
17-minütiges Video vom Met-Konzert, größtenteils von mir gefilmt und mit einer vom belgischen TV gefilmten Sequenz (53 MB)
Vor ländlichem Hintergrund mit langsam im Wind wippenden Bäumen steht ein Mann mit seiner Gitarre. Eine geradezu idyllische Situation, wären da nicht rund 80.000 Menschen, die sich vor den Mann drängen. James Hetfield, Frontmann von Metallica, Hannibals persönlicher Gitarrengott...hinter ihm geht die Sonne unter, die Silhouette der Baumgruppe hinter ihm brennt sich mit der seinen regelrecht ins Gehirn ein. Die Zeit scheint still zu stehen, ein Jahr nach dem Rock am Ring-Auftritt ist er erneut Luftlinie gerademal 10 Meter entfernt, beinahe greifbar. Er lässt seinen Blick über's Publikum schweifen, geht einige Schritte zu einem der zahlreichen Mikrofone, die quer über die gewaltige Bühnenkonstruktion verteilt sind. Die Sonne blinzelt ein letztes mal am Horizont, die Menge kocht und von Hetfield kommt nur ein deftiges „Huargh!“...
9.30h, irgendwo in der Eifel
Nach dem nervtötenden Rappeln des Handyweckers sind die Beine heute ungewöhnlich leicht aus dem Bett geschwungen. Heute ist nicht irgendein Tag, heute ist der verdammte 1. Juli, heute ist der 4. Tag des größten belgischen Rock-Festivals „Rock Werchter“. Die Tageskarte liegt vor mir auf dem Schreibtisch. Also das übliche Morgenprogramm, Anziehen, Essen, Kacken, anschließend alle Utensilien für Fahrt und Festival zusammensuchen. Ganz wichtig die 4er Packung Red Bull, Fotoapperat, Metallica-T-Shirt und zahlreiche CDs für's Auto. Wenige Minuten später steht auch schon der erste Kumpel vor der Tür, der den heutigen Tag ebenfalls ganz der Thrash-Kapelle aus der Bay Area widmen will. Zusammen mit einem weiteren Kumpel geht’s schließlich los.

3 Stunden Fahrt sind es bis ins kleine belgische Örtchen Werchter ca. 30 km östlich von Brüssel. Nach etlichen durchgehörten Metallica-Alben, mehreren Flaschen Cola und einer Packung Cornys sind wir schließlich da im Land der Pommes, vor dem Festivalgelände. In einer äußerst amüsanten Mischung aus Belgisch und Englisch bekommen wir von einer Ordnungskraft erklärt, wo wir parken können und dass es ca. 15 Minuten Fußweg bis zum Festivalgelände sind. Naja, passt schon, noch ne Dose Red Bull reingepfiffen und es kann losgehen. Im Gegensatz zur grau verhangenen Eifel strahlt die Sonne hier und schon auf dem Weg gibt es allerlei leichtbekleidete Festivalbesucherinnen zu...ähm...vermelden ;-) Im Ort Werchter ziehen ganze Menschenhorden durch die Straßen. Einwohner älteren Semesters sitzen auf ihrem Grundstück und schauen sichtlich dem ungewohnten Treiben zu, in dem langhaarige Männer mit nackten Oberkörpern und Dosenbier durch die Ortschaft laufen. Aus der Ferne ist schon der Lärm der Bühnen zu hören. Schon jetzt macht das Festival aber einen sehr sauberen Eindruck. Überall im Ort gibt’s Mülltüten die offensichtlich auch genutzt werden. Von zugemüllten Straßen keine Spur.
Nach geschätzten 20 Minuten Fußweg (hatte nicht jemand was von 15 gesagt?) kommen wir auf einer breiten Straße an, auf der sich ein ewig langer riesiger Menschenstrom langsam voranschiebt. Immer der Herde nach heißt die Devise.

Nach weiteren 5-10 Minuten kommen wir vor einer großen Werbewand an, in der sich unten unzählige Eingänge befinden. Vorsichtshalber wenden wir uns an einen Ordner, um erst mal zu erfragen ob Digitalkameras erlaubt sind. Wieder erfolgt eine Antwort in einem nur schwer verständlichen Kauderwelsch.
„Yau can bring verry smohl cämära to se fästiväl, verry verry smohl.“
Ah, ok...naja, die Securitys am Eingang werden mir schon sagen, ob meine Digicam zu groß ist. Also rein ins Getümmel, Karte gezeigt, Bändchen bekommen, das war's...häh? Securitys? Keiner weit und breit in Sicht, hier wird nicht abgetastet, nicht kontrolliert, ich hätte meinen Camcorder mitbringen sollen. Dammit...

