Filmtagebuch: Vince

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Vince
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Beitrag von Vince » 11.09.2016, 08:31

Im Herzen der See
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Ob Sherlock Holmes oder Moby Dick, den Zeitgeist scheint es in besonderem Maße zu reizen, alte Mythen in der Gegenwart zu verorten und sie der Prüfung durch die Realität auszusetzen.
Dabei inszeniert Ron Howard nicht gerade wie im Realismus verankert. Seine Bilder gleichen vielmehr der Malerei als der Fotografie, Fischerdörfer werden wie Idyllen im Gegenlicht inszeniert und ein türkisgrüner Stich filtert die letzten Eindrücke, selbst dabei gewesen zu sein, heraus.

Die mythologische Dekonstruktion findet eher bei den Motiven statt; so erfährt der Wal keine wirkliche Diabolisierung, vielmehr wird er als ungewöhnliche Kreatur dargestellt, die allerdings gemeinsam mit ihren Artgenossen gegen die Gefahr an der Wasseroberfläche ankämpfen muss und somit einen natürlichen Grund hat, das Boot zu attackieren.
Umspannt wird der Plot durch einen narrativen Rahmen aus der Zeit, als Melville zu seinem Roman "Moby Dick" inspiriert wurde. Das hat zu Vergleichen mit "Titanic" geführt, was auch insofern richtig ist, als dass sich "Im Herzen der See" genau wie "Titanic" irgendwo zwischen historischer Dokumentation und Legendenbildung befindet.

Für ein wirklich ausgewogenes Survival-Abenteuer allerdings fehlt im letzten Drittel die Ruhe. Der eigentliche Überlebenskampf, der von Hunger und Kraftlosigkeit geprägt war, wird wie im Zeitraffer zusammengefasst und letztlich nur angedeutet. Mit etwas mehr Sorgfalt wäre gerade hier eine größere Wirkung herauszuholen gewesen, auch wenn das bedeutet hätte, dass man ein kinounfreundliches Überlängenformat hätte in Kauf nehmen müssen.

So handelt es sich immerhin um ein edel gefilmtes Abenteuer zur See, dessen Kurzweil darüber hinwegsehen lässt, dass es weder dokumentarischen noch mythologischen Maßstäben genügend entsprechen kann.
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The Big Short
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Beachtlich, an was für einen Stoff sich Adam McKay da herantraut – und dass man ihn seitens Paramount überhaupt gewähren ließ, da seine Vita bislang ausschließlich Regiearbeiten mit Will Ferrell als Hauptdarsteller vorzuweisen hat. In diesem Fall vertraut man ihm ein wenig mehr an, nichts Geringeres nämlich als die Finanzkrise ab 2007. Einen Börsen-, Banken- und Wirtschaftsfilm. Immerhin etwas, das ein wenig Grips verlangt.

Welch ein Glücksgriff eine solch unwahrscheinliche Paarung sein kann, beweist nun "The Big Short". "Der Große Crash" hat das Thema vor fünf Jahren ja schon ziemlich spannend aufbereitet, doch selbst dieses so packend inszenierte Drama kann nicht ganz gegen McKays Werk bestehen... weil es eben "nur" ein Drama ist. McKay hingegen durchbricht mehrfach die Vierte Wand und dringt in absurden Szenenbildern direkt zum Zuschauer vor, konfrontiert ihn mit seiner eigenen Uninformiertheit und reflektiert diese mit völlig absurden Erklärsequenzen. So bekommen wir beispielsweise von Selena Gomez beim Poker recht bildhaft einen Teilaspekt der Finanzkrise erläutert; über einen anderen belehrt uns Margot Robbie in einem Schaumbad, wohl wissend, dass sie uns vermutlich in einem Moment der Unaufmerksamkeit erwischt.

Und doch ist "The Big Short" keine alberne Schote, sondern eine temporeiche, multiperspektivische Annäherung an ein Wirtschaftsphänomen, das rückblickend vor allem eine Frage in den Raum stellt: Warum hat das keiner kommen sehen? Anders als "Der Große Crash" schickt "The Big Short" nicht etwa eine einzelne Identifikationsfigur vor, die langsam Schicht für Schicht aufdeckt, sondern eine bunte Mischung unterschiedlicher Mitspieler des Systems, die zwar alle auf ihre Art egoistische Motive verfolgen, jedoch deswegen noch lange nicht als Fieslinge dargestellt werden. Selbst dem herrlich schmierig auftretenden Ryan Gosling gewinnt McKay noch positive Aspekte ab, ganz zu schweigen von Christian Bale und Steve Carell, die Hervorragendes abliefern; aber auch die Nebenrollen sind stark besetzt, sei es nun Brad Pitt im Schluffi-Modus oder auch Finn Wittrock.
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The Interview
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Dumm und naiv stellen Seth Rogen und James Franco den gemeinen Amerikaner dar, um der nordkoreanischen Führungsfigur Kim Jong-un auf Augenhöhe zu begegnen. Was natürlich nicht bedeutet, dass die amerikanische Dummheit am Ende nicht siegen würde, so wie sie es schon im Duell Homer Simpson vs. Frank Grimes in einer 1997er-Episode der "Simpsons" tat.

Mit dem South Park'schen Verständnis einer politischen Realität ohne doppelten Boden pfercht sich das verschworene Duo durch Szenenbilder, die ob der Undurchsichtigkeit der Grenzen zwischen Fiktion und Realität fast wie Mockumentary-Material aussehen, durchzogen von fragwürdigen visuellen Effekten und einer humoristischen Linie, die zwischen Gross-Out, billigen Kalauern und hintergründigerem Polithumor äußerst divergent ausfällt. Randall Park gibt den Führer Nordkoreas mit einer ausgeprägten menschlichen Note, inklusive geheimer Vorlieben für banale Dinge und einfachen Bedürfnissen, so dass nichts erwartet werden kann, das der Karikatur eines Zeitungscartoonisten vom Politteil gleichen würde. Vielmehr bedeutet Parks Darstellung eine Anpassung des unnahbaren, "arschlochlosen" Diktators in das kumpelhafte Rogen-Universum.

Das titelgebende Interview sorgt nicht unähnlich demjenigen aus Ti Wests "The Sacrament" für die große Pointe, mit der das vorangehende Abgehänge in einen neuen Kontext gerückt werden soll. Das funktioniert leider nicht ganz so gut wie noch beim vergleichbar aufgebauten "Das ist das Ende", weil sich die konfuse Regie weder auf Stil noch Tempo einigen kann und die potenzielle Wirkung des eigentlichen Interviews verpuffen lässt.

Nüchtern betrachtet also viel Rauch um wenig. Unfassbar eigentlich, dass so eine alberne Komödie alles zwischen den USA und Nordkorea dermaßen in Aufruhr versetzen konnte. Dabei ist sie schon heute allenfalls noch einen Kurzkommentar wert...
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The Gift
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Hitchcock-Fans werden sich angesprochen fühlen, heißt es im Tenor. Das ist richtig, aber nicht nur wegen der stilistischen Verwandtschaft, sondern auch deswegen, weil Joel Edgerton sich in seinem Regiedebüt mit äußerster Vorsicht und Präzision bewegt, um keine schwerwiegenden Fehler beim Suspense-Aufbau zu riskieren. Das Ergebnis ist hochgradig spannend geraten, allerdings auch betont klassisch. Der geübte Zuschauer kennt bereits sämtliche Manöver des Debütanten. Keine der Wendungen reißt aus dem Konzept, "The Gift" ist keiner der Filme, die ihre Wand durchbrechen und etwas völlig Unvorhergesehenes tun.

Nun muss Thrill der alten Schule ja nichts Unangenehmes sein. Geschickt streut Edgerton kurze Szenen ein, die vermeintlich nichts bedeuten; ein grüner Sportdrink auf dem Küchentresen, ein Zettel am Kühlschrank, eine Wischbewegung über die beschlagene Glastür der Dusche. Später knüpft er solche Beiläufigkeiten entweder an geschmackvolle Jump Scares oder an Plotwendungen. All diese kleinen Dinge und mehr führen zu einer handwerklich äußerst souveränen Vorstellung. Auch die Ausstattung spielt dem selbst geschriebenen Drehbuch perfekt die Bälle zu, wenngleich eben auch hier die Klischees zuschlagen: ein gläsernes Haus für ein verwundbares Ehepaar, so gläsern, dass der bedrohliche Sonderling als Einzugsgeschenk unter anderem auch Glasreiniger mitbringt.

Edgerton persönlich spielt den subversiven Eindringling mit einer Mischung aus Harmlosigkeit und passiver Aggression wunderbar heraus, auch Rebecca Hall stellt den Wandel vom Arglosen ins Eingeschüchterte im besten Sinne Hitchcocks dar. Der eigentliche Besetzungsclou ist aber Jason Bateman. Der Experte für Komödien und Familienklamotten deutete zuletzt mit seinen ersten Regiearbeiten schon höhere Ansprüche an und auch Edgerton gibt ihm eine Rolle, die komplexer zu bewältigen ist, als sie zunächst scheint, was Bateman ideal umsetzt.

Zu harten Bandagen muss Edgerton nie greifen, fast wie aus dem Schneckenhaus dirigiert er sein Projekt. Zu übermäßig großen Ehren kommt man mit dieser Vorgehensweise nicht, aber es ist schon beachtlich, welche Intensität sich noch aus den jahrzehntealten Thrillermechanismen herausholen lässt.
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Shark Night
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Wenn die Unterhaltung stimmt, ist man bei Teen-Horror gerne dazu bereit, viele Fragwürdigkeiten zu übersehen. Die Bereitschaft dazu hat sich sogar längst zum Kult gemausert; Trinkspiele etwa sind stets willkommen, wenn mal wieder ein dummes Opferlamm bereitwillig ins Dunkel zu seinem Opfer hoppelt.

Da ist es ein Leichtes, sowohl die zwielichtigen Beweggründe einiger Einheimischer rund um den Badesee zu schlucken als auch die schiere Tatsache, dass sich unzählige Arten von Haien in besagtem See aufhalten. Artenvielfalt hat jedenfalls noch selten geschadet. Der angepeilten Leichtkostunterhaltung tut es jedenfalls gut, nicht auf einen Angreifer angewiesen zu sein, sondern vom Bullen- über den Hammerhai bis zum Großen Weißen eine ganze Armada an Menschenfressern ins Rennen zu schicken.

Vermutlich hätte sich David R. Ellis für den letzten Film vor seinem Tod ein Werk von anderem Kaliber gewünscht, doch gemessen an den Ansprüchen ist "Shark Night" nicht der Totalausfall, als der er gerne bezeichnet wird. Die Haiattacken gehören vielleicht nicht gerade zu den größten Momenten des Horrorfilms; mal färbt sich bloß das Wasser rot, mal hüpfen die Fische wie Springteufel aus dem Wasser, um dem 3D zu gefallen. Jedoch inszeniert Ellis ungeachtet der jeweiligen Auflösung eine flotte Ereigniskette in hübsch gefilmtem Ambiente. Diese ist zwar stets holprig begründet und bei weitem nicht immer glaubwürdig, doch ist es nun auch nicht so, dass man wieder fröhlich baden ginge, nachdem die erste Attacke vorüber ist. Immerhin, es gibt flotte Motorbootverfolgungsjagden, drehbuchbedingt einige Spießwechsel und sogar eine dicke Explosion nach dem Duell Boot vs. Zapfsäule.
Das ist nun nichts, worüber man Romane schreiben müsste, aber doch immerhin größtenteils schmerzfreie Unterhaltung, die trotz Haien sogar noch Lust auf Urlaub am Badesee erzeugt.
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Ewige Jugend
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Mit Müh und Not gelingt es Paolo Sorrentino, Anker in der Realität zu befestigen, indem er reale Personen wie Diego Maradona (Roly Serrano) oder Paloma Faith (sie selbst) in die Handlung streut. Der Drehort rund um einen Kurort in den Schweizer Alpen nämlich lässt den Ballon des Kunstfilmers in Sphären aufsteigen, die in Wes Andersons entrückten Mikrokosmen bestens aufgehoben wären. Anders gesprochen: Sorrentino bewegt sich auf einem schmalen Grat, ein authentisches Drama in Bildern wie von einem Gemälde aufzubereiten. Nicht uninteressant sind viele der handlungsbestimmenden Unterhaltungen allerdings, die sich meist um Betrachtungen des Vergangenen oder Abschätzungen der Zukunft drehen: Was hat man früher gemacht, wie wurde dies bewertet, welcher Mensch ist man dadurch geworden und wie geht man damit im weiteren Leben um. All diese Fragen werden aus den Augen zweier Künstler und Intellektueller betrachtet, eines Komponisten (Michael Caine) und eines Regisseurs (Harvey Keitel), die mit ihrem fortgeschrittenen Alter ebenso hadern wie mit ihrem Lebenswerk. Die Schweiz mit ihren Bergen, Wiesen und Thermalbädern wird so malerisch dargestellt, dass man sie für einen himmlischen Vorort halten könnte, ein Gleichnis auf das bevorstehende Jenseits.

Unmerklich wird die verkopfte Reflektion von Lebensphilosophien bald auf die Lebenspraxis angewandt. Kunstfertig arrangiert Sorrentino Traumsequenzen im Stil der alten Meister des Autorenfilms, die verschlungene Denkweise ihrer Träumer offenlegend; dann schälen sich die Ursprünge der Träume heraus. Brillant verknüpft der Regisseur das Abseitige mit dem Handfesten, wenn die Tochter des Komponisten (Rachel Weisz) ins Spiel gelangt, wenn der Komponist von einem Abgesandten der Queen wegen eines Jobs drangsaliert wird, wenn wir langsam dahinterkommen, was mit dessen Frau geschehen ist oder wenn der Regisseur bei der Planung seines neuen Films von der eigenen Entdeckung schwer enttäuscht wird. Viele kleine Dinge, die man isoliert betrachtet als prätentiös hätte empfinden können, werden in einen sinnvollen Kontext gesetzt und vervollständigen ein kleines Meisterwerk, das mehr beinhaltet als bloße Altherrenpoesie.
:liquid8: ,5

Preacher – Season 1
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Mit seiner Comicherkunft hält "Preacher" nicht weit vor'm Berg – die unkontrollierten Panelexplosionen führen etwa drei bis vier Episoden lang zu dem Eindruck, dass die Auftaktstaffel sich ohne Sicherheitsleine und roten Faden einfach mal selbst auf die Menschheit loslässt und auch nicht so ganz genau weiß, wo sie dabei enden wird. Was nur insofern stimmt, als dass die Geschehnisse tatsächlich in Situationen münden, die man so nur schwer hätte kommen sehen. Ziellosigkeit ist deswegen aber noch lange nicht zu spüren.

Dominic Cooper hat mindestens in "The Devil's Double" schon ordentlich abgeliefert und ist einem größeren Publikum in den letzten Jahren möglicherweise in Filmen wie "Need For Speed", "Captain America" oder "Dracula Untold" am Rande aufgefallen; die Titelfigur macht er sich jedenfalls souverän zu eigen als nicht direkt sympathischer, aber doch angenehm kerniger Antiheld, der von etwas Unsichtbarem besessen ist. Joseph Gilgun hatte die abflauenden beiden Finalstaffeln der britischen Serie "Misfits" praktisch im Alleingang vor dem Untergang gerettet und bekommt hier völlig zu Recht eine weitere Chance, tiefer ins Rampenlicht zu rücken. Und Ruth Negga befindet sich auch gerade auf dem Durchmarsch, wenngleich man sich mit ihrer Figur womöglich am längsten anfreunden muss, bis es dann doch irgendwann klickt.
Ein Teufelstrio, das hier reichlich texanischen Staub aufwirbelt und eine Kleinstadt samt Kapelle ins Chaos stürzt. Die trashige Abfolge von schrägen Plotschichten erinnert ein wenig an die ersten drei "True Blood"-Staffeln, abzüglich deren Cheesyness, denn "Preacher" müht sich parallel um authentische Coolness ohne Geschmachte, Hausfrauenromantik und Edelkitsch. Gerne bedient man sich zusätzlich religiöser Motivik und vermengt sie mit Fantasy, die wiederum auf eine trockene Inszenierung an trockenen Drehorten trifft; "Legion" von 2010 hätte mit weniger Blockbuster-Lackierung genau so aussehen können.

Positiv fällt der Spannungsbogen auf: Mit jeder Episode multipliziert sich der Spannungsgrad praktisch, bis er in einen absoluten Antiklimax mündet, der sich einmal nicht zum Cliffhanger-Prinzip hinreissen lässt, sondern im geschlossenen Rahmen den Boden bereitet für weitere Schandtaten. Das muss nicht beinhalten, dass jeder Subplot zu einem sauberen Ende geführt wird; im Gegenteil, die meisten Charaktere schweben zum Ausklang der letzten Folge in einem Bett aus Fragezeichen und warten auf ihre persönliche Erfüllung, doch lässt gerade das auf weitere packende Konflikte hoffen.

Die zur Schau gestellte Art vogelfreier Inszenierungsweise muss man natürlich mögen, ebenso wie das hitzegeladene Setting. Die Comicseiten brennen aber lichterloh und es ist zu hoffen, dass schnell jemand weitere Hefte nachwirft, um das Feuer am Leben zu erhalten.
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Mad Men – Season 1
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Es reicht eigentlich schon, sich einen alten Bogart-Streifen anzusehen, um zu erkennen, wie extrem sich das Gesellschaftsbild in den letzten Jahren verändert hat; doch mit der in den 60ern angesiedelten Serie "Mad Men" wurden Würfel in die TV-Geschichte geworfen, die sich dieser Veränderung ganz explizit widmen und sie bis ins letzte Atom sezieren.
Ironischerweise hat man von Angestellten der Werbebranche und ihrem Arbeitsfeld kaum ein anderes Bild als jenes, das hier gezeichnet wird: Progressives Denken um zwei und mehr Ecken, um den Endkunden gegen seine eigenen Emotionen auszuspielen, so etwas würde man ihnen auch heute noch zugestehen. Ein Büro allerdings, in dem den ganzen Tag geraucht, getrunken und sexuell belästigt wird und all dies sogar zum guten Ton gehört, so etwas würde heute ganz zweifellos zu einem anachronistischen Paralleluniversum und auf lange Sicht zur unvermeidlichen Implosion führen.

Interessant, dass die Serie die vielen Exzesse und die Objektisierung der weiblichen Sekretärinnen in Männerbüros nicht etwa deutlich verurteilt, sondern einfach trocken wiedergibt und die reine Differenz gegenüber zeitgemäßen Normen wirken lässt. Trotz ihrer ausgeprägten Domäne wirken die Männer rückblickend eher schwach, scheinen sie doch letztlich Opfer ihrer eigenen Macht zu sein; unter den Frauen indes, die sehr unterschiedliche Überlebensstrategien entwickeln, arbeitet schon die erste Staffel starke Charaktere heraus, auch wenn beispielsweise Elisabeth Moss oder Christina Hendricks auf diesem Weg viele Erniedrigungen über sich ergehen lassen müssen, die jedoch stets mit Fassung getragen werden.

