The Astronaut Dismantles HAL

Technische Daten
Vertrieb: SPV / Steamhammer
Laufzeit: 39:44 Min.
Anzahl der Tracks: 6 (+ Hidden Track)
Extras: Keine
Booklet: 4 Seiten
Verpackung: CD-Case
Tracklist
1. Continuum
2. Into the Space Age
3. For Marcia
4. The Brain Room
5. Everyday Combat
6. Live Human
Kritik
Wow! Alle Wu-Tangs und alle Maggots aufgepasst: Intensive, dichte Musik kann man auch mit nur drei Mann erschaffen. Der beste Beweis sind Amplifier aus Manchester. Sel Balamir (Vocals, Gitarre), Neil Mahony (Bass) und Matt Brobin (Drums) - mehr braucht es nicht, um alles im Umkreis von einer Meile mit purer Elektrizität aufzuladen, alles zu einem schmelzenden Klumpen zu machen und jeder einzelnen Mikrobe ein Gefühl der unendlichen Freiheit zu geben. Amplifier sind das, was der Bandname suggeriert - Spannung, Volts, Power, Energie - gebündelte Energie, diesmal entladen auf einer EP, die andere Bands mit den knapp 40 Minuten als vollwertiges Album verwerten würden. Doch diese Notwendigkeit ist hier nicht gegeben. Die Musik strömt unentwegt und unkontrolliert aus den Boxen - keine Zeit für Kapitalismus.
Schon das selbstbetitelte Debüt war im Sommer 2005 ein sich entladender Wolkenbruch von berstender Energie. Offenkundig einfacher gestrickt als jene Bands, mit denen Amplifier im Fankreis konkurrieren würden (ich sage bewusst nicht: Bands der gleichen Musikrichtung, denn es wäre mir unmöglich, Vergleiche zu ziehen), entzog sich diesem Monstrum jedoch nie die Attraktivität. Wieder und wieder landete es zumindest in meinem CD-Player in einer Abhängigkeit, die ich plötzlich erfahren hatte.
Dass nun kein halbes Jahr später sogleich das Zwischenspiel “The Astronaut Dismantles HAL” erschien, zeugt von der Rastlosigkeit der Engländer, die ihre musikalischen Wurzeln an die Stadt Manchester durchaus immer wieder preisgeben. Amplifier machen englische Musik, ohne dabei wirklich regional zu klingen. Der sich allen Einflüssen scheinbar verwehrende Stil verleiht den Songs eine Aura, die der Stratosphäre gleicht - kühl und beinahe undurchdringlich... schlichtweg universell greifbar in einer unvergleichlichen Dichte.
So ist “The Astronaut Dismantles HAL” nur die logische Weiterentwicklung des Debütalbums. Den Blick nach oben gerichtet, entpuppt sich der 39-Minüter als schwereloser Spacerock, pendelt zwischen den Sphären, drischt wechselseitig mit voller Power auf den Gehörgang ein oder wandelt in einem Sternenfeld aus ewig erscheinender Ruhe. Der Zuhörer bewegt sich durch fünf Phasen (=Songs) sowie eine Zwischenpassage (“The Brain Room”), um am Ende unerfüllt dastehen gelassen zu werden und zu wissen - diese EP ist unkomplett. Sie fordert das nächste Studioalbum geradezu heraus. Sie ist wie ein Adler, der uns am Genick packt, in die Wolken fliegt und uns dann einfach fallen lässt.
Der Einstieg “Continuum” bildet eine nahtlose Verbindung zum Debüt. Sel Balamir schreit uns ekstatisch-gemäßigt “Just Listen!” entgegen - und wie alle Imperative, die er uns bislang entgegen schleuderte, hinterfragen wir diese Aufforderung nicht, sondern wir folgen ihr einfach - so wie wir uns damals in den Schoß seiner Ansage “It’s time to fly” haben fallen lassen. Wer da nicht auf der Stelle in die REM-Phase fällt, ist vermutlich schon tot oder taub.