Mastodon auf der Main Stage
Der erste Blick auf's Festivalgelände wirkt im Vergleich zu Ring-Dimensionen geradezu familiär. Frontal vor uns steht die Main Stage, auf der gerade Mastodon rocken. Wir gehen zunächst mal die Lage checken und schauen, wie einfach man in den vorderen Bereich vor den ersten Wellenbrecher kommt. 3 Minuten später stehen wir in der ersten Reihe bei Mastodon, hell yeah ;-) Wie schon beim Maiden-Gig ist die Musik noch immer sehr ordentlich anhörbar, heute wirken die Jungs wesentlich spielfreudiger und bringen zumindest ein bisschen was rüber. Die Menge wirkt dennoch sehr verhalten. Anschließend wird erstmal das gesamte Gelände erkundet.

Die Belgier ruhen sich auf einer überdimensionalen nackten Frau aus, der Arme, Beine und Kopf fehlen. Wer Schatten sucht kann selbstverständlich durch den Beinstumpf ins Innere gelangen..
Neben der gewaltigen Main Stage gibt’s noch sowas wie 'ne Alterna-Stage in einem überdimensionalen Zelt. Da geht’s gleich mit Maximo Park los, interessiert uns nicht, also weiter im Takt...erstmal was essen....Pommes, was sonst? ;-)
So kann man sich's gut gehen lassen, auf einer gar nicht mal so stark platt getretenen Wiese genießen wir den belgischen Klassiker mit einer schön kalten Coke und lassen uns von der Sonne wärmen. Maximo Park dröhnt aus der Ferne und klingt recht vernünftig.

So Jungs, zurück zur Mainstage...
Aber keine Zeit zum langen Verweilen, am T-Shirt-Stand ein T-Shirt gekauft (jedes T-Shirt 30 Euro.....übelst teuer, aber wenn man schon 130 Euro (Ticket + Sprit) für so nen Tag ausgibt, tun 30 Euro mehr oder weniger auch nicht mehr so wirklich weh) und anschließend wieder Richtung Main Stage. Es hat sich mittlerweile etwas gefüllt. „The Kooks“ spielen vor einem wesentlich agileren Publikum und machen ihre Sache ganz vernünftig. Während die Menge tanzt beginnen wir wieder mit dem Auskundschaften...wo geht’s vor den Wellenbrecher? Nach einiger Zeit haben wir eine geeignete Stelle gefunden und lassen uns erstmal am Rand nieder. Die nächsten 1,5 Stunden sitzen wir erneut mit schön kalten Getränken im Schatten, betrachten die Shows von „The Kooks“ und den übelst lahmen „Interpol“. Und dann heißt's langsam in den sauren Apfel beißen. Nächster Act ist „Incubus“, die keinen von uns interessieren, aber da es die letzte Band vor „Metallica“ ist, nützt es alles nix. Zu modernen Rockklängen, bei denen das Publikum aber wieder mitfeiert kämpfen wir uns Reihe für Reihe nach vorne. Passend zur schlechten, austauschbaren Musik schlägt auch das Wetter um und wir werden einige male ordentlich nass. Während das größtenteils weibliche Publikum aus dem Singen und Feiern nicht mehr rauskommt, schauen wir vermehrt auf die Uhr...
Und dann ist es endlich soweit, die Schönlinge verlassen die Bühne, die Mädels verschwinden vor der Bühne und es beginnt ein verzweifelter Run nach vorne. Meine Herren, ein derart unübersichtliches Gedränge hab ich bei bisher noch keinem Konzert erlebt. Ohne Rücksicht auf Verluste geht’s nach vorne, die gesamte Menge drückt von hinten, Stehenbleiben ist nicht drin, weil permanent von hinten nachgedrückt wird.
Da vorne aufgrund der Bühne nur begrenzt Platz ist, werden unzählige Leute zu den Seite regelrecht rausgeschoben oder von den Securitys rausgefischt.
Nach knapp 20 Minuten Platzkampf stehen wir schließlich zentral vor der Bühne, 3. - 4. Reihe und mir schwant Böses. Aber jetzt heißt's eh erstmal warten. Neben uns entwickelt ein betrunkener Geselle eine perfekte Taktik um sich Platz zu schaffen. Er packt mitten in der Menge seinen Pullermann aus und beginnt auf den Boden zu pinkeln. Die genervte Menge bildetet einen Sicherheitskreis um ihn, die Securitys sind an der Bühne gehörig am toben, kommen aber nicht an den Störenfried ran. Amüsanterweise ergreift das Publikum hier selbst die Initiative. Der Kerl wird von einigen Leuten gepackt, nach oben gehoben und als unfreiwilliger Crowdsurfer Richtung Securitys befördert. Das Gesicht des Typs war genial, als er plötzlich vollkommen unerwartet „in die Luft ging“ XD