Prägend sicherlich auch der papierne, stocksteife Look, der Jon Hamm durch Meetings und Seitensprünge begleitet, hin und wieder von der unwirklichen, knallbunten Fantasiewelt der Werbung unterbrochen. Trockene Dialoge bestimmen das Geschehen, führen meist zu Abschlüssen in Sachen Geschäft oder Sex. Der fremdkörperartige Einschub einiger Hippie-Elemente veranschaulicht die sich selbst verschlingende Weltansicht der Anzugträger von der Madison Avenue, alles nicht Zweckmäßige mit alienesker Neugier zu begutachten.
Der Plot wird bei alldem nicht zu streng verfolgt; gut so, denn die Auftaktstaffel vermeidet dabei einen allzu konventionellen Ablauf und lässt lieber das eigenwillige Szenario für sich arbeiten. Die Machenschaften im verqualmten Werbebüro sind für sich genommen schließlich spannend genug.
:liquid8:

Weitere Sichtungen:
Point Break (2015)
13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi
Knock Knock
The Hallow
10 Cloverfield Lane

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Beitrag von Vince » 14.09.2016, 07:01

Midnight Special
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"Der große mit seinem außerirdischen Kleinen" trifft auf "Das Mercury Puzzle" mit der Atmosphäre der Spielberg'schen SciFi-Klassiker "E.T." und "Unheimliche Begegnung der 3. Art" sowie John Carpenters "Starman". Auch wenn diese Mischung gerade für einen geschmackssicheren Regisseur wie Jeff Nichols krude klingen mag – sie ist das logische Produkt des Bemühens, die irreale Atmosphäre seines meisterhaften Zweitfilms "Take Shelter" weiter zu ergründen.

Wiederum mit Michael Shannon in der Hauptrolle besetzt (weiterhin Joel Edgerton, Kirsten Dunst und Jaeden Lieberher), setzt "Midnight Special" viel darauf, philosophische Erkenntnisbrücken rein über die symbolische Darstellung von Schlüsselbildern zu erzeugen, die meist in Spezialeffekten ihren Ursprung nehmen – über einen Meteoritenschauer bei Nacht beispielsweise oder über das exzessive Finale, das die Realitätsdehnung zu etwas beinahe Göttlichem ausformuliert. Nichols steckt viel Energie in diese Momente, die sich in die Handlung einer regelrecht banal wirkenden FBI-Fahndung betten und Weltliches gegen Übernatürliches ausspielen, Licht und Leuchten gegen die gedämpfte Normalität.

Ungleich "Take Shelter" gelingt es ihm diesmal aber nicht, wirklich spannende Fragen damit aufzuwerfen. Das Kind als unschuldiges Gefäß einer von der ganzen Welt gejagten Wahrheit ist ein Stereotyp, das sich Nichols in dieser Deutlichkeit bislang noch nicht geleistet hat. Mit dieser schwierigen Ausgangssituation fällt dann auch die Bereitschaft, sich auf die Geheimniskrämerei einzulassen, auch wenn die Sparsamkeit mit erklärenden Details grundsätzlich eine willkommene Entscheidung darstellt. In gewisser Weise teilt sich "Midnight Special" die daraus resultierenden Probleme mit "The Fountain" von 2006, zumal Darren Aronofsky damals nach dem Erfolg von "Requiem For A Dream" mit einer ähnlichen Ausgangssituation konfrontiert war.

Man möchte den Film wegen seiner Ambitionen mögen, doch am Ende scheitert er am steifen Ausdruck seiner erzwungenen Bildabfolgen, denen der natürliche Fluss fehlt.
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The Shallows
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Um jemandem etwas richtig zu vergrämen, muss man ihm erst einmal zeigen, wie schön es ist. Und so eröffnet Jaume Collet-Serra mit traumhaften Überkopf-Aufnahmen australischer Gewässer (die einen mexikanischen Strand doublen sollen), bald gefolgt von Surfszenen, die selbst bei Wassermuffeln eine tiefste Sehnsucht danach wecken, Wellen mit dem Surfbrett zu teilen. So gesehen handelt es sich wohl um den Sommerfilm der Saison.

Schon die Ankunft der Protagonistin am Strand kolportiert eine (in diesem Fall noch gewünschte) Einsamkeit; an dieser Schraube wird das Einpersonenstück auf beengtem Raum nicht mehr drehen. Weitere Darsteller stellen daraufhin lediglich Möglichkeiten aus der misslichen Lage. Ein erstes Zusammentreffen mit zwei einheimischen Surfern noch vor dem ersten Haiauftritt trüge in einem Film über menschliche Bestien bereits eine Menge Suspense in sich, insbesondere wenn man die anfängliche Überinszenierung von Blake Livelys Körper in Betracht zieht, doch diese kleine Finte verfolgt Collet-Serra nur kurz, bevor er einen packenden Zyklus aus Attacken, Beobachtungen und Chancennutzungen in Gang setzt.

Nicht zuletzt, da sich ein Großteil der Handlung auf einem flachen Felsen abspielt, der bei drohender Flut im Wasser versinkt, verweilt die Perspektive konsequent auf der Linie des Wasserpegels, ist weder deutlich darüber noch (wie beim unbekannteren Mitschwimmerprodukt "In The Deep" aus dem gleichen Jahr) darunter. Die Gefahr bleibt dadurch omnipräsent. "The Shallows" gehört zweifellos zu den packendsten Vertretern seiner Gattung seit einigen Jahren.

Der hohe Intensitätsfaktor hat aber auch seinen Preis. Die Darstellung des Großen Weißen, seines Verhaltens und der Wege, die sich das Skript mit der Zeit bahnt, pendelt zwischen gut belegtem Realismus und klaren B-Movie-Bekenntnissen. Ist seine Animation in den meisten Szenen als beklemmend realistisch zu bezeichnen, mag der Regisseur dennoch nicht auf manch prägnantes Schlüsselbild verzichten, etwa die Silhouette des Fisches in einer anrollenden Welle. Wird das aggressive und überaus hartnäckige Verhalten gleich über mehrere Aspekte begründet, die sich in der Handlung nach und nach ergeben, so werden spätestens zum Finale anthropomorphe Züge des Hais und eine auf Action ausgerichtete Inszenierung nicht mehr so konsequent vermieden wie zuvor. Mag es auch lange keinen derart packenden Haiauftritt im Kino gegeben haben, authentischere gab es zumindest mit "Open Water" und "The Reef" in jedem Fall.

Lively muss als alleinige Kraft natürlich liefern und diese Herausforderung nimmt sie an. Der Lage angemessen verwandelt sie sich vom Surferbabe in eine Überlebenskämpferin, ohne dazu den bis zum Überdruss angebotenen Hollywood-Heroismus bemühen zu müssen. Den familiären Ballast als Hintergrund hätte es allerdings gar nicht gebraucht, denn ein gewisses Maß an Rätselhaftigkeit hätte die Figur sogar noch weiter vorangebracht. Gemeinsam mit einer verletzten Möwe füllt sie die Leinwand jedenfalls ohne spürbare Längen aus.

Drückt man in einigen Szenen und insbesondere zum Schluss beide Augen zu, ist "The Shallows" jedenfalls der beste Hai-Horrorfilm seit vielen Jahren.
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Paranormal Activity – Ghost Dimension
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Zurück aus den Slums und ein letztes Mal in die Vorstadtsiedlung, erscheint das Hausinnere opulenter als je zuvor; insbesondere ein riesenhafter Wohnzimmerbereich mit offener Diele dient als Spukschauplatz und ermöglicht vielseitige Kameraperspektiven. Vom Jump Scare direkt in die Linse bis zur Attacke auf den weit entfernten Arglosen wird das ganze Spektrum aufgeboten, so wie sich aus der angeblich (hoffentlich) letzten Fortsetzung der Cheapo-Franchise überhaupt eine Art Best Of der typischen Poltergeist-Schocks entwickelt.

Als Tupferl obendrauf sind dann offenbar diverse Spezialeffekte gedacht, mit denen die Aufnahmen praktisch überwuchert sind. Ständig flirrt schwarzer Qualm vor der Linse und dunkle Ecken verschieben ihre Proportionen, um sich im besten Fall zu einer menschenartigen Silhouette zu formen – Kunststückchen, derer man längst müde geworden ist. Die Einfallslosigkeit im Rahmen der obligatorischen Tag (Sicherheit)-Nacht (Bedrohung)-Wechsel steht der Kamera in vielen Momenten aufs Objektiv geschrieben und die Amtsmüdigkeit macht sich nicht zuletzt auch dadurch bemerkbar, dass der Übergang in die Geisterdimension schlussendlich ein klares "Poltergeist"-Zitat darstellt, mit dem die Macher quasi schwarz auf weiß unterschreiben, dass sie längst am Ende ihres Lateins angekommen sind.

Der Standardablauf mit besessenem Kind, Geschepper in der Küche und Buh-Momenten im Garten ergießt sich dann immerhin in einem relativ effektiven Finale, auch wenn dieses sich noch schnell den Surrealismus von "Grave Encounters" borgt. Ein, zwei effektive Szenen zuvor (beispielsweise der Weihnachtsmann im Türrahmen) lassen "Ghost Dimension" vielleicht einen Hauch interessanter erscheinen als den aus dem Kontext gehebelten Vorgänger, aber gebraucht hätte man dieses letzte Anhängsel nicht mehr. Immerhin scheint jetzt so langsam der Deckel auf dem Topf zu sein.
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Criminal Activities
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Jackie Earle Haley macht bei seinem Regiedebüt den Eindruck, er wisse darum, dass die Zeit der Tarantino-Gaunerfilme eigentlich längst vorbei ist und gerade deswegen wolle er sie mit einem Paukenschlag wieder zurückholen.

Gelingt nicht ganz. Zwar versammelt er eine ganze Menge Charaktervisagen um sich, die man für eine solche Art Film auch braucht – John Travolta, Michael Pitt, Dan Stevens, auch er selbst ist in einer Nebenrolle zu sehen. Das Drehbuch von Robert Lowell rotiert die eigentlich relativ klare Ausgangssituation außerdem genug, damit Freunde des gepflegten Plottwists auch auf ihre Kosten kommen.

Doch die Finten erscheinen letztlich auch nicht weniger selbstzweckhaft als viele der Ausläufer Ende der 00er Jahre. Besonders schmerzhaft fällt eine Rückblende aus der Jugend der Haley-Figur auf, deren Pointe an einem alten Problem des postmodernen Gangsterfilms krankt, der Erhebung des reinen Zufalls zum Leitprinzip nämlich. Das Nichtvorhandensein einer moralischen Kraft oder sich sonstwie ergebenden Tiefe führt auch "Criminal Activities" in strukturalistische Nichtigkeiten, die nur durch schicksalhafte Verstrickungen aufgelöst werden können. Ein paar Emotionen in der wirbeligen Auflösung können dieses Eindruck nicht schmälern. Im Vordergrund stehen die Eindrücke eines Ed Gadhegi, der auf endlos sprudelnden Chris Tucker macht, ein paar Gangster mit klassischen Bossallüren und eine Gruppe von inkompetenten Dumpfbacken, die mit dem Job überfordert sind. Kommt das bekannt vor?
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Irrational Man
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Woody Allens jährliche Ausflüge in die Romantik mit einer jeweils besonderen Zutat X haben längst etwas Routiniertes an sich, etwas, das nach einer ganz bestimmten Formel funktioniert. In diesem Fall ist es die Philosophie, welche sich zwischen Verliebte drängt und ihren feinsinnig konstruierten Mikrokosmos in einer Art aufbricht, dass man Allen nicht voller Überzeugung vorwerfen kann, er habe sich in der Romantik verloren; denn meist hängt etwas Belehrendes und Entromantisierendes am Ende der Erfahrung, die besagt: Sieger über jedes Märchen bleibt immer die Stupidität des wahren Lebens.

Mit Joaquin Phoenix und Emma Stone wagt der Regisseur einen direkten Eingriff der Theorie in die Praxis, als sich ein desillusionierter Professor quasi aus dem Nichts heraus zu einer folgenschweren Tat entschließt. Philosophie sei größtenteils verbale Masturbation, beteuert Phoenix' ambilente Figur, um seine Aussage im folgenden einem ausgiebigen Selbsttest zu unterziehen. Das Ergebnis ist auf eine schwarzhumorige Weise manchmal komisch, pendelt aber in der zweiten Hälfte deutlich ins Abgründige und hinterlässt spätestens mit der Schlusspointe einen schweren Stein im Magen.

Dass sich "Irrational Man" dennoch wieder so unverschämt leicht anfühlt, liegt wiederum an Allens unverwechselbarem Regiestil: Die Charaktere werden zu schwerwiegenden Entscheidungen in Liebesdingen genötigt, doch spült die Inszenierung die Momente der Wahrheit und die dazugehörigen Konsequenzen gleich im nächsten Moment einfach so davon, so dass die Figuren ohne Altlasten vor einer neuen Situation stehen. Keine Scham, kein schlechtes Gewissen. Mit der Realität hat das selbstverständlich herzlich wenig zu tun, doch es ermöglicht rasante Wendungen, die im übertragenen Sinne dem Gefühlswechselbad eines Verliebten näher kommen als jede Darstellung einer Realität.

Obwohl Allen keine offensichtlichen Trümpfe ausspielen muss wie die surrealen Zeitreisen von "Midnight in Paris" oder die Magier-Ebene von "Scoop", atmet "Irrational Man" wieder etwas Besonderes – ungeachtet des Umstandes, dass der Regisseur eigentlich nur noch seine Maschen ausspielt.
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El Retorno Del Hombre Lobo
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Lernt man Paul Naschy erstmalig über sein 1981er Werk kennen, das ihm selbst überlieferterweise das liebste von allen war, so muss man von ihm das Bild eines begeisterten Traditionalisten bekommen. Mit insgesamt zwölf Verkörperungen des Werwolfes hält er nicht nur manchen Rekord, auch ist sein "El Retorno del Hombre Lobo" so tief im klassischen Gothic-Stil versunken, dass die im gleichen Jahr entstandenen Werwolfschocker "Das Tier" von Joe Dante und "American Werewolf von John Landis einer sehr weit entfernten Epoche aus der Zukunft zu entstammen scheinen.

Auch wenn die US-Werke als Meilensteine der Special-Effects-Vorantreibung tiefe Fußabdrücke in der Filmgeschichte hinterlassen haben, hat sich aber auch Naschys Werk filmhistorisch wenigstens für einen Liebhaberkreis bewährt. Brennende Technicolorfarben, die leuchtendes Gelb und Rot von Kerzenschein und Blutfontänen gegen das Blauschwarz alter Steinmauern abheben, derlei Kompositionen sind für den Film längst verloren, so dass insbesondere die Hammer-Studios mit der Zeit wiederentdeckt wurden, doch "El Retorno del Hombre Lobo" kann mit einigen der größten Hammer-Klassiker durchaus mithalten.

Mag die im Mittelalter angesiedelte Eröffnungssequenz anfangs noch wie eine Kostümparade aussehen, birgt sie doch eine gelungene Hommage an Mario Bavas "Die Stunde, wenn Dracula kommt" in sich, als dem Wolfsmenschen eine Eisenmaske angepasst wird, bevor er erdolcht wird.
Anschließend erlaubt sich Naschy einen kurzen Blick auf die moderne Welt, oder wenigstens das, was er und die deutsche Synchronisation unter einer modernen Welt verstanden: Junge Frauen in knappen Bikinis, leicht voyeuristisch inszeniert, die ihre Macker in den Pool schubsen und von ihnen aufgrund dessen anschließend als "kess" bezeichnet werden.

Schnell verlagert sich die Handlung jedoch wieder in das zeitlose Ambiente alter Gemäuer, wo sich der Wiedergeborene auch sichtbar wohl fühlt. In einigen Übergängen schlittert Naschys Inszenierung nah am banalen Schmuddelkino einer 15 Jahre zurückliegenden Zeit vorbei. Dass gerade der Crossover-Charakter für Highlights sorgt, der etwa vielen Universal-Fortsetzungen ihrer Horrorklassiker noch das Genick brach, gehört zu den besonderen Merkmalen dieses Films. Die Vampirauftritte um die mythische Gestalt der Gräfin von Bathory sind wiederkehrende Highlights des Films. Ihre Annäherungen an die Raummitte der mise en scène, die meist eine schlafende Frau in einem Himmelbett im Fokus sieht, werden mit viel Aufwand zelebriert, was Nebelwerfer, Farbgestaltung und Lichteffekte anbelangt. Naschy selbst bewegt sich als haariger Unhold schon wesentlich bodenständiger, bringt aber samt altmodischer Überlblendungs-Verwandlungssequenzen eine animalische Präsenz auf den Bildschirm, die sehr schön mit dem geisterhaften Auftreten der weiblichen Vampire harmoniert.

Es ist leicht, "El Retorno del Hombre Lobo" als unzeitgemäße, altbackene Monstershow misszuverstehen, dabei verleihen ihm einige sehr sinnlich eingesetzte Szenen und einfache Tricks mit maximaler Wirkung eine besondere Aura, die es wertzuschätzen lohnt.
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Ash vs. Evil Dead – Season 1
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Und so wie sie sich zufällig auf den Marktplatz verlaufen, werden die heiligen Kühe weiter auf die Streckbank gespannt, um dem nach frischem Blut johlenden Publikum noch mehr Euphorieschauer über den Rücken zu jagen. Dabei geht die Serie zur "Evil Dead"-Franchise in der ersten Staffel sehr ähnlich vor wie jene zu "From Dusk Till Dawn". Mit dem besseren, weil originalverbundeneren Ausgang allerdings.

Ein Problem jedoch teilt sich die Starz-Produktion mit derjenigen für El Rey: Eine beengte, kammerspielartige Ausgangssituation soll auf eine Serienstaffel ausgeweitet werden. Wo "From Dusk Till Dawn" jeden Furz von Rodriguez' Vorlage zur Wolke aufbauschte und in der Quintessenz die gesamte Handlung noch einmal nacherzählte, da versteht sich "Ash vs. Evil Dead" als Sequel zur Filmtrilogie, die als speziellen Joker Originaldarsteller Bruce Campbell in der Hand hat. Und was ist der hungrig: Reißt von Szene 1 die gesamte Handlung an sich und lässt den jungen Ash hinter einem gealterten Gesicht immer wieder erscheinen. Dazu noch Originalregisseur Sam Raimi, der es sich nicht nehmen ließ, Episode 1 höchstselbst zu inszenieren. Und welche Freude er daran hat, einmal wieder nicht der Masse gefallen oder etwas Neues bieten zu müssen. Ausgelassen rezitiert er sich selbst, lässt Fingerübungen wie die berühmte Egoshot-Kamerafahrt von selbst gleiten, Dämonen ihre Köpfe verdrehen, Oneliner wie ein Repetiergewehr knattern... kurz gesprochen, er lässt tatswahrhaftig die Teufel tanzen.

Wichtig war es, die besondere Art des Horror-Slapsticks überzeugend zurückkehren zu lassen, die er mit seinen Filmen begründet hatte. Gerade hier trumpft die erste Staffel nicht nur im Piloten, sondern in praktisch jeder Episode groß auf: Eklige Fratzen lauern hinter jeder Ecke, umständlich verrenkt und fies sabbernd, als hielte eine höhere Macht Marionetten in der Hand und hadere noch mit der Lenkung. Eine okkulte Beschwörung in Episode 4 lässt ein besonders widerliches Exemplar von der Leine, das zu alldem mit interessanten visuellen Tricks im Andenken an Harryhausens Stop-Motion-Kreaturen auch noch originell zum Zittern gebracht wird. Und weil Kleinvieh auch Mist macht, wird das Repertoire um Puppenhorror erweitert, ohne Angst vor unfreiwilliger Komik und abstruser Qualität der Spezialeffekte; denn das alles macht schließlich auch die Vorlagen aus.

