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[CD] Carcass - Heartwork

Verfasst: 28.01.2006, 16:39
von Carcass77
So, nun muss ich endlich mal die Namensgeber meines Nicks würdigen:


Carcass
Heartwork


Bild

Vertrieb: Earache Records
Erscheinungsjahr: 1993
Laufzeit: 41:55
Anzahl der Tracks: 10
Extras: keine (let the music do the talk!)
Booklet: 8 Seiten
Verpackung: Jewel Case

Tracklist:
1.Buried dreams
2.Carnal forge
3.No love lost
4.Heartwork
5.Embodiment
6.This mortal coil
7.Arbeit macht Fleisch
8.Blind leading the blind
9.Doctrinal expletives
10.Death certificate


Was für eine Entwicklung, die die Schwermetaller von der britischen Insel durchmachten. Mitte der 80er Jahre noch Mitbegründer des Grindcore, führte Carcass der Weg über das schon gemäßigtere End-80er-Album "Symphonies Of Sickness", bei dem man durchaus schon richtige Songs heraushören konnte, 1991 zu einem Wendepunkt: Auf "Necroticism" paarten Carcass Death Metal, Thrash, Melodien und sicke Grind-Einlagen, was sie dann 1993 auf besagtem "Heartwork" mit reduziertem Tempo fortsetzten.
Zusätzlich schaffte es die Band, das Werk mit genialen zweistimmigen Gitarrenlinien und Soli auszustaffieren. Eigentlich kein Wunder, spielt doch hier mit Michael Ammott (jetzt bei Arch Enemy bzw. Spiritual Beggars) und Bill Steer (macht jetzt 70s-Rock und Blues, wenn ich mich nicht irre) DAS mächtigste Death Metal-Gitarrenduo der Anfang- bis Mitt-Neunziger. Abgelegt wurden auf "Heartwork" auch die Mediziner-Texte (Operationen, Amputationen deutlichst analysiert) der drei vorigen Alben, die man sowieso nur gleichzeitig mit einem englischen Fachwörterbuch in der Hand verstand.

Das Album selbst startet mit "Buried Dreams", einem strammen Mid-Tempo-Stampfer, der gleich mal alle Vorzüge der langsamen Carcass dokumentiert: Scharfe, auf den Punkt gebrachte Riffs und dazu ein klasse Solo. "Carnal Forge" setzt dann schon eine gehörige Portion Härte und Geschwindigkeit drauf. Hier liegt im übrigen auch einer der absoluten Stärken: Carcass verlieren sich nie in sinnlosem Hyperspeed-Gebolze - da sitzt jeder Note, jeder Schlag, und wirklich alles macht Sinn. Track Nummer drei, "No Love Lost", kann man stilistisch vielleicht am ehesten als "Blues Death" oder "Death'n'Roll" bezeichnen, ein herrlicher Mid-Tempo-Banger mit rockigen Ambitionen. Das nun folgende Titellied "Heartwork" ist trotz der durchgehend hohen Qualität der anderen Tracks der absolute Übersong auf dem Album. Er vereint alle Fähigkeiten der Band in viereinhalb Minuten: Es gibt schnelles Thrash-Riffing, wunderschöne zweistimmige Gitarren-Leads und -Soli sowie feine Blastbeats. Ein Teil des Songs lief übrigens jahrelang als Vorspann zu Viva's "Metalla".

