
Technische Daten
Label: Drag City
Laufzeit: 55:38 min.
Extras: -
Verpackung: Jewel Case + Pappschuber
Lieder
1. Emily – 12:07
2. Monkey & Bear – 9:29
3. Sawdust & Diamonds – 9:54
4. Only Skin – 16:53
5. Cosmia – 7:15
Impressionismus – Die Kunst das Wesen der Dinge so darzustellen wie man sie genau in jener Sekunde des Festhaltens persönlich empfindet, genauso wie sie auf einen wirken. In der bildenden Kunst und auch in Filmen sind Werke diesem Stil einfacher zuzuordnen.
Claude Monet war einer der Begründer dieser Kunstrichtung Ende des 19. Jahrhunderts. Seine Bilder sind heute Millionen wert. Heutzutage zeichnen sich Filme von Clint Eastwood, Takeshi Kitano oder Jim Jarmusch durch Merkmale dieses Stils aus: der beobachtende Erzählstil, der ruhige Erzählfluss und ganz besonders der Hang zu großen Bildern. Bilder, die im Zuschauer Emotionen auslösen sollen.
Musik als impressionistisch zu bezeichnen ist da schon schiwieriger. Sie ist einfach zu abstrakt für diese klar definierte Kunstrichtung, die sehr auf das Visuelle ausgerichtet ist. Singer/Songwriter kommen dem ursprünglichen Gefühl noch am nächsten; sei es die Natur, den Menschen oder ihr eigenes Gefühlsleben emotional zu beschreiben. Die spärliche Instrumentierung rückt dabei ihre Texte ins rechte Licht, mehr meist nicht. Werden mehr Instrumente verwendet, verschwindet das fragile impressionistische Element auch schon wieder.
Gibt es aber vielleicht doch Musik, die man vor allem anderen als impressionistisch bezeichnen kann? Und die vielleicht sogar mit einer opulenten Instrumentierung aufwarten kann? Die Antwort zu beiden Fragen lautet natürlich "Ja", sonst wäre die ganze Einleitung für die Katz' gewesen.
Dabei ist "Ys" auf den ersten Blick gar nicht so einzustufen. Man braucht sich nur das Albumcover zu betrachten. Voller Symbolik ist es: lebendige sowie tote Insekten, eine Sichel, eine scheinbar großzügige Krähe, ein Weg der bis zu den Berg hinaufreicht, ein nicht identifizierbarer Schädel, und noch viele andere. Manche dieser Symbole nehmen direkten Bezug auf die Texte, bei anderen muss man tiefer graben. Genauso durchdacht ist das Konzept von "Ys": vier sehr emotionale Erfahrungen verarbeitet Joanna Newsom auf den fünf Liedern, während sie dies in "Only Skin" in einem Lied tut.
Soviel zu den Äußerlichkeiten, die nichts von einer spontanen Herangehensweise (dem Urgedanken des Impressionismus) haben. Warum also doch? Um als Beispiel wieder einen Filmemacher – nehmen wir Sergio Leone – heranzuziehen: Als spontan gilt er ja eher nicht. Seine Einstellungen sind oftmals streng durchkomponiert, und doch äußerst emotional in der Landschafts- und Charakterdarstellung. Denn wenn man es schafft ein Gefühl so zu konservieren, dass man den Zuschauer bzw. Hörer mit Hilfe von Bildern auf eine emotionale Reise schicken kann, dann darf die Kunst noch so durchdacht sein. Es kommt schließlich auf das Ergebnis an. Darauf, wie man selbst empfindet. Regeln sind da sinnlos.
"Ys" ist zutiefst impressionistisch. Neben Joanna Newsom, die in fast allen Liedern als Ich-Erzählerin auftritt, spielt die Natur DIE zentrale Rolle. Während Joanna ihre Abenteuer erlebt wird es Winter, Frühling, Sommer, Herbst...
Sie durchquert Wälder, Berge, Wüsten, Flüsse, Meere...
Begegnet allerlei Tieren: Hunde, Welpen, Pferde, Schwalben, Spatzen, tausenden Spinnen...
Beobachtet mit ihrer Schwester Emily die Sterne und sinniert über Meteoriten.
Trägt einen halbtoten Vogel zu Grabe und sieht wie er beim Anblick der Baumwipfel auf und davon fliegt.
Oder sitzt einfach mit gebrochenem Herzen am Fluss trauernd um ein "Precious Heart".
So viele kleine und größere Geschichten gibt es zu entdecken. Man fühlt sich fast wie in einem Roman von J.R.R. Tolkien.
Es ist unglaublich mit wie viel Ernsthaftigkeit Joanna Newsom, mit 24 Lenzen, ihre Texte geschrieben hat. Und wenn sie Worte wie "spelunking" oder "hydrocephalitic" benutzt, könnte man sie schon fast als altklug bezeichnen - wenn diese Worte nur nicht soviel Sinn ergeben würden... Auch von Ironie ist weit und breit keine Spur zu sehen. Die Gefahr in den Kitsch abzudriften ist also allgegenwärtig. Doch wieso hat man das Gefühl, dass sie den schmale Grad so sicher und mit festem Blick der Romantik zugerichtet geht, nicht mal ins Straucheln kommt oder nur einen flüchtigen Blick in Richtung Kitsch wirft?