Dass die morsche Waldhütte mit Schaukel Ziel des Weges sein würde, verstand sich ab dem Moment, als sich Ash sein Korsett überstreifte, um in einer abgehalfterten Kneipe auf Brautschau zu gehen. Es war in diesem Zusammenhang eine gute Entscheidung, das Format der acht regulären Episoden (Episode 1 und 10 dauern einige Minuten länger) der nicht allzu tief reichenden Substanz anzupassen; selbst mit 27-Minuten-Laufzeiten gehören Füllszenen und repetitive Dämonenattacken rückblickend zu den größten Schwächen der Staffel. Ash ist eben eher der Typ für schnörkellosen Groove Metal, da sind aus dem Drehbuch keine antreibenden Storyimpulse zu erwarten – auch wenn seine Co-Stars Ray Santiago, Dana Delorenzo und Jill Marie Jones ihn auf gelungene Weise komplettieren. So ziehen sich einige der mittleren Folgen gerade noch so aus der Affäre, wird doch zunehmend offensichtlicher, dass sie das Unvermeidliche lediglich hinauszögern, eine Rückkehr Ashs an seine alte Wirkungsstätte. Als sich das gottlose Quartett kurz vor dem Finale noch mit einer Bürgerwehr auseinandersetzen muss, ist die Luft beinahe raus, doch gerade rechtzeitig bekommt das Drehbuch die Kurve und holt die Kohlen aus dem Feuer.

Überhaupt profitiert die Auftaktstaffel sehr davon, dass ihre erste und letzte Episode qualitativ deutlich herausstechen, so dass man mit einem guten Gefühl einsteigt und am Ende auch tatsächlich zufriedengestellt ist. Rick Jacobson legt für das Finale eine ziemlich ernste Miene auf und serviert ein paar deftige Horror- und Schockmomente, ohne selbstverständlich völlig auf eine ironische Brechung zu verzichten. Das Ende ist in dank einer bizarre Kehrtwende in Sachen klassischer Helden- und Aufopferungsmotive sogar ausgesprochen stark und setzt die Anker für die zweite Staffel, die den weniger beachteten "Armee der Finsternis" möglicherweise wieder auf den Plan bringen könnte – zumindest im Geiste, da für eine tatsächliche Bezugnahme auf die Ereignisse im fantasylastigen dritten Teil offenbar die Rechte fehlen.

Die Schwächen sind natürlich nicht wegzudiskutieren. Die Möglichkeiten zeitgenössischen Fernsehens werden aus erzählerischer Perspektive kaum genutzt, dafür aber hundertprozentig in der Frage, was man zeigen darf und was nicht. Blutig, grotesk und exzessiv liefert "Ash vs Evil Dead" in vielen Momenten verblüffend exakt das Feeling der ersten beiden Filme. Die Serie pendelt originalgetreu zwischen puristischem Horror und erlösendem Slapstick, auch dank der Beteiligung Campbells, der auch einfach nicht zu imitieren gewesen wäre. Und wie schon bei "From Dusk Till Dawn" bleibt nun die alles entscheidende Frage: Da die Pflicht jetzt durch ist, wie wird die Kür aussehen?
:liquid7:

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Beitrag von StS » 14.09.2016, 08:18

Auf "the Shallows" freu ich mich sehr. Im Kino wollte ich den aber dann doch nicht schauen.
"In the Deep" war schon überraschend gut.
Review ist schon geschrieben. :wink:

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Beitrag von Vince » 14.09.2016, 08:44

Ich hab den spontan im Kino mitgenommen, weil ich da nochmal was anderes sehen wollte als die ewigen Comicverfilmungen und dicken Blockbuster, und da mich die Karte dank dieser O2-Donnerstags-Aktion nur 3 Euro gekostet hat, kam mir das ganz recht. "In the Deep" hab ich selber jetzt noch nicht gesehen, gilt ja als eher billige Produktion im Fahrwasser von "The Shallows", aber die Konstellation finde ich da nicht uninteressant. Werde ich mir auch mal ansehen, wenn ich die Gelegenheit bekomme.

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Beitrag von Vince » 18.09.2016, 10:36

Anomalisa
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Kaufmans entfremdeter Blick auf das menschliche Wesen dringt immer noch an die Oberfläche, selbst wenn er keinen Realfilm mit echten Menschen dreht, sondern einen Stop-Motion-Film auf der Grundlage von 3D-Drucker-Puppen. Tatsächlich unterstützt diese Technik sogar die Quintessenz im Schaffen des eigenwilligen Autorenfilmers, das Menschsein sei ein wirrer Fiebertraum und letzten Endes geprägt von robotischer Sinnlosigkeit.

Graue Tristesse zeichnet "Anomalisa" visuell aus, mit Regen, rußigen Hintergründen und fahlem Licht, aber mehr noch: In den Gesichtern aller Figuren verlaufen Nähte, die auf den ersten Blick aussehen wie Brillengestelle, sich letztlich aber als radikales Stilmittel entpuppen, mit dem etwas Cyborgartiges zum Vorschein gebracht werden soll. Die Animation selbst wirkt in einigen Momenten außerordentlich realistisch, in anderen wiederum betont hüftsteif; so, wie man es von einer Kreatur erwarten würde, die menschliches Verhalten zu imitieren versucht, im Inneren jedoch nur aus Hydraulik besteht.

Der eigentliche Clou allerdings ist die konkurrenzlos dünne Synchronsprecherkartei des Films. Abgesehen von der Hauptfigur teilen sich (fast) alle anderen Figuren ein und dieselbe (männliche) Stimme: Der Taxifahrer, der den Mann zum Hotel bringt, der Mann am Empfang, die Ehefrau sowie der Sohn am Telefon des Hotelzimmers, die Kellnerin im Hotelrestaurant. Das führt einerseits zu einigen humorigen Momenten (wenn der kleine Sohn trotz männlicher Stimme so agiert, wie kleine Söhne dies eben tun), andererseits verzerrt es die Stimmung ins Surreale, in erster Linie aber verdeutlicht es auf unvergleichliche Weise die Agnosie, in der sich die Hauptfigur wiederfindet, unfähig oder nicht Willens, die Individualität seiner Begegnungen wahrzunehmen.

Natürlich verweilt "Anomalisa" nicht eineinhalb Stunden in diesem fatalistischen Zustand, sondern lässt den Protagonisten eine persönliche Erleuchtung erleben. Gerade hier gelingt es Kaufman dann sehr wohl, unverfälschte Menschlichkeit darzustellen und die besonderen Merkmale eines einzigartigen Menschen treffgenau nachzuzeichnen. Es ist eben auch dieses Pendeln zwischen Leere und Erfüllung auf der Suche nach einem Lebenszweck, das "Anomalisa" so speziell macht.

Ein Blatt nimmt Kaufman dabei auf jeden Fall nicht vor den Mund. Nacktheit und Vulgärsprache stellt er unverblümt dar, auch der Humor ist von besonders bizarrer Sorte (die eine große Liebesbekundung im Film lässt einem die Haare zu Berge stehen). Das Animationswerk richtet sich explizit an ein erwachsenes Publikum, sowohl thematisch als auch in Bezug darauf, was gezeigt und was gesagt wird.

Nur ein bestimmter Schlag Mensch wird überhaupt Verständnis haben für eine Geschichte wie die von "Anomalisa", aber das war mit "Adaption" oder "Being John Malkovich" ja nicht anders. Es ist nach sieben Jahren jedenfalls eine kraftvolle Rückkehr auf den Regiestuhl / an die Schreibmaschine, die auf jeden Fall gesehen und gehört werden sollte.
:liquid8:


Er ist wieder da
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Deutsche und ihre Selbstreflektion, das kann schon seltsame Früchte tragen. Obwohl Hitler eigentlich regelmäßiger Gast in der nationalen Popkultur ist, kommt die Verfilmung des Bestsellers von Timur Vermes durchaus zu einem guten Zeitpunkt, da sich angesichts jüngster politischer Veränderungen nämlich ohnehin die Frage stellt: Beginnt Deutschland, seine "German Angst" und mit ihr all seine Hemmungen zu überwinden? Hypothetisch gefragt: Wäre es bereit, den größten Fehler seiner Geschichte zu wiederholen?

Denkbar, dass Vermes solche Fragestellungen im Buch auf interessante Weise erörtert. In Unkenntnis der Vorlage deutet der Film zumindest dies an, wenn ihma uch sonst nichts gelingt. Denn David Wnendts krude Verfilmung ist weder Satire noch Komödie; weder Drama noch historische Aufarbeitung; weder Spielfilm noch Dokumentation.

So wie man Adolf Hitler seit seiner Wiederauferstehung in einem Berliner Stadtpark auf dem Weg zur medialen Machteroberung begleitet, wird man von der Regie alle paar Meter Zelluloid mit der Nase auf das Pädagogisch-wertvoll-Prädikat gestoßen, und dennoch ist die geführte Linie dermaßen schwach, dass Gruppierungen jeder Gesinnung die Filmaussage nach eigenem Gutdünken umdeuten können. Die deutsche Medienkultur wird einerseits scharf kritisiert, als der Flachbildschirm, nach Hitlers Meinung eine brillante Erfindung für mediale Propaganda, auf dem Hotelzimmer die schlimmsten Beispiele deutschen Müllfernsehens ausstrahlt; andererseits wird einer ganzen Kette an nicht minder fragwürdigen TV- und Internetformaten kulturbedeutsame Relevanz zugesprochen, bis hin zu einer Reihe von Youtube-Stars.

Diese Art von Inkonsequenz zieht sich durch den ganzen Film, der auch gerade inszenatorisch scheinbar willkürlich wechselt zwischen einem cineastischen Rahmen (die Rückkehr Hitlers), Mockumentary-Elementen und Film-im-Film-Experimentalismus – eine Mischung, die nie harmonisch wirkt und sich immer so anfühlt, als könnte man problemlos Bausteine entfernen oder hinzufügen; theoretisch wäre eine ganze TV-Serie denkbar (Gott bewahre). Dass hin und wieder mal ein Gag oder eine Pointe funktioniert, kann man wohl eher dem Glück als dem Können zuschreiben; insgesamt tendiert die Stimmung ohnehin eher Richtung Drama, was ja nicht schlimm wäre, würde denn wenigstens dieses Durchschlagskraft entwickeln.

Oliver Masucci macht seine Sache als Führer ordentlich (für die nicht wirklich passende Physiognomie kann er ja nichts, sondern wenn überhaupt das Casting), dennoch wirkt die ganze Figur bereits von ihrer Anlage her wie eine Fehlkonstruktion. Zumindest lassen sich aus ihrer (oft ohnehin gestellten) Konfrontation mit Menschen "von der Straße" (sprich: meistens irgendwelche verwirrten IQ60-Bürger, die in einer Kneipe aufgegabelt wurden) keinerlei Deutungen ableiten, die der Hauptthese des Films Nährboden schafften oder sie abschwächen würden.
Eine durch und durch gescheiterte Verfilmung also, die alleine formell so defizitär ausfällt, dass sich nur wenig Gehaltvolles daraus entwickeln kann. Auch wenn man den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte wohl als einzigartig bezeichnen kann.
:liquid3:

V/H/S 3
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Nur drei Segmente (ein vierter wurde aus konzeptionellen Gründen aus dem Endprodukt geschnitten) beinhaltet die zweite Fortführung der Horroranthologie "V/H/S". Eine entsprechend großzügige Fläche wird Marcel Samiento gewährt, um seine Rahmenerzählung zu realisieren- leider, denn "Vicious Circle" leidet technisch an einer akuten Überdosierung der klassischen Found-Footage-Stilmittel (augenkrebserregende Bildfehler und ohrenfeindliche Störgeräusche machen es nicht zum Vergnügen, dem amokfahrenden Eiswagen durch die Straßen zu folgen), inhaltlich an plumper Sozial- und Medienkritik. Der Erzählstil ist wirr, ziellos und lässt sich zu einer großen Enthüllung hinreißen, die eigentlich nur aus heißer Luft besteht, zumal das endlose Gekreise der Verfolgungsjagd sie nicht wesentlich intensiver wirken lässt; und dennoch erhebt sie Anspruch auf apokalyptische Auswirkungen.

Ausgerechnet die letzte Episode "Bonestorm" von Justin Benson und Aaron Scott Moorhead besiegelt den Eindruck des Ziellosen und lässt das Endprodukt als Ganzes eher krude wirken. Seltsame Voodoo-Priester und auferstehende Skelette mitten in der brennenden Sonne Tijuanas transportieren zwar einen gewissen Trash-Charme, doch talentlose Schauspieler, eher improvisiert wirkende Effekte und eine zusammenhanglose Ereignischronologie lassen sie zu einem der schwächsten Beiträge der Anthologiereihe werden.

Dabei hat die erste Episode "Dante the Great" trotz des Giftschrankthemas "Zauberei" immerhin ein paar gute räumliche Effekte zu bieten, die mit eher minimalem Aufwand hohe Kreativität aufweisen, wenn schon keine besonders originelle Story. Und mit "Parallel Monsters" von Nacho Vigalondo ist sogar ein durchweg überzeugender Beitrag vertreten. Die Idee einer Verkrümmung der Dimensionen in eine verkorkste Parallelwelt ist stark an Cronenbergs Filmografie angelegt, hier insbesondere an "Die Fliege" und "eXistenZ", dabei aber äußerst spannend sowie ideen- und fintenreich. Das Spiel mit der Normalität und wie sie in gewissen Details in etwas Unbekanntes abdriftet, führt zu einer gewissen Tiefe mit Diskurspotenzial, wie sie vom Restfeld nicht erreicht wird.

Insgesamt noch immer kein Totalausfall, da auch "V/H/S 3" noch von den Besonderheiten der Reihe zehrt, aber doch spürbar der bislang schwächste Beitrag.
:liquid5:

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Beitrag von Vince » 25.09.2016, 13:59

Die Entdeckung der Unendlichkeit
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Hier wird leider ausschließlich die metaphorische Seite des Filmtitels bedient, nicht die wörtliche. Was Stephen Hawkings Lebenswerk ausmacht, dient in dieser vom Ablauf her typischen Oscar-Filmbiografie ausschließlich der Unterstreichung seines Liebeslebens sowie dem in enger Wechselwirkung stehenden körperlichen Verfall. Immerhin, Hawkings Krankheit wird mit allerhöchstem Respekt thematisiert. Der Physiker wird von Beginn an als einzigartiger Mensch gezeichnet und dieser Linie bleibt das Drehbuch auch treu, als die Auswirkungen der Krankheit um sich greifen. Stets konfrontiert es die Hauptfigur ausschließlich mit Personen, die mit ihr in einem engen Bezugsrahmen stehen, als wolle es (mit Recht) sagen, dass nur diese Personen auch Relevanz genießen. Eddie Redmayne lässt den schelmischen, humorvollen Charakter in jeder Lebensphase durch die Augen hervorblitzen; insofern ist der Oscar nach Academy-Maßstäben durchaus zu verstehen.

Dass allerdings so radikal auf eine wissenschaftstheoretische Vertiefung verzichtet wird, dass also eine Verknüpfung zwischen Privatperson und Physiker nur in einem verschwindend geringen Rahmen stattfindet, ist maßlos enttäuschend, hat man so doch das Gefühl, um den – als Vermächtnis betrachteten – wichtigeren Teil seines Daseins betrogen zu werden. Stilsicher bewegt sich James Marsh zwar durch die Epochen, beginnend mit der visuell an die artverwandte John-Nash-Biografie "A Beautiful Mind" erinnernden Studienzeit, doch er endet zurechtgeschnitten wie ein Märchen, gerade dort endend, wo man dem Mythos um das glückliche Leben bis an ihr Lebensende zu vertrauen beginnt...
:liquid5:

Bridge Of Spies – Der Unterhändler
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Formell nahezu makellos gleitet Spielberg durch den historischen Stoff. Der Erzählbogen ist als meisterhaft zu bezeichnen, immer am emotionalen Puls gelegen: Wenn es mal wieder eine Prise Humor braucht, wird sie geliefert (oft über den herzhaft aufspielenden Mark Rylance, manchmal auch über Hanks oder diverse kleine Nebenrollen), wenn nicht, bleibt sie aus. Spannungsmittel werden dezent und äußerst wirksam eingesetzt. Kaminsky liefert mal wieder Bilder von besonderer Pracht. Hanks spielt so selbstverständlich, dass man den Idealismus seiner Figur als glaubwürdig erachtet, ebenso wie die fast kindliche "warum nicht"-Einstellung, mit der er sich als Unterhändler probiert. Die Zustände während des Kalten Krieges werden auf ein allgemein verständliches Niveau herunterskaliert, ohne dass deswegen die politische Komplexität in den Beziehungen zwischen den USA und der Sovjetunion (mit Ostdeutschland als dritter Partei, die ins Geschehen eingreift) verloren ginge. Obgleich das Quid-Pro-Quo-Szenario viele Schwarzweißkontraste verwendet, wird die Kritik am Vorgehen des Gegners stets auf das amerikanische Volk und seine Entscheidungsträger zurückprojiziert. Überhaupt ist gerade das die moralische Quintessenz von "Bridge Of Spies".

Nur in einzelnen Einstellungen übertreibt es Spielberg. Die Diskussionen innerhalb der eigenen Familie darüber, mit welcher ethnischen Auffassung der Anwalt seinen Beruf betrachtet, deuten bereits auf ein Lehrstück hin, das dann am Ende auch erwartungsgemäß geliefert wird. Kinder springen symbolisch über amerikanische Nachbarszäune und demonstrieren Freiheit und Lebensfreude, als Überblendung einer identisch arrangierten Szene aus dem Ostdeutschland-Abschnitt, in der ein flüchtendes Paar erschossen wird beim Versuch, die Mauer zu überwinden. Hier greifen Spielbergs Konventionen des Traumes vom Familienidyll unnötigerweise um sich und trüben das formell einwandfreie Werk zumindest leicht.
:liquid8:


All Things Must Pass: The Rise And Fall Of Tower Records
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Immerhin mal wieder eine Dokumentation über wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergang, die eine anständige Struktur aufweisen kann. Colin Hanks beschäftigt sich in seinem Langfilm-Regiedebüt mit dem Aufbau von Tower Records, einem der legendärsten Vinyl- und CD-Retailer Amerikas, und zeichnet die Geschichte von der Gründung 1960 bis zum Bankrott im Jahr 2006 nach. Dabei schafft er das Bild eines mit familiärer Atmosphäre geführten Betriebes, der aufgrund vieler glücklicher Entscheidungen rasant expandierte, um schließlich als Gigant an drei Faktoren zu scheitern: an der Selbstüberschätzung des Gründers Russ Solomon sowie an den Symbolen Walmart und Napster.

Diese etwas schlichte Auflösung lässt darauf schließen, dass einige Dinge unter den Tisch gekehrt wurden, aber offene Karten sind ohnehin nur das vermeintliche Metier des Dokumentarfilmgenres. Beschönigungen gehen hier schon mit dem Sujet Hand in Hand; Hanks nutzt verstärkt Werbeslogans der Kette, um diese für eigene Zwecke zu deuten. Und wo Slogans fallen wie "No Music. No Life", da werden natürlich auch Leidenschaften angesprochen und Tower Records als Ermöglicher dieser Leidenschaften inszeniert. Prominente wie Bruce Springsteen und Elton John nehmen extra teil, um Worte des Lobes und persönliche Anekdoten zu teilen; dass außerdem ein Dave Grohl interviewt wurde, verstand sich nach dessen "Sound City"-Dokumentation fast von selbst.

