Thief
BD / Regie: Michael Mann
Talent ist früh erkennbar, so zeigte sich Michael Mann mit seinem Debüt «Thief» als fähiger Regisseur im Bereich des realistischen und düsteren Gangsterfilmes. James Caan gibt alles in der Hauptrolle und spielt sich emotional durch Dialog- und Actionszenen, Personen wie Tuesday Weld und Willie Nelson ergänzen den guten Cast. Die graue Umgebung von Chicago wird perfekt eingefangen, der Pfad Richtung Wohlstand ist mit Fallen und illegalen Geschäften gepflastert. Das kann nicht gut ausgehen, für die Zuschauer:innen ist dies positiv.
Glass
Streaming, Disney+ / Regie: M. Night Shyamalan
«Unbreakable» bleibt mein liebster Film von M. Night Shyamalan: Inhalt, Tempo, Inszenierung und Score, alles greift perfekt ineinander. Mit der Erweiterung des Superhelden-Themas wusste Jahre später «Split» zu überzeugen, «Glass» ist der Abschluss dieser Trilogie und bringt alle Figuren und Geschichten zusammen.
Leider nicht sehr überzeugend, gefallen zwar James McAvoy, Bruce Willis, Sarah Paulson und Anya Taylor-Joy (ihr Auftritt ist viel zu kurz) in ihren Rollen, das Drehbuch aber schwächelt an diversen Stellen. Weder wird eine Balance zwischen den einzelnen Aspekten gefunden, noch weiss die Auflösung zu gefallen. Wer nicht unter dem Komplettierungswahn leidet, muss hier nicht einschalten.
My Childhood
BD / Regie: Bill Douglas
Das Bild ist grobkörnig, die Umgebung trostlos. Trotzdem lässt sich zwischen den Schicksalsschlägen und dem brutalen, zwischenmenschlichen Umgang die kindliche Freude nicht unterkriegen. Mit seinem ersten Film der semi-biografischen Trilogie kreierte Bill Douglas ein Kleinod des realistischen Kinos. Weniger als eine Stunde lang, fast ohne Dialoge und als lose Erzählung konzipiert – «My Childhood» lebt von Gefühlen und bildlichen Ausdrücken, ein Zauber entsteht.
Happy Death Day 2 U
Streaming, Netflix / Regie: Christopher Landon
Mit dem ersten und tödlichen Geburtstagsgruss lieferte Christopher Landon durch die Einführung einer Zeitschlaufe eine meist unterhaltsame Abwandlung des Slasher-Themas ab. Die Fortsetzung macht dies noch einmal, verzichtet aber grösstenteils auf Blut und Morde, sondern lässt das Drehbuch ganz tief in der High-School-Comedy waten. Jessica Rothe darf erneut leiden, Sarah Yarkin ist cool und Ruby Modine muss unbedingt mehr Rollen erhalten. Ansonsten aber gibt es viele Totalausfälle in den Bereichen Geschichte, Struktur, Stimmung und Inszenierung zu verzeichnen. Feiert ohne mich weiter.
The Exam
Streaming, Filmingo / Regie: Shawkat Amin Korki
Wenn Rojin die Aufnahmeprüfungen für die Universität nicht besteht, muss sie eine Zwangsheirat eingehen. Leider aber scheint die einzige Lösung das Schummeln zu sein. Mit jeder Handlung und jedem Tag greift die patriarchale Zange wieder stärker zu, die Zukunft verdunkelt sich.
«The Exam» ist ein Drama aus dem irakisch-kurdischen Souleimaniye, das die dort vorherrschenden Strukturen und Unterdrückungen darstellt, ohne eine übertriebene Handlung zu präsentieren. Shawkat Amin Korki bleibt nahe bei seinen Figuren und lässt die Ausweglosigkeit spürbar werden, auch wenn vieles im gewohnten, dramatischen Schema abläuft.
Wer hat die Konfitüre geklaut?
