Frankenstein

Originaltitel: Frankenstein
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1931
Laufzeit: ca. 67 Min.
Regie: James Whale
Darsteller: Colin Clive, Mae Clarke, John Boles, Boris Karloff , Edward Van Sloan, Frederick Kerr, Dwight Frye, Lionel Belmore, Marilyn Harris
“Frankenstein”.
Die Assoziationen, die einem heute zu diesem Begriff in den Kopf schießen, sind relativ unumstößlich, gestärkt durch jahrzehntelange Tradierung. Ein großes, klobiges Wesen, in modrigen schwarzen Anzug steckend, der an Ärmeln und Beinen viel zu kurz sitzt. Ein kantiges, aschfahles, blassgrünes Gesicht mit markanter Knochenstruktur, eingefallenen Wangen und apathisch dreinschauenden Augen, unterlegt von tiefschwarzen Augenringen. An beiden Seiten des Halses Elektroden, schwarzes, struppiges, auf der Schädeldecke plattgedrücktes Haar. Das ist Frankenstein.
Nun, ist es eigentlich nicht. Bei genauerer Überlegung ist jedem bekannt, dass Frankenstein in Wirklichkeit nicht der Name des Monsters, sondern des Schöpfers ist, erfunden von Mary Shelley, der die Geschichte um den Wissenschaftler und seine künstliche Kreatur erstmals anonym im Jahr 1819 veröffentlichte, ihr Name vermutlich inspiriert durch eine Burg in Darmstadt. “Frankenstein” als eine teutonisch geprägte Gruselmähr, zu deren Schauplatz die Universität Ingolstadts auserwählt wurde, und im Endeffekt lief alles auf eine Auseinandersetzung mit der Schöpfungsthematik hinaus. Die Essenz des Lebens, Wissenschaft versus Religion - eine Debatte, die sich bis zur Verfilmung von James Whale und noch lange nach ihrem Erscheinen heraus auswirken sollte.
Warum aber denkt man beim Namen “Frankenstein” automatisch an das Monster? Da wäre zum einen sicherlich das Fakt, dass schon in einer Version eines Theaterstückes vor der Verfilmung das Monster selbst mit dem Namen seines Schöpfers gerufen wurde. Der viel wichtigere Grund liegt jedoch in der popkulturellen Bedeutung, die der vorliegende filmhistorische Meilenstein des Horrorfilms auf die Nachwelt ausgeübt hat. Längst ist “Frankenstein” ein ikonisches Produkt der Einflüsse, die er sich in vielen Jahren erarbeiten konnte. Und dies geht weit über die von Universal in den eigentlich bedeutungslosen B-Movie-Sektor gelenkten Sequels aus den vierziger Jahren hinaus. Der Titel “Frankenstein” wurde zum Allgemeingut, als viele Filme, meist aus dem Trashsektor, sich der Ikonik des anziehenden Segments bedienten, um es in ihren eigenen Titel einzubauen - obwohl der Film mit einem “Frankenstein” meist überhaupt nichts zu tun hatte. Universal sicherte sich nicht nur das Copyright auf den Titel, sondern auch auf die Verwendung von Masken und Make Up, wenn es dem ähnelte, welches Jack Pierce für Boris Karloff angefertigt hatte - und gar für verschiedene Gesten, die das Monster im Film gebrauchte. Mit “Frankenstein” suggeriert man heute die Anfänge des klassischen Horrorkinos. Die Grundzüge der Geschichte sind ebenso gut bekannt wie konkrete visuelle Eindrücke von Boris Karloff, die Zeit und Veränderungen standhaft überdauert haben, erkennt man seine einprägsamen Gesichtszüge doch selbst in den verfremdetesten Karikaturen einer Frankenstein-Kreatur wieder - das ist die Macht des traditionell überlieferten Bildes, dessen sich ein Robert de Niro in diesem Fall nicht rühmen konnte. Wie auch...
Mit der Rolle des im Mittelpunkt stehenden tragischen Wesens verbindet man auch heute noch eine folgenschwere Fehlentscheidung Lugosis. Der lehnte die Rolle ab, weil er befürchtete, unter der Maske nicht als Schauspieler erkannt werden zu können und damit sein Talent zu verschwenden. Der bis dahin unbekannte Boris Karloff bekam die Rolle und schrieb fast improvisiert Filmgeschichte, als Lugosi, während sein Stern sank, der verlorenen Chance nachtrauerte und fortan auf Karloff und seine Lebensrolle nicht mehr gut zu sprechen war. Zwar sollte auch Karloff später begründet durch jene Lebensrolle gnadenlos in die Horrorecke gedrängt werden, um dort niedere B-Ware abzuliefern, doch hat er seine Entscheidung nie bereut. Ohne Frankenstein, so sagte Karloff selbst über seine Karriere, hätte er nie den Durchbruch geschafft.


