Die Sehnsucht der Frauen

Für Bergmans Verhältnisse ein ungeheuer lockeres, helles, dabei auch unstrukturiertes Werk, bestehend aus Episoden, die von verschiedenen Erzählerinnen getragen werden und stark unterschiedliche Stimmungen aufweisen. Insbesondere die letzte Episode hat kaum noch etwas mit dem typischen Bergman zu tun, der doch immer das große Drama sucht, sondern reiht sich fast nahtlos in die US-Screwball-Comedy der 40er Jahre ein (beinahe glaubt man, Cary Grant mit Greta Garbo im Aufzug stecken zu sehen). Der Schwede kann also auch heiter. Im Gesamten trägt „Die Sehnsucht der Frauen“ natürlich dennoch einen nachdenklichen Ton, der oft in emotionalen Wirrungen aufgelöst wird, wie sie eben nun mal entstehen, wenn sich Frauen über ihre Gefühle unterhalten. Ein schöner Film, wenngleich sicher eher eine Art Fingerübung und weniger von jener zwingenden Sorte, die man zu Bergmans Meisterwerken zählen würde.
Die Zeit mit Monika

„Die Zeit mit Monika“ folgt chronologisch der „Sehnsucht der Frauen“ und greift auch dessen Abschlussmotiv wieder auf: Ein Junges Paar ergreift die Flucht vor den Zwängen der Erwachsenenwelt und verschwindet mit einem Boot, um den eigenen Träumen nachzujagen. Der dabei entstandene Film ist einer der unscheinbaren Art geworden: Vermeintlich schlicht gestaltet sich die Erzählung, bündelt aber in einfach gehaltenen Bildern dermaßen viele Informationen, dass sich am Ende aus einem geradlinigen, eskapistisch motivierten Jugendabenteuer das Bild eines komplexen Dramas lichtet, das viel mehr Substanz beinhaltet als es vielleicht auf den ersten Blick preisgibt. Zugleich ist dies auch ganz klar der Film von Harriet Andersson, die als 21-Jährige in ihrer ersten Hauptrolle ein bildschirmfüllendes Charisma ausstrahlt, das für eine lange gemeinsame Karriere mit Ingmar Bergman sorgen würde. Bergmans Philosophie über die Beziehung zwischen Mann und Frau zeichnet sich hier so essenziell wie nur möglich ab, wenigstens war sie selten weniger von Metaphern und Bildern verdeckt als hier.
Wie in einem Spiegel

Nach Ansicht von „Die Zeit mit Monika“ ist es nur folgerichtig, dass Ingmar Bergman seine Stamm-Aktresse Harriet Andersson auch einmal als eine Frau besetzen würde, die einer Reihe von Männern – ihrem Vater, ihrem Bruder, ihrem Mann – als Spiegel dienen würde. Das Kammerspiel mit nur vier Akteuren ist schon klar der düsteren Mittelphase des Regisseurs zuzuschreiben – ein „Spinnengott“ offenbart sich da einer geistig Kranken, die immer häufiger die oberflächlich harmonisch und innerlich brodelnde Realität verlässt und sich in den Dienst höherer Mächte auf der anderen Seite stellt, derweil die Männer, die mit ihr umgehen müssen, sich ihrem eigenen Inneren stellen. Bergman selbst mochte den Film nicht, weil er ihm zufolge zu sehr der Verdrängung folge und daraus könne kein großes künstlerisches Werk hervorgehen, dabei ist „Wie in einem Spiegel“ herausragendes Bühnenkino, das gekonnt mit Metaphern spielt und spielend mit Stimmungen der Geborgenheit, der Bedrohung und der Bedrückung jongliert.
Nosferatu (Werner Herzog)