Es liegt zum einen an dem ständig existierenden Gefühl von Sehnsucht, den man beim Hören der Lieder hat. Fernweh, Heimweh, das Gefühl jemanden zu vermissen, der Wunsch nach Freiheit, nach unbegrenzten Umherziehen, egal, "Ys" verstärkt jedes dieser Gefühle. Wer braucht schon Jack Sparrows Kompass um herauszufinden was man sich am sehnlichsten wünscht. Wir haben doch Joanna. Und wir haben "Sawdust & Diamonds". Gegen Ende singt sie dort immer wieder unglaublich eindringlich: "Desire....Desire....Desire....". Wenn man die Augen schließt kann man es förmlich vor seinen Augen sehen...
Es liegt zum anderen natürlich an der Musik.
Da ist das Orchester, bestehend aus einer Vielzahl an klassischen Instrumenten, wie Cello, Bratsche, Violine, Klarinette, Oboe oder Querflöte. Und da ist auch, etwas schwächer besetzt, Ms Newsoms Band.
Angesichts dieses instrumentalen Aufgebotes wird aber überraschend zurückhaltend musiziert. Wenn man nicht genau aufpasst, würde man ohne es zu merken den einzigen (so vermute ich) Einsatz der elektrischen Gitarre etwa zur Mitte von "Only Skin" verpassen. Ähnliches gilt für Banjo oder Akkordeon. Während die Violinen noch recht oft zum Einsatz kommen, spielen die meisten anderen Instrumente höchstens kleinere Figuren. Vier bis acht Takte, und schon übernehmen andere wieder, oder gar keine...
Wie bei "Peter und der Wolf" scheint jedes Instrument einen, nur seinen, Zweck zu erfüllen. Die Aufgabe: Stimmungserzeugung. Atmosphäre aufbauen. Man kann die Leistung von Orchesterarrangeur Van Dyke Parks gar nicht hoch genug einschätzen.
Ohne all ihre Mitstreiter, inklusive Produzent Steve Albini und Mixer Jim O'Rourke, klänge "Ys" definitv anders.
Ohne Joanna Newsom wäre "Ys" kein Meisterwerk.
Oder umgekehrt? Egal, beide Seiten ergänzen sich so wunderbar, dass eine Differenzierung unmöglich gemacht wird. Fakt ist aber, dass Joanna Newsom das Zentrum ist. Der Fixstern. So sind intrumentale Parts sehr spärlich gesäht und wenn, dann eher kurz, oder aber von ihrem eigenen Instrument inszeniert. Joanna ist allgegenwärtig. In ihrem Harfenspiel. Aber vor allem in ihrem Gesang.
Dieser wäre noch der einzig rationale Grund, bei dem sich die Geister scheiden dürften. Ihre Wortintonierung ist nämlich schon ziemlich eigenwillig. Unverwechselbar, und für manche unerträglich. Manchmal meint man, sie würde die Silben fast herauspressen, wie bei einer schweren Geburt. So überspitzt kommt die Betonung ihrer Worte manchmal daher. Unberechenbar wie ein Künstler der Avantgarde ist sie, aber auch zehnmal so unfassbar.
Wie sie stimmliche Haken schlägt, von einer Sekunde auf die andere ihre Stimm-ung wechselt ist einfach nicht von dieser Welt. Es ist ihr ganz und gar eigentümlich.
Weit weniger geteilter Meinung kann man über ihr Spiel auf ihrer instrumentalen Inkarnation sein. Inkarnation deshalb, weil Joanna Newsom die Harfe nicht einfach nur spielt. Nein. Die Melodien, die sie erzeugt müssen direkt aus ihrem Herzen kommen. Sie sind zu wunderschön um einen anderen Gedanken zuzulassen... geradezu engelsgleiche Kompositionen entlockt sie ihrem Instrument. Nicht umsonst werden Engel oft eine Harfe in der Hand haltend dargestellt...
Am ehesten kommt man noch hin wenn man ihren Stil mit einem Fluss vergleicht.
Sachte fließt er anfangs dahin. Nimmt schon bald Stromschnellen mit. Wird vielleicht ruhiger. Schlägt Wellen. Verbündet sich mit anderen Flüssen. Wird größer, gewaltiger. Reißt mit. Und mündet schließlich ins Meer.
Oder aber der Fluss bleibt die ganze Zeit über ein kleiner Bach, der irgendwann heimlich versiegt, man weiß nicht einmal wo.
So vielfältig ist jedes einzelne Lied. Joanna Newsom ändert ständig den Takt, verschiebt passend dazu das Versmaß, welches durchgehend als Rhythmusgrundlage herhält, unglaublicherweise. Die restlichen Instrumente sind immer Joanna und ihrer Harfe untergeordnet. Das macht "Ys" trotz des relativ großen Ensembles letztlich zu ihrem persönlichen Werk. Ein Werk, das bannt, aufwühlt und schlicht verzaubert.
Tolkien hat es besser ausgedrückt als ich es je könnte, indem er Frodos Gefühle im Angesicht der Tochter des Flusses beschrieb:
»So hatten ihn bisweilen auch schon die reinen Stimmen der Elben bewegt; doch der Bann, der nun auf ihn gefallen war, war von anderer Art: keine so jähe und hochfliegende Verzückung, sondern tiefer und näher ans sterbliche Herz greifend, wundersam und doch nicht fremd.«




