Compadres

Technische Daten
Vertrieb: edel Records
Laufzeit: 53:25 Min.
Anzahl der Tracks: 15
Extras: Ein Tourzusammenschnitt, ein Karaoke-Video, zwei Live-Videos
Booklet: Poster (9-fache Größe des Ursprungscovers)
Verpackung: Digipack
Tracklist
1. Beautiful Waste
2. Drrty Rokka
3. One Love
4. Last Man Standing
5. The Phoenix Takeover
6. New Breed
7. Asshole of the Week
8. Even
9. Compadres
10. My Evil Twin
11. Hey Kids (Something Better)
12. Chosen
13. Bugs In Head
14. Ruin Me Now
15. Outta Here
Kritik
In den Danksagungen im Booklet nennt sich 4Lyn-Frontmann Braz inzwischen alternativ auch “The Phoenix in Blakk” - nichts könnte den Karriereverlauf des lauten, jungen und krachigen Metal-Rock-Quartetts besser wiedergeben. 2001 hingen sich die Hamburger mit dem selbstbetitelten Debüt speziell an die Fersen der New Metal-Hochburg Jacksonville (die Rede kann also nur von “Limp Bizkit” sein) und kopierten ein Metal-Genre, das sich gerade auf dem Zenit befand, bis zum Exzess. Die erste Single war exemplarisch: “Whooo” hieß sie, der einprägsamste Satz lautete “Hey yo, that chick is the bomb!” und auf dem Cover des Albums ging ein Wet T-Shirt-Contest ab, während Braz in Zwischenpassagen von “shaved pussys” träumte und ihn sein Kollege kurz darauf fragt, was das denn für Rasierschaum sei auf dem Bettlaken. Pubertär und primitiv bis zum geht nicht mehr, was das Songwriting betraf, hämmerten die Riffs und Hooklines allerdings nicht minder fett aus den Boxen als diejenigen der großen Vorbilder. Mit Braz’ charismatischer Stimme zwischen Shouting, Sprechgesang, Gröhlen und tatsächlichem Gesang konnte man dem wilden Debüt aber wenigstens einen gewissen Groove nicht absprechen.
Dennoch - 4Lyn waren vom Fleck weg als Eintagsfliege abgestempelt. Eine Band ohne Eigenstil, hieß es. Keine eigene Identität, hieß es. Keine Substanz, hieß es... doch Totgesagte leben bekanntlich länger.
Nun begrüßt uns im fünften Jahr bereits der vierte Longplayer. Die Jungs aus dem Norden sind inzwischen deutlich gereift, was sich bereits mit “Neon” andeutete und in “Take it as a Compliment” weiterentwickelte. Der Bandname “4Lyn” (Loud, young & noisy) entpuppt sich als temporäre Etikette, die eigentlich konsequentermaßen abgelöst werden müsste. Zwar sind alle Attribute noch immer vorhanden - “loud” und “noisy” war allerdings zwischenzeitlich verloren gegangen und wurde frisch für das neueste Album wieder gefunden - aber zusammen suggerieren sie immer noch das unkontrollierte Powergeschreddere mit Kreischgesang und ohne jeglichen Anspruch. Das ist es lange nicht mehr, was die Essenz dieser Band ausmacht - sie ist nurmehr ein Bestandteil. Inzwischen hat sich Eigenstil hinzugemischt, und zwar zusammen mit einigen wenigen Spuren von Anspruch. Mit “Compadres”, dem vierten Album, haben sich “4Lyn” um ein Prädikat bereichert. Man möge sie “4Lynis” nennen - “Four loud, young & noisy with individual style”.
Dass das Songwriting keine Quantensprünge vollzogen hat, sollte trotzdem klar sein. Exemplarisch ist dafür gleich der Einstiegstitel “Beautiful Waste”, der zunächst poetisch angehauchte Tiefe zu vermitteln scheint, sich aber letztendlich doch nur um die Tücken des Musicbusiness dreht - ein Thema, das bereits vor “Compadres” hundertfach verarbeitet wurde. Aber gleichzeitig schafft es schon dieser Einstieg rein musikalisch, ehemaligen New Metal-Anhängern, die bereits abgesprungen sind auf anspruchsvollere Musik, wieder die alte Magie näher zu bringen - eine Sache, die ehemalige New Metal-Größen aus den USA entweder nicht mehr zu schaffen imstande sind (Limp Bizkit) oder die in diesem Bewusstsein gleich einen anderen Weg eingeschlagen haben (Korn). 4Lyn schaffen es - “Bla bla, bling, bling, blow blow, bleed, bleed, bleed - BITCH!” ertönt es mit unglaublicher Power, die wahrhaftig an alte Zeiten erinnert - ohne dabei peinlich oder retro zu klingen.