Trotz dieser erwartbaren Zugeständnisse an die Konventionen ist Hanks ziemlich gut darin, den Fokus auf einer Linie zu halten. Man mag einwenden, dass über die Geschäftskultur und die Abläufe im Inneren der meist riesigen Verkaufsflächen eher wenig geäußert wird, so dass man kein direktes Gefühl dafür bekommt, was es so besonders gemacht hat, in einer Tower-Records-Filiale einzukaufen. Umgekehrt wird jedoch sehr viel über das Geschäftsgebahren und die Firmenphilosophie geliefert. Geschickt pendelt die Regie zwischen Interviewerzählungen und Einspielern aus dem Archivmaterial, zieht logische Schlüsse und erläutert die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens schlüssig und einfach. Wenn dann mittendrin ein früherer Manager eine rührselige Erinnerung mit der Kamera teilt, kommt das in diesem Moment etwas unerwartet und berührt daher umso direkter das Herz des Publikums.

Mit der lockeren, aber niemals seichten Anordnung der Interviews und sonstigen Materialien gelingt Colin Hanks auf jeden Fall abendfüllende Unterhaltung. Ob nun all die direkt Beteiligten, inklusive des nunmehr schon über 90-jährigen Solomon, dem Anspruch an vollkommene Transparenz genügen, ist wieder eine andere Frage; mindestens das Motto "All Things Must Pass" jedoch ist eine unbestreitbare Wahrheit.
:liquid7:

Scouts vs. Zombies
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Man geht schon mit einer Hypothek ins Spiel, wenn man im Jahr 2016 einen Film über Scouts im Kampf gegen Zombies drehen will. Denn wieso, das ist die eigentliche Frage, sollte man so etwas heute noch wollen? Selbst die "Cockneys vs. Zombies" waren vor vier Jahren eigentlich schon viel zu spät dran. Zombies sind einfach nicht mehr lustig oder überhaupt irgendwas anderes außer lästig. Das ist schon ein Faktor, der die Arbeit des mehrfachen "Paranormal Activity"-Autoren Christopher B. Landon runterzieht - wirklich aus dem engen Käfig der thematischen Vorgaben ausbrechen kann er jedenfalls nicht. Allenfalls kann man ihm attestieren, das durch heranwachsende Nerds und Untote bereitstehende Standard-Arsenal noch bestmöglichst zu nutzen.

Denn immerhin steuert er den American-Pie-Faktor nicht einfach nur in typische Partyfilmgewässer mit traditionell unsympathischen Figuren, sondern müht sich völlig untypisch um humane Werte wie insbesondere Freundschaft. Wäre ein Charakter wie der pummelige Vorbildpfadfinder (Joey Morgan) woanders kaum mehr gewesen als das Ziel bösartiger Späße, fungiert er hier als Herz des Films, wovon auch die beiden Hauptdarsteller Tye Sheridan und Logan Miller profitieren. Ebenso sympathisch präsentiert sich Sarah Dumont, gleichwohl sie im Klischee des Superbabes gefangen ist, das die jüngeren Weggefährten um wichtige Coming-of-Age-Erfahrungen bereichert.

Von diesem Kern abgesehen liefert "Scouts vs. Zombies" solide ab; vom Prolog mit seiner Verkettung ungünstiger Umstände über den zum Running Gag aufgebauten Chef Scout (sehr gut: David Koechner) bis zu den vielen eingestreuten Kuriositäten (Trampolin-Sequenz, Zombie-Katzen) hält das Drehbuch bei Laune, ohne nun allzu tief in den Splattertopf greifen zu müssen.

Mehr als eine elegante Linienführung beim Abpausen nach Schablone ist das sicher nicht, es steht aber immerhin über vielen drittklassigen Splatterkomödien, die alle meinen, auch noch was vom Zombiekuchen abhaben zu wollen, bevor nur noch die Krümel übrig sind.
:liquid6:

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Beitrag von SFI » 25.09.2016, 16:31

Dass allerdings so radikal auf eine wissenschaftstheoretische Vertiefung verzichtet wird ...
Schade, exakt die hätte ich erwartet. :(
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Beitrag von Vince » 26.09.2016, 05:44

Jau, Wissenschaft plus Romanze, das wär DEIN Film geworden. ;) Ich hatte mir in der Beziehung aber auch klar mehr erhofft. Mehr als ein paar oberflächliche Gastrednerbeiträge und Schlüsselbegriffe kommen nicht dabei rum. Da war auch "A Beautiful Mind" zB. noch ergiebiger.

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Beitrag von Vince » 03.10.2016, 12:02

Peanuts – Der Film
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Der Peanuts-Film stellt per definitionem bereits ein Oxymoron dar: Kleinig- bis Nichtigkeiten auf der großen Kinoleinwand. Weitergedacht demontieren Charlie Brown und seine Mitschüler also gerade das, wofür Kino vermeintlich gemacht ist: Schlachten, Explosionen, Comicuniversen. Sie nehmen diese große Fläche ein und breiten Stilleben auf ihr aus, wo sonst schwindelerregende Kamerafahrten regieren; reihen eine Abfolge dumpfer Spoof-Slapstick-Einlagen aneinander, wo normalerweise die ansteigende Dramaturgie zu Höhepunkten führt. Eine gute Idee also eigentlich, den Größenwahnsinn der vergangenen Kinojahre ein wenig runterzukühlen.

Wären die Akzente einen Hauch anders gesetzt, würde der Plan auch vollkommen aufgehen. Die linkischen Animationen der Comics und Zeichentricks wurden authentisch in die dritte Dimension übertragen, sämtliche Charaktere gut eingefangen und klassische Motive in die Handlung geflochten. Die Machart hebt sich von gängigen, dem Perfektionismus nachstrebenden CGI-Filmen ab, sieht in einigen Momenten sogar aus wie per Stop-Motion realisiert. Allerdings ist schon Pig Pens omnipräsente Schmutz-Aura ein verräterischer Hinweis darauf, dass den Bildern etwas fehlt, das man mit der Vorlage verbindet – eben dieses Handverlesene, Krakelige, das unmittelbar auf die Signatur Charles M. Schulz' verweist.

Ein solches Fehlen war auch zu erwarten angesichts der Entscheidung, mit Computeranimationen zu arbeiten. Leider drängen sich im Aufbau zudem die BlueSky Studios und hier insbesondere deren Wiedererkennungsmarke "Ice Age" hervor. Das Drehbuch zerfällt vollends in kleine Slapstick-Szenen, die erst am Ende wie bei einem Foto-Mosaik einen Gesamtrahmen ergeben. Das musste auch die Rezeptur dieses Films sein, der doch die großen Wahrheiten über kleine Dinge ziehen möchte. Prinzipiell sind die von Dusseligkeiten und Tagträumen bestimmten Einzelszenen auch voller kleiner Details, die zu entdecken sich lohnen. Als die typischen erleuchtenden Momente der Serie jedoch ausbleiben, wird deutlich, dass der Film über die kurzen Ellipsen hinaus nur wenig mehr zu sagen hat als Scrat und seine unendliche Jagd nach der Eichel. Zwar bietet das Ende für Charlie Brown ein einziges Mal einen solchen Moment, dieser ist aber schlichtweg nicht stark genug, die vielen Schnörkel zu tragen, mit denen der Weg zum Ziel markiert wurde. In gewissem Maße wird "Peanuts – Der Film" den Ansprüchen also gerecht, vollends ausgeschöpft hat man den Eierkopf mit seinem Hund aber noch nicht.
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Legend
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Fluch wie Segen, in der Endabrechnung aber letzteres, ist Hauptdarsteller Tom Hardy für Brian Helgelands Gangsterfilm. Hardy, der 2009 mit "The Take" bereits eine ähnliche Rolle absolviert hatte, füllt die Leinwand mit seiner Doppelpräsenz vollständig aus und erweckt zwei völlig unterschiedliche und doch spürbar miteinander verbundene Figuren zum Leben. Sein introvertiert-psychotischer Ronnie steht zwar permanent an der Schwelle zur Karikatur, ergänzt sich aber hervorragend mit dem extrovertiert-kaltblütigen Reggie. Zeitweise kann Hardy alleine davon ablenken, dass Helgeland dem Stoff abgesehen von der geglückten Integration amerikanisch angehauchter Gangsterfilmstrukturen (vieles, insbesondere die Beziehung Reggies zur von Emily Browning gespielten Ehefrau, ähnelt dem Aufbau von De Palmas "Scarface") ins Londoner East-Eand-Milieu wenig Tiefe abringen kann. "Legend" betreibt bisweilen denselben Aufwand wie ein Scorsese-Mafiafilm, um die 60er Jahre wieder auferstehen zu lassen, inhaltlich jedoch begnügt er sich mit Schlichtheiten, Vereinfachungen und Andeutungen.

Im Umkehrschluss drückt das auch wieder auf Hardys Performance, die eingebettet in diesen wenig erkenntnisreichen Blick auf die Unterwelt Londons nahezu einem Ablenkungsmanöver gleichkommt. Als genüge gute Ausstattung und ein starker Hauptdarsteller bereits, um einen eindrucksvollen Gangsterfilm zu schaffen. Dass dem nicht der Fall ist, zeigt ein zweiter Blick auf die tiefliegenden Qualitäten der Genre-Klassiker.
:liquid6:

Warcraft – The Beginning
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"Warcraft" mag kaum über Unterhaltungskino hinausgehen, sich vor allem über glänzende Spezialeffekte definieren und ganz bestimmt nicht die symbolische Tiefe von Peter Jacksons Referenztrilogie aus dem vergangenen Jahrzehnt erreichen, aber er gibt dem gebeutelten Fantasy-Genre etwas zurück, das vor und nach "Der Herr der Ringe" als völlig tot galt: Er bedeutet klassisches, detailverliebtes Geschichtenerzählen von einer jenseitigen Welt. Reuelos darf man die Entstehung eines neuen, völlig autark funktionierenden Universums genießen, einer neuen Zelle also, in die der Geist des Eskapismus der Realität entfliehen darf. Und eine solche war längst überfällig.

Tatsächlich ist die Architektur dieser ursprünglich aus Computerspielen, Comics und Kartenspielen stammenden Welt beeindruckend. Mag die Einteilung in Rollen und Gilden für Computer- und Rollenspiele dieser Prägung noch einen Allgemeinplatz darstellen, so wird ihre Verknüpfung auf durchaus kreative Weise erreicht. Zauberei bedeutet nicht einfach nur Blitze und Energieblasen (obwohl beides reichlich vorhanden ist), sondern sie wird strategisch und mit Bedacht eingesetzt und der reinen Muskelkraft ebenso gegenübergestellt wie der menschlichen Intelligenz. Die Verteilung von Kräften fühlt sich wesentlich komplexer an als es der 08/15-Kinogänger etwa aus dem Marvel-Kosmos kennt, der über Gut-und-Böse-Polkappen hinaus nie eine Graustufe kennengelernt hat.

So geleitet Duncan Jones trotz einiger steriler Bilder durch eine Abfolge von Szenen, die durchaus mehr Faszination ausüben, als man sich im Vorfeld hat eingestehen wollen. Was fehlt, ist der naturalistische Touch der Tolkien-Verfilmungen, besteht "Warcraft" doch zu ungleich größeren Anteilen aus dem Computer. Das hat zur Folge, dass man nicht ganz so tief in die Erzählung gezogen wird und am Schicksal der Charaktere weniger Anteil nimmt, wobei Hauptdarsteller Travis Fimmel ("Vikings") eine gute, aber stromlinienförmige Leistung abliefert. Und doch reicht ein Blick auf die mit Ringen geschmückten Hauer der Orks, damit man sich im Kopf eine Legende über deren Riten und Kultur anlegt.

Nicht die Geschichte als solche, sondern die vielen kleinen Eigenarten sind es also, die das Interesse an den Spezies und ihrem Werdegang aufrecht erhalten. Sie lassen es sogar akzeptabel erscheinen, dass das Ende ohne dramaturgische Aufwölbung einfach plötzlich da ist, als habe man lediglich den Piloten zu einer Serie gezeigt. Denn letztlich möchte man ja ohnehin noch mehr von dieser Welt sehen.
:liquid7:

The Boy
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Die Klischees des Puppen- und Haunted-House-Horrorfilms modifiziert William Brent Bell ebenso unzureichend wie jene des Exorzistenfilms, als er "The Devil Inside" drehte. Dusch- und Dachbodenszenen, Alptraumsequenzen und Nahaufnahmen des starren Puppenkopfes weichen kaum von den Vorgaben ab und wirken trotz der hübschen Location abgedroschen und folglich wenig gruselig. Lauren Cohen spielt solide, doch ihre Isolation in dem großen Haus hätte man besser in Szene setzen können. Verglichen mit den nächtlichen Besuchen der "Frau in Schwarz" im gleichnamigen Film von 2012 sind die Auftritte der Puppe regelrecht nervenschonend, auch weil sich die Schockmomente in der Regel als Illusion herausstellen.

Als nach zwei Dritteln dann der zu erahnende Twist folgt, hilft auch dieser nicht dabei, dem Sujet neue Facetten abzugewinnen, da man auch ihm Abkupferei unterstellen muss, nur eben nicht beim klassischen Gruselfilm, sondern beim jüngeren Invasionshorror-Kino. Hätte man das nicht alles genau so schon mal öfter gesehen die letzten Jahre, wäre Bell hier möglicherweise eine beeindruckende Wendung geglückt; so aber wird die demonstrierte Einfallslosigkeit noch einmal unterstrichen. Damit bleibt das hübsche Setting (Herrenhaus-Anwesen gehen eigentlich immer) der größte Trumpf eines ansonsten durchwachsenen Genrefilms.
:liquid5:

Draculas Rückkehr
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Der Normalsterbliche würde vielleicht einen Schlüsseldienst anrufen, wenn er sich ausgesperrt. Dracula, der sein Schloss von einem großen goldenen Kreuz versperrt sieht muss andere Wege finden, den Normalzustand wiederherzustellen...

Der folglich zwischen Wiesen, Stein und Dorfpflastern angelegte Film von Terence-Fisher-Ersatz Freddie Francis führt teils absonderliche Wege mit sich. Zusammen mit dem Vampirfürst wundert sich der Regisseur über eine Moderne, die selbst bis in die tiefsten Karpaten eingedrungen ist. Sündenfall, wohin man sieht, ganz oben ein Atheist, der seine ungewöhnliche Position zu Gott und dem Glauben gegenüber einem Priester auch noch völlig arglos preisgibt und dafür in einer beachtenswürdigen Szene getadelt wird. In der Dorfkneipe wird geflirtet, was das Zeug hält und Trinkspiele halten bei Laune. Jede Aktion für oder gegen Dracula ist mit der Bedeutung eines unausgesprochenen Glaubenskrieges aufgeladen, was Christopher Lee mit einer fast störrischen Beharrlichkeit quittiert, mit der er flankiert von blutroten über grün bis gelblich leuchtenden Farbfiltern die brennenden Augen auf seine Opfer richtet.

Folglich hat Francis' Regie trotz der gewohnt altmodischen Kulissen nur wenig viktorianische Romantik zu bieten; ein bemerkenswertes Panorama über den Dächern des Dorfes gehört zu den optisch spektakulärsten Momenten des Films, der eher durch schnellen Setwechsel getrieben scheint und damit eine Allgegenwärtigkeit des Fürsten der Finsternis behauptet. Einzelnen Locations wird kaum gestattet, ihre Wirkung durch spezielle Ausleuchtung zu entfalten. So entwickelt "Draculas Rückkehr" in erster Linie als Zeitdokument mit Bezügen zu gesellschaftlichen veränderungen seinen filmhistorischen Wert, weniger über klassische Qualitäten.
:liquid6:

Boardwalk Empire – Season 4
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Man könnte der vierten Staffel unterstellen, sie tausche lediglich einen Villain (Bobby Cannavale) gegen den nächsten aus (Jeffrey Wright), tatsächlich bewegt sich die Storyline aber so komplex und auf so vielen Wegen fort, wie man es von ihr gewohnt ist. Dem durchaus wieder spannenden Bandenkonflikt zwischen Nucky und Narcisse (einziger Wermutstropfen in diesem Handlungsstrang: Margot Bingham, die deutlich besser singen als spielen kann), den man als Hauptstory bezeichnen kann, werden viele weitere Subplots hinzugefügt, die auch interessante neue Rollen einbinden, beispielsweise Patricia Arquette als Bardame, insbesondere aber Eric Ladin als J. Edgar Hoover, dessen Ermittlungen die Perspektive leicht aus dem Innenzirkel der Unterwelt in die legislative Ebene ziehen und damit in ein Stück weit in die gesellschaftliche Realität. Ausstattung und Inszenierung bleiben gewohnt geschmackvoll, diverse Höhepunkte werden nach Vorbild der alten Schule eher antiklimatisch dargestellt anstatt der reißerischen Montage jüngerer Produktionen nachzugeben. Der Fokus rückt immer weiter davon ab, Steve Buscemi als Mittelpunkt aller Abläufe zu betrachten; einige Dinge entziehen sich völlig seines Handlungsspielraums, auch wenn dies manchmal nur dem Schein nach so ist.
So bleibt "Boardwalk Empire" auch in seiner vierten Staffel ein Flaggschiff der Fernsehunterhaltung, das weiterhin als Referenz gelten muss.
:liquid8:

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Beitrag von SFI » 03.10.2016, 14:45

Bin gespannt, Warcraft ist heute Abend an der Reihe.
Die letzte Wahl - Vom Ende des politischen Urteils

„Fate: Protects fools, little children and ships named Enterprise.“

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Beitrag von McClane » 04.10.2016, 10:49

Genau den hab ich gestern abend auch gesehen, fand den aber eher murksig im Gegensatz zu euch.
Jimmy Dix: "Du glaubst wohl nicht an die Liebe?" - Joe Hallenbeck: "Doch ich glaube an die Liebe. Ich glaube auch an Krebs." [Last Boy Scout]

Perry Van Shrike: "Look up 'idiot' in the dictionary. You know what you'll find?" - Harry Lockhart: "A picture of me?" - Perry Van Shrike: "No! The definition of the word idiot, cause that is what you fucking are!" [Kiss Kiss, Bang Bang]

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Beitrag von Vince » 09.10.2016, 08:35

Kein Einwand, den kann man schon murksig finden. Mir hat er trotz aller Mängel gefallen, gerade weil es eben kaum pure Fantasy gibt. Und weil dieser Film irgendwie so tut, als wäre es ganz normal, dass jedes Jahr ein großer Fantasyfilm in die Kinos kommt. Diese Selbstverständlichkeit, mit der die ganzen Rädchen in diesem Universum zum laufen gebracht wurden... Das hat mich irgendwie fasziniert, auch wenn am Ende eben nur substanzlose Unterhaltung dabei rausgekommen ist.

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Beitrag von McClane » 09.10.2016, 10:54

Hätte den an sich auch gern gemocht... der kloblige Style der Ritterrüstungen und Orks sah zwar etwas nach Playmobil aus, hatte aber seinen eigenen comichaften Charme. Mein Hauptproblem war das, das ich viele Sachen unmotiviert fand, auch wenn ich seltsamerweise beim Drübernachdenken später durchaus Momente gefunden habe, die das eine oder andere etablieren - etwa die Feindschaft zwischen Lothar und Blackhand oder die Wichtigkeit des Duellrituals bei den Orks. Nur wenn man das beim Schauen selbst nicht so wahrnimmt, dann hinterlässt das den Eindruck des Schlurig-Erzählten. Naja, das Sequel hat ja Luft nach oben, wenn es denn tatsächlich kommt.
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Beitrag von Vince » 15.10.2016, 12:26

Unfriend
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Erfahrungen lehren uns, dass Horrorfilme oder überhaupt Genrefilme mit dem Thema "soziale Netzwerke" mit Vorsicht zu genießen sind. Irre Axtschwinger, die kreischende Mädels jagen und dabei im besten Fall vielleicht eine hohle These zum Freundesammelwahn absondern, sind das zu erwartende Maximum an Unterhaltung. Subversive gesellschaftliche Kommentare dagegen sucht man oft vergebens.