Das heute als Meilenstein und mitunter gar als Meisterstück titulierte Werk war dabei, wie schon die Besetzungsproblematik des Monsters zeigt, eher eine Geschichte der Kompromisse und provisorischen Entscheidungen denn eine perfekt organisierte Umsetzung einer Vision. Das betrifft etwa die Besetzung der Rolle Dr. Henry Frankensteins mit Colin Clive, der als schwieriger Zeitgenosse galt und deswegen nicht die erste Wahl von Universal war, dafür aber die des Regisseurs, der Clive bereits von einem anderen Projekt her kannte und seinen Willen gegenüber dem Studio durchsetzen konnte. Auch das Design des Monsters ist eher als Kompromiss verschiedenster Quellen zu sehen; selbst Karloff, der Darsteller selbst, trug mit Ideen zum Design bei. So ist ihm etwa zu verdanken, dass die Kreatur der durch Wachs geformten nach unten hängenden Augenlider wegen so müde aussieht. Im Endeffekt ist zu sagen, dass viele der besten Elemente des Filmes tatsächlich Kompromissen entwuchsen.
Genau genommen musste das ganze Werk ein einziger Kompromiss sein, galt es für den Regisseur doch, ein Ding der Unmöglichkeit zu vollbringen: Der Roman Shelleys musste auf eine gute Stunde Filmerzählung komprimiert werden. Das funktionierte nur durch das immense Aussparen von Handlungssträngen, Handlungsorten und Charakteren. Die Verfilmung ist nurmehr ein Fragment des Romans und schon insofern zumindest über weite Strecken eine meisterhafte erzählerische Leistung - von einigen Ausnahmen abgesehen, von denen noch zu sprechen sein wird. Eigentlich ist die Verfilmung gar noch mehr gebunden an die bereits komprimierten Theaterstücke, doch selbst diese wurden nochmals zu großen Teilen außer Acht gelassen, so dass der Film die Geschichte auf ganz neue Art erzählt.
Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist die streckenweise dramaturgische Auslastung bis zur Grenze der Kapazitäten, in Momenten, die im Roman lediglich durch eher trockene Gedankenmonologe Frankensteins zum Ausdruck kamen. In erster Linie betrifft das die Erschaffung des Wesens, den eigentlichen dramaturgischen Klimax des Films, der aber erstaunlicherweise (abgesehen von Vor- und Abspann) fast komplett auf musikalische Untermalung verzichtet - Filmhistoriker Rudy Behlmer vermutet, nur vier Jahre später, zur Entstehungszeit von “Frankensteins Braut”, wären diverse Szenen durchaus bereits mit einem Score bedacht worden. Und doch verströmt der Erweckungsprozess ein spannungsgeladenes Beben, wenigstens, wenn man sich von der Erwartungshaltung auf das Publikum von 1931 zurückbesinnt, das von der Ikonik des Monsters, von seiner Erwartbarkeit gänzlich befreit war. Die Szene spielt in einem alten Turm aus Stein, draußen wütet das Wetter mit Regen, Blitz und Donner. In den kargen Gemäuern schallt das knisternde Geräusch von Elektrizität wieder, als der von einem weißen Leinentuch bedeckte Körper, links und rechts von ihm groteske Gerätschaften, in den freien Himmel gehievt wird, wo ihn ein Blitzschlag trifft. Kurz darauf performt Dr. Frankenstein seinen legendären Jubelschrei, in dem er feststellt, zu wissen, wie sich Gott fühlen muss. Dieser Monolog wurde im Übrigen wie einige andere Szenen für Jahrzehnte aus dem Film verbannt auf den Protest religiöser Vereinigungen hin, die hinter den Äußerungen Blasphemie und Gotteslästerei vermuteten, was nur als weiterer Beweis für die konsequente Thematisierung des Konfliktes zwischen Wissenschaft und Religion festgehalten werden kann. Doch all dies kommt im Roman nicht vor: Es gibt kein Gewitter, keinen Turm, keine Gerätschaften, keinen triumphierenden Schrei. Die Tatsache, dass wir uns Frankensteins Monster mit Elektroden vorstellen und seine Reanimation mit einem Blitzeinschlag verbinden, ist einzig das Werk von Whales Film, der längst ein irreversibles Eigenleben in den Köpfen mehrerer Generationen bewirkt hat.