Die Roadie-Crew von Metallica ist derweil fleißig Pyroeffekte am installieren. Wenige Minuten später ertönt „It's a long way to the top (if you wanna Rock 'n Roll)“ von AC/DC und die Menge beginnt zu toben. Alle Hände sind oben, es wird mitgeklatscht und dutzende Witzbolde versuchen mehr schlecht als Recht Bon Scotts Stimme zu imitieren. Anschließend folgt mit „The Ecstasy of Gold“ das offizielle Metallica-Intro und es gibt kein Halten mehr. Die Spannung steigt und kurz bevor der Opener endet, sieht man einen Becher voller Orangensaft oder Wodka-O (whatever...;-)) in die Menge fliegen. Lars Ulrich steht auf seinem Schlagzeug, springt runter und setzt zu „Creeping Death“ an. Meine schlimmsten Erwartungen bezüglich unserer zentralen Position bewahrheiten sich in Sekundenbruchteilen. Mit Einsetzen der Band entwickelt der gesamte Bereich vor dem Wellenbrecher zu einem gigantischen Moshpit, in dem das ganze Publikum vollkommen unkoordiniert rumfliegt. Zusammen mit meinen 2 Kumpels stolpern wir mehr oder weniger kontrolliert aus der außer Rand und Band geratenen Menge. Trotz regelrechter Atemnot in dem kompletten Chaos gröhl ich die „Die...Die...Die“-Bridge des Openers mit und als wir schließlich in der schätzungsweise 8. Reihe am rechten Bühnenrand einen halbwegs ruhigen Platz finden, kann ich mich kaum mehr auf den Beinen halten. Mit „For whom the bell tolls“ geht’s weiter und die gesamte Menge begleitet mit unaufhörlichen „Hoi Hoi Hoi“-Rufen die Bassdrum. Gigantisch! Und dann folgte Schlag auf Schlag....“Ride the Lightning“, „Disposable Heroes“, kurze Verschnaufpause bei „Welcome Home (Sanitarium)“ und dann der absolute Oberkracher: „And Justice for All!“...live, in voller Länge, perfekt durchgezockt. Allein schon das vom Band gespielte Intro genial, wo die gesamte Menge die eingängige Melodie mitsummt. Als die Jungs dann in den aprupten Break einsteigen, rasten alle aus, alle Hände sind oben. Die Stimme von James ist die beste seit knapp 15 Jahren, aggressiv, rau und das obwohl er laut eigener Aussage mit Halsschmerzen zu kämpfen hat. Und da steht er, knapp 10 Meter Luftlinie entfernt, die Zeit scheint still zu stehen, hinter ihm verschwindet die Sonne als gleißender Feuerball und die Silhouette des Live-Monsters strahlt einen regelrecht an. Die Ausstrahlung des Rhythmusgitarristen und Sängers der Band ist jedes mal auf's neue eine Wucht. Er schaut böse in die Menge, welche noch im selben Moment in Ehrfurcht erstarrt, jede Bewegung von Hetfield wird genauestens verfolgt, so dass man ja keinen von ihm geforderten Einsatz verpasst. Ok, die Zeit läuft wieder weiter... Nach dem 10-Minuten-Prog-Metal-Knaller, der tatsächlich fehlerfrei runtergezockt wird, bittet James die Fans im beim Gesang auszuhelfen. Allen ist klar, was jetzt kommt...“Fortune fame, mirror vane, gone insane,
but the memory remains!“
Der Hammer! Die auf dem Album von Marianne Faithfull gesungene Melodie wird vom gesamten Publikum getragen und erklingt noch Minuten später, nachdem Metallica das Lied schon beendet hat. Mit regelrecht offenen Mündern stehen die 4 Horsemen auf der Bühne und unterbrechen die stimmgewaltigen Publikumsgesänge schließlich mit „The Four Horsemen“, der nächste fast schon Uralt-Kracher, der die tobende Menge einmal mehr zum Kochen bringt. Unzählige Moshpits durchziehen die Menge, direkt vor uns hat sich ebenfalls einer gebildet, in dem die Leute regelrecht unkontrolliert rumfliegen. Mir persönlich ist es ja nie so ganz klar, wo bei sowas der Reiz liegt, aber aus sicherem Abstand ist es ganz lustig anzuschauen...
Schließlich tritt Rob Trujillo die Bühne und beginnt ein dreiminütiges Bass-Solo, dass sich gewaschen hat. Diesmal ist es das Publikum, welches mit offenen Mündern auf den langhaarigen Kalifornier starrt und die gigantische Vorführung schließlich mit einem tosenden Applaus überschüttet. Es folgt der ebenfalls komplett gespielte Instrumental-Kracher „Orion“, bei dem man die zwingend nötige Erholungspause bekommt, die man nach diesem gewaltigen Old-School-Thrash-Feuerwerk benötigt. Die Fan-Chöre begleiten unermüdlich die verspielten melodischen Klanglinien. Am Ende bedankt sich James einmal mehr bei dem verstorbenen Bassisten Cliff Burton. R.I.P.!