In der Basis trifft das auch auf das Horrorfilmdebüt des deutschen Regisseurs Simon Verhoeven zu, der bislang nur Komödien auf heimischem Grund gedreht hat. Ein attraktives Mädel (Alycia Debnam-Carey) kann sich vor Freunden kaum retten. Ein eingeblendeter Zähler hält uns auf dem aktuellen Stand, was die Online-Freundesliste angeht. Sukzessive zeigt die Zahl an und verspricht damit, nach der großen Plotwende wieder abzunehmen. Um der Filmdramaturgie und dem Countdown-Effekt zu gefallen, findet diese Abnahme wiederum sukzessive statt, anstatt einen natürlichen Verlauf zu nehmen, der zu einem aussagekräftigen Kommentar hätte führen können. Der Regisseur steigert dies noch ins Absurde: Die Reaktionen, mit denen die Mitmenschen der Hauptfigur die Veränderungen auf deren Online-Profil quittieren, könnten entlarvend sein, in diesem Fall sind sie jedoch zu weit an der Realität vorbei, um ernstgenommen werden zu können. Es entsteht der Eindruck eines naiven, dummen Horrorfilms für naive, dumme Menschen.

Genretechnisch jedoch überrascht Verhoeven mit einer in dieser Form sicherlich unerwarteten Mischung. Stalker-Elemente hat man erwartet, nicht aber, dass sie über durchaus kreative Einschübe mit übernatürlichem Geisterhorror gekreuzt werden könnten. Das Drehbuch nimmt anhand von Rechercheszenen und Spuk im Umfeld der Protagonistin bald ähnliche Kreuzwege wie das "Ring"-Remake (2002), ohne aber die Ästhetik des Japan-Horrors zu imitieren. In diesem Fach wiederum hängt man sich eher an "The Wicker Man". Diese Mischung aus sehr modernem Erzählstil und klassischen Horrormotiven führt zu einem durchaus interessanten, abwechslungsreichen und dynamischen Ablauf mit relativ gelungenen Jump Scares, die gerade wegen der oft unerwarteten Bildkompositionen funktionieren.

Na klar, die letzte Pointe singt wieder was von "Circle Of Life" und vermittelt einen zwar vorhandenen, aber doch arg flachen gesellschaftskritischen Gehalt. Und doch, irgendwie hat sich "Unfriend" seinen Namen verdient.
:liquid6:

The Beast Within
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Im Jahr 1982 konnte einer Produktion wie "The Beast Within" eigentlich nur der Schatten als Rückzugspunkt dienen: Gute, aber kategorisch allseits bekannte Spezialeffekte (basierend auf Gummi und Blasebalg) als ausgedehntes Highlight eines träge vor sich hindümpelnden Handlungsaufbaus, so etwas gleicht ein Jahr nach "American Werewolf in London" und "The Howling" einem Stück Brot, das nach einer üppigen Mahlzeit gereicht wird.

Inzwischen stehen auch solche Filme der B-Klasse dank der seit Jahren expandierenden CGI-Dominanz zur Wiederentdeckung bereit und der bedächtige narrative Aufbau ist nicht einmal so zäh wie zu vermuten wäre, gleichwohl die Spezialeffekte sicher auch nicht mehr über den Stauneffekt von damals verfügen, womit sich das vermeintliche Ungleichgewicht wieder egalisiert. Begonnen wird mit einer an Slasherfilme erinnernden Sequenz (mit der unübersehbaren Pointe, dass die damals schon 40- bzw. 44-jährigen Bibi Besch und Ronny Cox das Juvenile stark kontrastieren, auf dem solche Szenen normalerweise ihren Suspense aufbauen) und wird dann schleichend zur rohen Kleinstadt-Horrorfabel mit entsprechender Sezierung der kleinen bürokratischen Vorgänge.

Das Coming-Of-Age-Element wird trotz seiner Omnipräsenz ein wenig unter der Decke gehalten, womit die eigentliche Identifikation des "Monsters im Inneren" sich erschwert. Dass die Kreatur insektoide Züge haben soll, sieht man ihr direkt nicht an (tatsächlich ist der Werwolf bei der Verwandlung aufgrund der höhlenmenschartigen Züge näher als die überdimensionale Zikade), deswegen wird dieser Sachverhalt über ein schrilles Zirpkonzert und mehrmalige Betonung der Herkunft überbetont. Des weiteren vermengt das Drehbuch den dominierenden Verwandlungseffekt mit einer Besessenheitsthematik, die auch noch eine Ahnenschuld ins Spiel bringt. All das angelegt in einem großen Rahmen aus Industrieanlagen und Mississippi-Sümpfen.

Man sieht, "The Beast Within" ist also gar nicht so leer, wie er bis zum finalen Exzess (nach heutigen Maßstäben ist es nicht einmal mehr ein solcher) erscheint. Das ruhige Erzähltempo kühlt lediglich exploitative Aneinanderreihungen auf ein halbwegs glaubwürdiges Maß herunter, um hier und da mit einer blutigen Überraschung aufzuwarten. Einige anerkannte Klassiker weisen eine vergleichbare Struktur auf, verfügen dann aber doch über die größere Substanz oder zumindest über die revolutionäreren Spezialeffekte.
:liquid6:

The Jungle Book
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Dass Disney all seine Zeichentrickklassiker nun offenbar in Realfilme zu übersetzen plant, ist nicht unbedingt als kreative Hochleistung zu verstehen, "The Jungle Book" stellt aber zumindest in Sachen Detailfreude und Bildkraft ein überzeugendes frühes Beispiel ab.

Dabei springt die Künstlichkeit der CGI zunächst wie ein Dorn ins Auge, bevor man die Kunst in ihr zu begreifen lernt. Es wäre ein Missverständnis anzunehmen, der Sprung vom Trick- zum Realfilm würde Ambitionen mit sich führen, Realismus anzustreben. Tatsächlich hält das opulente Werk die Verbindung zur Animation über eine saftig leuchtende Dschungelwelt aufrecht, die szenenweise tatsächlich zum fliegenden Kostümwechsel in der Lage ist; ganz so wie beim Umschlagen der Seite eines Buches.

Die Sprunghaftigkeit der Handlung lässt natürlich keine glaubwürdige Entwicklung zu oder sonst eine besondere Tugend des wiederentdeckten Neorealismus unserer Zeit. Es geht um süßesten Eskapismus, und mit jeder neuen Situation wird eine völlig neue Plastik geschaffen, deren feine Details man in Standbildern alleine schon zur Abendunterhaltung erklären könnte.
Hauptdarsteller Neel Sethi bleibt dabei eigentlich nur eine Notiz am Rande, der Blickfang sozusagen für die eigentliche Bestie Dschungel mit all ihren unterschiedlichen Gesichtern; den freundlichen, den gefährlichen, den verführerischen, den stolzen, den ängstlichen, schwachen und starken, friedvollen und aufwühlenden. Irgendwie gelingt es Jon Favreau dabei meist, dieses emotionale Spektrum in stimmungsvolle Begegnungen umzumünzen. Was in den ersten Minuten noch wie ein reiner Kinderfilm anmutet, zeigt spätestens mit dem ersten Auftritt Shere Khans ins Bedrohliche schwankt; der bizarre Auftritt des King Louie kann dies sogar noch toppen und dürfte zahlreichen jungen Zuschauern, die immer noch zur Zielgruppe gehören, Alpträume bescheren.

Doch auch Humorvolles weiß der Film zu bieten. Sicherlich mag man gerade an Balou die Ausdrucksstärke des Zeichentrickfilms vermissen, jedoch kolportiert Bill Murray die viel zitierte Gemütlichkeit überzeugend, wo die Mimik des Bären nur noch wenig Comichaftes an sich hat. Einzig die (glücklicherweise rar gesäten) Gesangseinlagen wirken im Vergleich zum Original aufgesetzt und bemüht; hier hätte man es beim angedeuteten Gemurmel belassen sollen.
"The Jungle Book" 2016 ist kein Remake, das den Inhalt der Vorlage in besonderer Weise für den aktuellen Zeitgeist neu interpretieren würde (was dann auch in Frage stellt, weshalb man bereits 2018 schon wieder das nächste Remake benötigt, diesmal aus der Warner-Schmiede), es ist mehr oder minder einfach eine Auffrischung der Farben, so als würde man mal wieder sein Garagentor streichen. Manchmal reicht das aber schon.
:liquid7:

Triple 9
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Atlanta, heute. Kriminalität findet in Päckchen gebündelt an jeder Ecke statt. Straßen fungieren als Verbindungslinien zwischen tristen Kreuzungen, die selbst am hellichten Tag zwielichtig aussehen. Reichlich Filmkorn reichert das zu allen Seiten offene Setting an, das letztlich zu vielen Vergleichen mit "Heat" geführt hat und "Triple 9" somit automatisch zur B-Variante desselben erklärt.

Selbst ein urbanes Polizeithriller- und Heist-Setting hindert Regisseur John Hillcoat nicht daran, an der Unkontrollierbarkeit einer Wildwestgesellschaft festzuhalten, die sich durch seine ganze Filmografie zieht – ob es sich nun de facto um Western handelt ("The Proposition", "Lawless") oder nur um Westernartige ("Ghosts... Of The Civil Dead", "The Road"). Ein beachtliches Staraufgebot hat er diesmal zur Verfügung, das manchmal in ungewohnter Aufmachung erscheint (Kate Winslet), meist jedoch die eigenen Stereotypen bestätigt: Vom eigentlich wandlungsfähigen Woody Harrelson, der jedoch optisch betrachtet zu "Rampart" zurückkehrt, bis zu den standardmäßigen Kleinkriminellen-Casts Aaron Paul, Norman Reedus und Clifton Collins, Jr.

Somit gelingt dem einst von der Blacklist stammenden Drehbuch kaum der Ausbruch aus viel gesehenen Mustern, denn er verlässt sich zu sehr auf altbekannte Rollenmuster, die folglich in altbekannte Situationen münden. Diese auf komplexe (nicht zu verwechseln mit: vielschichtige) Art mit einander zu verdrahten, stellt nicht unbedingt eine besondere Leistung dar.

Dass "Triple 9" doch irgendwie gerade noch so die Kurve kriegt, liegt dann fast ausnahmslos an dem schillernden Ensemble (trotz der festgefahrenen Rollen) und der spannenden Prämisse; vielleicht noch an dem Versprechen, das Hillcoat mit seiner dramaturgisch flachen, aber jederzeitüberraschungsfähigen Everything-Can-Happen-Inszenierung gibt.
:liquid5:

Homeland – Season 1
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Vieles erinnert an das Jahr 2001, als "24" den Krieg gegen den Terrorismus in die heimischen Wohnzimmer brachte: Die Thematik natürlich im weiteren Sinne, vor allem aber die Vermarktung, das frische Konzept, die reißerische Aufmachung und die schizophrene Rezeption, denn "Homeland" gilt in ihrer ersten Staffel als eine der besten und spannendsten Serien auf dem Markt, andererseits aber auch als unlogisches, xenophobes, reaktionäres Blendwerk.
Die eigentliche Herausforderung besteht also in der Verdrängung gewisser Aspekte. Stellt man sich in die Reihen der Kritiker, muss man sich schon anstrengen, die Wirkung des bis zum Anschlag mit Suspense vollgepackten Drehbuchs abperlen zu lassen, um berechtigterweise darauf hinzuweisen, wie künstlich an den Reglern gedreht werden muss, um das Adrenalin auf diese Weise überhaupt fließen lassen zu können. Umgekehrt gibt es viele Momente, die mit zugedrückten Augen zu überstehen sind, möchte man sich den reuelosen Genuss nicht versauen.
Gerade die Schauspieler- und Rollenkonstellation trägt zu diesen heißkalten Eindrücken bei. Mit Mandy Patinkin befindet sich eigentlich nur ein Darsteller im Main Cast, der nicht in irgendeiner Weise streitbar wäre, da er die labilen Figuren um sich herum stabilisiert. Damian Lewis' Darbietung mag psychologisch unglaubwürdig sein, da sie die Gräuel seiner Gefangenschaft kaum reflektiert, allerdings wurde der für sein kühles Auftreten bekannte Schauspieler sicherlich nicht engagiert, um ein psychisches Wrack zu portraitieren, sondern um das Hitchcock'sche Element der unberechenbaren Variable in die Handlung zu bringen. Seine Familie, angeführt von der hoffnungslos naiv chargierenden Morena Baccarin, tölpelt durch die ungewöhnliche Situation wie eine Sitcom-Konstruktion, der man die Vierte Wand geklaut hat. Und Claire Danes dreht am Rad wie noch nie in ihrer Karriere, was man ebenso gut als schauspielerische Meisterleistung wie als überzeichnetes Overacting bezeichnen kann.
All das sorgt für ein fragiles, teils unglaubwürdiges und bestimmt nicht immer geschmackssicheres Szenario, das wenig Action benötigt, um maximale Intensität zu erzeugen. Mit 12 Episoden, davon die letzte in Spielfilmlänge, ist auch der Rahmen genau in der richtigen Größe gespannt. Einige Plotlines führen ins Leere und weisen doch immer eine wertvolle Pointe auf, der Weg zum großen Knall bleibt aber immer sichtbar. Selbst der Quasi-Epilog hat noch einen tollen letzten Moment zu bieten, der die Gier nach Staffel 2 anheizt.
Je nach Standpunkt fungiert "Homeland" als Brech- oder Lösemittel für ein Geschwür, das dem US-Publikum tief im Magen sitzt. Ob man darin nun prächtige Unterhaltung sieht oder die Verbreitung von politisch fragwürdigem Gedankengut – ein schaler Beigeschmack wird wohl immer mit einspielen, wenn man eines dieser Extreme vertritt. Doch zur Einnahme solcher Extreme zwingt diese Serie, denn das ist schließlich das Geheimnis ihres Erfolges.
:liquid7:

Crisis In Six Scenes
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Dieser Woody Allen ist schon ein Fuchs. Soll dem Auftraggeber Amazon Studios eine Serie als Prestigeobjekt fürs Prime-Portfolio zimmern, doch Allen ist die ganze Sache nicht geheuer. Als man ihm auf sein Zögern hin immer mehr Geld anbietet, absolute Narrenfreiheit in Sachen Kreativität ohnehin inklusive, knickt er ein, streicht sämtliche Vorteile ein und nimmt insbesondere die Narrenfreiheit wörtlich. Anstatt einer Serie liefert er also einen ganz normalen Woody-Allen-Film - in sechs Akten. Und als wäre das noch nicht genug, beschwert er sich höchstpersönlich in der Hauptrolle fortwährend über das TV-Serien-Format. Im übertragenen Sinne natürlich, lässt er doch seine Filmrolle die Meckerei übernehmen.

Es mag ein interessantes Experiment sein, einen Autorenfilmer und erklärten Mann des Kinos mit dem Serienformat zusammenzubringen, das in der letzten Dekade sein volles Potenzial für das Geschichtenerzählen endlich entfaltet hat. Nur ist Kreativität bekanntlich nicht zu erzwingen. Allen scheitert hier nicht etwa, weil es ihm nicht gelänge, das TV-Format zu bändigen, sondern weil er es nicht einmal versucht. Wenn man denn in diesem Zusammenhang überhaupt vom Scheitern sprechen kann.

Es ist trotzdem schön, Allen erstmals seit "To Rome With Love" wieder in einer eigenen Regiearbeit vor der Kamera zu sehen. Die Eröffnungssequenz beim Friseur fungiert als Prolog in Sketch-Format und streut zwei Running Gags aus, die während der gesamten sechs Folgen immer wieder aufgegriffen werden: Einmal an der Oberfläche ein Witz über den Haarschnitt, der an einen berühmten Schauspieler erinnern soll. Und dann auch schon der erste selbstreferentielle Seitenhieb mit Blick auf die Produktionsumstände. Ins Seriengeschäft wolle er einsteigen, verrät der kauzige alte Mann dem Barbier. Dort lasse sich jetzt das Geld verdienen.

Stimmt diese erste Szene noch auf eine amüsante Sketch-Reihe ein, wird bald deutlich, dass dem Regisseur weder zum TV-Format noch zur gewählten Epoche (zumindest diese konnte er ja frei wählen) etwas Geistreiches einfallen mag. Die witzigsten Momente liefern tatsächlich noch die ersten beiden Episoden, in denen Allen sein altbekanntes Ego einmal mehr aufleben lässt und in ein kongeniales Zusammenspiel mit seiner Partnerin Elaine May einbettet. Teilen sich die Beiden eine Szene, ist das Zusehen die investierte Zeit wert. Obwohl auch hier nur wieder alte Neurosen aufgewärmt werden, funktionieren diese Momente im Sinne einer Sitcom (ohne lachendes Publikum, über weite Strecken sogar ganz ohne Musik) durchaus, so wie sich überhaupt sämtliche Schauplätze für eine Sitcom eignen würden.

Die Probleme beginnen, als Miley Cyrus auf den Plan tritt. In trampeliger, blökender Art und Weise lärmt sie durch jede ihrer Szenen und lässt das bei Allen so notwendige komödiantische Feingefühl völlig vermissen. Schlimmer noch: Das typische Allen-Moment, als eine dramatische Wendung die selbstgenügsame Romantik seiner Filme durchbricht, legt sich hier in Form einer Revolutionslehre völlig ziellos im Plot nieder. Allen ist bestens mit der gewählten Epoche, der Zeit der Revolutionen, vertraut, scheint aber keinen Plan in petto gehabt zu haben, den Status Quo mit ihnen aufzubrechen. Mehr als das Gewusel einer Bücherclubrunde bestehend aus alten Frauen, die mit afroamerikanischen Aktivisten und zwei Handwerkern plötzlich im Hausflur stehen, mehr also als diese allzu offensichtliche Versammlung zur finalen Pointe, die nie kommt, weiß "Crisis In Six Scenes" enttäuschenderweise nicht zu erzählen.

Letztlich stellt sich die Frage, worin der Sinn liegt, einem Woody Allen nur eine einzige Vorgabe zu machen (TV-Serie), wenn er ausgerechnet diese Vorgabe trickreich umgeht. Das Ergebnis war durchaus abzusehen, wenn man die zugegebenermaßen etwas generisch wirkenden, immer aber nach den Regeln eines Films oder zumindest eines Theaterstücks ausgerichteten Allen-Outputs der letzten Jahre betrachtet. Auch als 130-Minuten-Film ist "Crisis In Six Scenes" deutlich im unteren Teil des Gesamtwerks anzusiedeln. Vorwürfe möchte man am Ende jedoch niemandem machen, weder Allen für die Annahme des Gehaltsschecks noch Amazon für das Experiment. Wieso auch; eine kleine Chance besteht schließlich immer, dass etwas Fruchtbares entsteht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
:liquid4:

Weitere Sichtungen:
Mockingjay – Teil 2

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Beitrag von StS » 15.10.2016, 12:50

"Unfriend" hat mir ebenfalls zugesagt - da wollte ich eh noch ein paar Zeilen zu tippen - "Triple 9" steht bei mir noch an und "Homeland" sehe ich recht ähnlich. :wink:

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Beitrag von Vince » 23.10.2016, 11:54

The Huntsman & The Ice Queen
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Welch seltsame Früchte Hollywood werfen kann, wenn es kreischende Mädels wittert, die mehr von Chris Hemsworth in schicker Jägerskluft sehen wollen... Schneewittchen jedenfalls genießt keine Relevanz mehr in dieser Fabel aus dem Schneewittchen-Universum und wenn man so will, ist es der größte Aha-Effekt dieser Fortsetzung des nicht einmal so erfolgreichen "Snow White & The Huntsman", dass ein Schneewittchen-Film ohne Schneewittchen überhaupt denkbar ist. So hat man zwar mit Kristen Stewart einen der größten Schwachpunkte des ersten Teils entfernt, nur kann man wirklich gleich auf die ganze Figur verzichten, um die sich im Grunde genommen alles dreht? Aber ja, man braucht nur genug Schnee und Eis zur Kompensation.

