Picture - Special Edition (2005)

Technische Daten
Vertrieb: InsideOut
Laufzeit: 54:57 Min.
Anzahl der Tracks: 10
Extras: Bonus-DVD mit 4 beim WDR Rockpalast performten Songs
Booklet: 24 Seiten
Verpackung: Digipak
Tracklist
1. Losers' Day Parade (9:04)
2. Letting Go ( 5 : 26 )
3. Leave A Light On (6:17)
4. Swimming in Women (5:23)
5. People (6:07)
6. All You See (5:08)
7. Perfect Tense (4:16)
8. Room For Two (3:44)
9. Holding On (7:09)
10. Picture (2:23)
Kritik
Würde sich die Sendung “Popstars” für richtige Musik interessieren, wäre es wohl ein Projekt wie “Kino”, das am Ende auf dem Siegertreppchen stehen würde. Die aus verschiedenen Prog-Ikonen zusammengewürfelte Supergroup steht eindeutig unter der Fuchtel ihres Begründers Thomas Waber, Chef des Prog-Labels InsideOut. Da geben sich seine Untergebenen John Mitchell (Arena), John Beck (Ex- It Bites), Pete Trewavas (Marillion) und Chris Maitland (Ex- Porcupine Tree) die Klinke in die Hand und zelebrieren eine knappe Stunde lang Progrock-Klischees, wie sie im Lehrbuch stehen.
Die Orgel pfeift den Wind durch die unter Spannung stehende Arena. Zehntausenden von Menschen scheint sprichwörtlich der Atem zu stocken, als sich plötzlich die Leadgitarre zu königlicher Größe erhebt und eine Leitmelodie zu summen beginnt, die runtergeht wie Honig. Ein gigantischer Spannungsbogen wird aufgebaut, das Mellotron tastet sein ganzes Spektrum ab. Ein bösartig klingendes Metalriff schmuggelt sich ein, wird aber vom Pathos der alles in allem zurückgezogen wirkenden Stimme von John Mitchell wieder verdrängt. Alles ist gut.
Der fast zehnminütige Opener will gleich alles demonstrieren und beweist, was vorab schon anzunehmen war: “Picture” will das ganze Breitbildformat nutzen und alles unterbringen, was der gemeine Proganhänger erwarten könnte. Kino ist der auf der visuellen Vorstellungskraft des potentiellen Käufers zugeschnittene Querschnitt aller Erwartungen, ein Probierset mit Häppchen, die von allem etwas bieten - und genau deswegen so schrecklich vorhersehbar.
Die Bemühungen um Melodien, die ins Ohr gehen, können leicht vernommen werden, aber ihnen hängt das Problem an der Hüfte, sich drehen und wenden zu können, wie sie wollen - Überraschungen gibt es keine, weil irgendwie alles wie vorprogrammiert wirkt. Das ohnehin schon vorhandene Symptom einer jeden Supergroup, dass sich alle Mitglieder unbedingt einbringen wollen und es keine rechte Hierarchie gibt, verstärkt die Konzeption von Kino wie ein Katalysator. Hier SOLL alles eingebracht werden. Nur eines wird dabei in der Konsequenz immer außen vor bleiben: die rote Linie.
Da sind zehn fein portionierte Tracks, meist schön lang, so wie es der Progger mag - aber richtige Ecken und Kanten gibt es nicht. Kein konzeptionelles Zentrum, dafür sehr viel Flickwerk ohne eine innere Logik. Theoretische Radiomusik im Endeffekt; wesentlich anspruchsvollere als die tatsächliche, die man immer mal aufschnappt, ob man nun will oder nicht, nichtsdestotrotz aber Radiomusik. Stücke, die aus der Tracklist entrissen genauso viel Sinn machen wie in ihr drin, Stücke, die sich vornehmlich über ihre Melodiebögen definieren. Emotional ausgelöst wird nichts außer vielleicht das vage Gefühl, auf einem Konzert der Band zu stehen und kitschigerweise ein Feuerzeug in die Luft zu halten, das aber stets vom aufkommenden Wind wieder gelöscht wird.
Natürlich kommen Tracks wie “Swimming in Woman” oder das kontrastreiche “Loser’s Day Parade” mit einer gewissen Ohrwurmgefahr daher, und zwar nicht durch den Pawlow-Effekt (der mir dämliche Songs wie “Cotton Eye Joe” von den Rednex, die ich vor ungefähr zehn Jahren zum letzten Mal gehört habe, noch immer im Ohr schallen lässt), sondern durch gelungene Komposition und Arrangements. “Picture” ist beileibe keine schlechte Platte, aber sie ist nun mal auch nichts Besonderes. Eine inszenierte Szenenfolge mit jeder Kamerafahrt, jedem Schnitt, der den Erwartungen entspricht. Nur die Seele, die kommt nicht zum Vorschein.
Extras
Die Special Edition kommt zum einen im doppelt aufklappbaren Digipak, zum anderen stellt sie eine Bonus-DVD bereit. Auf ihr enthalten sind die vier Songs "Leave A Light On", "Letting Go", "Swimming In Women" und "Loser's Day Parade", aufgenommen am 8. Dezember 2004 beim WDR Rockpalast
Artdesign
Wo man sich schon so benannte wie eine russische Band vor ihnen, wollte man auch gleich die Intention des Namens mit Nachdruck betonen: "Kino" verstehen sich als Medium, das "Picture" produziert. Entsprechend zeigt das Cover per Froschperspektive den Boden eines Kinosaals, Popcorn inklusive. Das ist nun nicht gerade der Weisheit letzter Schluss, schließt sich aber eben ganz der Musik an - genau das, was man bei diesem Namen erwarten würde.
Fazit
"Du Papa, was issn Prog eigentlich?" Nervt das Kind, weil es irgendwo dieses schmutzige Wort aufgeschnappt hat? Sind Sie jetzt in der unrühmlichen Lage, dem Kind ganz schnell erklären zu müssen, was Prog ist? Dann kaufen Sie ihm doch einfach Kinos "Picture"! Umfassender kann man eigentlich nicht auf 60 Minuten komprimieren, was Prog ausmacht - zumindest aus technischer Sicht. Was das Genre aber wirklich ausmacht, wird man sich aus diesem Sampler leider nicht zusammenreimen können - dazu muss man dann doch den mühsamen Weg gehen, die ganzen eigenwilligen Meisterwerke einzeln zu belauschen.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
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