Schön, nackt und liebestoll

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executor
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Schön, nackt und liebestoll

Beitrag von executor » 13.05.2010, 13:05

Schön, nackt und liebestoll

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Originaltitel: Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile
Herstellungsland: Italien
Erscheinungsjahr: 1972
Regie: Roberto Bianchi Montero

Darsteller: Farley Granger, Sylva Koscina, Silvano Tranquilli, Chris Avram, Luciano Rossi, Ivano Staccioli u.A.

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In Italo-verse ist es mal wieder soweit, der Killer mit Lederhandschuhen geht um und sucht sich seine Opfer, bevorzugt Frauen die "schön, nackt und liebestoll" sind. Sollte man ja durchaus auftreiben können.
Die Handlung beginnt gleich am ersten Tatort, wo Inspektor Capuana das Opfer betrachtet. Und sofort fällt nicht nur die stilvolle Inszenierung von Roberto Bianchi Montero, sondern auch die schnuckelige Sleaze-Synchro auf:

"Die Gernehmigung zum Abtransport [der Leiche] ist gerade eingeroffen."
-"Die könnens wohl nicht erwarten."
"Tja, die haben wohl wieder ein Tiefkühlfach frei!"

Geht aber noch weiter, denn Capuana holt sich erstmal das halbe Rotlicht-Bezirk zwecks Befragung ins Präsidium, wo dann seine Mitarbeiter sich mit der farbenfrohen Truppe auseinandersetzen müssen:

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"Sei doch ehrlich, du hasst alle Frauen, ist es nicht so, Cleopatra, oder?"
-"Ach was, ich bin der Meinung alle Menschen sollten Brüder werden. Und zwar warme! Und wieso quatscht ihr dauernd von einem Mörder, kann doch auch eine Schickse gewesen sein?"
-"Natürlich, oder ein Arschficker wie du!"
"Apropo, wenn du kein Bulle wärst, könnte ich direkt schwach werden. Hey, Kommissar, können wir ihren Gesellen hier nicht umschwulen?"

Capuana bleibt aber einfach total gelassen, denn irgendwie hatte er auch nicht viel von den Typen erwartet:

"Habt ihr was erfahren?
-"Nein, unsere Freunde hier fabrizieren keine Leichen, sie würden sie höchstens fleddern!"
"Naja, ich dachte auch nie ernshaft, dass dabei was rauskommen würde, aber horch sie noch ne Runde aus!"

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Unser Inspektor Capuana und rechts daneben jemand "liebestolles"...

Mehr Rat verspricht sich unser Ermittler aber dann vom Gerichtsmediziner, den er sogleich aufsucht und loslamentiert, dass er trotz nun bereits zwei Morden, keine Ahnung habe, was den Täter denn zu solchen Taten treiben könnte:

"Ich habe meine Karriere in Sizilien und Sardinien begonnen. Da gehören Mörder und Leichen zum täglichen Leben, doch dort hat jeder Mord auch ein Motiv! Aber wissen Sie, was den hier zu seinen Taten treibt?"
-"Ich kann es Ihnen auch nicht sagen, vielleicht war der Mörder eine Frau. Oder ein Homo!
"Ein Homosexueller?!?"
-"Ja, ein Versuch. Es spricht eine Menge für diese Theorie, denken Sie bloß an die Fotos der Liebhaber, es wurden aus allen die Gesichter rausgeschnitten! Oder der Kerl ist vielleicht impotent. Impotente Männer haben oft einen tödlichen Hass auf Frauen, die sie nicht besitzen können."
"Ein solcher Gedanke ist mir gar nicht angenehm. Wie soll ich je einen impotenten Mann schnappen? Unter Tausenden?!?"

Abgesehen von noch einigen weiteren, nicht wirklich politisch korrekten Dialogen dieser Kulör. Aber das macht natürlich erst recht in geselliger Runde Laune und kann teilweise schon ziemlich abgefeiert werden.
Auch viel Sleaze fürs Geld bieten da einige Nebendarsteller, die der Film bereitwillig als mögliche Mörder ins weite Feld wirft. Gastone der Präperator, der auch schonmal ausgelassen lacht, wen ihm seine Arbeit Spaß macht, IMMER schmierig rüberkommt und ansonsten gerne die toten Frauen fotografiert, bevor er die Bilder in seinem eigenen Attelier entwickelt. Ooo-kay, bei so viel Offensichtlichkeit können wir ihn wohl als Killer ausschließen, aber natürlich weiter Spaß an seiner aufgedrehten Performance haben. Gespielt wird er von Luciano Rossi, der auch nachher in "Ein Zombie hing am Glockenseil" nochmal kurz seine Nase ins Bild halten sollte.

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Der sleazige Präparator, an dem der Gerichtsmediziner schonmal gerne den Tathergang nachstellt.

Zum Ende hin kommt dann auch noch ein fieser Kerl vor, der den Ruhm für die Morde für sich einstreichen will, gespielt von Ivano Staccioli, der wohl mit eines der verrückteste Grinsen mit den perfektesten Zähnen auf die Reihe kriegt, dass ich jemals gesehen habe, aber leider genauso wie Rossi nur wenig Screentime zugestanden bekommt. Bei all den leichten Ermittlungsversuchen von unserem Capuana hätte ich mir noch etwas mehr Sleazigkeit im Geschehen erhofft, aber schließlich nimmt sich der vermummte Killer ja die High-Society vor. Der zu ermordende Frauen-Zirkel trifft sich dann natürlich auch für gemeinsame Schönheits-Salon-Besuche und ab und an kommt es einem deshalb so vor, als hätte man den Killer auf eine ernstere 70er-Jahre-Italo-Version der "Sex & The City"-Mädels angesetzt.

