Explizite Lyrik (1995)

Technische Daten
Vertrieb: Musical Tragedies
Laufzeit: 73:19 Min.
Anzahl der Tracks: 20
Extras: Keine
Booklet: 20 rosa Seiten
Verpackung: Jewelcase
Tracklist
01. Kuschelmetal
02. Schlaf Kindlein, schlaf
03. Walk With an Erection
04. Eistee's Mainzelcount
05. Ejaculatio Praecox
06. Mei Alde is' im Playboy drin
07. Skorpione - Vom Winde verdreht
08. Frauen
09. Ka Alde, Ka G'schrei
10. Gimme Doop Joanna
11. Diggin' the Nose (Hier bohrt der Boss noch selbst)
12. Mir sta'dd'n etz die Feier
13. Der um das Klo tanzt (Kuck mal, wer da kackt)
14. Symphonie der Verstopfung
15. Schlumpfozid im Stadtgebiet
16. Odysse auf UKW
17. Rache!
18. Könige
19. Ein guter Tag zum Sterben
20. J.B.O.
Kritik
Noch in den späten Neunzigern bin ich bei den schwarz-rosa-güldnen Funmetallern aus Erlangen wieder ausgestiegen. Nicht weil ich an dem Blöedsinn nicht immer noch meinen Spaß hätte, eher, weil ich das Gefühl hatte, mit der Zeit sei die Permanenz des Bestehens der Band (2004 wurden es 15 Jahre) der improvisierten Art entgegengelaufen. J.B.O. interpretieren bekannte Nackenbrecher aus Rock und Metal (teilweise aber auch darüber hinaus) neu und bereichern die Versionen um teilweise ebenso dumme wie lustige Textmutanten in überwiegend deutscher Sprache. Das verleiht ihnen die Aura der Szenekenner, die genug Weitblick haben, um ihre eigenen Ursprünge nicht allzu ernst zu nehmen. Eher im Gegenteil. Nur Bands, die genug Selbstbewusstsein haben, werden darüber lachen, wie J.B.O. ihre Songs vergewaltigen. James Last scheint nicht genug Selbstbewusstsein gehabt zu haben, denn das “James Blast Orchester” musste sich auf Druck seiner Plattenfirma in J.B.O. umbenennen.
Das “Parentale Advisorium - Explizite Lyrik” ist nach “Eine gute CD zum Kaufen” und “BLASTphemie” das erste Full-Size-Album mit satten 20 Songs und Interludes, die jedem Comedy-Metaller ein Grinsen aufs Gesicht zaubern dürften. In der illustren Runde der Verarschten geben sich jene Bands die Klinke in die Hand, die Mitte der 90er das Programm bei MTV und die Rockszene im Allgemeinen bestimmt haben: Metallica, Nirvana, die Scorpions, aber auch die Beatles und andere geben ihr unfreiwilliges Stelldichein.
Nach dem ausgewalzten Intro “Kuschelmetal” geht’s los mit Blasphemie an den ganz Großen: Metallicas “Enter Sandman” wird in “Schlaf Kindlein, Schlaf” mal eben zur Gutenachtgeschichte für Kinder umfunktioniert, und Nirvanas Über-Hit “Smells Like Teen Spirit” dient als Vorlagengeber für die Problematisierung der vorzeitlichen Ejakulation (“Ejaculatio Praecox”). Derweil heißt“Walk Like An Egyptian” von den Bangles hier natürlich “Walk With An Erection” und handelt von einem Mann im Schwimmbad, dessen Prügel sich in der engen Badehose unaufgefordert zu Wort meldet. Und Groenemeyers “Männer” inspiriert - natürlich - dazu, dass sich J.B.O. mal mit dem weiblichen Wesen auseinander setzen... in “Frauen” (“Frauen backen Kuchen, Frauen sind schon als Baby dick, Frauen rauchen Slim Line, Frauen sind furchtbar schick, Frauen machen Diäten, Frauen steh’n auf nen guten Fi... Film.”). Dass sich dabei meist auf das Offensichtlichste gestürzt wird und man nicht gerade mit Subtilität glänzt, versteht sich von selbst - die Band zeigt ihre Klasse darin, mit welcher Absurdität das Offensichtliche dann in Worte gekleidet wird.