“Drrty Rokka” zieht dann diesen Status mit frischer Selbstironie und heftig aufgetragener Eigenparodie wieder in die Gegenwart. Die Gitarre röhrt unkontrolliert durch das Songgerüst, quängelt sich schabend durch ein Riffstakkato und unterstreicht damit die Überzogenheit des Textes, die auch schon durch die Schreibweise des Titels veranschaulicht wird.
Um schließlich mit “One Love” doch wieder eine Ode an die Wurzeln der eigenen Musik zu bringen. “This one is straight from the heart”, dröhnt es aus Braz’ akustischer Vorrichtung, bevor er in verzerrter Melancholie “For you!” herausbrüllt. Scheinbar hin- und hergerissen ist der Einstieg in das Album - wie das New Metal-Genre an sich.
Mit “Last Man Standing” geht es in einem Tempo weiter, und es wird deutlich, dass die Zeiten von “Take it as a Compliment” wieder vorbei sind - man ist zurück zu den Wurzeln gelangt, ohne dies unbedingt groß und breit vorab ankündigen zu müssen. Das Resultat sind fette Riffs, die vor Abwechslung nur so strotzen - insofern ist “Compadres” unter dem Strich fast doch schon wieder retro, weil es Musik ist, die noch vor wenigen Jahren das Maß aller Dinge zu sein schien und heute bereits der Geschichte angehört.
“The Phoenix Takeover” erinnert fast an das H-Blockx-Album “Discover my Soul”, bevor mit “New Breed” der erste richtige Ohrwurm erreicht ist und in einer Mischung der eingängigen Symphonie einer Linkin Park-Hymne und eines markanten Hoobastank-Songs aufgeht. Damit einher geht dann deutlich hörbar auch das angehobene Niveau in Sachen Songwriting, das sich nun bemüht, metaphorischer zu werden und semantisch ausgeprägter. Und diese qualitative Aufwertung steht dem Endresultat merklich gut.
“Asshole of the Week” schafft sogleich wieder einen Sound-Kontrast, wie es sie in diesem Album Dutzende gibt, wodurch “Compadres” auch nach mehreren Durchgängen trotz der simplen Songstrukturen nicht an Kurzweil verliert. Geboten wird hier das 4Lyn-typische, kurz gehaltene Frontgitarrengezupfe auf den tieferen Ebenen, mit dem Braz Stimme konform geht, die sich bemüht, möglichst tiefe Töne anzuschlagen.
“Even” ist der vielleicht schönste unter den 15 Songs, womöglich einer der schönsten 4Lyn-Songs überhaupt. Text und Sound bilden hier eine Gänsehaut erregende Symbiose. Erinnerungen an den Debüt-Ausnahmetitel “lyn” werden wach, entfalten eine Melancholie, die beinahe zum Heulen einlädt, und sie veranschaulichen schlussendlich, welche Entwicklung die Hamburger als Musiker hinter sich gebracht haben. Speziell Braz ragt hier als Sänger heraus, scheint sogar zwischenzeitlich die Identität eines Anderen einzunehmen, um im Refrain wieder seine eigene Persönlichkeit anzunehmen und sogar noch eine herrlich passende Schreipassage einzufügen.
Der Titelsong “Compadres” knüpft dann teilweise an die Melancholie an, vermischt sie aber der Headline entsprechend mit einem westernartigen Muster, um auf dem Klimax in die Struktur vom Titelstück des Vorgängers anzuschließen. “My Evil Twin” ist abgesehen von der textlichen Referenz an einen Western-Klassiker mehr oder weniger zu vernachlässigen, weil trotz netter Grundidee viel zu konzeptlos und zu stark an die Schwächen des Erstlings erinnernd. “Hey Kids” interveniert aber sofort und bringt ein echt grooviges Brett an den Start, das sich ganz sicher Inspirationen bei Marilyn Manson abgeholt hat. “Chosen” wiederum plätschert etwas vor sich hin (aber dem schnellen Tempo des Albums angepasst), während “Bugs in Head” mit einem coolen Refrain daherkommt; “Ruin Me Now” ist dann nochmal ein Knüppeltrack mit Space-Elementen, der aber wiederum in einem melodischen Klimax aufgeht. “Outta Here” schließt das Album dann recht relaxt und groovy - so wie Käse den Magen.
