[CD] Cursive - Happy Hollow

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Frances TM
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[CD] Cursive - Happy Hollow

Beitrag von Frances TM » 04.07.2007, 17:28

Cursive - Happy Hollow

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Technische Daten
Label: Saddle Creek
Laufzeit: 45:26 min.
Extras: CD-Rom-Part mit vielen Liedern von Labelmates in mp3-Format
Verpackung: Jewel Case

Songlist
01. Opening the Hymnal / Babies – 2:32
02. Dorothy At Forty – 3:02
03. Big Bang – 3:56
04. Bad Sects – 3:39
05. Flag and Family – 2:56
06. Dorothy Dreams of Tornadoes – 2:54
07. Retreat! – 3:57
08. The Sunks – 2:53
09. At Conception – 2:57
10. So-So Gigolo – 3:43
11. Bad Science – 2:40
12. Into the Fold – 4:16
13. Rise Up! Rise Up! – 3:22
14. "Hymns for the Heathen" – 2:39


In einem großen Land auf unserem Planeten, da gibt es eine kleine Stadt. Die Menschen dort leben in einer Blase. Geographisch gesehen, denn der nächstgelegene Ort liegt etliche Kilometer entfernt. Das einzige was man am Horizont sehen kann, sind Kakteen, Sträucher und Berge. Solch Abgeschiedenheit ist bester Nährstoff für Stagnation. Den Kindern wird schon früh beigebracht worauf es im Leben ankommt: gute Noten in der Schule, regelmäßiger Kirchenbesuch, Job finden, Partner finden, Kinder machen. Querdenker werden nicht geduldet. Die strengen Eltern werden es ihm/ihr schon austreiben. Es wird ein postlebendiger Aufenthalt in der Hölle angedroht, notfalls von einem Geistlichen persönlich. Man kennt sich ja. Die Kirche ist der Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Hier trifft man sich mindestens einmal in der Woche. Betet für seine unsterbliche Seele. Tauscht neusten Klatsch aus: "Hast du gehört? Die haben schon wieder einen Neger eingebuchtet. Wollte den Schnapsladen vom alten Smith ausräumen oder so."
"Wann lernen die verdammten Ausländer das endlich? Entweder die benehmen sich oder die sollen sich verpissen. Ich frag mich sowieso warum immer noch welche da sind."
Willkommen in der kleinbürgerlichen Vorhölle von Happy Hollow, United States of America. Der Name sagt eigentlich schon alles. Von außen glücklich und zufrieden, Happy , doch im Grunde nur leer, ethisch und moralisch gesehen. Eben Hollow.

