Mary & Max oder schrumpfen Schafe wenn es regnet?
Verfasst: 26.08.2010, 09:25
Mary & Max oder schrumpfen Schafe wenn es regnet?

Copyright der Bilder: Melodrama Pictures / MFA+ Filmdistribution
Originaltitel: Mary and Max
Herstellungsland: Australien
Erscheinungsjahr: 2009
Regie: Adam Elliot
Sprecher: Toni Collette, Philip Seymour Hoffman, Eric Bana, Barry Humphries, Bethany Whitmore, Renée Geyer u.a.
Mary ist ein chronisch einsames, australisches Mädchen, das vom Leben nicht unbedingt mit Schönheit dafür mit einer alkoholkranken und depressiven Mutter gesegnet wurde. Eines Tages erzählt ihr diese, dass man in Australien die Babys auf dem Boden eines Bierglases finden würde. Als Mary eine Broschüre über die USA im städtischen Postzentrum vorfindet und diese durchblättert, fragt sie sich, ob denn in den USA die Babys am Boden von Coca Cola Dosen gefunden werden. Eine nachvollziehbare Theorie, immerhin ist in den USA Coca Cola so beliebt wie in Australien das Bier. Ihre Neugier ist geweckt und sie beschließt, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Sie reißt willkürlich eine Seite aus einem herumliegenden amerikanischen Telefonbuch und schreibt einer Person, die auf der Seite vermerkt ist.
Tage später erreicht Max in New York ein Brief, der ihn in einen Zustand der Panik versetzt. Max ist chronisch einsam, leidet am Asperger Syndrom und hat Angst vor menschlicher Nähe. Ein Brief eines kleinen Mädchens mit Fragen um Babys stürzt seine ganze Welt ins Chaos. Doch Max fasst sich ein Herz ... und er antwortet ... er schreibt sein ganzes Leben nieder und schickt dies Mary. Die Folge ist ein jahrelanger Briefwechsel, der beide zu echten Freunden macht. Doch Max Krankheit lässt immer wieder lange Pausen entstehen. Mary beschließt daraufhin, seine Krankheit zu untersuchen. Sie studiert Psychologie und nutzt Max als Fernstudiumsmöglichkeit. Aufgrund ihrer Arbeit promoviert sie mühelos und schreibt ein Buch. Dieses schickt sie Max zu, der erst jetzt erfährt, dass er Marys Versuchskaninchen war ... Seine Reaktion stürzt Mary in tiefe Depressionen ...

Mary and Max ist eines dieser filmischen Kleinode, das einen bei der Rezeption zunächst etwas ratlos zurücklässt. Mary and Max macht es sich nämlich zur Aufgabe, dem Zuschauer einiges abzuverlangen. Zutiefst gebrochene Figuren lavieren hier mit tiefschwarzem Galgenhumor durch eine triste und traurige Welt, die sie als Persönlichkeiten gar nicht wahrnimmt, oder sie in Szenarios stürzt, die einem wie ein schlechter Witz erscheinen (die Liebe eines Charakters zu einem neuseeländischen Schafhirten sei stellvertretend genannt). Obendrein laviert auch der Film beständig zwischen zum Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt hin und her. Gerade hielt man sich noch den Bauch über Max Marotten, da ist man schon Zeuge, wie er mit Elektroschocks diese Ticks ausgetrieben bekommt. Oder stolpert Mary gerade wieder von einem witzigen Fettnäpfchen zum anderen, um plötzlich mit einem Strick um den Hals in ihrer Wohnung zu stehen. Und dieses Lavieren zwischen
den Extremen lässt einen als Zuschauer irgendwann zweifeln, ob dieses Experiment irgendwann zu einem befriedigenden Ende gebracht werden kann.
Und dann kommt das Ende. Unmittelbar. Zutiefst menschlich. Ehrlich. Unverkitscht. Wahrhaftig. Todtraurig und wunderschön zugleich. Es ist wie eine alles verschmelzende Kraft, die das bisher vorherrschende Stimmungsgewirr zu einem wunderbar funktionierenden Ganzen vereint und aus Mary and Max vermutlich das Feel Good Movie des aktuellen Filmjahres macht, das einen mit einem breiten Lächeln und gleichzeitig tränenden Augen in die Realität entlässt und lange Zeit nicht mehr loslässt.