“Into the Space Age” kommt dann gemäß dem Titel extrem abgespact daher - Elektro-Drums werden in den Vordergrund geschoben und entfalten einen eigentümlichen Takt, an den man sich zunächst gewöhnen muss - aber dann wird er zum Unikat. “For Marcia” nimmt sich Zeit, schlendert langsam dahin, bereitet langsam einen Klimax vor, der niemals in voller Größe in Erscheinung tritt. Man wähnt sich in einem akustischen Overkill, der niemals genug erscheint - wo immer noch eine Lücke frei ist, wünscht man sich noch mehr, noch mehr, noch mehr...
“The Brain Room” macht das Gegenteil und offenbart sich als experimentelles Medley mit schrägen Soundeffekten. Wir sind im Weltraum angelangt. Vollkommene Isolation.
Und dann “Everyday Combat”. Eine Mischung aus einem Marsch und dem James Bond-Thema mit psychotischer Backgroundline im Space-Gewand. Es erfolgt der Sturz zurück in die Erdatmosphäre, mit Affenzahn rasen wir auf die grünblaue Kugel zurück, die mit jeder Sekunde größer wird. Zum Nachdenken bleibt kaum Zeit. Die Drums werden zunehmend lauter und unkontrollierter. Die letzten Sekunden vor dem Aufprall -
“Live Human”. Weiche Töne, gebrochen von schallenden Effekten, bis die Erlösung kommt, ein dichtes Gitarrenspiel, das zwei Tonlagen mehrmals hintereinander variiert. Sel Balamir singt wieder, eingängige Riffs dominieren... die Normalität?
Mit diesem Stichwort lässt sich dann - bei aller Bildlichkeit und Euphorie - ganz sachlich noch ein wenig Kritik anbringen. Natürlich erreicht dieser unmittelbare Nachfolger zu selten die Schönheit der 10 Tracks von "Amplifier". Man mag anbringen können, dass sich zu wenig Individualität entfaltet, einiges möglicherweise sogar zu beliebig bleibt. Das wichtigste jedoch, die Energie, lässt sich nach wie vor erkennen - und das nach einem anstrengenden Debütalbum und ausgiebigem Touren. Vielleicht wird es noch einige semantische Bruchstücke zu entdecken geben, wenn es mit der Discografie erst einmal weitergeht.
Das wäre dann aber im nächsten Studioalbum weiter zu interpretieren. “The Astronaut Dismantles HAL” hat sich als vertikale Variation gezeigt, als ein Aufstieg durch die Wolken ins All und als Fall zurück auf die Erde. Inhaltlich bleibt dieses Zwischenspiel vage und ungreifbar, der Sound hingegen ist so dicht, authentisch und nahe, wie er nur sein kann. Ein einzige Spacetrip, der, egal ob man ihn zu schätzen weiß oder nicht, dauerhaft im Gedächtnis hängen bleiben wird - soviel ist sicher.
Nach LP-Kriterien.
(P.S. Bei 9:55 des letzten Songs erfolgt ein Hidden Track)
Extras
Extras sind leider keine vorhanden, waren aber wohl auch nicht zu erwarten gewesen. Wenn überhaupt, kann man das komplette Album als Extra betrachten.
Artdesign
Kuriosität in minimalistischer Perfektion. Auf vollkommen weißem Hintergrund (inklusive weißer Plastikbeschalung zur Linken des Covers) ist die Anordnung der elektrischen Geräte angeordnet, die zum Erzeugen der Musik nötig sind. Das ist energetischer Purismus und das reine Beschränken auf die Wirkung der Musik als solche. Auf der Rückseite befindet sich das gleiche Motiv rückwärts geschrieben. Das Booklet ist leider nur vierseitig und zeigt im Innenraum ein unbesetztes Schlagzeug auf einem freien Feld im Grünen.
Fazit
Die Empfehlung lautet: Erst “Amplifier” probehören, anschließend folgerichtig kaufen, sich auf neue Sphären tragen lassen und anschließend blind zu dieser EP greifen, um in Sehnsucht nach dem nächsten Vollalbum zu zergehen.
Mein Dank geht an freeman, durch den ich mich überhaupt erst mit Amplifier auseinandergesetzt habe.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
Weitere Bilder
Backcover

CD Inside

Booklet Inside