Weil der Murnau-Film nach wie vor alles überstrahlt, wird Herzogs Remake oft unter Wert verkauft. Die Komposition aus Bild und Ton ist in seiner Version meisterhaft und dient der ohnehin erdrückenden Präsenz Klaus Kinskis als Verlängerung in den Szenen, in denen er nicht selbst auftritt: Fahle, oft in der Flüchtigkeit des Zwielichts eingefangene Farben, ausgefallene Licht- und Schattenspiele insbesondere in den blassen, hohen Gemäuern des Grafen und der expressionistische Look aller Schauplätze verknüpfen sich mit der bedrückenden Musik Popol Vuhs und erzeugen eine surreale Atmosphäre, die von Trauer und Verzweiflung gezeichnet ist. Kinskis Maske wirkt in vielen selbst harmlosen Szenen verstörend, gerade weil man spürt, wie er sie von innen heraus zum Leben erweckt, und Bruno Ganz’ Darstellung trägt ganz die Züge eines Opfers in sich, insofern er voller Elan an einer Aufklärung zunächst seines Auftrags und dann seiner persönlichen Motive arbeitet, jedoch dem Grafen, der gerade durch seine Überlegenheit eine endlose Depression ausstrahlt, spürbar immer einen Schritt hinterher ist. Auch Isabelle Adjani erweckt den Eindruck, besser hätte man ihre Rolle nicht besetzen können, weil sie die Ansprüche, Verletzlichkeit und Schönheit zu vereinen, einmal mehr sogar übertrifft.
Der Clan der Sizilianer

Mafiadrama trifft Heist-Movie bei der nüchtern eingefangenen Planung und Durchführung eines Coups, die für logistischen Spektakelwert sorgt. Eine hochkarätige Besetzung kann der Film wuchten, derweil das Drehbuch immer wieder neue Kniffe aus dem Hut zaubert, die sich bis zum Finale steigern, das aber wegen des trockenen Tons nicht etwa explodiert, sondern trocken aufpufft. So vermisst man hin und wieder die geballte Emotionalität eines „Paten“, aber „Der Clan der Sizilianer“ spricht auch eine ganz andere Klientel an, insofern er sich ganz der Mechanik der Kriminalität widmet und weniger deren menschliche Konsequenzen.
Killing Season

Ein für das älteste Motiv der Welt, die Auge-um-Auge-Rache, ein relativ banaler Beitrag. Dem ursprünglichen Western-Motiv, das schon so oft durchdekliniert wurde, so wenig Neues beisteuern zu können, das kann eben nicht wirklich gut ausgehen. Nicht nur lassen sich den Motiven der Travolta-Figur kaum tiefere Ebenen entlocken, auch wirkt seine Annäherung an de Niro willkürlich, indes dieser wiederum durch platte Symbolik sehr oberflächlich charakterisiert wird (Einzelsiedler in einer Blockhütte, der in sicherer Distanz von seiner Familie und der Zivilisation getrennt lebt, und der nun lieber mit dem Fotoapparat „schießt“ als mit der Waffe). So gesehen ist „Killing Season“ eine in jeder Hinsicht schwächere Variante von „Die Stunde des Jägers“. Einen primitiven Unterhaltungswert kann man ihm dennoch nicht streitig machen. Alleine Travoltas martialische Gestalt, die man natürlich mit bösem Willen schnell ins Lächerliche gezogen hat, macht was her, de Niro wehrt sich nach Leibeskräften und ein paar recht ungewöhnliche Gewaltspitzen (eher psychologischer Natur, Blut fließt vergleichsweise wenig) setzen den fliegenden Wechsel der Machtverhältnisse der Kontrahenten hübsch in Gang. Das Ende wird viele enttäuschte Gesichter hinterlassen, geht aber auch mal wieder einen alternativen Weg. Noch
Inside Llewyn Davis

Beliebte bzw. massentaugliche Themen haben die Coens längst nicht mehr nötig. Mit einem Film über die New Yorker Folkszene der 60er kann man die Leute eigentlich jagen, aber „Inside Llewyn Davis“ bezieht seine ungeahnten Stärken gerade daraus, dass man ihn so gnadenlos unterschätzt. Mit der fiktionalen Doku um Llewyn Davis (Oscar Isaac), der dem Bob-Dylan-Förderer Dave Van Ronk nachempfunden ist, schöpft das Bruderpaar quasi aus dem Nichts die Magie der Komödie, aus einem Stoff, der eigentlich gar nicht zum Lachen geeignet ist, einem Stoff, der bei genauer Betrachtung nicht einmal unbedingt einer Erzählung würdig ist (wenigstens nicht würdiger als die Geschichte eines jeden anderen Straßenmusikers). Die Erzählung verläuft scheinbar linear, um sich dann immer an den Moment der Gelegenheit zu haften und Zufälle oder Möglichkeiten bestimmen zu lassen, was als nächstes geschieht. Wenn die Coens später die Heringe wieder einfangen, die sie schon früh ausgeworfen haben, wird dem einfachen Leben des Musikers auf beispiellos unaufdringliche Art und Weise eine Poesie verliehen, die hier eindeutig nicht nur von den Szenen ausgeht, in denen musiziert wird. Doch selbst diese Szenen atmen nicht das Showflair von „Ray“ und „Walk The Line“, sondern sind angenehm schlicht angelegt, eingefangen wie von einem unlackierten Rahmen aus Eichenholz. Ein wunderbares Roadmovie, das quasi im Vorbeigehen ein Szenepanoptikum des 60er New Yorks portraitiert und Isaac in der Hauptrolle die Aufgabe gibt, die Stimmung zu prägen, was ihm mit der perfekt getimten Comedy eines Mannes, der unter einem Scheißhaufen begraben steht und darüber nur noch die Schultern zucken kann, hervorragend gelingt. Ebenso wie der Katze.
Bedevilled