Weiter geht’s mit „Fade to Black“ und anschließend dem Live-Giganten „Master of Puppets“, jedesmal wieder unglaublich genial. Dann platzt die größte Überraschung herein, als die Jungs zu „Whiplash“ ansetzen vergrößern sich alle Moshpits schlagartig und die gesamte Menge ist erneut in Bewegung. In der groovenden Bridge des „Kill em all“-Klassikers feuert Hetfield das Publikum wieder zu zahlreichen „Hoi Hoi Hoi“-Mitmachaktionen an, die die Belgier sofort nutzen und die Band beinahe übertönen. Und wenig später ist das offizielle Set zu Ende. Nach zahlreichen „We want more!“-Rufen lässt sich die Band aber wieder blicken und feuert den von Fans oft kritisierten „Sad but true“-“NEM“-“One“-“Sandman“-Block ab, garniert mit himmel-füllendem Feuerwerk. Insbesondere „Nothing Else Matters“ ist jedes mal auf's Neue eine Wucht, wenn auch von allen Radiosendern dieser Welt eigentlich totgespielt. Wenn 80.000 Leute den Song aus Leibeskräften mitsingen und Hetfield ein begeistertes „Yeeaaah“ ins Mikro raunt entwickeln sich die Gänsehautschauer zu Gänsehautmonsunen ;-)
Nach dem einmal mehr perfekt arrangierten „Enter Sandman“ verschwindet die Band erneut und kommt zum letzten Zugabenblock nochmal auf die Bretter. „Last Caress“ sorgt dafür, dass die ganze Menge einen moralisch eher fragwürdigen Text mitgröhlt. Zum Schlussakkord gröhlt Hetfield schließlich „Kill em aaaaaaaaaaall“ ins Mikro und fordert die Menge auf „Sing loud my friends!“...die Ankündigung des Songnamens wird vom gesamten Publikum regelrecht mitgeschrien.

We are scanning the scene
in Werchter tonight
We are looking for you
to start up a fight
„Seek & Destroy“ donnert und groovt los, alle Hände sind oben, überall Moshpits, Bewegung wo man hinsieht und ein äußerst textsicheres Publikum bringen den belgischen Provinzort zum Beben. Nicht enden wollende Anfeuerungen von Hetfield sorgen dafür, dass die Menge im titelgebenden Refrain geradezu explodiert und sich mit jedem Durchlauf nochmals steigert und es einem beim letzten „SEEK & DESTROY“ beinahe die Stimmbänder zerreißt.
Und dann ist es vorbei, das Event, auf das ich seit knapp einem halben Jahr hinfiebere. „Jetzt hab ich nur noch die Arbeit“, jammert mein Kumpel der in genau...ähm...4 Stunden zum Postaustragen wieder aufstehen muss lol ;-) Doch zwischen dem heimischen Bett steht erstmal der Weg runter vom Festivalgelände, dann die „15“ Minuten zum Parkplatz und dann nochmal gute 3 Stunden Heimfahrt. Hierbei zahlen sich die zahlreichen Red Bulls und zahlreiche möglichst laut gespielte Metallica-Alben aus, die uns die lange Fahrt über halbwegs wach halten. Um kurz nach 3 kommen wir schließlich wieder in der mehr oder weniger schönen Eifel an.
Zurückblickend schallen immer noch die Fangesänge im Ohr weiter, begleitet von einem leichten Rauschen, verursacht durch die übelst laute Lautsprecheranlage der Rock Werchter-Bühne. Es war eines der besten Metallica-Konzerte der letzten Jahre, um Klassen besser als der letztjährige Rock am Ring-Gig mit einer perfekt spielfreudigen Band, einem genialen Publikum und einer geradezu göttlichen Setlist.
Hell yeah, we will...Lars Ulrich hat geschrieben: We'll see you next year with a brandnew album!