Gestaltet wurde dieses kleine Filmwunderwerk in Form eines Clay Animation Filmes. Also in Stop Motion Handarbeit und auf die Art und Weise, wie beispielsweise Wallace und Gromit geschaffen wurden. Doch Mary and Max ist ungleich düsterer und zugleich viel poetischer als die Aardmanfilme. Dabei erreicht man deren Detailreichtum und „Glattheit“ zwar zu keinem Zeitpunkt, will das offensichtlich aber auch gar nicht. So sind die eigentlichen Animationen der Figuren vom Allerfeinsten und zeigt sich die ganze technische Klasse des Projektes. Doch die Figuren selbst sind kantig, wirken ab und an gar grobschlächtig, wachsen einem aber aufgrund des großartigen Charakterdesigns dennoch unvermittelt ans Herz. Auch alle Umgebungen wurden komplett aus Knetmaterialien hergestellt, was dem Streifen einen ganz eigenen Look verleiht und beispielsweise das New York Setting fast surreal erscheinen lässt. New York kommt zudem in einem extrem grauen, fast schon komplett farbentzogen wirkenden Look daher, in dem nur wenige Details Farbtupfer ins Spiel bringen. Australien ist dagegen erdig braun gehalten, verzichtet aber ebenfalls auf zu viele farbige Einsprengsel. Grandios ist der Moment, wenn Mary am Ende in New York unterwegs ist und sie inmitten des grauen Großstadtmolochs mit einem hellbraunen, fast güldenen Schein versehen wird. Was begeistert, sind die starken, extrem dynamischen Kamerafahrten in den Sets, die mehr als einmal für offene Münder sorgen.
Für die Sprechrollen wurden vornehmlich australische Charakterdarsteller gecastet, die alleine schon ungefähr die Richtung vorgeben, in die Mary and Max geht. Max wird von Phillip Seymour Hoffmann (Amerikaner) gesprochen, Mary von Toni Collette und der Ehemann Marys von Eric Bana, beide Australier. Und einen weiteren Landsmann, der vornehmlich in den USA arbeitet, konnte die australische Produktion an Bord holen, denn den Weltvertrieb übernahm Mel Gibsons Produktionsfirma.

Das Ergebnis ist eine großartige Ode an die Freundschaft, die technisch perfekt, mit spleenigen Figuren und unverhofften Stimmungsumschwüngen einen ungewöhnlichen Weg zum nicht ganz so fröhlichen Happy End wählt und einen als besseren Menschen in die Realität entlässt. Es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Film im kommenden Jahr nicht den Animationsfilmoscar abräumen sollte. Das einzige, worüber ich mir gar keine Gedanken machen will, weil es andeutet, wo die „Probleme“ des Filmes liegen, ist, wie man dieses Meisterwerk vermarkten will, denn für Kinder ist er viel zu erwachsen und schräg und die Erwachsenen sind in unseren Breiten nach wie vor einfach kein Zielpublikum für Animationsfilme, sind diese doch eh „nur für Kinder gemacht“. Eine Fehleinschätzung, wie diese Perle beweist ...

In diesem Sinne:
freeman

Copyright der Bilder: Melodrama Pictures / MFA+ Filmdistribution
Originaltitel: Mary and Max
Herstellungsland: Australien
Erscheinungsjahr: 2009
Regie: Adam Elliot
Sprecher: Toni Collette, Philip Seymour Hoffman, Eric Bana, Barry Humphries, Bethany Whitmore, Renée Geyer u.a.
Mary ist ein chronisch einsames, australisches Mädchen, das vom Leben nicht unbedingt mit Schönheit dafür mit einer alkoholkranken und depressiven Mutter gesegnet wurde. Eines Tages erzählt ihr diese, dass man in Australien die Babys auf dem Boden eines Bierglases finden würde. Als Mary eine Broschüre über die USA im städtischen Postzentrum vorfindet und diese durchblättert, fragt sie sich, ob denn in den USA die Babys am Boden von Coca Cola Dosen gefunden werden. Eine nachvollziehbare Theorie, immerhin ist in den USA Coca Cola so beliebt wie in Australien das Bier. Ihre Neugier ist geweckt und sie beschließt, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Sie reißt willkürlich eine Seite aus einem herumliegenden amerikanischen Telefonbuch und schreibt einer Person, die auf der Seite vermerkt ist.
Tage später erreicht Max in New York ein Brief, der ihn in einen Zustand der Panik versetzt. Max ist chronisch einsam, leidet am Asperger Syndrom und hat Angst vor menschlicher Nähe. Ein Brief eines kleinen Mädchens mit Fragen um Babys stürzt seine ganze Welt ins Chaos. Doch Max fasst sich ein Herz ... und er antwortet ... er schreibt sein ganzes Leben nieder und schickt dies Mary. Die Folge ist ein jahrelanger Briefwechsel, der beide zu echten Freunden macht. Doch Max Krankheit lässt immer wieder lange Pausen entstehen. Mary beschließt daraufhin, seine Krankheit zu untersuchen. Sie studiert Psychologie und nutzt Max als Fernstudiumsmöglichkeit. Aufgrund ihrer Arbeit promoviert sie mühelos und schreibt ein Buch. Dieses schickt sie Max zu, der erst jetzt erfährt, dass er Marys Versuchskaninchen war ... Seine Reaktion stürzt Mary in tiefe Depressionen ...

