Venom
"Venom" möchte im Revier der Schurken- bzw. Antiheldenfilme wildern, leidet aber unter dem Problem, das diese entweder elegant umschiffen ("Deadpool") oder an dem sie genauso leiden wie dieser hier ("Suicide Squad"): Konsequent einem Schurken folgen will man nicht, also installiert man schnell einen noch größeren Baddie, hier direkt zu Beginn, wenn ein Symbiont entkommt und danach erst einmal ein halbes Jahr Kaffeepause macht, damit sich Eddie Brock alias Tom Hardy infizieren kann. Hardy gehört tatsächlich zu den Highlights des Films, wenn er erst als nahbarer, prinzipientreuer Reporter auftritt, später als innerlich zerissenes Symbiontenopfer, auch wenn einige Ausflüge in die Niederungen des Slapsticks (Stichwort Hummerrestaurant) dann doch eher zum Fremdschämen sind. Doch so gut sich Hardy - von den erwähnten, eher regiebedingten Schnitzern abgesehen - auch anstellt, so seltsam richtungslos ist der Film. Die Story des Mannes, der für seine Superkräfte ein Wesen in sich trägt, das andere Leute verknurpst, wird mal mit den Mitteln des Body Horror als tragisches Schicksal erzählt, mal als lockere Buddy-Komödie mit zwei ungleichen Partnern im gleichen Körper. Dabei wird Venom schnell domestiziert, denn schon vor der offiziellen Übereinkunft mit Eddie schnabuliert er eigentlich nur die Häupter von irgendwelchen Fieswichten.
Erzählerisch knistert es im Gebälk: Dass die Verlobte seine Ex ist, dient wohl nur zur Einführung ihres Arzt-Lovers und damit der Held noch etwas mehr am Boden ankommzt. (Im Gegensatz zu Vince kann ich die Trennung aber ansatzweise nachvollziehen: Brock liest ihre E-Mails, spioniert dabei Geschäftsdaten aus und verwendet diese öffentlich. Das ist schon ein krasser Vertrauensbruch, gute Sache hin oder her). Nach der langen Exposition kommt ein wenig Hetzjagd, danach fast schon der Showdown - mit seinen rund 90 Minuten ohne Abspann wirkt "Venom" wie eine Anomalie im Superheldengenre, das es heutzutage kaum noch unter 120 Minuten tut. Der Abspann ist dagegen überlang, baut eine kackfreche Promo für "Spider-Man: A New Universe" ebenso ein wie ein komplett unvermittelte Mid-Credit-Sequenz, die selbst für Comicunkundige schon mal Carnage für ein potentielles Sequel anteasert.
Dazu kommt ein Schaulaufen der Klischeefiguren, vom bösen Konzerncheffe über die Wissenschaftlerin, die ihr Gewissen entdeckt, bis hin zum seltsam blassen Vollstrecker des Konzernchefs. Ein paar gelungene Momente hat "Venom" auf jeden Fall, etwa wenn Eddie bei einem Überfall der Konzerngoons zum ersten Mal so richtig entdeckt was ein Symbiont so alles kann, was in eine famose Verfolgungsjagd inklusive Kampfszenen mündet, für die man Spiro Razatos, den derzeitigen Go-to-Guy für Second-Unit-Regie angeheuert hat, der richtig aufwändig und spektakulär Bambule macht. Beim Finale lies man Razatos dann augenscheinlich außen vor, denn hier regiert unübersichtlicher und komplett verschnittener Pixel-Klumpatsch. Dabei blitzen mit den Verformungskünsten der Symbionten immer wieder coole Ideen auf (etwa die Riesenaxthände von Riot), aber so richtig konsequent eingesetzt werden sie nicht. So kann man "Venom" dann unterm Strich vielleicht das Label "interesssant gescheitert" verpassen - wenn auch mit mehr Betonung auf "gescheitert" als auf "interessant".

Jimmy Dix: "Du glaubst wohl nicht an die Liebe?" - Joe Hallenbeck: "Doch ich glaube an die Liebe. Ich glaube auch an Krebs." [Last Boy Scout]
Perry Van Shrike: "Look up 'idiot' in the dictionary. You know what you'll find?" - Harry Lockhart: "A picture of me?" - Perry Van Shrike: "No! The definition of the word idiot, cause that is what you fucking are!" [Kiss Kiss, Bang Bang]