Cursive, die Band um Sänger, Texter und Gitarrist Tim Kasher widmen sich auf diesem Album fiktiven, aber gemessen an der Gefühlsebene, brutal realistischen Begebenheiten aus Happy Hollow – einer fiktiven Stadt im mittleren Westen der USA.
Dabei zeichnen sie ein zynisches Bild solcher Städte in denen der Stimmanteil für die Republikaner gegen 100 tendiert. Alle Bandmitglieder kommen selbst aus dieser Region – Omaha , Nebraska, um genau zu sein. Dem inhaltlichen Gehalt der Texte darf man also vertrauen. Auch musiktechnisch sind Cursive nun leicht einzuordnen: Saddle Creek.
So heißt ihr Label. Es ist eines der größten Labels mit Indie-Mentalität weltweit. (Was nicht heißt, dass es groß ist.) Gründungsort und Sitz ist eben jene Stadt im Bundesstaat Nebraska. Den absolut größten Anteil stellen einheimische Bands. Saddle Creek Records ist deshalb viel mehr als nur eine Ansammlung an Musikschaffenden. Vielmehr ein Künstlerkollekiv. Man ist miteinander befreundet und hilft sich natürlich gegenseitig beim Plattenaufnehmen, bei Liveauftritten oder auch beim Nach-dem-Gelage-Heimbringen. Deshalb ist es nur logisch, dass ein eigener – weniger logisch – einzigartiger Sound entstanden ist. Ob Popband, Rockband oder Singer/Songwriter, immer schwingt viel Melancholie mit in den Liedern. Immer etwas Verschrobenes in Musik und/oder Gesang. Und ganz oft kann man sich auf keine eindeutigen musikhistorischen Referenzen festlegen – eben nur auf solche aus den eigenen Reihen.
Cursive sind (neben den Bright Eyes) das Aushängeschild des Labels. Sie sind eine Rockband. Und schon ohne die Musik gehört zu haben kann man sie als besonders einstufen. Für das vorangegangene Album "The Ugly Organ" hatte man eine Cellistin an Bord. Die ist jetzt weg. Dafür sind nun auf "Happy Hollow" Bläser mit dabei. Das besondere ist zudem, dass ihre Alben immer ein Konzept haben (müssen). "The Ugly Organ" war bspw. aufgebaut wie ein Theaterstück.
Für "Happy Hollow" haben sich Cursive grundlegende soziale Themen ausgesucht. Religion spielt in den meisten dieser Lieder eine Rolle. Damit verbunden ist der Umgang mit Autorität, bisweilen auch losgelöst von der Religionsthematik. Mal werden Situationen beschrieben oder kurze Geschichten erzählt. Mal hat man den Eindruck die Gedanken einer Person direkt mitzubekommen. Dadurch bleibt das Album textlich gesehen abwechlungsreich, so dass die konzepionelle Grundlage konterkariert und lyrische Eintönigkeit vermieden wird. Doch gerade diese "stream-of-conciousness"-Lieder hätten wegen ihrer Hüllenlosigkeit keines Konzeptes, oder besser, Schauplatzes, gebraucht. Thematisch passen sie jedoch sehr gut zu den anderen, so dass dieser kleine Kritikpunkt eigentlich im Keim erstickt wird. Ein jeder "Protagonist" widersetzt sich auf seine ganz eigene Art und Weise den konservativen, vielleicht sogar fundamentalistischen, Fesseln der Stadt und ihrer Obrigkeit. Sei sie geistlicher, politischer oder familiärer Natur.
Hört man sich das Album nur ein einziges Mal an, würde nicht mehr als folgendes hängenbleiben:
Die Musik ist Indie-Rock. Aber in ihrer Vielfalt einfach zu sperrig.
Sänger Tim Kasher hat eine stimmliche Bandbreite drauf, die einem Mike Patton fast das Wasser reicht.
Tim Kashers Worte haben eine ähnlich Ausdruckskraft wie die eines Trent Reznor oder Johnny Cash.

1. Opening the Hymnal / Babies
"Happy Hollow" beginnt mit einer Art Reprise des allerletzten Songs, nur mit anderem Text: "Welcome one and welcome all to our small town". Dazu eine quietschende Trompete und eine absichtlich zu laut abgemischte Gesangsspur. Abschreckender kann ein Album kaum beginnen. Doch ehe man den Aus-Knopf betätigen kann, geht das Intro in das erste richtige Lied über. Zuckersüß erscheint es nun nach dem sperrigen Anfang. Klarer Gesang, traditionell dramaturgischer Aufbau, dezentes Banjo im Hintergrund.
Textlich wird die Antithese zum Erlösungsgedanken aufgestellt: "The beautiful truth ist we simply exist."

2. Dorothy at Forty
Was wäre wenn die kleine Dorothy aus Kansas und Hauptcharakter im Buch "Der Zauberer von Oz" wirklich leben würde? Sie wäre nun 40 Jahre alt. Wie sähe ihr Leben aus? Cursives Meinung nach lebt sie in der Vergangenheit, ist unzufrieden mit ihrer Arbeit und träumt sich immerzu in ihre Kindheitserinnerungen. Geschickt wird eine Verbindung mit dem American Dream geknüpft und selbiger in Form von Kapitalismuskritik bloßgestellt.
Das erste Highlight des Albums ist eine rhythmische Achterbahn. Im Mittelteil setzt das Lied kurz aus, wird unberechenbar wie der Anfang von System Of A Downs "Prison Song" oder das Ende von Dredgs "Convalescent".

