Ein Designerhaus am Rande einer Klippe auf Hawaii, dazu ein Cast, der hauptsächlich aus Mittzwanzigern besteht: Alle Rahmenbedingungen deuten auf einen exemplarischen Slasherstreifen hin, wie man sie jedes Jahr im Dutzend vorgesetzt bekommt. Wie eklatant sich die Strategien eines solchen allerdings verändern können, wenn man einfach mal den menschlichen Psychopathen mit einer ganz anderen Bedrohung ersetzt, zeigen 89 hochgradig intensive Minuten mit „Primate“.
Johannes Roberts bleibt zwar weiterhin der Mann fürs Grobe, so dass man sich kein tiefere anthropologische Auseinandersetzung mit den animalischen Urinstinkten in uns allen erwarten sollte, so wie sie Jordan Peele in der Sitcomsequenz aus „Nope“ noch andeutete. Was Roberts abliefert, ist das Primitive selbst, unreflektiertes Gen(re)material, getränkt mit dem sauren Geruch des nackten Überlebenskampfes. Das dafür aber immerhin so richtig.
Der durch den Biss eines Wildtiers infizierte Schimpanse Ben, eine Tierhorror-Leihgabe, liefert im Grunde genau den Impuls, den das Slashergenre so dringend benötigt. Die Gejagten sehen sich aufgrund der Natur des Jägers anderen Bedingungen ausgesetzt als üblich, wodurch sich auch die Möglichkeiten für den Regisseur beim Aufbau von Thrill und Suspense völlig neu berechnen. Die Besonderheiten der dreistöckigen Kulisse werden dabei konsequent genutzt. Ein Swimming Pool ist als Safe Zone so ziemlich alles, was die Jugendgruppe dem rasenden Wahnsinn entgegenzusetzen hat - ausgerechnet das Element, das Roberts bereits zweimal in seiner Karriere (und demnächst ein drittes Mal) zur Todeszone erklärt hatte, ermöglicht jetzt den Rückzug und eröffnet Planungsmöglichkeiten. „Primate“ ist also auch ein taktischer Film. Es kommt zum Duell zwischen menschlicher Intelligenz und animalischem Instinkt.
Denn der Film lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass ein direktes Aufeinandertreffen den sicheren Tod bedeuten würde. Attacken von ungezügelter grafischer Brutalität helfen dabei, diese Erkenntnis schnell ins kollektive Gedächtnis zu hämmern. In der Folge werden sogar Reminiszenzen an „Alien“ und „Jurassic Park“ wach, wenn etwa die Schnauze des Affen, dessen gesamte Erscheinung durch einfache Beleuchtungstricks teilweise wirklich monströs in Szene gesetzt wird, durch einen Vorhang oder eine Glastür hindurch langsam näher kommt. Dass er darüber hinaus die Gabe hat, seine Opfer zu verspotten, mit ihnen zu spielen oder sie in falsche Sicherheit zu wiegen, dass sogar immer wieder für Sekunden der liebenswerte Ben zum Vorschein kommt, den man uns zu Beginn noch präsentiert, lässt sein Handeln nur noch verstörender wirken. Quasi als Bonus kommt zudem ein Schlag „Don't Breathe“ hinzu, wann immer der gehörlose Schauspieler Troy Kotsur mitmischt. Das Sounddesign spielt da nur zu gerne mit und dreht gerne mal den Ton ab, wenn sich im Hintergrund eine haarige Silhouette aufbäumt.
Im Showdown gehen Roberts und seinem Co-Autoren Ernest Riera vielleicht trotzdem ein bisschen die Pferde durch. Aus den schweißtreibenden taktischen Manövern des starken Mittelteils entwickeln sich im Eifer des finalen Gefechts die unglaubwürdigeren Momente des Films, in denen die Kräfte und Abstraktionsfähigkeiten des Schimpansen vielleicht etwas zu sehr überdehnt werden. Vielleicht ist das auch ein Symptom der zweckmäßigen Erzählstruktur, die schon im vorauseilenden Prolog eher Konventionen befolgt als Kreativität walten zu lassen. Davon abgesehen ist „Primate“ aber wirklich die Sorte nervenzehrendes, auf das Nötigste reduziertes Terrorkino, wie man es in dieser Intensität nicht alle Tage zu sehen bekommt.