Dazwischen gibt es immer mal wieder kleine Intermezzos experimenteller Art (“Eistee’s Mainzelcount” etwa zählt in einem von kurzen Metalriffs umgarnten Countdown sämtliche Mainzelmännchennamen auf und verspricht in einen totalen Nackenbrecher zu münden, was er aber dann doch nicht tut; dafür feiern die Schlümpfe später auf der Platte in “Schlumpfozid im Stadtgebiet” ihren Einstand).
Zwischendrin werden Hannes, Vito, Holmer und Schmitti auch mal selbst kreativ und komponieren eigenes Material, was sich in den letzten Jahren extrem verstärkt haben soll. Hier geht’s meist um Drogen und Sex - naheliegend. Da kommen dann auch mal dominante Bob Marley-Einschläge rein in dem Reggae-Stück “Ka Alde, Ka G’schrei”. Das folgende “Gimme Doop Joanna” kann man dann als Psychedelic Speed Metal mit Hardcore- und Experimental-Einflüssen umschreiben. Ansonsten spezialisieren sich die Herren auf Party-Hard-Rock-Nummern à la Werner wie “Mei Alde is’ im Playboy drin” oder “Mir sta’dd’n etz die Feier”.
Auf “Seite B” (aber keine Angst, die Disc ist kein Flipper, das ist nur eine nette Geste Richtung gute alte Musikkassette) wird dann unter anderem noch “Born in the USA” aka “Diggin’ the Nose” mit dem hübschen Refrain “Bohrn in der Nase” geadelt und das textliche Highlight aus “Der um das Klo tanzt” bildet den Höhepunkt in puncto Songwriting. Ich darf mal zitieren: “Störung der Peristaltik, Exkrementbeton. Gequält vom kleinen Popo, schrei ich die Symphonie der Verstopfung”. Ein letztes Highlight ist selbstverständlich die obligatorische Ballade “Ein guter Tag zu sterben”, die in abgeänderter Form auf jedem Album (das mir bekannt ist) zu finden ist.
Ansonsten gibt es am Ende jedoch leider auch einiges an Leerlauf. Auch im Gesamtbild erreicht “Explizite Lyrik” trotz teils genialer “Poesie” noch nicht den großen Unterhaltungsfaktor wie anschließend “Laut!” oder das etwas kommerziellere “Meister der Musik”. Es bleibt recht viel Füllmaterial, das zumindest musikalisch nicht so sehr gefallen mag; die Highlights der Platte jedoch überzeugen lyrisch wie musikalisch gleichermaßen als gekonnte Verarsche auf niedrigem Niveau.
Extras
Außer ein äußerst amüsantes Impressum im Booklet keine.
Artdesign
Unser Timo würde wohl die
zücken, aber meiner Meinung nach ist die deutsche Flagge schön so, wie sie ist. Dieses Schwarz-Rosa-Bronze ist schon (natürlich mit voller Absicht) schrecklich hässlich. Das Booklet ist von innen hellrosa, bringt erfreulicherweise die Texte zum Mitschunkeln und vier, fünf Fotos von bandmitgliedern in dummen Posen, dazu Werbung für verschiedene Erlanger Geschäfte. Und einen besonderen Blick wert ist natürlich das knuddelige Backcover.Fazit
Bei JBO bitte irgendwo vorne mit dem Sammeln anfangen. "Explizite Lyrik" ist kein schlechter Einstieg, war auch mein erstes Album, das dann aber zumindest von der "Laut!" noch getoppt wurde. Aufgrund gelungener Verballhornung besonders der Stücke von Metallica, Nirvana und Herbert Grönemeyer jedoch definitiv hörenswürdig.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
Weitere Bilder