3. Big Bang
Ein Lied über den Urknall und über das hernach entstandene Chaos. Genauso hört es sich auch an. Die Trompeten geben einem den Rest. Das erinnert an eine ambitionierte Punkband – wenn das Konzept nicht wäre. Der Existentialismusgedanke vom Opener wird hier weitergesponnen.

4. Bad Sects
Der erste smoothe Song des Albums. Die Gitarre schmiegt sich fast zärtlich ans Ohr. Wüsste man es nicht besser, könnte man denken hier sänge eine Frau. Aber ein wenig Dissonanz behält man sich selbst hier vor.
Thema: Sex am Arbeitsplatz. Arbeitsplatz gleich Kirche…

5. Flag and Family
Sehr treibend und nach vorne gehend. Das Lied kumuliert am Ende: "We must live, we must be true to our childhood dreams or they're worthless and our youth is insincere."

6. Dorothy Dreams of Tornadoes
Wieder Dorothy, wieder etwas sperriger. Tim Kashers Stimme schreit, fleht, und verzagt schlussendlich mit den Worten: "This City… this city's killing us."

7. Retreat!
Eine Cursive-Free Jazz-Kooperation. Das Saxophon macht was es will, die Gitarre auch. Nur das Schlagzeug trommelt konstant, wie immer. Das mantraartig im Chor gesungene Ende "Lord let us go" gehört zu den Highlights.

8. The Sunks
Das nächste Highlight folgt gleich hinterher. In einer gerechten Welt wäre "The Sunks" ein genauso großer Hit wie seinerzeit "Midlife Crisis" von Faith No More.
Inhaltlich kommt man Refuseds "The Apollo Programme was a hoax" recht nahe. Nur heißt es hier nicht: "Throw a stone into the machine", sondern "It's time to stick your branches in the merciless wheel of Time."

9. At Conception
Eine beispiellos gut geschriebene Kurzgeschichte über das Thema Abtreibung. Die falsche Moral der Kirche wird hier eindrucksvoll zur Schau gestellt. Im Gegensatz dazu fällt die Musik ein wenig ab, weil sie sich zum ersten Mal wiederholt. Daran kann auch das Piano nichts ändern.

10. So-So Gigolo
Dissonant, ganz ohne Bläser. Herrlich schräg. Der Refrain führt einen mit seiner kurz aufblitzenden Eingängigkeit an der Nase herum. Passend zum Thema: Ein "Kleinstadt-Adonis" kommt mit Hoffung Schauspieler zu werden in die große Stadt. Am Ende meint er nur noch: "I guess a job's a job"

11. Bad Science
Die Obrigkeit greift hart durch. Opfer: die Kinder. Ziel: die totale Auslöschung der Lebensfreude. Das Szenario erinnert an "Der Club der toten Dichter". Abermals wird die Kirche hart kritisiert. Aber auch Eltern, Lehrer, Politiker und Autoritätspersonen im Allgemeinen bekommen ihr Fett weg.

12. Into the Fold
Ein verdammt hinterhältiges Stück Musikgeschichte. Oberflächlich gesehen ein wundeschönes zweistimmiges Liebeslied. Zart musiziert, einfühlsam gesungen. So überschneiden sich am Ende gar die Stimmen und gaukeln einem Harmonie vor… Bei Betrachtung des Textes werden allerdings extrem divergente Intentionen klar. Die Anspielung auf Dostojewski tut ihr übriges. Der russische Schriftsteller soll einmal eine junge Frau sexuell missbraucht haben…

13. Rise Up! Rise Up!
Hier erklärt Tim Kasher seine Beweggründe für dieses Album. Im Rahmen des Konzeptes tut er dies im Schoß der Kirche, dem Beichtstuhl. Stellvertretend für den ganzen Text: "But do you want to hear my confession? It's my greatest sin… I WASTED HALF MY LIFE ON THE THOUGHT THAT I'D LIVE FOREVER." Man meint die ganze Zeit, das Lied würde jede Sekunde im Chaos versinken, tut es aber nicht. Im Gegenteil, es ist komischerweise eines der eingängisten auf dem Album.