Das Grundlos Zusammengereimte am Drehbuch begräbt man damit natürlich nicht. Die etwas seltsame Villain-Konstellation aus böser Königin und böser Königin in Co-Assistenz, farblich in Gold und Silber fein getrennt, ist schon seltsam genug, eine Handlanger- und Stichwortgebertype wie den Huntsman zum Hauptdarsteller zu befördern jedoch erst recht, insbesondere, da man ihm auch noch Jessica Chastain als Amazone zur Seite stellt. Hemsworth ist gut für die kleinen Seitenhiebe gen Bildschirmmitte und Gefrotzel am Bildrand, stellt man ihn jedoch selbst ins Zentrum, steht er da wie ein Clown im hitzigen Rampenlicht, von dem Kunststücke erwartet werden. Drei Ladies, alle mit ihren eigenen Erwartungen (ob nun "liebe mich bedingungslos" oder "stirb doch endlich"), das ist auch für einen Hemsworth vielleicht ein wenig zu viel.

Davon abgesehen weiß die Abteilung für das visuelle Konzept gar nicht, an welchem Topf sie sich als erstes bedienen soll: Game Of Thrones? Vikings? Hauptsache, es war in letzter Zeit erfolgreich und stimmt in den "Winter Is Coming"-Chor ein. Waldlandschaften und Eiswelten werden planlos gegeneinander gestemmt und mit materialistischen Spezialeffekten zugekleistert, von hastig errichteten Eiswänden über morphendes Flüssiggold bis zu öligen Lachen, aus denen sich spinnenbeinartige Stachel bilden. Alles so kunstvoll, opulent und ästhetisch – und doch wackelt das Styroporgerüst aus eisigen Frit Sticks an der Wohnzimmerwand der Eiskönigin bedenklich, als einer ihrer Schergen aus Versehen sein Bein daran streift. Wirklich gut sieht eigentlich nur die urgermanische Häuserfront in einer Bergkluft aus, die der Hauptdarsteller für eine zünftige Dachkachel-Rutschpartie verwendet, um der Handlung mal wieder einen Actionszenen-Kickstart zu geben.

Ganz putzig gecastet dagegen das Zwergenvolk, insbesondere Nick Frost ist einfach niedlich anzusehen mit seinem Iro (und überhaupt: Wie hätte man bei solch eisigen Szenenbildern darauf verzichten können, den Abspann mit Herrn Frost zu veredeln?). Eine der wenigen Kreaturen jenseits des menschlichen Äußeren, ein Goblin aus der Gattung der Goldgeilartigen, ist hingegen eher als CGI-Unfall zu verbuchen.

Ehrenwert erscheint immerhin der Versuch, eingefahrene Märchenmuster zu verlassen und in der Peripherie der Grimm-Märchen eigene erzählenswerte Funde zu verbuchen. Mehr noch als der erste Teil versteht sich der zweite als eine Art Alternative Rock des Märchenfilms. Der Haken an der Sache jedoch: Erzählenswert ist hier nichts, gerade auch weil die Motivation der Figuren im Drehbuch keinerlei Liebe oder Mühe erfahren hat. Das verletzte, manipulierte Mauerblümchen, deren Schmerz sich in bitteren Hass wandelt, ist das Klischee auf höchster Ebene und es spiegelt sich in den tieferen Ebenen ebenso wieder, bis hin zur winzig kleinen Zwergenliebe, die im Laufe der Handlung langsam aufblüht. Ein Schelm, wer da an gewisse Hobbit-Annäherungsversuche in "Die Gefährten" denkt. Aber all das ist ohnehin irrelevant, denn eigentlich geht es dem Studio nur um einen Versuch, den "Huntsman" zur Marke einer Reihe werden zu lassen, die sich nach den Prinzipien des Comicfilms endlos aufblasen lässt. Und dazu muss man sich zwangsläufig irgendwann von den Hauptfiguren lösen und auf die Nebenfiguren eingehen, schließlich steckt hinter jeder von ihnen das Potenzial für einen Solofilm...

So mag man sich vielleicht noch an der Schönheit Charlize Therons ergötzen, denn sonst bleibt nicht viel übrig in diesem gescheiterten Versuch, an zeitgemäße Erfolgsmuster anzuknüpfen und mit neuen Charakteren in neuen Positionen einen weiteren Anlauf zu wagen.
:liquid3:

Reality
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Man ist geneigt, Quentin Dupieux' assoziative Praktiken mit jedem Film zunehmend in Frage zu stellen; weil er sich eben letztlich wiederhole, ein und dasselbe Sujet immer wieder von unterschiedlichen Perspektiven beleuchte. "Rubber" hat immerhin bereits beide Seiten des Reifens aufgezeigt, nichts also ausgelassen, das notwendigerweise von "Wrong", "Wrong Cops" oder nun eben "Realité" neu erzählt werden müsste. Die These cineastischer Willkür ist äquivalent zur Flasch-Wahr-Dualität der klassischen Logik und nun eben auch zur Dichotomie von Wirklichkeit, Traum und der artifiziell eingefügten dritten Ebene der Fiktion – ein unentwirrbares Geflecht, das mit dem klassischen Surrealismus nach Buñuel adäquat dargestellt scheint.

So rückt Dupieux in seinem sechsten Film keinen Deut von der bewährten Praxis ab. Er arrangiert kontextfreie Sequenzen, die für sich genommen bereits ins Bizarre greifen und entwickelt sie so lange weiter, bis sie sich durch scheinbar zufällige Überlagerungen irgendwann ineinander verkeilen. Eine hässliche Bronzeoptik mit muffigem Frühachtziger-Flair sowie ein schrecklich repetitiver, hibbeliger Orgel-Soundtrack sorgen für fasertrockenes Klima, das von Dupieux mit konstatierendem Nonsens gefüttert wird, wie man ihn beispielsweise auch von "Napoleon Dynamite" kennt – folgerichtig, dass diesmal auch Jon Heder zum (teilweise ebenfalls repetitiven) Cast gehört und diesmal statt Moonboots, Fliegerbrille und White Afro ein Rattenkostüm trägt.

Neu ist allerdings, dass "Realité" seine cineastischen Ambitionen stärker zum Ausdruck bringt als die Vorgängerwerke, die allesamt dazu tendierten, in ihre Einzelszenen zu zerfallen. In die Verknüpfung der verschiedenen Ebenen wird mehr Mühe gelegt, die Klammer hält das Geschehen fester zusammen. Deutlicher treten auch Filmzitate als Bindemittel hervor; von Cronenbergs Frühwerk ("Scanners", "Videodrome") über David Lynch ("Lost Highway") klammert sich Dupieux gezielt an analoge Requisiten wie Videokassetten und Schnurtelefone, um anhand gebräuchlicher Züge des surrealistischen Kinos seine deiktischen Szenenverweise unterzubringen. Ganze Einstellungen werden mehrfach gedreht, Details in ihnen verändert und somit – zugegebenermaßen recht bequem – verschiedene Zeit- und Realitätsebenen miteinander in Einklang gebracht.

Eigentlich hat Dupieux mit seinen Arbeiten nie behauptet, etwas anderes vorgelegt zu haben als Skizzen, doch "Realité" strebt spürbar eine höhere Vollendungsstufe an. Nicht alle Ebenen werden gleichermaßen geschickt verarbeitet (der Handlungsstrang um Heder, dem von einem vernarbten Hautarzt quasi "Hautausschlag im Gehirn" attestiert wird, bleibt eine zu frei schwebende Meta-Aussage über das Werk selbst), der Kern um einen Regisseur und seine Drehvorbereitungen jedoch überzeugt in seinen feingesponnenen Interferenzen, auch wenn man jede Idee, ja beinahe schon jede Einstellung glaubt, bereits einmal in einem anderen Film gesehen zu haben – und das muss nicht unbedingt einer von Dupieux selbst gewesen sein.
:liquid7:

Spione wie wir
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Wo zwei Comedy-Schwergewichte wie Chevy Chase und Dan Aykroyd die Gelegenheit bekommen, sich gegenseitig aufzustacheln, hinterlassen sie unter Garantie eine glänzende Spur ausgetretener Fettnäpfchen. John Landis verfolgt diese indes mit sichtbarer Begeisterung für ein episodisches Sketchformat und macht den Besuch in der damals noch existierenden Sowjetunion zu einem Spießrutenlauf, der die Sowjets nicht von ihrer eigenen Karikatur verschont, aber gerechterweise auch mit dem amerikanischen Außendienst hart ins Gericht geht.

Zu einer Zeit, da der Kalte Krieg in seinen letzten Zügen liegt, umweht die 1985er-Produktion bereits ein gewisses historisches Reflektionsvermögen, das sich in einer spielerischen Sicherheit mit Klischees niederlegt. Für wirklich ausgefeilte oder gar hintersinnige Gags scheint keinerlei Notwendigkeit zu bestehen, also durchläuft das stetig Nonsens quasselnde Gespann sämtliche Stationen eines riskanten Auslandseinsatzes mit einer vitalen Mischung aus Neugier und gefährlichem Halbwissen. Dies alles wohlgemerkt im Gleichschritt, also eben nicht nach den korrellierenden Mustern einer standesgemäßen Buddy-Komödie, bei der einer dem anderen bei jeder Gelegenheit ans Bein pinkelt.

Obwohl auch dieser Film von der mit den Jahren dicker gewordenen Schicht 80er-Nostalgie profitiert und mancherorts bereits droht, verkultet zu werden, sind seine Schwächen auch dreißig Jahre später noch offensichtlich. Wären die Hauptdarsteller nicht stets für einen blöden Spruch zu gebrauchen und auch bereit, sich ohne echte Not zum Affen zu machen (wie einfach hätte man beispielsweise der Ausführung einer Operation entgehen können), stünde eine leere Mission in tristen Tannennadelwäldern zu Buche, die als Komödie nur wegen ihrer vielen Comic Reliefs zu identifizieren wäre.
:liquid5:

Sinister 2
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Unerwartet fintenreich zeigt sich die Fortsetzung zum Überraschungserfolg "Sinister" auch ohne einen Ethan Hawke im Cast. Die Autoren C. Robert Cargill und Scott Derrickson waren schon beim Original für das Drehbuch verantwortlich (letzterer sogar für die Regie) und pflegen hier offensichtlich Ambitionen, ihre Stoy nicht nur zu variieren, sondern weiterzuentwickeln. Das führt zu einer Konstellation, die dem österreichischen Horrorthriller "Ich seh ich seh" ähnelt: Ein junges Bruderpaar, das von dunklen Mächten in ein gefährliches Spiel verwickelt wird, bildet das Herz dieser Fortsetzung, die auf der Erwachsenenebene zudem Sorgerechtsprobleme thematisiert und in diesem Spannungsfeld eine Scheidewand zu errichten versucht zwischen dem, was sich zwischen den Brüdern entwickelt und dem, was der alleinerziehenden Mutter widerfährt.

Das Abdrehen der Snuff-Filme-im-Film wurde offenbar mit großer Motivation angegangen; eine beinahe wettbewerbsartige Wirkung üben die durchaus kreativen Kurzfilme aus, die zudem countdownartig auf das Unvermeidliche zusteuern. Wahrlich ungemütliche Foltermethoden tummeln sich in diesen Homevideos, stets mit der körnigen POV-Ästhetik inszeniert, die das Grauen des Ungefilterten vermitteln soll.

Nur ganz so "sinister" mag das alles nicht mehr sein; wie auch, wenn man das Gefühl hat, es habe regelrecht Spaß gemacht, die perfiden Tötungsszenen auf 8mm zu inszenieren. "Sinister" war, obgleich er ein leeres Gefühl im Bauch hinterließ, ungleich düsterer und auch atmosphärisch dichter. Ein mulmiges Grundgefühl herrscht kaum noch und Schreckmomente ergeben sich bloß aus Schattenspielen und der Plötzlichkeit, mit der sich das Böse im Bildschnitt manifestiert, doch so sehr sich Ciarán Foy in seinem zweiten Langspielfilm auch bemüht, die Düsternis des ersten Films kann er mit keinem seiner vielen Buheffekte rekonstruieren. Am allerwenigsten mit dem allerletzten Hallowachgruß der maskierten Verkörperung des Bösen, denn sie gleicht nur noch der Gestik eines verzweifelten Clowns, dem es nicht mehr gelingt, sein Publikum wach zu halten.

Eine überraschend aufwändige Story trifft also auf die üblichen Fisimatenten einer Horrorfilm-Fortsetzung und ergibt in der Summe ein durchschnittliches Gesamtwerk mit einigen lichten Momenten, aber auch viel Schulterzucken.
:liquid5:

Kung Fu Panda 3
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"Kung Fu Panda" bleibt auch in seiner dritten Auflage die visuell vielleicht fantasievollste Serie des amerikanischen Computeranimationsfilms. Schon in der völlig weltentrückten Eröffnungssequenz, die den neuen Gegner einführt, wird der Surrealismus weit über den Naturalismus gestellt. Meditativer Kreationismus lässt da eine Geisterwelt entstehen, in der sich Muster und Formen beinahe zufällig zu Symbolen verschieben. Felsformationen werden in luftleeren Raum geschleudert und zerschellen scheinbar am bloßen Spiel der schillernden Farben. In der Kontaktlosigkeit des Kampfes zwischen Altmeister-Schildkröte Oogway und Herausforderer-Stier Kai wird wieder die ganze Dynamik spürbar, mit der Dreamworks seine Panda-Saga zum Märchenbuch mit klassischer Geschichte, aber modernem Layout umgestaltet. Und: Keine modernen Popsongs mit zwei Jahren Haltbarkeit, die selbst bei hochklassiger Konkurrenz ("Zoomania") eingesetzt wird, sondern traditionelles, zeitloses Liedgut passend zur jenseitigen Atmosphäre der morgenländischen Erzählkultur. Dieses bleibt zwar auch eher oberflächlich und schlicht wie überhaupt die gesamte Darstellung asiatischer Kultur zwischen Yin und Yang, aber letztendlich immerhin wertungs- und kontextfrei.

Dass sich das Drehbuch auf typische Kniffe dritter Teile verlässt und erstmals Stagnation ausströmt, fällt nur aus diesem Grunde kaum ins Gewicht. Po war schon in Teil 2 ausgebildeter Drachenkrieger und sieht sich in seinem dritten Abenteuer keiner wirklich neuen Situation ausgesetzt, auch wenn gewisse Szenen rund um die Führung eines Trainings genau das vermitteln möchten. Doch die Hauptfigur funktioniert immer noch, insbesondere unter Berücksichtigung ihres Umfeldes. Im Minutentakt zünden handverlesene kleine Gags, die zwar oft auch nur auf dem bewährten Niedlichkeitsprinzip oder auf Körperkomik basieren, dabei jedoch weniger generisch wirken als ein Großteil des Restfelds. Pos Meister-Sippe um Tigress, Mantis, Crane, Viper und Monkey nimmt inzwischen einen weniger dominanten Rahmen in der Handlung ein, auch weil – wiederum so ein typischer Joker dritter Teile – inzwischen eine Figur aus Pos Vergangenheit Raum erhalten hat. Doch weiterhin halten sie den Hintergrund mit ihrer schillernden Artenvielfalt am Leben.
"Kung Fu Panda 3" ist sicher längst nicht so subversiv wie das, was die Disney-Studios zeitgleich verließ, dafür aber durchaus beseelter. Selbst ohne gute Geschichte.
:liquid7:

Spotlight
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"Spotlight" erzählt, obgleich seine wahre Geschichte nur eineinhalb Jahrzehnte in der Vergangenheit liegt, von alten journalistischen Werten und vermittelt einen Eindruck davon, welchen Einfluss Informationsmedien geltend machen können und wie sehr ihre Durchschlagskraft vom Berufsethos abhängt, mit dem sie verwendet werden; nicht zuletzt auch, wie abhängig das Gesellschaftsbild sich von ihnen zeigt. Tom McCarthy zeigt schlussendlich auf, dass Zeitungen keine Fenster sind, die einen neutralen Blick auf das Weltgeschehen geben. Anhand der Hochleistungen einiger weniger macht er deutlich, dass es eines unbedingten Kraftakts braucht, um einen großen Skandal wie den sexuellen Mißbrauch von Kindern durch Geistliche der römisch-katholischen Kirche aufzudecken, da Widerstände eine offene Berichterstattung unter normalen Aufwänden unmöglich machen, ob nun ein persönlich befürchteter Schaden oder ein solcher an der gesellschaftlichen Ordnung Grund für ihre Existenz ist.
Angesichts der pikanten Thematik wäre eine Heroisierung der Spotlight-Investigative allzu schnell bei der Hand; um so wichtiger, dass McCarthy darauf völlig verzichtet. Die von Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Brian d'Arcy James unter der Leitung von Michael Keaton dargestellten Journalisten erscheinen wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit, in ihrem Denken festgefahren und hochfokussiert, dabei jedoch äußerst menschlich. Und Menschlichkeit bedeutet hier auch: Unscheinbar, manchmal fehlgeleitet und immer fehlbar, im Team jedoch zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage, die im Film niemals als solche gefeiert werden. Wie bei jeder wahren Geschichte kann man die dargelegten Fakten anzweifeln, zumal ein Film, sei er auch noch so dokumentarisch gehalten, immer auch selbst ein wertendes Medium ist. Mindestens ein dreifacher Zerrspiegel wird auf die ungefilterte Realität gehalten (die Berichterstattung über den Bostoner Skandal auf der ersten Stufe, dann das auf dem Skandal basierende Drehbuch, dann der auf dem Drehbuch basierende Film). Und doch reflektiert sich in der medialen Interpretation wiederum eine Perspektive auf die Wahrheit, die viel Entlarvendes enthält. "Spotlight" kann als Film dazu beitragen, dass die Kurzfristigkeit der Enthüllungen des Boston Globe eine Nachhaltigkeit erfahren, die sich über den eigentlichen Wirkungsgrad der journalistischen Arbeit hinaus erhält.
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Sieben Diebe
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Zuerst da gewesen und doch im Schatten des ungleich ruhmreicheren "Ocean's Eleven" gelandet. Kein Wunder, können der kurzgewachsene Edward G. Robinson und seine Mitstreiter doch längst nicht so lange Schatten werfen wie Frankie und seine Spießgesellen, ironischerweise unter anderem auch deswegen, weil in klassischem Schwarzweiß gedreht wurde. Die Entscheidung für eine althergebrachte und bewährte visuelle Methodik deckt sich mit der langsamen, gereiften Erzählweise, die Henry Hathaway anwendet. Keine Frage, Lewis Milestone ist im direkten Vergleich das progressivere Werk gelungen.