"Embodiment" ist wieder eher von der langsameren und zäheren Sorte und damit der letzte Song auf dem Album, der sich hauptsächlich im mittleren Tempo bewegt, denn danach wird die Temposchraube etwas angezogen und Mid-Tempo-Parts tauchen eigentlich nur noch zwischendurch auf. "This Mortal Coil" und "Arbeit Macht Fleisch" sind hauptsächlich schnell, super-technisch und nicht gleich leicht zu durchschauen. "Blind Bleeding The Blind" wirkt mit seiner Groove-Strophe zwar etwas straighter, ist aber gitarrentechnisch nicht minder vertrackt, was vor allem an dem (mal wieder) hörenswerten Solo sowie einem schönen kranken Zwischenteil liegt. "Doctrinal Expletives" fällt meiner Meinung nach etwas ab, falls man auf das auf diesem Level sagen kann. Hauptsächlich schnelle Double-Bass-Drums und straighte Gitarren bestimmen den Song, der wohl auch auf das noch rockigere Nachfolge-Album "Swansong" gepasst hätte. Die CD schließt mit "Death Certificate", dessen Melodien zum Teil wie ein Hybride aus Iron Maiden und Death Metal klingt - nur unterbrochen von einem absolut schrägen Gitarrenteppich während Strophe und Refrain. Höhepunkt des Tracks sind (wer hätte das gedacht?) die genialen Soli der Herren Steer und Amott: Wie kann man nur in einen Death-Metal-Song so schöne relaxte Melodien packen?

Der Sänger/Bassist Jeff Walker sagte mal so schön treffend zu diesem Album "It's heavy metal all the way" und damit hat er wohl im Großen und Ganzen recht. Allerdings sollte man nicht verschweigen, dass der "Otto-Normal-Heavy-Metal-Hörer" (was für eine dämliche Wortkombination :wink:) mit dieser Scheibe eventuell nichts anfangen kann - denn gesungen im klassischen Sinne wird hier nicht. Zwar auch nicht Death Metal-typisch tief gegrowlt, aber das heisere Gekreische des guten Mr. Walker ist sicherlich nicht jedermanns Sache.
Trotzdem: Für mich ist und bleibt es das beste Death-Metal-Album aller Zeiten und läuft bei mir seit inzwischen fast 12 Jahren auf Dauer-Rotation im Player.
Ach ja: Falls jemand nach Neuigkeiten zur Band Ausschau halten will: Macht Euch keine Mühe, die Band ist (leider) seit 1996 Geschichte.

:liquid10:

(Dass auf der Scheibe keine Extras drauf sind, stimmt so nicht ganz. Die erhältliche Neuauflage enthält als Bonus die Videos zu "No Love Lost" und "Heartwork".)

Verfasst: 28.01.2006, 16:41
von freeman
:shock:

Wow, mein lieber Herr Gesangsverein! Dickes Ding ... leider net ganz meine Musikrichtung ...

Aber fetter Respekt für das Review!

In diesem Sinne:
freeman

Verfasst: 28.01.2006, 16:43
von Vince
Endlich bin ich nicht mehr alleine, was die CD_Reviews betrifft, und dann auch noch so ein Hammerteil! Geil, danke dir! Werde ich gleich mal voller Stolz in den Index eintragen gehen. :wink:
Die Band ist mir mit meinem verkümmerten Musik-Knowledge nicht geläufig, werde ich zumindest probeweise wohl mal nachholen müssen.

Verfasst: 30.01.2006, 18:18
von MysteryBobisCREEPY
Hi, ich kenne einen einzigen Carcass Song... und sein Name ist "This Mortal Coil" ;) .. und der gefällt mir jans jut :)

.. schau an, der Song ist auch auf der von dir gereviewten CD zu finden :)

Verfasst: 30.01.2006, 19:39
von Carcass77
HoloboblikesMUSIC hat geschrieben:Hi, ich kenne einen einzigen Carcass Song... und sein Name ist "This Mortal Coil" ;) .. und der gefällt mir jans jut :)
Dann musst Du Dir mal das ganze Album besorgen, lohnt sich. :wink:



@Vince/Freeman: Danke für die Blumen. Normalerweise KANN ich eigentlich gar nicht ausführlich schreiben, aber bei einer meiner absoluten Lieblings-CDs geht das offensichtlich leichter... :wink:

Verfasst: 30.01.2006, 19:45
von Vince
Da steckt auf jeden Fall so'n kleiner Schreiberling in dir, der muss halt nur raus. :wink: Wenn du noch mal Ambitionen hast... ich lese auf jeden Fall gerne auch noch mehr von dir. Dafür gibts den Daumen-Maxe: :yeah: