
Erstaunlich, zu welch eindrucksvollen Bildern dieser eigentlich im Kleinen gedrehte Film imstande ist. Obwohl nachvollziehbarerweise eher munter zitiert als neu erfunden wird, sind die Produktionswerte beeindruckend und vor allem werden die Bilder durch raffiniertes Licht- und Schattenspiel, den Einsatz von Lens Flares und perspektivische Experimente stark aufgewertet. Chapeau hierfür, weniger dann für das Drehbuch: Ärgerlich, dass die eigentlich philosophisch so anregende Thematik so löchrig und unausgereift präsentiert wird. Hier wurden im Grunde zehn ambitionierte, für sich genommen sehenswerte Kurzfilme zu einem mittelmäßigen Spielfilm verknüpft, hier und da aber mal eine Masche ausgelassen, so dass man immer wieder unschön auf Ansätze trifft, die nicht zu Ende gedacht wurden. Ärgerlich, denn die Machart zeugt schon von ambitioniertem Filmemachen, das letztlich aber an den eigenen Ansprüchen scheitert.
Das gibt Ärger

Klassische Dreiecksnummer, die genetisch eigentlich der RomCom-Kiste entspringt, aber McG ist der Mann auf dem Regiestuhl, und so wird dann außerdem noch so etwas wie eine Actionkomödie draus. Dass der Film später auch mit „Knight & Day“ als Double Feature verkauft wurde, macht absolut Sinn – in beiden Fällen sind ehemalige Hollywood-Schnuckel darum bemüht, sich noch ein letztes Mal unter Rückgriff auf selbstironische Tollpatschigkeit als Objekte der Begierde zu verkaufen, und der Action-Überbau steht sinnildlich für ein Feuerwerk zu Ehren frisch aufblühender Liebe. Entsprechend sprühen die Funken nicht in gewöhnlichen Situationen, sondern auf dem Drahtseil, in einer Schießerei oder vor einem Abgrund. Die Kontrahenten, in diesem Fall Tom Hardy und Chris Pine, neutralisieren sich zum Vergnügen des Zuschauers mit ihren Spezialfähigkeiten gegenseitig. Ihr Casting gehört zu den Gelungenheiten des Films, da Beide nicht unbedingt dem klassischen Schönheitsideal entsprechen (vor allem Hardy nicht), sondern ihren Charme aus anderen Quellen holen. Im Anfangs- bis Mittelteil führt das zu manch köstlicher Situation, allerdings ist der Rahmen dann auch relativ schnell abgesteckt und die Unterhaltung wird durch das Vorwissen getrübt, dass alles nur brav in die üblichen Mündungen fließen kann, derweil sich Mrs. Witherspoon die quintessezielle Frage stellt: Wer darf’s denn am Ende sein? Zu leiden unter alldem hat Til Schweiger als notwendiges Baddie-Übel, der zwischenzeitlich vom Film sogar mal komplett vergessen wird. Grob unterhaltsam im Einstieg, aber auch sehr unrund und am Ende vor allem bieder und konservativ.
Schande

Der Krieg war in Bergmans Filmen immer ein Schemen am Horizont. Eine Sache, die ihn wenig anging, bis er in den 70er Jahren aus steuerlichen Gründen in Deutschland Asyl suchte und dort „Das Schlangenei“ drehte. In „Das Schweigen“ sieht man beispielsweise, wie ein Panzer in der Nacht durch die menschenleeren Straßen rollt. „Schande“ ist nun die Auseinandersetzung des Regisseurs mit seiner eigenen Passivität gegenüber dem Krieg, als er, bzw. seine beiden Hauptfiguren, das intellektuelle Paar aus Max von Sydow und Liv Ullman, gegen alle Wahrscheinlichkeit auf der kleinen Insel Fårö (die auch Schauplatz von „Passion“ und „Die Stunde des Wolfs“ ist) direkt mit dem Krieg konfrontiert wird. Bergman lässt nun seine meistanalysierte Konstellation, die stets von vornherein als brüchig dargestellte Ehe, an jenem Krieg zerbersten. Das Abstrakte, Unergründliche, das der Krieg in den Augen des Films darstellt, ergießt sich erbarmungslos über der vermeintlichen Idylle, die ohnehin aber schon keine ist, und lässt endgültig die Erkenntnis wachsen, dass sich selbst ein Land wie Schweden nicht vom Krieg ausnehmen kann. Ein so gesehen ungemein wichtiger Film über den Krieg, da er aus der wenig beleuchteten Sicht eines neutralen Landes erzählt wird.
Fack Ju Göhte

Generation Facebook hat jetzt auch seine Pennäler-Komödie, Heintje kann also endlich in Rente gehen. Die grelle Graffiti-Farben-Optik ist zwar reinste Anbiederung, aber tatsächlich schafft „Fack ju Göhte“ es, die rotzendoofe Jugendkultur entlarvend darzustellen, ihr aber trotzdem etwas Herzliches abzugewinnen und somit (und eben nicht nur wegen Uschi Glas) in die Fußstapfen der „Lümmel von der ersten Bank“ zu treten. Natürlich ist das Drehbuch dennoch ziemlich ziellos, die Liebesgeschichte aufgesetzt und überhaupt ist alles gelackte Oberflächlichkeit; einen wirklich guten Film bekommt man hier also erwartungsgemäß nicht zu Gesicht, aber doch ein paar gelungene Gags am Rande („schon ok, ich bin auch klug“) und einen Funken Charme zur rechten Zeit am rechten Ort.
Traumstadt

Eine bittere Parabel auf die Ellbogen- und Individualistengesellschaft mit maßlosen Ansprüchen an Selbstentfaltung. Ihr Ausgang steht zwar fest, sobald die Regeln feststehen, nach denen das Zusammenleben in der mittelalterlich wirkenden Kunststadt geordnet ist, aber Johannes Schaaf gelingt dennoch ein eindringlicher Blick in die Abgründe einer von den vermeintlichen Fesseln der industrialisierten Welt befreiten Gemeinschaft Selbstinszenierung und rücksichtsloses Verwirklichen der eigenen Persönlichkeiten wirken als gewaltige Kräfte in dem Isotop, das trotz der offenen Gebäude und einfach gebauten Straßen zunehmend klaustrophobischer Wirkung auf den Betrachter ausübt. Die Darstellung der Ereignisse mag durchaus realitätsfremd dargestellt sein, wie ein theoretisches Modell, zumal der langjährige Theaterregisseur seinem Metier entsprechend sehr viel Bühnenhaftes aus den Sets zieht; Entsprechend muss man die Buchverfilmung auch genau so annehmen, um Gefallen an ihr finden zu können.
All Is Lost

Minimalistische Ein-Mann-Stücke wie „All Is Lost“ gibt es aufgrund ihrer unkomplizierten, geradlinigen Realisierungsmöglichkeiten (meist wird nur ein Set benötigt und der Plot definiert sich vorwiegend über zufallsbasierte Ereignisketten) in großer Zahl, weshalb die grausamen Pointen des Schicksals, die Robert Redford auf hoher See ereilen, nur allzu bekannt erscheinen: Riesige Tanklaster, die ein kleines Boot nicht bemerken, das nur wenige Meter von ihnen entfernt im Wasser treibt, haben sich inzwischen fast schon zu Filmklischees ausdefiniert. Dementsprechend schwer hat es J.C. Chandors nahezu wortloses Survival-Drama (einmal wird leise das Wort „scheiße“ gemurmelt), auf direktem Wege oder zwischen den Zeilen einen Impuls zum Zuschauer zu tragen, den dieser noch nicht kennt. So hält man sich vorwiegend an Robert Redfords physisch starker Leistung fest, der hervorragend eine Figur verkörpert, die weder in einen sozialen Kontext eingebunden ist (da keine weiteren Akteure beteiligt sind) noch in eine psychologische Selbstreflexion gerät (daran ist der Film nicht interessiert), sondern rein auf den Überlebenskampf fixiert ist. Da man auch über die Hintergründe der Figur nichts erfährt, ist Redfords Figur ein großes Enigma und des Filmes größter Trumpf, denn hierdurch wird überhaupt erst die essenzielle Frage danach gestellt, was es sein mag,d as diesen Menschen so sehr um sein Überleben kämpfen lässt.
Oldboy