Kino / Regie: Cyrill Oberholzer, Lara Stoll
Verwirrung, nicht nur im Kopf von Patrick Frey. Dabei hätte mir klar sein sollen, dass bei einem Film von Cyrill Oberholzer und Lara Stoll (Bild mit Ton) vor allem eines passiert: Chaos. «Wer hat die Konfitüre geklaut?» ist 90 Minuten Schabernack, Kasperli-Theater mit echten Menschen, Krimigeschichte mit sinnlosen Szenen, herrlichen Copyright-Verletzungen und viel Humor, direkt aus dem Internet. Das ist verflucht doof, unterhält grossartig und zeugt von einer Lust an Gefahr und Wahnsinn, die dem Schweizer Filmschaffen zu oft fehlt. Die wirre Kameraführung und knallbunte Beleuchtung tun ihr Übriges. Aber Achtung: Nach dem Filmgenuss will man sich sofort durch die Diskografie von Michael Jackson hören – oder unzählige Berliner verspeisen.
My Ain Folk
BD / Regie: Bill Douglas
Von der harten Kindheit in «My Childhood» zur zerrütteten Familienstruktur bei «My Ain Folk». Bill Douglas bietet mit dem zweiten Teil seiner Trilogie eine realistische Erweiterung der Geschichte um Jamie und Tommy. Unterdrückung, häusliche Probleme und die Widerstände in Schule und Alltag – der kurze Film ist eine harte, poetische, aber niemals verklärende Darstellung des Lebens im England der Fünfzigerjahre. Die schwarzweissen Aufnahmen sind wundervoll komponiert, die Emotionen real.
Quo Vadis, Aida?
Streaming, Filmingo / Regie: Jasmila Zbanic
Als wäre die Geschichte von «Quo Vadis, Aida?» nicht bereits genügend bedrückend, wiederholt sich das Geschehen aktuell in der Ukraine. Die Menschheit will nicht lernen, die machtgierigen Egomanen können nicht aus der Welt geschafft werden.
Der Spielfilm von Jasmila Zbanic behandelt das Massaker von Srebrenica aus der Sicht einer UN-Übersetzerin (sehr gut von Jasna Djuricic gespielt), ein Schmelztiegel aus moralischen Fragen, Problemen und persönlichen Wünschen entsteht. Gut gefilmt und mit greifbarer Atmosphäre ausgestattet, ist die Produktion emotional eindringlich. Besonders die ruhigen Momente und die Nahaufnahmen von Gesichtern beinhalten viel Wucht. Ein wichtiger Film über einen schrecklichen Tiefpunkt in der Geschichte Europas.
Premonition
DVD / Regie: Norio Tsuruta
Tartan packte «Premonition» seinerzeit in die DVD-Reihe «Asia Extreme», gefährlich und heftig ist an diesem J-Horror aber nichts. Norio Tsuruta versucht sich an einer überkonstruierten Geschichte, die an Genre-Vertreter wie «Ringu», «One Missed Call» oder «The Grudge» erinnert, allerdings nie deren Güte erreicht. So hangelt man sich durch einen langsamen Film voller uninteressanter Charaktere, die in trist-urbaner Umgebung dem mörderischen Rätsel von Schlagzeilen aus der Zukunft auf den Grund gehen. Macht selten Sinn und Spass.
An Evening with Beverly Luff Linn
BD / Regie: Jim Hosking
Mit dem eklig-absurden “The Greasy Strangler” begeisterte mich Jim Hosking. Sein nächster Film “An Evening with Beverly Luff Linn” ist erneut ein kurioses Stück, durchdesignt und voller unsympathischer Figuren. Leider aber schleicht die Geschichte in zu langsamem Tempo voran und packt nie. Das verhindert einen Volltreffer, besonders dank der starken Leistung von Aubrey Plaza und dem Rest des Casts (ausgenommen Emile Hirsch, dessen Spiel nicht atmosphärisch ist) ist jede Szene trotzdem sehenswert.
Ganz zu schweigen von den fantastischen Aufnahmen, der farblichen Gestaltung, der Kostüme und der Musikauswahl («Supernature» von Cerrone!). Kurios, anders.