Im Zuge dieser Neuerfindung wurden zugleich mehrere Archetypen erschaffen, wie sie uns noch heute immer wieder entgegenschlagen. Nicht nur das Bild von der maroden Burg bei Blitz und Donner hat viele Filmschaffende (unter anderem das Studio “Dark Castle”) inspiriert, auch Stereotypen wie der berüchtigte “Mad Scientist” (dessen Reinkarnation nicht zuletzt durch die an “Frankenstein” angelehnten “Re-Animator”-Filme Jeffrey Combs geworden ist) oder der bucklige Gehilfe wurden geschaffen.


Besonders erwähnenswert ist nun in diesem Rahmen die komplexe Darstellung der Kreatur, deren Darstellung die US-amerikanische Presse zu Jubelstürmen und Superlativen hinreißen und das Publikum zu Massen in die Kinos strömen ließ. Karloff war vergönnt, was Lugosi nicht zu träumen gewagt hatte: Unter all dem Make Up lag es am Schauspiel des Akteurs, das als Monster stigmatisierte Wesen zu einer traurigen und orientierungslosen Kreatur zu machen, die in ihren Grundzügen mehrmals einem lernenden Kind ähnelt, mit zwei Ausnahmen, die es zu einem Monster werden lassen: Es wächst nicht etwa in einem trauten Heim auf, sondern vielmehr als Experiment eines Kreatoren, dem nicht daran liegt, ein Wesen zu schaffen, das er lieben kann, sondern dem es nur darum geht, überhaupt ein lebendes Wesen aus toten Leichenteilen zu erschaffen. Und weiterhin ist es kein “normales Kind”, sondern eine entstellte Kreatur, die ob ihrer Kräfte eine potenzielle Gefahr darstellt. So wird Frankensteins Monster zum gejagten Tier, das nur deswegen zur Bestie wird, weil es wie eine Bestie behandelt wird. Dieser Ansatz kulminiert am Ende in einer Szene rund um eine blinde Masse mit Mistgabeln und Fackeln, ebenfalls ein immer wiederkehrendes Motiv nicht nur im Horrorsektor. Massenpsychologie war zu Beginn der Dreißiger Jahre im Zuge der Großen Depression ein aktuelles Thema, und zeitgenössische Kritiker sahen in “Frankenstein” gar im Gesamten einen Film, der zum psychologisch perfekten Zeitpunkt in die Kinos kam. Die Wirtschaft war in ausweglose Zwangslagen verankert und der Bevölkerung ging es schlecht. Dieses Umfeld ließ Verständnis aufkommen gar für eine zwar gepeinigte Kreatur, die aber immerhin mehrere Menschen im Film tötet - ein Novum in der Filmgeschichte. Hieraus resultiert die eigentliche Komplexität der Filmfigur Frankenstein, womit der Film also auch in Wechselwirkung mit der damaligen wirtschaftlichen Situation interpretiert werden kann - als ein Produkt von ihr, als ein Produzent von ihr.
Eine besonders ergreifende Szene, die diesen Sachverhalt deutlich macht, findet Ende des zweiten Drittels statt und zeugt auch sehr vom Unverständnis der Zensoren, die dem Film durch ihre Zensur paradoxerweise genau das gaben, was sie eigentlich mit ihr verhindern wollten - ein von irrer Menschenhand geschaffenes Killergeschöpf ohne Reue. Die Szene mit dem kleinen Mädchen am See, welche als einzige nicht in den Universal Studios gedreht wurde (alle sonstigen Aufnahmen wurden in den Studios gedreht, was an klar als solche erkennbaren Matte Paintings deutlich wird), sollte eigentlich Zeugnis ablegen für das kindliche, im Endeffekt tragische Wesen der Kreatur, wie es schon in den Theaterstücken auf vielfältige Weise ausgedrückt wurde. Hier stößt Frankensteins Monster nach all der Peinigung speziell durch den buckligen Gehilfen erstmals auf ein anderes Lebewesen, das keine Angst vor ihm hat. Es freut sich und schließt sich mit freundlichem Gesinnen dem Mädchen an, das gerade Blumen ins Wasser wirft. Die Kreatur folgt dem Beispiel des Mädchens und wirft ebenfalls mit Blumen, um zu sehen, wie sie auf der Oberfläche schwimmen. In seinem Übermut schnappt sich die Kreatur dann das Mädchen und wirft es ins Wasser, um es schwimmen zu sehen wie die Blumen - doch es ertrinkt. Die Kreatur ist schockiert und traurig.