Als kontrast- aber nicht allzu geistreiche Übersteigerung des Originals liefert Spike Lee durchaus einen sehenswerten Film mit Pulp-Charisma, er muss sich aber natürlich die Frage stellen lassen, inwiefern sein Remake die Welt wirklich bereichert. Josh Brolin ist als Choi-Min-Sik-Nachfolger auf den ersten Blick gut getroffen, aber dazu verdammt, dessen Eigenarten zu imitieren wie ein Stuntman den eigentlichen Star, derweil Sharlto Copley auf der Gegenseite enorm chargiert – und mit seinem Gestrampel doch nicht dazu in der Lage ist, die Sahne zu Butter zu verwandeln. Kraft- und aussagelos nimmt die tragische Geschichte ihren Lauf. Szenen wie die Massenprügelei verraten die Halbherzigkeit, mit der zu Werke gegangen wurde, andere beschäftigen sich lediglich mit Bildkomposition und Farben. Keine Vollkatastrophe, kann man sich aber im Grunde sparen, wenn man die koreanische Variante schon kennt.
Bad Grandpa

Relativ schwacher und vor allem inkonsequenter Versuch, die “Jackass”-Clips in ein Handlungsgerüst zu packen. Kameratechnisch bleibt die Knoxville-Opashow der Stunt-Serie treu, inklusive SloMo-Wiederholungen besonders pikanter Kawumms-Momente, was stilistisch gar nicht passt, wenn auf der anderen Seite ein Road Movie erzählt werden soll, das immer wieder durch kleine Zwischenepisoden gestreckt und somit überhaupt erst auf Spielfilmlänge gebracht wird. Der Junge ist immerhin ganz knuffelig und macht jeden Scheiß mit im Wissen, dass hinter ihm ein Filmteam steht, dessen Humorniveau bekanntermaßen demjenigen eines Achtjährigen in etwa ebenbürtig ist. Ein paar gute Gags sind dabei, insgesamt ist die Kiste aber zu sehr auf Provokation aus, und das funktioniert nach „Borat“ einfach nicht mehr so gut wie vor „Borat“.
Picknick am Valentinstag

Ein Director’s Cut ist in der Regel gleichbedeutend mit einer längeren Filmfassung, weil der Regisseur dem Zuschauer gewisse Szenen nicht vorenthalten will, die aus meist kommerziellen Gründen aus dem Film geschnitten wurden. Es ist exemplarisch, dass Peter Weirs Director’s Cut seines „Picknick am Valentinstag“ den umgekehrten Weg geht und gegenüber der Kinofassung noch viele Minuten kürzt: Sein Mystery-Film wird zum Meisterwerk, weil er konsequent bis zum Schluss einen Überschuss an Erklärung und Information verweigert. Eine Selbstdisziplin, die im zeitgenössischen Kino längst ins Reich der Legenden und Mythen gereicht wurde. In weichgefilterten, traumartigen Bildkompositionen stellt Weir den Hanging Rock als uralte, bedrohliche Wand dar, die Menschen einfach so verschluckt. Dabei spielt er unentwegt mit Metaphern über die Zeit, die Unschuld und sexuelles Erwachen. Ein offensichtlicher Wegbereiter für David Lynchs „Twin Peaks“, in seiner Unerklärlichkeit erschütternd und faszinierend.
The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel

Das Drehbuch verspricht einen komplexen, in dieser Art selten gesehenen Genre-Mix irgendwo zwischen Mystery, Komödie, Psychothriller, mikrokosmischer Satire und Mockumentary und damit eine vergleichsweise neue Filmerfahrung, die wohl auch aus dem journalistischen Hintergrund des Autoren John August geboren wurde. Da ist es beinahe schon als tragisch zu bezeichnen, dass August sein Drehbuch diesmal unbedingt selbst verfilmen musste, denn als Regisseur scheint ihm jegliches Talent zu fehlen. Die von ihm gebotenen Einstellungen sind langweilig und haben die Anmut einer TV-Produktion fürs Nachmittagsfernsehen, die Szenen- und auch Kapitelübergänge der dreiteiligen Geschichte erscheinen holprig, der Schnitt notdürftig und unbeholfen. Ryan Reynolds wähnte sich wohl endlich mal wieder in einem anspruchsvollen Projekt, wird aber unvorteilhaft inszeniert, und über die Eignung seiner Co-Stars kann man ebenfalls geteilter Meinung sein (insbesondere bezogen auf Melissa McCarthy). Dass so großes Potenzial so einfach an handwerklichen Barrieren scheitern kann, ist beinahe beunruhigender als der Plot.
Weitere Sichtungen:
Homefront

































































