Scars

Technische Daten
Vertrieb: J Records
Laufzeit: 43:12 Min.
Anzahl der Tracks: 13
Extras: Keine
Booklet: 12 Seiten
Verpackung: Jewel Case
Tracklist
1. Breaking Me Down
2. Halo
3. Need To Feel
4. Wide Open
5. Understanding Me
6. My Own
7. Unreal
8. Inside
9. Two Skins
10. The One
11. New Faith
12. Why
13. Black 7
Kritik
Der Schnee taut langsam weg, die Sonne kriecht heraus und die Veröffentlichung des neuen Soil-Albums “True Self” steht kurz bevor. In Kürze wird wieder fett die Sau rausgelassen - Zeit für eine Retrospektive.
Soil sind eine Modern Metal-Combo aus Chicago, bestehend aus Rockmonster Ryan McCombs, Bassmann Tim King, den Gitarristos Shaun Glass und Adam Zabel und Schlagzeuger Tom Schofield. Man könnte auch schlicht und einfach sagen: Fünf Sprengsätze C4, die gleichzeitig an einem Ort gezündet die volle Ladung in die Luft gehen lassen.
Nach der EP “El Chupacabra” (1998) und dem Album “Throttle Junkies” (1999) begannen die Aufnahmen für das neue Album “Scars” im Jahr 2000. Ein Radio-DJ aus Orlando entdeckte eines Tages das knallende “Halo” für seine Radio-Station WJRR - das löste einen unglaublichen Hype um die Newcomer aus. “Halo” wurde zum Inbegriff eines Hits. Es begann ein Tauziehen von Produzenten um Soil, die plötzlich in aller Munde waren. Das Label J Records bekam schließlich den Zuschlag und sorgte dafür, dass “Halo” über die Grenzen von Florida hinaus berühmt und berüchtigt wurde. Und es schlug ein wie eine Bombe - es entstand das klassische Aperitif-Schema. Gib den Fans eine Kostprobe... wenn sie ihnen schmeckt, werden sie nach mehr verlangen.
Besonders erwähnenswert an dem 13 Songs umfassenden Brecher ist die Tatsache, dass diese Band vollkommen gegen die Stromrichtung ins kalte Wasser des Mainstreams eintauchte. Angesagt waren damals eher Hip Hop-Combos oder wenigstens Bands, die dazu tendierten, Hip Hop-Elemente in den eigenen Stil einzubauen, was speziell dem New Metal einen Teil der Gesichtszüge gab. Soil hingegen verzichten vollkommen auf derartige Spirenzchen und liefern ein aufrichtiges, glasklares Metal-Brett, das beinahe schon retro klingt, so isoliert zeigt es sich gegenüber äußeren Einflüssen - die Trendsetter perlen an dem ersten Album für den Massenmarkt ab wie Wassertropfen an einer Plastikfolie. Obwohl ihm durch seine simple Struktur Anbiederung an den Mainstream vorgehalten werden könnte, war dies doch nie ein wirklicher Kritikpunkt - zu faszinierend erschien die Tatsache, dass eine derart klassisch agierende Metalband sich heuer auf dem Markt durchsetzen konnte und alte Tugenden mit neuer Power mischte.
Im Wesentlichen ist “Scars” ein durch und durch positiv nach vorne preschendes Instruktionsgerüst zum Moshen - jeder einzelne der dreizehn Songs groovt unheimlich konsequent nach vorne und bietet eingängige, nichtsdestotrotz abwechslungsreiche melodische Konstrukte. Die Gitarren schreddern bösartig tief gestimmt durch den Gehörgang und sind einfach nur böse, während der Bass die Produktion fett macht.
Das bemerkenswerteste Instrument bedient jedoch der Frontmann. Ryan McCombs hat ein derart voluminöses und markantes Organ, das es einem schnell mal die Zehennägel aufrollt (vor Freude) - einer der Punkte, weshalb “Halo” im Vorfeld so respektlos eingeschlagen ist. Der Kerl muss nach dem Zähneputzen mit Whiskey gurgeln und zwanzig Zigarren täglich rauchen, anders lässt sich dieses kratzige, dunkle, bassige, variable, vielseitige, dynamische, grollende, gröhlende, sanfte und doch dämonische Instrument in seiner Beschaffenheit nicht erklären. Gerne setzt McCombs seine Stimme auf einer hohen Tonlage an und lässt sie einfach fallen mit einem langgezogenen “Ooooouhhh” - das ist offensichtlich eines seiner liebsten Methoden, sich von der Konkurrenz abzunabeln und vergleiche mit nicht minder markanten Herren wie Sully (“Godsmack”) oder James Hetfield (“Metallica”) von sich zu weisen. Oft scheint die Stimme auch nur aus einem kratzenden Geräusch zu bestehen und ergibt im Hintergrund doch eine schnurgerade Tonbalance.