Was bei "Sieben Diebe" jedoch als langsam und altmodisch begriffen werden kann, muss nicht zwangsläufig negativ konnotiert sein. Man schwelgt vornehmlich in der Vorbereitung des Coups und hier insbesondere in der gemütlichen Anwendung von Überredungskünsten, wo "Ocean's Eleven" längst damit beschäftigt war, konkrete Aufgaben an seine Spezialisten zu verteilen und in komplizierten Plansequenzen miteinander harmonieren zu lassen. Unter Hathaway nimmt der eigentliche Coup nur einen geringen Teil der Laufzeit ein. Das Interesse an realistischen Zeitabläufen erscheint höher als die Faszination für die Anatomie eines Raubs. Robinson, Steiger, Wallach sind kernige Typen alter Schule, die nicht als menschlicher Spezialeffekt an den Roulettetischen vorbeitänzeln können. Unweigerlich muss die Kamera an ihrer Seite verweilen, auch wenn das bedeutet, dass man einfach mal einige Minuten Gast am Tisch in einem exotischen Établissement ist. Erst recht gilt der Kameraverweil für Joan Collins, die als Tänzerin in jenem Établissement ohnehin alle Blicke auf sich lenkt und das Element der Ablenkung, hier ist man sich mit "Ocean's Eleven" durchaus einig, ins Spiel bringt.

Selbst nach dem Coup nimmt sich der Regisseur noch einmal viel Zeit, um das Geschehene zu reüssieren und moralische Entitäten durch einige ironische Wendungen ins Spiel zu bringen. Sie nehmen im Dienste einer sauberen Schlusswendung Überhand und schlagen sogar ins Saure um, jedoch werden zugleich durchaus interessante Fragen aufgeworfen, für die Lewis Milestone in seiner eigenen temporeichen Hatz keine Zeit mehr hatte. Westernmotive schlagen durch (nicht unerwartet bei diesem Regisseur), spätestens als die Teilung der Beute ansteht und wiederum zeigt sich "Sieben Diebe" in tief verwurzelten Konventionen verortet. Insofern ein eher klassisches Heist Movie, dessen fehlende Bekanntheit nicht von ungefähr kommt – was nicht heißt, dass es auf die ein oder andere Weise nicht doch entdeckenswert wäre.
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Beitrag von SFI » 23.10.2016, 15:05

Vince hat geschrieben:The Huntsman & The Ice Queen
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:liquid3:
Da bin ich voll bei dir, ein richtig einfallsloser und dröger Stinker.
Die letzte Wahl - Vom Ende des politischen Urteils

„Fate: Protects fools, little children and ships named Enterprise.“

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Beitrag von LivingDead » 28.10.2016, 10:29

SFI hat geschrieben:
Vince hat geschrieben:The Huntsman & The Ice Queen
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Da bin ich voll bei dir, ein richtig einfallsloser und dröger Stinker.
Irgendwie hatte ich mir doch etwas mehr von dem Film versprochen. Das Fantasy-Genre ist leider echt tot zur Zeit. :?
Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von StS » 28.10.2016, 10:35

LivingDead hat geschrieben:
SFI hat geschrieben:
Vince hat geschrieben:The Huntsman & The Ice Queen
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:liquid3:
Da bin ich voll bei dir, ein richtig einfallsloser und dröger Stinker.
Irgendwie hatte ich mir doch etwas mehr von dem Film versprochen. Das Fantasy-Genre ist leider echt tot zur Zeit. :?
Allein schon, da drei echt starke weibliche Akteure mit von der Partie sind, hätte ich mir mehr davon versprochen. Nunja, zumindest war der erste Teil ansprechend. Der hier verweilt noch immer auf der Leihliste...

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Beitrag von LivingDead » 28.10.2016, 10:40

Jap, den ersten fand ich nämlich auch gar nicht so verkehrt. Nunja, denke auch mal, dass ich das nächste Angebot abwarten werde. Für 99 Cent oder so. :wink:
Mit freundlichem Gruß
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Beitrag von Vince » 01.11.2016, 14:14

Die Höhle der Gesetzlosen
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Wo Kritiken oder Produktionsnotizen zu diesem Western von Horror-Einflüssen sprechen, werden damit in erster Linie einfach nur Bezüge zur berüchtigteren Aufschreck-Horror-Phase des Regisseurs angepeilt und keineswegs Stimmungen aus dem Film beschrieben. Und doch bleibt ihre Erwähnung nicht unberechtigt. Denn die Art und Weise, wie William Castle einer bestimmten Kulisse über die gesamte Laufzeit verpflichtet bleibt und diese mit der Funktionalität eines Nebelwerfers als Atmosphärestrahler verwendet, erinnert doch sehr an die Vorgehensweisen im zeitgenössischen Horrorfilm, selbst wenn Horror als solcher in "Die Höhle der Gesetzlosen" nicht einmal andeutungsweise eine Rolle spielt. Allerdings wird den Carlsbad-Höhlen, in denen ein Großteil der Schlüsselszenen angelegt ist, gleich zu Beginn eine eigene Texttafel spendiert, womit sie unmissverständlich zum Hauptdarsteller erklärt werden.

Das soll nicht die einzige Ungewöhnlichkeit unter Castles Regie bleiben. Tatsächlich verwendet er die wenigen klassischen Western-Motive, einen Zugüberfall beispielsweise oder ein Schussduell, wie Spezialgimmicks, die sich von den Originalen durch gewisse Abweichungen im Ablauf unterscheiden. Trotz eines 15-jährigen Zeitsprungs zwischen Prolog und Haupthandlung zeichnet sich die Handlung außerdem durch eine bemerkenswert unepische, regelrecht unverbindliche Machart aus. Begonnen beim etwas abseitig agierenden Macdonald Carey, der einem James Stewart oder Carey Grant in deren urbanen Rollen deutlich näher ist als den typischen Western- und Abenteuer-Haudegen, bis zur allgemeingültigen Themenauswahl um Neid, Gier und Opportunismus, die ebenso gut im modernen Amerika hätte angelegt sein können, hält sich Castle alle Optionen offen und wählt immer wieder Wege, die man angesichts der schlichten Ausgangskonstellation nicht unbedingt in Betracht gezogen hätte.

80 Minuten auf eine solch sprunghafte Art und Weise zu füllen, mag unentschlossen oder im schlimmsten Fall beliebig wirken, hat aber mit Blick für den B-Film ungeahnte Vorzüge: Immerhin weiß man nie so richtig, worauf man sich hier einlässt. Zählen kann man eigentlich nur auf die Tropfsteinhöhlen und darauf, dass sie eine durchaus hübsche, manchmal sogar fantasy-artige Kulisse bieten, die der ansonsten recht genügsamen Kleinstadtanekdote einen schönen Kontrast verleihen, der heutzutage auf Blu-Ray natürlich besonders schön zur Geltung kommt.
:liquid6:

Southpaw
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Ein Method Actor, der was auf sich hält, muss eben auch mal einen Boxer portraitiert haben – insbesondere, wenn er erst im Jahr zuvor eine abgemagerte Hyäne seinem Repertoire hinzugefügt hat. Nun, für Jake Gyllenhaal geht der Plan auf, zum wiederholten Mal liefert er einen regelrechten Showact und während die vorangegangenen Filme ähnlich stark waren wie ihr Hauptdarsteller, hat er diesen hier zu retten.

An Antoine Fuqua jedoch scheitert "Southpaw" nicht, der Actionspezialist inszeniert das für ihn leicht fachfremde Boxerdrama mit dem ihm angeborenen Drive durchaus souverän. Aus den eigentlichen Ringszenen holt er zwar keine neuen Sprünge mehr heraus; diese hat der Boxerfilm mit der Zeit ohnehin immer weiter perfektioniert und auf die sich weiterentwickelnden Visualisierungsmöglichkeiten abgestimmt. Aber außerhalb des Madison Square Garden hält Fuqua zusätzlich eine gewisse Spannung aufrecht, die er stets an seinem starken Hauptdarsteller und dem Zusammenspiel mit dessen Filmtochter (optisch erfreulicherweise mal nicht das süße Bilderbuchtöchterchen, darstellerisch allerdings zwiespältig: Oona Laurence) oder seinem Trainer (veredelt die Besetzungsliste erst spät in der Handlung: Forest Whitaker) festzurrt. Was anfangs wie eine Egostudie über einen selbstzerstörerischen Einzelgänger wirkt, verwandelt sich irgendwann in eine durchaus berührende Familientragödie. Die Hauptfigur macht dieser Perspektivwechsel wesentlich interessanter, selbst wenn man nie ganz den Eindruck verliert, dass Gyllenhaal, so gut er auch spielen mag, seine Rolle letztlich nur als Vehikel begreift.

Schade, dass die Handlung nüchtern betrachtet dennoch eine baukastenartige Ansammlung von Sportfilmklischees ist, die – anders als bei "Creed" – weit über die Charaktere hinausreicht und diese somit in ihrem Handeln immer wieder lenkt. Besonders schwer betroffen von diesem Umstand ist Forest Whitaker, der nicht weniger überzeugt als Gyllenhaal, jedoch immer wieder von Konventionen und unsichtbaren Drehbuchvorgaben in seiner Leistung gedrosselt wird.

Auf einer primitiven Ebene weiß "Southpaw" sein Publikum also durchaus zu packen, liefert er doch reichlich Drama, Boxaction auf ansprechendem (wenn auch nicht maßstabserneuernden) Niveau und hochklassige Schauspielleistungen; jedoch reicht er bei weitem nicht so tief wie der große Konkurrenzfilm aus dem gleichen Jahr.
:liquid5:

Raum
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Alles an "Raum" schreit nach Unverfilmbarkeit. Der kleine Raum, die langen Zeiträume, die abstrahierten Gefühle der Gefangenen und ihres Sohnes, der unsichtbare Subtext. Anfangs droht die Verfilmung des Romans von Emma Donoghue (die auch das Drehbuch verfasste) auch genau daran zu scheitern: In den Gesprächen mit dem Sohn deuten sich vereinfachte psychologische Schlüsse an, die Extremsituation wird mit der simplen Gegenüberstellung von Raum und Außenraum aufgeschlüsselt, womit nicht nur dem Kind, sondern auch dem Zuschauer Erklärungen geliefert werden sollen.

Dann aber lösen sich die Erklärungsmuster in der Luft und vervielfältigen sich zu einer komplexen Darstellung des Szenarios, die immer mehr auch den Blick auf Dinge richtet, die man vielleicht nicht immer sieht, wenn man sie nicht am eigenen Leib durchgestanden hat. Das ganze Ausmaß der psychischen Gewalt des Entführers wird wie durch einen Blitzschlag deutlich. Schockierender noch als die eigentliche Ausgangstat, die offensichtlich massive Vernachlässigung der Gesundheit der Gefangenen oder der physische Mißbrauch sind die kleinen Entscheidungen, mit denen die Entfaltung der Mutter und ihres in Gefangenschaft geborenen Kindes unterdrückt wird, wofür der Film reichlich schwerwiegende Beispiele findet.

Man hätte es bei diesen tristen Bildern aus dem Inneren einer Wohnzelle belassen und ein Kammerspiel mit Verhaftung oder Tod des Entführers als Finale inszenieren können, doch "Raum" bietet auch ein Danach und läuft gerade hier zur großen Form auf. Wo nämlich wäre das Lehrstück, gäbe es nicht die Erfahrungen aus der Rückkehr in die normale Welt? Die Relevanz des Entführers selbst wird bis zur Bedeutungslosigkeit verringert, sein weiteres Schicksal nicht einmal mehr intensiv verfolgt; im Zusammenleben mit der Mutter und deren neuem Lebensgefährten (großartig auch William H. Macy in einem Kurzauftritt als leiblicher Vater der Hauptfigur) öffnet sich eine ganze Blume weiterführender Probleme, mit denen sowohl Mutter als auch Kind konfrontiert werden und die eine Zeichnung für das gesamte Leben andeuten, das noch vor ihnen liegt. Selten hat ein Film die Konsequenzen einer solchen Gräueltat so umfassend dargestellt wie dieser.
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Sexual-Terror der entfesselten Vampire
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Was in Jean Rollins Vampirfilmen manchmal als inadäquates Erzählen begriffen wird, beobachtet tatsächlich vielleicht nur seine Neigungen, sich den ungewissen Wegen der écriture automatique auszuliefern, der intuitiv gesteuerten automatischen Signatur. "Le Frisson des Vampires" legt davon besonderes Zeugnis ab: Die überwiegend aus einem Rundturm bestehende Schlosskulisse, die Rollin gerne bei Nacht in leuchtenden Farben als lockeren Szenenübergang inszeniert, dient dem erzählerisch betont losen Werk als kreiselnde Zentrifugalkraft. Marie-Pierre Castel und Kuelan Herce, die inspiriert vom Revolutionsgedanken der späten 60er Jahre meist in durchsichtige Wänder gekleidet schmetterlingsartige Schleifen mit sich ziehen oder gleich ganz nackt durch die kalten Gemäuer streifen, bewegen sich im Rundgang durch die Kulissen, der alsbald zur end- wie ziellosen Ellipse ausartet.

Das liegt auch daran, dass Rollin in Sachen Handlungsfortschritt kaum aktiv wird, sondern sich stattdessen äußerst verspielt zeigt, was den Umgang mit den Kulissen angeht. Viele Sets werden durch blaue und rote Beleuchtung in zwei Ebenen aufgeteilt und mit weiteren Farbakzenten, vornehmlich Grün, zusätzlich punktiert. Die Farbkompositionen nehmen überhaupt einen großen Anteil der Wirkung ein, ebenso wie das Spiel mit Schnitt und Perspektive. Gerne positioniert der Regisseur die Kamera statisch an einer Stelle und lässt sie entweder an einer Wand entlanggleiten, um die Vampirdienerinnen mit einem Blick durch die eingesetzten Fenster zu erhaschen oder er blickt von oben auf eine Wendeltreppe aus Stein auf sie hinab, während sie dekoriert mit prunkvollen Kerzenständern schleichende Bewegungen nach oben machen. Dies stets mit einem entrückten Ausdruck in den Augen, der als Schlafzimmerblick einerseits eine erotisierende Wirkung verströmt, andererseits aber auch die Vampirmythologie um das Zwischenreich von Leben und Tod bekräftigt. Wenn später zwei vampirisierte Männer in das Geschehen eingreifen, improvisieren diese auch gerne direkt in die Kamera, ja sie rücken sich geradewegs in das begrenzte Bild und wechseln sich damit ab, intellektuellen oder vielleicht auch nur assoziativen Nonens zu äußern.

Entsprechend repetitiv zeigt sich auch der Soundtrack von geheimnisvoller Herkunft, der bisweilen ungewöhnliche Motive bildet, dabei aber (insbesondere seitens des Schlagzeugs) aus der Basis des Rock'n'Rolls der 60er heraus spielt, was sich wiederum mit der ausgefallenen Dekoration vieler Räume deckt, die vor jahrhundertealten Steinmauern einen spürbaren anachronistischen Effekt ausüben.

Wenn das Drehbuch einen Schritt nach vorne macht, dann meist begleitet von sprunghaften Spezialeffekten, die von Rollin mit dem technischen Grundprinzip einer Laterna Magica realisiert werden. Wann immer die Vampirfürstin ins Bild gelangt (diese tritt in androgyn anmutender Gestalt auf durchaus beeindruckende Weise in Erscheinung), so geschieht dies mit harten Schnitten, die eine plötzliche Komplettmanifestation zur Folge haben (wenn ein Bild auf Zelluloid nur Kulisse zeigt und das nächste gleich einen halbnackten Frauenkörper als Blickfang), oder mit der real gefilmten Plötzlichkeit, mit der sie sich der Schlossbesucherin plötzlich hinter einem Vorhang oder aus dem Körper einer Standuhr heraus zeigt.

Abgesehen vom erstaunlich geschmackvollen, ausrangierten und kontrolliert erscheinenden Schwarzweiß-Prolog folgt jedes Produktionselement diesem Ablauf, der reihenweise Löcher reißt und eine stabile Narration nach vorherrschendem Standard nicht ermöglicht, jedoch auch nicht ermöglichen muss. Denn schließlich gelingt Rollin ja trotz allem ein poetisches Ende an einem Strand, der die gleiche schmutziggraue Färbung annimmt wie jener aus Harry Kümels "Les Lèvres Rouges"; und die wundersamen Vorgänge im Schloss sind retrospektiv nicht weniger obskur als die sorgfältig umschriebenen Abläufe im klassischen Vampirkino. Wenn auch in jedem Fall missverständlicher, wie der verzerrte deutsche Filmtitel "Sexual-Terror der entfesselten Vampire" und die damit einhergehenden Nachdrehs expliziterer Erotik unter Beweis stellen.
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Willkommen bei den Sch'tis
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Die Sch'tis auf Deutsch zu sehen, ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Feine Nuancen gehen im Geknödel von umgedrehten "S" und "Sch" unter (der König unter den Frikativ-Drehern: "Schisser"). Allenfalls eine Ahnung kann davon vermittelt werden, was sich alteingesessene Franzosen unter den Grabenkämpfen zwischen den Regionen wirklich vorstellen und welche Dialektik sich dahinter verbirgt.

Doch Dany Boons Kulturkomödie ist ja nicht zum Erfolg geworden, weil sie sich gegenüber Nichteingeweihten versperren und nach außen hin naserümpfend vermitteln würde, dass unsereins ohnehin nichts von alldem verstehen würde. Im Gegenteil, es ist der angestrebte Ertrag, Vorurteile gegenüber dem Nichtheimischen zu überwinden. Am Ende steht ein kleiner nationaler Erfolg in der Verbrüderung des Südens mit dem Norden, ein Schritt auf dem Weg zu internationalem Freundschaftsdenken.

Denn natürlich kennt auch der Deutsche Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Nord und Süd oder Ost und West; die Italiener haben gar ein Remake gedreht und es völlig für den eigenen Kulturkreis und dessen Klischees assimiliert (ein Motorroller ziert das Kinoplakat zu "Willkommen im Süden"). Boon erschafft hier eine Blaupause, die er später mit der Grenzzollkomödie "Nichts zu verzollen" wieder aufgreifen würde. Er lässt in ihr Vorurteile aufleben und beschwört eine Polarisierung, die sich nach regionaler Grenzziehung richtet, um sie anschließend mit Herzlichkeit (gleichwohl begleitet von uriger Kauzigkeit) zu widerlegen.

Das funktioniert eben mindestens europaweit. Natürlich nur, weil Kad Merad und Dany Boon ein Doppel ergeben, das zwischen vergrämtem Aneinandervorbeispielen und lustvollem Aufeinandereingehen eine wunderbare Dynamik zeugt, die schrittweise belegt, wie sich der knorrige Südfranzose im hohen Norden plötzlich wohlzufühlen beginnt. Auf allerhöchstem intellektuellen Niveau sind die meist an öffentlichen Plätzen wie Restaurants oder Marktplätzen stattfindenden Schlagabtausche natürlich nicht, für reines Blödelkino wiederum ist die Situationskomik dann doch zu feinsinnig. Und natürlich ist da im Hintergrund ein Hohelied auf Freundschaft und Zusammenhalt zu vernehmen, in das man vielleicht nicht unbedingt in voller Lautstärke einstimmen muss; Pathos hält sich aber trotz mancher Liebesszene und Abschiednahme so weit in Grenzen, dass man die die Kauzigkeit der Sch'tis wie auch der Franzosen im Gesamten als liebenswert in Erinnerung behält.
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Tales Of Halloween
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Im Zuge des Minibooms der Anthologien entstand zu Halloween 2015 auch dieses Gemeinschaftsprodukt von zehn Regisseuren, das nun einen Platz im alljährlichen Rahmenprogramm der Halloween-Party verlangt oder wahlweise zu weiteren Fortsetzungen aufruft.
Um zur Tradition geraten zu können, hätte es aber vielleicht etwas mehr Argumente gegen das Verlangen gebraucht, die DVD nach Ansicht einfach in die Tonne zu kloppen und gleich am 1. November von der Müllabfuhr abholen zu lassen. Einig sind sich nämlich fast alle Regisseure darin, ihre Beiträge absolut pointenfrei verpuffen zu lassen und da fragt man sich: Wozu der Aufwand?
Zehn Minuten mögen nicht viel erscheinen, um eine Geschichte zu erzählen, in den richtigen Händen jedoch verwandeln sie sich zu Äonen von Zeit. Zumindest die Aha-Effekte einer ordentlichen Folge "Twilight Zone" oder "Geschichten aus der Gruft" sollte man schon erwarten können, doch die meisten der Kurzfilme begnügen sich in der Auflistung von Halloween-Klischees, dekoriert von einer kindlich-albernen Präsentation und stets mündend in die dümmliche Selbstgenügsamkeit des debil grinsenden Psychopathen, handelt es sich dabei nun um einen Geist, einen Gnom, ein unscheinbares Kind oder den Teufel persönlich.

