Steckdose ein Best Of ihrer großen Stücke vortragen. Es ist eine etwas andere Art der Liveperformance, zugleich der etwas andere Remix. “Unplugged” kann unter den richtigen Voraussetzungen eine wunderbare Sache sein mit einer einzigartigen, vertrauten Atmosphäre. Ein Kontrapunkt zur Gigantomanie eines normalen Konzertes.
Nach Künstlern wie Paul McCartney, Nirvana, Bruce Springsteen, Bryan Adams oder den Foo Fighters sind jetzt die Bakersfielder an der Reihe, elf Stücke ihrer nunmehr siebenteiligen Studioalben-Diskographie neu zu interpretieren. Und was Jonathan Davis und seine Kollegen hier in rund 44 Minuten absolvieren, ist ein kleines Meisterstück der Neuinterpretation, das die meisten Vorgänger aus “MTV Unplugged” doch deutlich in den Schatten stellt.
Nun ist es sicherlich eine Frage, ob man ein Akustikkonzert einer Metalcombo überhaupt braucht; der ganze Sinn hinter der “Unplugged”-Idee kann hinterfragt werden, doch darum soll es nicht gehen. Denn wer Korns Vorstellung gehört hat, dem werden auf Anhieb zunächst mal die Argumente fehlen, gegen Best Ofs, Remixes oder sonstige Experimente mit altem Material zu wettern. Dies sind elf Argumente für Recycling.
Denn es wird eindrucksvoll der schmale Grat gemeistert, innovativ zu sein und doch die Stücke nicht bis zur Unkenntlichkeit zu entfremden. “A Perfect Circle” haben beispielsweise auf dem Coveralbum “eMOTIVe” den Bogen nach oben hin so weit gespannt, dass die Ursprünge überhaupt nicht mehr zurückzuverfolgen waren. Das geschieht hier glücklicherweise nicht.
Eher orienieren sich Korn an Metallicas “S&M”-Konzert mit dem San Francisco Symphony Orchester, indem sie einige sehr schwer akustisch zu spielende Stücke wie “Blind”, “Freak on a Leash” oder “Got the Life” auswählten und sich somit selbst eine gewaltige Herausforderung setzen.
Das Ergebnis ist überwältigend. Zwar sind alle Stücke unverwechselbar und direkt wiederzuerkennen, aber dennoch gewinnen die Künstler ihnen allerlei unglaubliche neue Facetten ab und lassen sie in einer ganz neuen Stimmung erblühen. Mit Cellos, Harmonicas und Tiakotrommeln werden die einzelnen Stücke abgeschmeckt, setzen sanfte Akzente, die durch die sehr verspielten Akustikgitarren von “Fieldy” und “Munky” fortgetragen werden.
Alleine die ersten drei Stücke glaubt man kaum noch übertrumpft zu bekommen. Ein wahnsinniger Melodiebogen für “Blind”, sinnliches Glockenspiel in den Zwischenpassagen von “Hollow Life” und “Freak on a Leash” glänzt dann mit einem Duett zwischen Jonathan Davis und Amy Lee von Evanescence.
Weiter geht’s mit dem Klassiker “Falling Away from Me”, der mit seinem sanften Einstieg und dem verdreht vorgetragenen “Beatin’ me Down”-Part zu einem der definitiven Höhepunkte des Albums aufsteigt. Dann das Radiohead-Cover “Creep”, das Davis mit seiner brüchigen Stimme textlich zu neuen Ufern pusht. “Love Song” vom jüngsten Album “See You on the Other Side” bietet sich dann freilich schon von Natur aus für eine Akustikversion an und ist vielleicht genau deswegen nicht ganz so interessant. Die Albumversion war schlichtweg verschrobener, hier ist sie glatter und konventioneller.
“Got the Life” schiebt aber gleich einen brennenden Holzscheit nach. Bongotrommeln für den Rhythmus und im Refrain ein unglaublicher emotionaler, mitreißender Stich mit einzelnen Pianoklängen und einer Geigenwand im Hintergrund. Fantastisch.
Weiter geht’s mit “Twisted Transistor”, das sehr orchestral wirkt, das dunkle, streicherdominierte “Coming Undone” und ein “Make me Bad / In Between Days”-Medley, bei dem The Cure ihren Auftritt haben. “Throw Me Away” beendet die Session mit einem letzten großen Knall, wenn sechs Musiker mit Tiakotrommeln in das Stück einleiten, das dann schließlich alle Instrumente zu vereinen scheint, während Davis sich zum großen Finale ein letztes Mal selbst antreibt.
Bei dem künstlerischen Potenzial, das Korn in dieser denkwürdigen Dreiviertelstunde abrufen, nimmt man den Hinweise auf dem Aufkleber des Covers, im Sommer 2007 folge das nächste Studioalbum, gleich doppelt so erfreut auf. Korn sind eine fantastische Konzertband, sie beweisen hier aber, dass sie auch im kleineren Rahmen zu großen Taten fähig sind.
(knapp)
Extras
Keine.
Artdesign
Klassisches Artdesign im Rahmen der Unplugged-Reihe mit den dominanten Farben rot / blau / lila, dazu eine Montage der Musiker auf der Bühne während des Session.
-keine Wertung-
Fazit
Ich bin Neuverwertungen gegenüber eher skeptisch eingestellt. Ich kaufe keine Singles, nur in Ausnahmefällen Remixalben und nie Best Ofs. Diese hier musste ich aber haben und den Kauf habe ich nicht bereut. Wer die Jungs mal von einer anderen Seite sehen will, liegt hier goldrichtig. Die perfekte Balance zwischen Neuinterpretation und Bewahrung des Wiedererkennungswertes macht dieses Unplugged-Album zu einem Highlight seiner Reihe.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
Weitere Bilder