Das Gewalt- und Vergewaltigungsdrama bemächtigt sich derselben Werkzeuge wie ein Film über häusliche Gewalt, setzt sie aber in einen bislang eher unzureichend beackerten Kontext: Nicht ist es das Böse, das unbemerkt vom Fußgänger auf dem Bürgersteig hinter verschlossenen Türen operiert, sondern stattdessen waltet es offen seines Amtes und wird vom Umfeld sogar als gerecht und natürlich angesehen. Das Verborgene bezieht sich in einem größeren Kontext eher darauf, dass diese Dinge auf einer Insel geschehen, fern von der Aufgeklärtheit des Festlandes, und somit regelrecht eine soziale Akzeptanz innerhalb der eigenen autonomen Grenzen genießen. Jang Cheol-Soo verschwendet in seinem Regiedebüt keine Zeit damit, ähnlich „The Wicker Man“ einen Außenstehenden erst langsam hinter die schrecklichen Geheimnisse der Insel kommen zu lassen, sondern zeigt die frei ausgelebte Brutalität und das paralysierte Denken der Umliegenden von Beginn an, wobei die tatsächliche Eskalation erst spät eintritt. Ab hier nimmt der Film eine Wende zum überstiegenen Rachedrama, das schamlos den Blutdurst des Zuschauers befriedigt und zur Groteske wird, die den kritischen Ansatz der ersten beiden Drittel aushöhlt. Manipulativ, aber nicht ganz uneffektiv.
I Saw The Devil

Eine vorgeblich edel inszenierte, arthausgeschwängerte, mit gewissem Kalkül durchgeplante, im eigentlichen Wesen aber wilde und hysterische Gewaltorgie, die sich in den Dienst stellt, das Bestialische im Menschen hervorzubringen und zu sezieren. Was Choi-min Sik („Oldboy“) verkörpert, ist eine menschliche Hülle, die schon schnell in der Handlung zur grotesken Karikatur mutiert, was besonders deutlich wird, weil ihr vom ungewöhnlichen Aufbau des Drehbuchs sehr viel Platz zur Reue geboten wird, die sie aber eher nutzt, um den eigenen Trieben weiter nachzugehen. Denn schon früh wird ihr Wesen vom Angehörigen eines Opfers durchschaut, der seine Vergeltung aber hinauszögert; wohl weniger, um die eigene Befriedigung durch Rache länger genießen zu können (obwohl auch für diese These reichlich Hinweise im Drehbuch zu finden sind), sondern eher, um irgendwo in diesem Mann, den er jagt, einen Funken Empathie zu finden, einen Hinweis darauf, dass der Tod der Frauen auf die Unvollkommenheit eines Menschen zurückzuführen ist und nicht auf die Unergründlichkeit eines Monsters. Dass der Jäger dadurch selbst zum Monster wird, gehört zu den verlässlichen Eigenschaften derartiger Geschichten, allerdings ist das „Wie“, diese absurde Schrittfolge im Katz- und Mausspiel, voller Zufälle und Missgeschicke, ein ganz Besonderes. Kino, wie es lebt: kunstvoll, bei voller Erhabenheit so niederträchtig, gleichzeitig impulsiv und voller Chaos.

