Warriors Two

Der Action Film der 80er, der 90er und heute.
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Sir Jay
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Warriors Two

Beitrag von Sir Jay » 22.06.2008, 23:30

Warriors Two
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Originaltitel: Zan xian sheng yu zhao qian hua
Herstellungsland: Hongkong
Erscheinungsjahr: 1978
Regie: Sammo Hung
Darsteller: Casanova Wong, Sammo Hung , Leung Kar Yan, Dean Shek, Peter Chan Lung, Chung Fat, Fung Hak On, Lam Ching Ying, Lee Hoi Sang, Lau Kar Wing, Eric Tsang, Yang Cheng Wu


Was wollen Kung Fu-Filme eigentlich wirklich?
Geht es Regisseur und Produzent wirklich darum die dramatische Geschichte eines einzelnen Kriegers, im Kampf gegen skrupellose Tyrannen zu erzählen?
Soll der Zuschauer wirklich Teil eines Dramas werden, mit dem Protagonisten mitfühlen, und sich über dessen glorreichen Sieg freuen?
Nein, denn das gelingt erfahrungsgemäß ohnehin nur äußerst selten.
Natürlich geht es in Kung Fu Filmen in erster Linie um Martial Arts, bzw. um die Anwendung Selbiger um in sich ständig auftuenden Kämpfen zu bestehen.
Viele dieser Filme belassen es aber auch nicht einfach so bei dieser Oberflächlichkeit, und beleuchten gut und gerne mal das, was hinter dem abstrakten Begriff „Kung Fu“ überhaupt steckt.

Dort drin steckt nämlich jede Menge dahinter, hunderte von Stilen, um genauer zu sein, jeder wiederum mit seinen eigenen, Technik spezifischen Abzweigungen.
Kung Fu ist, für alle die es nicht wissen, keine Kampfkunst für sich selbst, sondern viel mehr (zumindest im westlichen Sprachgebraucht) der Sammelbegriff für chinesische Kampfkünste.
Ein Vergleichbar abstrakter Begriff wäre „Ballsport“.
Ob wir es nun mit Fussball oder Basketball zu tun haben verrät dieser Begriff nicht.

So ist auch Kung Fu nicht gleich Kung Fu, wenn natürlich auch alle chinesischen Kampfkünste das Prinzip der flüssigen Bewegung gemeinsam haben.
Trotzdem unterscheiden sich viele Stile so sehr voneinander, dass man hierfür speziell eine grobe Aufteilung in „nördliches“ und „südliches“ Kung Fu eingeführt hat.
Nördliche Techniken zeichnen hohe Tritte und akrobatische Sprünge aus, während südliche Techniken bodenständiger bleiben.

Damit ist die Präsentation von nördlichen Techniken natürlich viel Kino-tauglicher, was aber nicht bedeutet, dass das die Chinesen davon abhalten würde auch mal einen südchinesischen Stil zu präsentieren.
In dem von Raymond Chow produzierten und Sammo Hung deregierten „Warriors Two“ liegt das Augenmerk auf den wohl weit verbreitetsten Kung Fu Stil überhaupt, dem Wing Chun.
Dieser Kung Fu-Stil, ursprünglich von einer Frau zur Selbstverteidigung entwickelt, von Yip Man erstmals öffentlich gelehrt, und von Größen wie Bruce Lee oder Stephen Chow praktiziert, zeichnet sich durch seine unglaublich schnellen Kettenfauststößen, der defensiven, nach hinten gebeugten Körperhaltung, sowie den sehr direkten, aggressiven Bewegungen aus.
Aufgrund seiner herausragenden Bodenständigkeit, durch den Verzicht auf hohe Tritte und Sprünge irgendwelcher Art, ist Wing Chun der Stil unter den chinesischen Kampfkünsten, der zur Selbstverteidigung in einem realistischen Straßenkampf noch am ehesten geeignet ist.

Doch Moment!
Realistische Straßenkämpfe in einem Kung Fu Film aus den späten 70ern?
Das klingt nicht gerade Genre freundlich.
Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Sammo Hung in „Warriors Two“ trotz seiner primären Konzentration auf den Wing Chun Stil, speziell in den Kämpfen gerne einige Extras einbaut, die nicht aus dem Repertoire der Wing Chun Techniken entstammen.