Mary and Max ist eines dieser filmischen Kleinode, das einen bei der Rezeption zunächst etwas ratlos zurücklässt. Mary and Max macht es sich nämlich zur Aufgabe, dem Zuschauer einiges abzuverlangen. Zutiefst gebrochene Figuren lavieren hier mit tiefschwarzem Galgenhumor durch eine triste und traurige Welt, die sie als Persönlichkeiten gar nicht wahrnimmt, oder sie in Szenarios stürzt, die einem wie ein schlechter Witz erscheinen (die Liebe eines Charakters zu einem neuseeländischen Schafhirten sei stellvertretend genannt). Obendrein laviert auch der Film beständig zwischen zum Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt hin und her. Gerade hielt man sich noch den Bauch über Max Marotten, da ist man schon Zeuge, wie er mit Elektroschocks diese Ticks ausgetrieben bekommt. Oder stolpert Mary gerade wieder von einem witzigen Fettnäpfchen zum anderen, um plötzlich mit einem Strick um den Hals in ihrer Wohnung zu stehen. Und dieses Lavieren zwischen
den Extremen lässt einen als Zuschauer irgendwann zweifeln, ob dieses Experiment irgendwann zu einem befriedigenden Ende gebracht werden kann.
Und dann kommt das Ende. Unmittelbar. Zutiefst menschlich. Ehrlich. Unverkitscht. Wahrhaftig. Todtraurig und wunderschön zugleich. Es ist wie eine alles verschmelzende Kraft, die das bisher vorherrschende Stimmungsgewirr zu einem wunderbar funktionierenden Ganzen vereint und aus Mary and Max vermutlich das Feel Good Movie des aktuellen Filmjahres macht, das einen mit einem breiten Lächeln und gleichzeitig tränenden Augen in die Realität entlässt und lange Zeit nicht mehr loslässt.

Gestaltet wurde dieses kleine Filmwunderwerk in Form eines Clay Animation Filmes. Also in Stop Motion Handarbeit und auf die Art und Weise, wie beispielsweise Wallace und Gromit geschaffen wurden. Doch Mary and Max ist ungleich düsterer und zugleich viel poetischer als die Aardmanfilme. Dabei erreicht man deren Detailreichtum und „Glattheit“ zwar zu keinem Zeitpunkt, will das offensichtlich aber auch gar nicht. So sind die eigentlichen Animationen der Figuren vom Allerfeinsten und zeigt sich die ganze technische Klasse des Projektes. Doch die Figuren selbst sind kantig, wirken ab und an gar grobschlächtig, wachsen einem aber aufgrund des großartigen Charakterdesigns dennoch unvermittelt ans Herz. Auch alle Umgebungen wurden komplett aus Knetmaterialien hergestellt, was dem Streifen einen ganz eigenen Look verleiht und beispielsweise das New York Setting fast surreal erscheinen lässt. New York kommt zudem in einem extrem grauen, fast schon komplett farbentzogen wirkenden Look daher, in dem nur wenige Details Farbtupfer ins Spiel bringen. Australien ist dagegen erdig braun gehalten, verzichtet aber ebenfalls auf zu viele farbige Einsprengsel. Grandios ist der Moment, wenn Mary am Ende in New York unterwegs ist und sie inmitten des grauen Großstadtmolochs mit einem hellbraunen, fast güldenen Schein versehen wird. Was begeistert, sind die starken, extrem dynamischen Kamerafahrten in den Sets, die mehr als einmal für offene Münder sorgen.
Für die Sprechrollen wurden vornehmlich australische Charakterdarsteller gecastet, die alleine schon ungefähr die Richtung vorgeben, in die Mary and Max geht. Max wird von Phillip Seymour Hoffmann (Amerikaner) gesprochen, Mary von Toni Collette und der Ehemann Marys von Eric Bana, beide Australier. Und einen weiteren Landsmann, der vornehmlich in den USA arbeitet, konnte die australische Produktion an Bord holen, denn den Weltvertrieb übernahm Mel Gibsons Produktionsfirma.

Das Ergebnis ist eine großartige Ode an die Freundschaft, die technisch perfekt, mit spleenigen Figuren und unverhofften Stimmungsumschwüngen einen ungewöhnlichen Weg zum nicht ganz so fröhlichen Happy End wählt und einen als besseren Menschen in die Realität entlässt. Es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Film im kommenden Jahr nicht den Animationsfilmoscar abräumen sollte. Das einzige, worüber ich mir gar keine Gedanken machen will, weil es andeutet, wo die „Probleme“ des Filmes liegen, ist, wie man dieses Meisterwerk vermarkten will, denn für Kinder ist er viel zu erwachsen und schräg und die Erwachsenen sind in unseren Breiten nach wie vor einfach kein Zielpublikum für Animationsfilme, sind diese doch eh „nur für Kinder gemacht“. Eine Fehleinschätzung, wie diese Perle beweist ...

In diesem Sinne:
freeman