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Die jeweiligen Mordsequenzen sind dann auch absolut phantastisch inszeniert, besonders einer der frühen Morde am Strand ist mit perfekter Slow-Mo-Verwendung, passender Musik und drübergemischtem Frauengeschrei ein Highlight von "Schön, nackt und liebestoll". Mit weiterer Laufzeit werden die Morde weniger künstlerisch, dafür aber in ihrer Inszenierung härter und auch hier schwingt natürlich immer ein leicht sexistischer Kontext mit, wenn schon wieder die x-te (mindestens) halbnackte Frau kreischend vom fotografierenden Schlitzer verfolgt wird.
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Apropos sexistisch fällt dann auch die thematische Prägung auf. Die Männer sind mindestens so "liebestoll" wie ihre Weiblein, trotzdem geschieht ihnen eben nichts, während die sündige Frau natürlich bestraft wird. Statt aber da zu viel reinzuinterpretieren, sollte man das Ganze einfach als das nehmen, was es ist:
A Blast From The Past! Heute würde man für solche Moralverstellungen (hoffentlich) ausgelacht und genauso so schmunzelnd unterhaltsam sollte man dem ganzen Filmgeschehen dann auch gegenüber treten.

Aber kein Giallo ohne Auflösung, die hier origineller weise deutlich anders abläuft, als noch bei einigen Genre-Kollegen. Statt einem "Past Event", der den Killer zu seinen Morden motiviert hat, bekommt der Zuschauer interessanterweise einen Rückblick auf das Leben einer ganz anderen Figur, die derren Motivation und vor allem Handeln zum Schluss des Films betreffen. Auch gibt es im Nachhinein eigentlich interessante Interpretierungsmöglichkeiten, über die Motivation des Killers, definitive Antworten sollte man aber nicht erwarten.
Wie gesagt, hier läuft zum Schluss einiges mit leichtem Genre-Twist ab, der sicherlich polarisieren dürfte, dass Geschehen aber wieder schön in die ursprüngliche (sexistische) Thematik einbettet.

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Wie so viele Filme seiner Zeit bietet auch "Schön, nackt und liebestoll" einen jazzigen Soundtrack zum Verlieben, dessen kurze Gesangs-Momente zwischendurch immer tolle Atmosphäre aufkommen und das Geschehen leicht entrückt wirken lassen. Aber verantwortlich für diese gekonnte Untermalung ist ja auch schließlich Giorgio "Profondo Rosso" Gaslini.
Und einmal mehr muss ich wohl sagen, dass ich mir Italo-Streifen OHNE so eine wunderbare, musikalische Untermalung nur schwerlich vorstellen kann. Eigentlich müsste wirklich jede dieser Vös den Soundtrack enthalten, selbst wenn die Boxen dann wohl etwa doppelt so teuer wären wie jetzt... *schmacht*

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Aber richtig, stimmt, vor dem Ende des Reviews sollte ich vielleicht Farley Granger mal eben erwähnen, der bei Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" genauso wie bei "Die Forke des Todes" durch die Kulissen wuselte und generell eine gute Darstellung abgeliefert hat. Sein Inspektor im Film ist vielleicht etwas weniger aufbrausend als andere Ermittlertypen aus Italien, aber auf jeden Fall etwas langsamer, was man sehr schön zum Ende hin bei einigen Erinnerungs-Sequenzen nochmal vorgeführt bekommt. Da kann man dann richtig sehen, wie sich die Mühlen in Capuaras Hirn in Gang setzen und ihm plötzlich doch so einige Sachen klar werden. Schön gemacht (und den Inhalt betreffend auch ziemlich witzig.)

Im Großen und Ganzen viel negatives gibt es nicht zu den "Liebestollen" zu sagen. Der Aufbau nicht ganz so rasant, blutig oder sleazig, wie er vielleicht hätte sein können und im Giallo generell gibt es auch noch qualitativ etwas Luft nach oben. Aber für sich genommen unterhält Roberto Bianchi Monteros Schlitzerausflug die Freunde des Genres ziemlich gut und liefert 97 Minuten spannende Italo-Unterhaltung.

Fazit: "Schön, nackt und liebestoll" bietet, bis auf den etwas unpassenden, deutschen Titel, gute Giallo-Unterhaltung mit manch schmierigem Verdächtigen, tollem Soundtrack und einer letzten viertel Stunde, welche die Dinge etwas anders anpackt, als noch mancher Genre-Kollege. Ein zusätzlicher Pluspunkt sind auch noch die teils trashig-altbacken-sexistisch anmutenden Weisheiten und Dialoge der Akteuere.

:liquid7:

Der Film ist von "Camera Obscura" als Nummero 3 (und zweiter Titel in Folge nach "Horror-Sex im Nachtexpress") der "Italien Genre Cinema Collection" erschienen. Auch hier gilt die fast schon langweilig werdende Devise: Weltweite beste Vö! Bis auf zwei Mini-Szenen aus anderem Material fantastische Bildqualität, kein Rauschen oder so bei der deutschen Synchronfassung, als Extras gibts den Audiokommentar, dolle Specials und ein zweisprachiges Booklet mit Text von Christian Kessler. Obendrauf gibts natürlich noch die edel aussehende Verpackung in Form eines Digipacks. Wer das Teil auch nur ansatzweise haben will: Zugreifen!
Denn das Schätzchen ist auch limitiert auf 2.000 Stück.
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