In den Trainingsszenen jedoch, die immerhin etwa ein Drittel des gesamten Filmes ausmachen, wird jede Menge reines Wing Chun geboten, und diese sind, wie in vielen chinesischen Martial Arts Filmen, die memorabelsten Szenen des Filmes.
Bevor es dazu jedoch kommt, muss der formelhafte Plot in die Gänge kommen, und involviert den Kassierer Wah (Casanova Wong) in einer Verschwörung, die den Bürgermeister stürzen möchte.
Er wird Zeuge des Mordes, und wird deswegen nun auch gejagt, kann aber durch die Hilfe von Fei Chun (Sammo Hung) gerettet werden.
Dort bei Meister Leung Jan (Leung Kar-Yan) angekommen geht es auch schon in dessen Lehre, um den zukünftigen Kampf gegen die Schergen bestehen zu können...

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Links unser Held mit dem Meister und rechts mitm Sammo X.x

Ohne ein weiteres Wort über diesen stereotypen Plot zu verlieren, möchte ich auf die Darstellung des Wing Chun in diesem Film eingehen.

Als selbst Wing Chun praktizierender Schüler, war es für mich wahrhaftig eine Freude mit an zusehen, wie meisterhaft Sifu Leung Jan die Siu Lim Tao und Chum Kiu Form ausführt.
Zwar werden einzelne Bewegungen an einigen Stellen nicht immer exakt so ausgeführt, wie ich es gelernt habe, das ist auch bei einem Überlieferungsweg von mehreren Tausend Kilometern und einem Zeitunterschied von 30 Jahren auch nachvollziehbar, dennoch habe ich mich zu Hause gefühlt, denn ich habe alle Bewegungen wiedererkannt.
Ein großartiges Gefühl in Nahaufnahme zu Erleben, wie Sammo Hung, und seine Schauspiel-Kollegen in die Wing Chun typische Kampfstellung gehen, und sie dabei genauso ausführen, wie es auch in Deutschland oder anderen Teilen der Welt nicht anders gelehrt wird.
Zum erstenmal war Martial Arts in einem Film für mich wirklich greifbar, statt weit weg, fernab jeder Realität.

Auch die Holzpuppenform wird sowohl von Meister als auch Schüler anschaulich präsentiert, in Sparringszenen zusammen mit Sammo Hung kommt es zu einigen Chi Sao (klebende Hand) Einlagen, und der lange Kampfstock sowie die zwei Zwillings Kurzschwerter kommen auch zum Einsatz; ersteres auch in einigen wirklich kuriosen Übungen, wie z.b dem Zerschlagen von am Boden liegenden Kernen, oder der richtig getimte Stich durch einen Ring, hinter dem eine Kugel pendelt.

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Links der Beginn der Siu Lim Tao Form, Rechts mitten in der Chum Kiu Form; wirklich sehr schön präsentiert von Leung Kar Yan

Trainingsfanatiker wie ich kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten, und Wing Chun kundige Schüler freuen sich, diese Kunst auch mal in einem Film zu bewundern.

Wenn es dann aber zu den eigentlichen, handlungsvorantreibenden Kampfszenen kommt, bleibt nur noch wenig vom Wing Chun übrig.
Die für diese Kampfkunst spezifischen Prinzipien werden größtenteils über Bord geworfen, wenn die Protagonisten in den letzten Kämpfen hohe Tritte vorführen und wild durch die Luft springen.
Ganz so Kinotauglich scheint das Wing Chun dann doch nicht zu sein.
Dabei ist diese Kampfkunst in seiner Vollendung in Demonstrationskämpfen (siehe Youtube) nicht weniger spektakulär als diverse akrobatischere Stile.
Wing Chun ist auch dafür bekannt mit Gegnern kurzen Prozess zu machen; meist folgt eine schnelle Folge von Schlagkombinationen, ehe der Gegner Sekunden später zu Boden geht.
Ein Kung Fu Film aus Hong Kong dagegen kann nicht von solchen kurzen Fights leben.
Entsprechend werden hier die Kämpfe arg gedehnt, damit jede Technik mal irgendwie zur Anwendung kommt.
Wie gewohnt ist das natürlich schön anzusehen, wirkt aber dann auch nach einiger Zeit zu routiniert da es auch nur wenige herausragende Einlagen gibt, wie etwa die Nadel, deren überraschender, schmerzhafter Stich zum kraftvollen Gnadenstoß verleitet.