Leicht aus der Reihe fällt zumindest Mike Mendez' Beitrag, der in "Freitag der 31." die Klischees bekannter Slasherfilme auf den Kopf stellt, sich handwerklich irritierenderweise aber im weiteren Verlauf von Raimis "Evil Dead" inspiriert zeigt. In einer guten Anthologie wäre das ein solider Mittelklassebeitrag, hier muss er schon zu den Highlights gezählt werden. Visuell kann immerhin Lucky McKee mit der bizarren Darstellung einer mehrarmigen roten Hexe noch ein solches hinzufügen, narrativ schließt aber auch er sich dem Gros der Geschichten an, die auf nichts hinauszulaufen scheinen als die Präsentation einer letzten Splatter- oder Goreszene. Von denen wiederum gibt es ein paar, retten können sie aber nichts,v ielmehr beißen sie sich mit dem infantilen Grundton.

Mit Doppelbesetzungen und Cameos von Charakteren aus anderen Episoden sollen zudem alle Stories miteinander verknüpft werden, doch selbst das wirkt überaus unbeholfen, bisweilen regelrecht naiv und erzwungen, sicher aber nicht komplex oder einfallsreich.
Wenn man bedenkt, welch einfallsreiche Kurzfilme es alleine bei Youtube zu bestaunen gibt, verärgert eine verbissen traditionelle, streckenweise peinliche und allenfalls handwerklich manchmal akzeptable Zusammenstellung wie "Tales Of Halloween" regelrecht.
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Sherlock Holmes – Die Kralle
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Der achte Film der Holmes-Serie um Basil Rathbone markiert eine plötzliche Rückkehr zu den atmosphärischen Vorzügen des ersten Films. Ein schrecklicher Mord, ein Dorf in Angst und Schrecken, übernatürliche Präsenzen, nebelverhangene Felder und jeder verdächtigt jeden. Arthur Conan Doyle stand diesmal nicht Pate, Drehbuchautor Paul Gangelin hat sich aber offenbar mächtig vom "Hund von Baskerville" inspirieren lassen (und wer weiß, vielleicht auch ein wenig von "Der Unsichtbare"). Weil der Gegenspieler sich hinter geheimnisvoll leuchtenden Silhouetten verbirgt, greift auch Holmes zu den Waffen der Verwirrung, was schlussendlich in ein Whodunit-Fest der explodierenden Überraschungen mündet, stets natürlich garniert mit einem altklugen Spruch des Meisterdetektivs, der an seiner Selbstsicherheit wie gewohnt nie einen Zweifel lässt.
Mit dem im Original "scharlachrote Kralle" getauften Mordinstrument drückt der Schwarzweißfilm außerdem eine Sehnsucht nach Technicolor aus und lässt das Dingsymbol alleine kraft der reinen Ikonografie kräftig leuchten, wo immer es aus dem Bild ragt. Über fehlende Spannung darf man sich nicht beklagen, die hängt tief wie eine Zeltdecke. Kein Wunder, dass "Die Kralle" einen der beliebtesten Beiträge der Reihe darstellt, auch wenn ihm vielleicht der Mut und die Originalität ein wenig abgehen, die das vorangegangene Werk "Das Spinnennest" ausgemacht haben.
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Fear The Walking Dead – Season 2
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Schon mit der zweiten Staffel greift die kleine Bruderserie des immer noch laufenden "The Walking Dead" in dessen direkten Handlungsspielraum ein – und macht sich dadurch viel früher als notwendig völlig obsolet.

Denn jetzt, da der Wegfall der Zivilisation bereits fast abgeschlossen ist, wird "Fear The Walking Dead" zu einer Überlebensserie, in der die gleichen Methoden angewendet werden müssen, um dem Tod durch Gefressenwerden (oder, wenn der Mensch als das größere Übel mal wieder dazwischenfunkt, Erschossen- oder Erstochenwerden) zu entgehen. Der Cast fordert also ganz direkt den Originalcast heraus und verliert, denn obwohl Kim Dickens, Cliff Curtis, Frank Dillane und viele ihrer Co-Stars schauspielerische Qualitäten vorzuweisen haben, werden sie in einer unnötigen Wiederholung dessen verheizt, was im Zyklus um Andrew Lincoln, Norman Reedus und Lauren Cohan schon längst abgehandelt wurde. Spätestens als sich der Konflikt zwischen Rick Grimes und seinem Sohn Carl mit Travis und dessen Sohn Chris praktisch völlig deckt, drängt der kommerzielle Aspekt weit vor den künstlerischen: Kann "Fear The Walking Dead" fortan mehr sein als eine zusätzliche Vollbedienung für alle, denen 16 Episoden Zombie-Apokalypse pro Jahr nicht ausreichen?

Nur selten knüpfen die Drehbücher noch an zivilisatorische Restbestände an. Hin und wieder werden die leeren Straßen San Diegos gezeigt, einmal befasst sich ein Prolog auch mit dem Seuchenausbruch mitten auf einer Hochzeitsfeier, um in der Haupthandlung die überlebenden Personen und ihr derzeitiges Schicksal zu behandeln, doch insgesamt fühlt sich alles zu sehr nach einer schlichten Mexiko-Grenzland-Variante der Hauptserie an.

Immerhin wird ein wenig mit eingeschränkten Szenarien gespielt. Obwohl die erste Serienhälfte auf See leider kaum zündet, so ist wenigstens der Versuch ehrenwert, die Probleme der naheliegenden Flucht aufs Wasser zu beleuchten. Strategisch interessanter wird dann die Säuberung einer großen Hotelanlage. Dies sind aber tatsächlich nur Spielereien, die im Endeffekt fehlende Substanz kaschieren sollen. Als Miniserie wären die sechs Episoden der ersten Staffel also durchaus zu gebrauchen gewesen, schon jetzt aber ist anzuzweifeln, ob noch irgendetwas von Belang herauszuholen ist.
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Weitere Sichtungen:
The Nice Guys
Cabin Fever – The New Outbreak
The Conjuring 2

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Beitrag von McClane » 01.11.2016, 20:23

Die Südpranke haben wir auch im Board: http://www.liquid-love.de/forum/viewtopic.php?t=16528
Jimmy Dix: "Du glaubst wohl nicht an die Liebe?" - Joe Hallenbeck: "Doch ich glaube an die Liebe. Ich glaube auch an Krebs." [Last Boy Scout]

Perry Van Shrike: "Look up 'idiot' in the dictionary. You know what you'll find?" - Harry Lockhart: "A picture of me?" - Perry Van Shrike: "No! The definition of the word idiot, cause that is what you fucking are!" [Kiss Kiss, Bang Bang]

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Beitrag von freeman » 03.11.2016, 18:25

Die Tales of Halloween fand ich deutlich besser, vor allem Mendez-Beitrag ist imo spitze gewesen. Allerdings muss ich da vorwegschicken, dass ich am selben Tag die Holidays-Anthologie gesehen habe und selbige mich so geärgert hat mit ihren witzlosen Beiträgen, dass Tales of Halloween eigentlich nur gewinnen konnte. Muss den nochmal solo betrachten. Kurzum: Warnung vor Holidays ;-)

In diesem Sinne:
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Beitrag von Vince » 05.11.2016, 05:34

@McClane: Danke, trag ich noch nach.
@freeman: Mendez' Beitrag hab ich ja auch herausgehoben, wobei ich den so richtig herausragend eben auch nicht fand. Mir war halt schon die ganze Präsentation viel zu kitschig und kindesgemäß und dann eben in dieser Anhäufung die fehlenden Pointen oder Pointen nach simpelster Buh-Rezeptur. Hat bei mir leider nicht gezündet.

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Beitrag von Vince » 06.11.2016, 13:03

Thief – Der Einzelgänger
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Michael Mann gelingt mit seinem Noir-Thriller auf Anhieb die Widerlegung einer Dichotomie von Stil und Substanz. Sich spiegelnde Flächen auf polierten Karosserien, in Pfützen auf dem nassen Asphalt oder in der einzig friedvollen Szene des Films, einer Konversation am Steg mit einem Angler vor einer gleißenden Wasseroberfläche, bestimmen die dominante Optik des mit dunklem Strich gezeichneten Unterweltfilms. Doch der Regisseur zeigt all das nicht nur, um sich am Lichtspiel der glatten Fassaden zu erfreuen; er möchte vielmehr hindurchgreifen und etwas Gehaltvolles aus der gegenüberliegenden Seite hervorbringen.

Caans Rolle ist so angelegt, dass sie in den 80er Jahren auch mit ihren prägnanten Anleihen an die Schwarze Serie keine größere Besonderheit darstellt, sind ihre vorrangigsten Merkmale doch immer noch ihr Einzelgängertum, ihre Coolness (gegenüber Frauen und gegenüber ihrem persönlichen Schicksal) und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Kein Wunder also, dass sich die zeitgenössische Kritik eher verunsichert und uneins zeigte angesichts eines vertrauten Figurentypus, der sich aber durch ein nihilistisches Spiegellabyrinth zu kämpfen hatte, das visuell wie auch akustisch (der Soundtrack von Tangerine Dream spielt eine mindestens genauso große Rolle für die Wirkung des Films wie seine Optik) durchaus von ungewöhnlichem Format war.

Der Eindruck schlichter Charakterzeichnungen und einfacher Rollentypen ist geblieben, ihm liegt jedoch auch eine schnörkellose Orientierung am Realismus zugrunde (in ihren Schauspieldebüts sind hier unter anderem die damaligen Polizisten und späteren Schauspieler Dennis Farina und Chuck Adamson zu sehen), mit denen Mann seine ungewöhnliche visuelle Handschrift konterkarierte. Eine dem Folgewerk Manns angepasste Verkultung möchte vielleicht noch mehr darin gespiegelt sehen, gar ein sehr spezielles Subgenre womöglich (Marcus Stiglegger schreibt im Booklet zur "Ultimate Edition" vom "Neon Noir", einer synästhetisch zu verstehenden Stilbezeichnung, der man womöglich auch Werke wie "Diva", "Blade Runner" oder zuletzt die Refn-Werke "Drive" und "Only God Forgives" zusprechen könnte). "The Thief" bleibt aber letztlich im Kern, gleichwohl er heute völlig anders rezipiert werden muss als zu seiner Entstehungszeit, ein einfacher Gangsterfilm der 80er, nur eben mit dem gewissen Etwas.
:liquid7:

Alice im Wunderland – Hinter den Spiegeln
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Man möchte es am liebsten als Traum verstanden wissen, als Alice in Funktion eines Schiffskommandanten durch stürmische Gewässer führt und Angreifer mit trickreichen Finten abschüttelt. Doch nein, diese karikaturistische Auftaktszene der Fortsetzung zu Tim Burtons ohnehin bereits eher miß- als geglückter "Alice im Wunderland"-Verfilmung verortet diesen seltsamen Anflug von Feminismus tatsächlich in der Realität und begegnet damit dem Snobismus auf Land mit Ebenbürtigkeit.
Doch die spätere Flucht in die tatsächliche Traumwelt verspricht keine Besserung. Hier unausgewogene Spektakelbilder aus dem Computer, die anstatt von echtem Surrealismus lediglich die Vorstellung eines solchen durch einen Mainstreamfilm ausdrücken: Zeit, die zu einem riesigen Uhrwerk aufgeblasen wird, ein Königinnenkopf, der die aus dem Vorgänger bekannte Übergröße erhält und weitere Luftballons, mit denen Nichtigkeiten zu großen Bildern und großen Problemen aufgeblasen werden.

Dass praktisch der gesamte Originalcast wieder anwesend ist, hilft dem uninspiriert zwischen Vorgeschichte und Fortsetzung pendelnden Zeitreisefilm keinen Deut; vielmehr macht sich bemerkbar, dass ein Burton und Tiefstform immer noch zu mehr imstande ist als dem, was "Muppets"-Regisseur James Bobin darauf folgen lässt. Die Grinsekatze ist nur noch ein trauriger Sichelmond ihrer einstigen Form aus dem lange zurückliegenden Trickfilm, ein liebes Schmusetier zuguterletzt, eine Bedrohung wie den Jabberwocky existiert nicht mehr und im Fall von Johnny Depps Hutmacher ist allenfalls noch verrückt, wie menschlich er gezeichnet wird und wie sehr er dadurch von seiner eigentlichen Faszination des Unentwirrbaren verliert. Ganz Wunderland hat endgültig seine Unzurechnungsfähigkeit verloren und darf als geheilt gelten; die bunten Farben und die kunstvollen Arrangements sind nichts anderes mehr als standesgemäße Hollywood-Idylle.

Sacha Baron Cohen kann immerhin ein paar Akzente als Zeit setzen, ist aber ein bei weitem zu kleines Rädchen im Getriebe, um die gesamte Maschine retten zu können. Die zweite Ebene der Carroll-Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln" wird nicht einmal gestreift. So gerät die Verfilmung zum vergessenswerten CGI-Pomp, der nichts Denkwürdiges an sich hat – im Positiven wie im Negativen.
:liquid4:

Sex Tape
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Ein kleines "Oho" sei der pikanten Thematik und ihrer gar nicht sooo prüden Aufbereitung durchaus vergönnt, aber am Ende dreht sich "Sex Tape" ja doch wieder nur um das typisch amerikanische Kleinfamilienkonstrukt, das zu Beginn des Films ins Asynchrone gerutscht ist und durch eine Extremsituation wieder gerade gerückt werden muss.

Für die unabsichtliche Verbreitung eines privaten Sexvideos hätte man bis hin zum Psychothriller allerhand Genres anwenden können; mit Jake Kasdan wurde es nun eben eine Komödie, die sich auch gar nicht tiefer um psychologische Auswirkungen einer solchen Situation schert oder scheren muss. Eher knüpft man an die "Simpsons"-Episode "Natural Born Kissers" an, in der Homer und Marge ihre Ehe durch pikante neue Liebesspiele wieder aufpeppen wollen und damit unabsichtlich in die Öffentlichkeit geraten. Jason Segel und Cameron Diaz kennen sich praktischerweise bereits vom "Bad Teacher"-Dreh (ebenfalls unter Kasdan) und sollten damit einigermaßen gut eingespielt sein, hangeln sich aber mehr oder weniger von einer Peinlichkeit in die nächste.

Wenn von einer Szene, in der über die Verbreitung des Tapes gesprochen wird, direkt auf einen Kindergeburtstag geschnitten wird oder in einen prall gefüllten Saal mit riesigem Monitor, kann man sich bereits vor der Pointe ausmalen, was in etwa geschehen wird, auch wenn die Erwartungen nicht immer oder nur zum Teil erfüllt werden. Gewisse Grenzen überschreitet der Film, der hin und wieder mit nackten Rückenansichten (höchstwahrscheinlich gedoubelt) oder halb durchsichtigem Feinripp Ansätze nackter Haut ins Bild bringt, nicht. Stattdessen druckst er über weite Strecken herum, sucht oft fieberhaft nach der witzigsten Möglichkeit einer Verkettung unglücklicher Umstände und landet oft doch nur bei einem koksenden Rob Lowe, in den Serverräumen von YouPorn-Besitzer Jack Black oder in den Fängen eines verwöhnten Görs, das sich als Erpresser aufspielt.

Ganz reizlos ist das schon der Grundidee wegen nicht, aber es schwingt immer das Gefühl mit, dass die vorhandenen Möglichkeiten nicht ausgereizt werden. Denn das Zaghaft-Routinierte des Drehbuchs und der generischen Regie passt nicht zum ungewöhnlichen Thema, das eher nach einer Independent-Produktion verlangt hätte.
:liquid5:

Der Marsianer – Rettet Mark Whatney
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Episodisch (oder in diesem Fall vielleicht kapitelartig) wirkende Romanverfilmung in Überlänge, die mit ihrem wissenschaftlich, realistischem Anspruch, ihrer nüchternen Regie und ihrem sympathischen, intelligenten Helden einige Klischees sehr geschickt kaschiert. Diese betreffen vor allem die moralische Abwägung von einem Menschenleben gegenüber fünf weiteren. Jeff Daniels' NASA-Chef wird in diesem Zusammenhang in die klassische Spielverderberecke gedrängt und insbesondere in einer Szene mit einem forschen jungen Astrodynamiker (Donald Glover) publikumswirksam vorgeführt, derweil insbesondere Sean Bean den Verbündeten auf der Erde spielen darf.

Den potenziellen Unverfilmbarkeitsvorwurf immerhin kann Ridley Scott entkräften, indem er im Grunde spröden Alltag, selbst wenn er auf dem Mars angesiedelt ist, als durchaus spannendes Ein-Mann-Survivalkino inszeniert. Im Grunde informiert ein Videotagebuch über Handwerksarbeiten und wissenschaftliche Experimente, säuberlich eingeteilt nach marsianischen Sol-Tagen. Matt Damon sorgt mit einer starken Sololeistung dafür, dass einem das kontinuierliche Lösen von technischen Aufgaben nicht langweilig wird. Mit smartem Witz und Selbstironie verdient er sich vom ersten Tag an das Mitgefühl derer, die ihm zuschauen, auch wenn es Scott leider nicht reicht, das Publikum vor dem Fernseher auf seine Seite zu ziehen; er muss auch Menschenmengen am Big Apple und sonstwo auf der Welt drehen und damit unnötig an kitschige SciFi-Blockbuster erinnern. Das sind dann aber glücklicherweise schon so ziemlich alle Parallelen zu solchen, denn das Gros der Szenen bleibt angenehm leisetreterisch. So kommen subtilere Lesarten zur Geltung, etwa der Parallelismus zum Überlebenskampf des Menschen auf der heimischen Erde, der sich in seinen ersten Zügen gar nicht so sehr von jenem Mark Whatneys unterscheidet.

Optisch orientiert sich "Der Marsianer" ein wenig an "Gravity", in erster Linie aber an den Realismus von "Interstellar". Sowohl Gerätschaften als auch die Beschaffenheit des Planeten sind regelrecht greifbar. Wäre das Erleben von Filmen heutzutage nicht so flüchtig, könnte man sich tatsächlich der These anschließen, er habe das Potenzial, eine neue Generation an Raumwissenschaftlern zu inspirieren.

Etwas mehr hätte man im Zuge dessen vielleicht noch auf die psychologischen Auswirkungen der Situation eingehen können, als einziger Mensch auf einem ganzen Planeten der Physik ausgesetzt zu sein. Erst sehr spät werden derartige Entitäten überhaupt behandelt. So bleibt Scott bis zuletzt eher auf der Linie des Leichten und tritt dem allgegenwärtigen Thema Tod mit einem süffisanten Schulterzucken entgegen.
:liquid7:

Weitere Sichtungen:
Der Spion und sein Bruder
The Neon Demon

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