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Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Der zweite Teil der 14-teiligen Reihe mit Basil Rathbone entbehrt zwar der schaurigen Atmosphäre des Vorgängers und wirkt insgesamt auch etwas zerfahren, allerdings hat er mit Professor Moriarty einen äußerst namhaften Gegner zu bieten, der herrlich überheblich von George Zucco verkörpert wird – so überheblich gar, dass er in völliger Überzeugung der eigenen Überlegenheit einem Schergen gegenüber zu Beginn des Films all seine Pläne ausbreitet, woraufhin dem Zsuchauer natürlich sofort klar ist, dass das gemeine Doppelspiel des Professors an der Pfiffigkeit Holmes’ scheitern wird, insbesondere insofern, als dass die Handlung mit einer Niederlage Holmes’ gegen Moriarty vor Gericht beginnt und anschließend eine Kutschenfahrt mit den beiden Erzfeinden eine von gegenseitigem Respekt geprägte Fehde einleiten wird, bei der im Sinne des Fair Play am Ende nur einer gewinnen kann. Daher konzentriert sich die Regie weniger auf Spannungserzeugung als vielmehr auf das Querlegen von Handlungssträngen, garniert mit kuriosen Dialogen zwischen Holmes und Watson, die sich insbesondere um das Vertreiben einer Fliege durch einen bestimmten Ton auf einer Geige drehen – ein Diskurs, der mit einem schönen Konter Watsons gegen seinen Meister abgeschlossen wird und für den Abspann vorbereitet (einer der wenigen Triumphe, die man Watson zugestand). Insgesamt etwas zu holprig, aber dennoch ganz charmant.
Boardwalk Empire – Season 3

Die Prohibitionsserie hält ihren hohen Produktionsstandard mühelos in allen Disziplinen. Einen gewagten Sprung machen die Drehbücher, denn für die Hauptfigur der Serie haben die Ereignisse der dritten Staffel gewaltige Auswirkungen, die ihn von alten Freunden trennen und neue Freunde finden lassen, derweil die Geschehnisse aus Staffel 2 nicht ohne Folgen abgehakt werden. Das lässt die Gesamterzählung insgesamt wie aus einem guss wirken, gleichwohl nicht unerwähnt bleiben soll, dass einige Handlungsstränge nach mühsamem Aufbau einfach im Nichts fallen gelassen werden, allerdings ja nicht ohne die Option, dass sie in der vierten Staffel wieder eine Rolle spielen werden. Die Rechnung mit dem Hauptbösewicht immerhin wird noch innerhalb dieser Staffel beglichen, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Form, wie man erwarten würde, so dass darüber gestritten werden kann, ob der „Abschlussfetischist“ in uns hiermit zufriedengestellt wird oder nicht.
Justified – Season 1

Ein altmodisches Case-of-the-Week-Prinzip (wenn auch im neumodischen 13-Episoden-Block) – was könnte besser zum schießwütigen Oldschool-Kleinstadthelden passen, der hier mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehenden Westernmethoden mächtig aufräumt? Inkarniert in Form des lässigen Timothy Olyphant, beruft sich „Justified“ auf die frühen 90er, in denen charisamtische Eigenbrötler in richtender Funktion noch gefragt waren. Ehre, Stolz und Ehrfurcht spielen eine große Rolle für den „Southern Comfort“ in der Stadt, da fragt dann auch keiner nach, wenn im Eifer des Gefechts mal ein paar Leichen mehr aufgetischt werden. Eine regelrechte Befreiung ist die Unabhängigkeit von Auflagen und der Verantwortung gegenüber höheren Instanzen, mit denen jeder FBI-Agent zu kämpfen hatte. Olyphant muss das zwar auch, doch wischt er diese Pflicht mit einem Schmunzeln einfach weg. Mag der Südstaatenakzent aller Beteiligten und die Schlichtheit der Gemüter auf Dauer auch etwas nerven, der Anachronismus von „Justified“ kann je nach Stimmungslage Balsam auf die gebeutelten Seelen der Postmoderne sein.
Futurama – Season 7

Immer noch so stark, als hätte es die vorübergehenden Tiefs bei einigen der Langspielfilme nicht gegeben. Futurama bleibt einfach ein Füllhorn an Retro- und Futurismus-Gags für Nerds, Wissenschafts- und Kulturfanatiker. Auch wenn die Verhaltensweisen der Charaktere ähnlich wie bei den Simpsons langsam vorhersehbar werden, die Plots scheinen im Gegensatz zu denen aus Springfield noch Potenzial für hundert Staffeln zu versprechen, weil es in Sachen „Quoteability“ einfach keine Grenzen zu geben scheint – einfach alles, was jemals in der Popkultur stattgefunden hat, würde bei Futurama gut funktionieren. Da dies nur der erste Teil der letzten Staffel ist, kann man immerhin noch eine Staffelbox in Deutschland erwarten, danach ist dann ja leider erstmal wieder Sense, zumindest solange Groening keinen neuen Sendeplatz gefunden hat.
Weitere Sichtungen:
2 Guns
Durst