Die Stimmung des Albums ist deutlich auf hüpfende Massen auf Festivals oder in Metal-Discos ausgelegt. Aus dem “Gute-Laune-Metal” brechen eigentlich nur “Unreal” und in Teilen “Black 7" mit dramatisch wirkendem Sound heraus, der aber dennoch nicht das Pacing herausnimmt, sondern das gleiche Tempo einfach nur auf eine andere Stimmungsrichtung auslegt.
“Halo” ist schon auch im Gesamtkontext das Über-Werk der Platte. Zumindest für den Europäer kündigte es sich erst im Rahmen des Musikvideos an. McCombs, auftretend wie ein Berg aus Fleisch, Zähnen und blondem Zauselhaar ließ die Bude dröhnen und verhinderte alle Spekulationen darüber, ob man den Song möglicherweise noch energiegeladener rüberbringen konnte - das war und ist schlicht nicht möglich. Dem Urschrei folgt ein hypnotisierendes Gegröhle, unterlegt von einem fetten Riff, das in einen unwiderstehlichen Refrain einleitet. Simpel und doch mit der maximalen Wirkung versehen.
Leider ist kein weiterer Song wirklich als Ausnahmetitel herauszupicken; keiner erreicht diese maximale Intensität, aber ebenso wird keiner zum unterdurchschnittlichen Lückenfüller. Kurz: Das ganze Album ist sehr gut auf einen Schlag durchhörbar, ohne dass die Skip-Taste in Anspruch genommen werden müsste.
Obwohl “Scars” vor Abwechslung nur so strotzt, macht sich dennoch der Eindruck breit, dass Soil sich in einem hermetisch abgeriegelten Würfel befinden, in dem sie sich zwar wild hin- und herschlängeln können, aus dem sie aber niemals richtig ausbrechen können. Sprich: Es werden Grenzen der Abwechslung sichtbar. McCombs ist hörbar darum bemüht, sein Organ auf unterschiedlichste Weise einzusetzen, nur wird in diesem Bemühen auch deutlich, dass es ein Unvermögen gibt, die Stimme infinit weiterzuentwickeln. Und das betrifft nicht nur die Vocals, sondern auch die Instrumente, deren Funktionseinheiten sich irgendwann erschöpfen. Es ist fast so, als habe man mit dem dreizehnten Song gerade so die Grenze dazu erreicht, dass das Album sich nicht schon selbst wiederholt. Es ist also gewissermaßen gerade noch ein ziemlicher Knaller geworden, der sein Potenzial aber auch wirklich voll und ganz ausgereizt hat und kurz davor stand, es zu überreizen.
Ob ich mit dieser Einschätzung Recht behalten soll, ist auf dem recht schnell nachgeschobenen “Redefine” zu überprüfen, das recht unterschiedliche Einschätzungen seitens Kritikern und Publikum hervorbrachte - von “fett, aber nichts neues” bis “übertrifft den Vorgänger” hin zu “uninspiriert” war so ziemlich alles dabei. Den definitiven Langzeittest sollte dann demnächst “True Self” bringen.
Nicht mehr und nicht weniger.Extras
Nuttin':
Artdesign
Ja, was ist das eigentlich auf dem Cover? Es ist erst auf den zweiten Blick festzumachen: Scheinbar handelt es sich um einen Fußabdruck in Detailaufnahme, wobei die Schuhsohle den Bandnamen in der Erde hinterlässt. That’s Soil: Erdig, dreckig, ehrlich, natürlich, dunkel und doch kontrastreich und klar. Außerdem drücken sie allem ihren unmissverständlichen Stempel auf. Yeeeeaah! Das Innere des Booklets kommt leider ausgesprochen fade daher: Komplett in Schwarzweiß, sehen wir jeweils auf einer Seite ein Foto eines Bandmitglieds und auf der anderen Seite die säuberlich getippten Songtexte.
Fazit
Wer die Schnauze voll hat von der Welteroberung durch Hip Hop und Konsorten, der hat mit Soils “Scars” die volle Ladung Sprengstoff entgegenzusetzen. Das Album fetzt durch und durch, es explodiert fast vor lauter Energie und ist bis zum Bersten angereichert mit bestem Modern Heavy Metal, das dir die Schuhe auszieht. Ryan McCombs ist ganz nebenbei eines der wuchtigsten Metal-Monster, die den Massenmarkt in den letzten Jahren aufgemischt haben.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
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