14. Hymns for the Heathen
Tim Kasher wird zum Abschluss selbst zum Prediger. Er fasst das Album zusammen und gibt jedem Lied eine biblische Bedeutung. Beispielsweise wird "Babies" zum "son of god complex" oder "The Sunks" zu einem "horse of the apocalypse". Somit wird dem Konzept die subversive Krone aufgesetzt. Ein mutiges Album geht zuende. Eines, das nicht nur hinterfragt, sondern auch urteilt. Themen, die jeden sozial denkenden Menschen angehen. Lasst eure Stadt nicht zu Happy Hollow werden!

:liquid8:

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Beitrag von Vince » 05.07.2007, 14:41

:yeah: Sehr gutes Ding mal wieder. Ich hab von denen (natürlich) zwar mal wieder noch nie was gehört, aber so ganz uninteressant scheint das ja alles nicht zu sein. Nettes Konzept auch. Erinnert ein bisschen auch an Soundgardens "Black Hole Sun" irgendwie.

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Beitrag von Frances TM » 07.07.2007, 12:04

Thanks. Aber manchmal wünschte ich mir etwas detailierte Kritik, damit ich mich auch verbessern kann. ;)
Oder soll ich mehr über bekannte Bands schreiben?

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Beitrag von Vince » 07.07.2007, 12:46

Frances TM hat geschrieben:Thanks. Aber manchmal wünschte ich mir etwas detailierte Kritik, damit ich mich auch verbessern kann. ;)
Oder soll ich mehr über bekannte Bands schreiben?
Dieses Kreuz müssen leider die tragen, die über unbekannte Sachen berichten - Feedback gibt es dabei leider nur selten. Finde ich auch schade, aber naja, man unterhält sich halt anscheinend lieber über Dinge, die man auch selbst kennt. Darum wird man mit Mainstreamsachen auch immer mehr Feedback bekommen. Ich persönlich lese aber über alles, was du uns hier näherbringst und finde es so viel besser, als wenn du dich nur mit bekannten Dingen befassen würdest. Du hast schon Sachen hier besprochen, die ich sonst wahrscheinlich auf ewig kennen würde. Bringt mir persönlich einfach mehr.

Kritisieren mag ich eigentlich nichts an deinen Texten, weil du sehr schön schreibst und ich selbst nun mal auch nicht gerade der Experte in Sachen CD-Reviews bin, als dass ich dir sagen könnte, wo es langgeht. Von daher kann ich nur sagen, wie mir dein Review gefällt (bisher eigentlich immer sehr gut ;) ) und was ich von der CD erwarte. Naja, gut, das Abhandeln jedes einzelnen Songs für sich ist nicht so mein Geschmack, aber auch das kann man mal machen (hab ich selbst auch schon gemacht, zB. in der Dredg-Kritik), außerdem hast du davor ja noch zusätzlich Text. Insofern, wenn es nach mir geht: Immer weiter so, ich lese alles von dir unheimlich gerne!

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Beitrag von Frances TM » 07.07.2007, 13:23

Thanks a lot. :D
Ich versuch auch immer anders zu schreiben und mich, wenn möglich nicht zu wiederholen. Ist halt schwierig manchmal. Besonders für so Laien wie mich. Wenn ich bald studieren gehe wirds hoffentlich besser. Reviews über Unbekannte müssen, wie du indirekt vielleicht gemeint hast, ziemlich gut sein um wahrgenommen zu werden. Werds aber auch weiterhin versuchen.^^

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Beitrag von Vince » 07.07.2007, 13:43

Frances TM hat geschrieben:Reviews über Unbekannte müssen, wie du indirekt vielleicht gemeint hast, ziemlich gut sein um wahrgenommen zu werden. Werds aber auch weiterhin versuchen.^^
Alternativ kannst du das Review ja auch mit Bildern von nackten Frauen verzieren. Feedback wird dir dann sicher sein. :wink:

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