Indem nun der Wurf ins Wasser durch die Zensoren geschnitten wurde, entgeht dem Zuschauer der Sinn der Szene - es wirkt so, als habe Frankensteins Monster seinen Namen wirklich verdient, weil es ein kleines Mädchen ohne Gewissen einfach ins Wasser geworfen habe. Ähnlich sinnentfremdet kommen die restlichen Kürzungen daher. So wird Dr. Frankenstein durch die Zensur seines Triumphschreis sein “Mad Scientist”-Image genommen und die Erschaffung der Kreatur im Zuge der Charakterisierung eines rationalen Wissenschaftlers quasi legitimiert, denn ansonsten hat Colin Clives Figur durchaus Momente des absolut rationalen Denkens und Sachverstands.
Das sind jedoch Sinnentstellungen, die auf dritte Parteien zurückzuführen sind und letztendlich auch wieder begradigt wurden. Dennoch ist das komplette Resultat leider auch nicht frei von Fehlern. So wurde, vermutlich um das aggressive Verhalten des Monsters zu erklären, eine Szene in den Film integriert, in der man sieht, wie der bucklige Gehilfe das Gehirn für die Kreatur aus einem Vorlesungssaal entwendet. Er lässt das “normal brain” aus Versehen fallen, um schließlich aus Not das “abnormal brain”, welches einmal einem Verbrecher gehörte, mitzunehmen. Mit dieser Szene, die weder im Roman noch in einem der Theaterstücke vorkam, wird aber die zwiegespaltene Wesenheit Frankensteins, die doch ansonsten so gut funktioniert, ein Stück weit ad absurdum geführt. Auch hat das Skript im späteren Verlauf hin und wieder mit logischen Ungereimtheiten zu kämpfen, die aber doch verzeihlich sind, bedenkt man die Kürze der Laufzeit.
Zumindest inhaltlich unnötig wirkt auch der Handlungsstrang zwischen Elisabeth (Mae Clarke), der angehenden Gemahlin Frankensteins, und ihrem Bekannten Victor Moritz (John Boles), der für die Story kaum eine Verwendung hat, außer vielleicht um die Entfremdung vom wahnsinnigen Wissenschaftler herauszustellen; der Aufwand dafür ist durch den relativ viel Platz einnehmenden Subplot um Elisabeth und Victor allerdings unangemessen, zumal es ja weniger um Frankenstein geht als vielmehr um das, was er erschaffen hat. Dramaturgisch könnte dieser Subplot dadurch legitimiert werden, dass er dem Geschehen zu seiner wechselhaften Struktur verleiht, die stets zwischen dramatisch aufgepumpten Szenen und ruhigen Momenten wechselt - ohne den zusätzlichen Handlungsstrang hätte diese ausgefeilte Dramaturgie in der Form nicht aufrecht erhalten werden können.
Hochgelobt wurde auch Arthur Edisons Kameraarbeit, die der Zeit gemäß recht unkonventionell daherkommt, egal ob es sich um die Einführung der Protagonisten handelt oder um die Inszenierung der Reanimation. Optisch versuchte man, dem Film eine zeitlose Aura zu verleihen, indem regional auf etwas hinweisende Zeichen so weit wie möglich ausgelöscht wurden. Sofern dies nicht gelang, wurde wenigstens versucht, Widersprüche einzubringen, um den Handlungsort zu einem fiktiven Parallelszenario zu machen. Das Dorf (wie auch der Filmtitel) weist deutsche oder österreichische Wesenszüge auf, was aber mit gewissen im Film zu sehenden Gebräuchen korreliert oder auch mit anderen Kulturfragmenten, die beispielsweise eher auf angelsächsische Regionen hinwiesen.
Wenn auch einiges bei mir die Höchstwertung verhindert, so ist “Frankenstein” doch unverkennbar ein Meilenstein des Horrorfilms, der zu Recht diesen Namen trägt. Nicht nur hat er viele Archetypen und Ikonen hervorgebracht, auch wartet er mit einer Charakterzeichnung auf, wie man sie bei einem als “Monster” präsentierten Geschöpf noch nie gesehen hat. Weiterhin handelt es sich um einen der ersten Filme, bei denen ganz bewusst sehr gute Schauspielleistungen zu erkennen sind, die sich durch den Situationen angemessenen Verhaltensweisen auszeichnen und die letzten Spuren des overactenden Stummfilmkinos von sich abschütteln konnten. Inszenatorisch perfekt und dramaturgisch auf höchstem Niveau, stören lediglich wenige, dafür massive Schnitzer, die ein wenig der ansonsten ausgefeilten Grundlage zuwiderlaufen, mit der dieser frühe Klassiker in aller Regel so bravourös operiert.