Im ersten Durchlauf erweist sich “Compadres” als ein einziges festes Brett, das durchgehend knallt - mit den strukturellen Brüchen des Vorgängers ist es nun wieder weit her. Vom Härtegrad her an das Debüt anknüpfend, bemühten sich die vier Hamburger trotzdem, nicht wieder ausschließlich in alte Kicks’n’Chicks-Gefilde zu verfallen. Man ist erwachsen geworden, genau wie das Zielpublikum, und das soll dann auch auf dem Album ersichtlich sein. Das ist es auch zweifellos. Der Sound hat nun endgültig eine ganz eigene Richtung entwickelt, auch wenn man in einzelnen Stücken immer wieder die Einflüsse zu hören bekommt. Textlich bekommt man eine gesunde Mischung aus der alten Niveaulosigkeit, eine Parodie auf diese sowie eine Liebeserklärung an die Wurzeln - ein Triptychon, das durch die ersten drei Songs repräsentiert wird. “Even” ist das definitive Highlight des Albums und zeigt, zu was die Jungs fähig sind, die man noch vor fünf Jahren als Eintagsfliege beschimpfte. Auch wenn die Euphorie über das Album letztendlich beim Zielpublikum wie immer höher ist als die objektive Qualität - es ist schon ein Mörderteil. Good, bad & ugly - with style!
Extras
Auch diesmal hat man ein bisschen was in das Multimediaabteil gepackt, auch wenn das nicht ganz so klasse geworden ist wie seinerzeit auf “Neon”, wo man der Band bei Enstehung und Proben der neuen Songs in den privaten Gemächern locker eine halbe Stunde lang zusehen konnte.
Diesmal sind vier Videos an Bord. Bei “One Love Tour Video” handelt es sich um einen Videozusammenschnitt, der ein paar Best Of-Momente zeigt und vor allem das Tour-Feeling wiedergeben soll. Mit “Outta Here Karaoke Video” zeigen die Nordlichter Sinn für Humor - als Zeichentrickhampelmänner mit Foto-Köpfen (im Stil von Saddam Hussein im South Park-Film) turnen die 4Lyn-Mannen durchs Bild und begleiten den gesangfreien Song, dessen Lyrics unten eingeblendet werden zum Mitsingen.
Schließlich gibt es noch zwei Live-Videos aus dem Colos-Saal in Aschaffenburg: “Drama Queen” wird ebenso performt wie ein “Metal Medley”, u.a. mit “S.T.C. (Shoot Them Cannons)”. Das ist immerhin ganz ordentlich.
Artdesign
Schlicht und einfach, hat man sich wohl gedacht und einfach mal die Eierköppe der Bandmitglieder auf ein grundschwarzes Cover gesetzt. Halt die “Compadres” - man könnte es Purismus nennen, man könnte es als das Besinnen auf die Wurzeln auslegen, als Unverspieltheit und die Rückkehr zum Rohen. Interessant ist nun die optische Albenchoreografie - hell (“4Lyn”), dunkel (“Neon”), hell (“Take it as a Compliment”), dunkel (“Compadres”). Was wir also vom fünften Output der Herren zu erwarten haben, wissen wir also: Licht.
Erneut gab es ein Digipack, was den Sammler freilich immer erfreut; im Fach befindet sich ein Booklet, das vielmehr zum Poster von der neunfachen Größe der ursprünglichen Covermaße aufgeklappt werden kann - hinten die Songtexte auf schwarzem Hintergrund, vorne eine Collage aus Tourfotos.
Insgesamt sehr konventionell und gemäßigt - ein schon oft gebrauchter Kontrast zum Inhalt. Das optische Rad wird nicht neu erfunden, stellt aber zufrieden.
Fazit
Nicht vom braven Cover abschrecken lassen: 4Lyn lassen auf “Compadres” die Kessel knallen wie schon lange nicht mehr. Das mag manchmal zu Lasten der Verspieltheit gehen, die streckenweise das Vorgängeralbum ausgezeichnet hatte; auf gute, niveauvolle Songs wurde dennoch nicht verzichtet und die Riffs lassen die guten alten Zeiten des New Metal wieder aufleben, als nicht bereits jedes Schulkind Blut geleckt hatte. Nicht grandios, nicht überirdisch, aber zweifellos empfehlenswert.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
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