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Sparring und Holzpuppentraining nach Wing Chun Art

Das sind mitunter auch die komischsten Momente im Film; zwar versucht Sammo Hung auch Hong Kong typischen Klamauk und Slapstick mit ein zubauen, doch der ist so dämlich, fast schon bemitleidenswert, dass sich da eher müdes Lächeln und gehöriges Kopfschütteln auftut.
Richtig zwangsläufig komisch aber wird es beim Oberfiesling, der gegen Ende seine „Heuschreckentechnik“ präsentiert, und dabei auf seinen Rückenhänden (mit den Fingern nach außen) auf unseren Helden zukrabbelt.
Bei allem Respekt vor chinesischen Kampfkünsten, aber das ist wirklich nur noch lächerlich; ein breites Grinsen hat diese Szene dem Zuschauer jedoch in jedem Fall entlockt.

Aber auch dramatische Szenen möchten aufgefahren werden, wie etwa wenn Angehörige ermordet werden, doch diese funktionieren dank der eindimensionalen Charaktere nur bedingt.
Herausragend dabei ist aber natürlich Leung Kar-Yan, der einen absolut glaubwürdigen Sifu abgibt, sowohl im ehrenvollen, stolzen Auftreten, als auch in seinen Kampfszenen.
Casanova Wong als dessen Wing Chun Schüler, und eigentliche Hauptfigur des Filmes bleibt dagegen eher blass, wenn auch er mit hervorragender Körperbeherrschung glänzen darf, und Sammo Hung albert eben ein wenig rum, zieht Grimassen, und überrascht Neulinge, wie akrobatisch solch ein Dickwanzt doch eigentlich sein kann.

Insgesamt aber muss ich dennoch sagen, von dem Film etwas enttäuscht worden zu sein, denn was Wing Chun angeht, hätte ich mir etwas mehr Konzentration für die ersten 3 Formen gewünscht, und in den Kampfszenen hätten ruhig die berühmt berüchtigten Kettenfauststöße, sowie auch andere diverse, blitzschnelle Schlagkombinationen zum Einsatz kommen können.
In Warriors Two werden aber leider die großen Stärken dieser Kampfkunst dem Genre unterworfen, und so hat man wie eh und je, etwas hakelige Choreographien, die nie zu einem flüssigen Ablauf kommen wollen.
Davon abgesehen besitzt der Film all die Stärken und Schwächen, die auch Genre Kollegen haben. Dämlicher Humor, formelhafter Rache-Plot, interessante Trainingsszenen, gute Stunts (es werden Tische spektakulär über die Rübe gehauen) und jede Menge Kämpfe, versehen mit Wing Chun Techniken, die aber im Sinne der Mixed Martial Arts leider etwas untergehen.
Qualitativ dennoch über dem Genre Durchschnitt!
:liquid7:
Kurioserweise gibt es diesen Klassiker auf keiner deutschen DVD X.x
da heißt es importen, oder auch downen xD
HK-Legends aus der UK ist natürlich immer eine gute Wahl!

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Beitrag von Vince » 25.06.2008, 15:56

Mal wieder geschrieben wie ein wahrer Experte!
Der EIngangsfrage möchte ich mich mal anschließen, ich frag mich da auch regelmäßig, ob überhaupt was hinter diesen Filmen steckt außer eben Martial Arts zu zeigen. Nur sehr selten finde ich da was, in der breiten Masse ist da nix weiter dahinter.
Film interessiert mich nu nicht so sehr, dass ich den importieren würde... es gibt noch ein paar Spezifilme, die ich gerne sehen würde, ansonsten hab ich in der Breite, nachdem ich jetzt fast alle Jackies kenne, abgeschlossen mit dem Kapitel.

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