Alles Geld der Welt

Filme abseits des Actiongenres mit Actionhelden (irgendwie so in der Art).
Antworten
Benutzeravatar
McClane
Action Experte
Action Experte
Beiträge: 7065
Registriert: 07.10.2007, 15:02

Alles Geld der Welt

Beitrag von McClane » 21.07.2018, 06:39

Alles Geld der Welt

Bild

Originaltitel: All the Money in the World
Herstellungsland: USA/Italien/Großbritannien
Erscheinungsjahr: 2017
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Timothy Hutton, Charlie Plummer, Romain Duris, Andrew Buchan, Marco Leonardi u.a.

Ridley Scott verfilmt mit „Alles Geld der Welt“ die Entführung von John Paul Getty III, Enkelsohn des reichsten Menschen der Welt, im Jahre 1973. Mit Christopher Plummer, Michelle Williams und Mark Wahlberg kommt der Film als dramatischer Tatsachenthriller daher, der durch seine Inszenierung dem italienischen Genrefilm der Seventies Tribut zollt.

:liquid5:

Hier geht's zur Kritik
Jimmy Dix: "Du glaubst wohl nicht an die Liebe?" - Joe Hallenbeck: "Doch ich glaube an die Liebe. Ich glaube auch an Krebs." [Last Boy Scout]

Perry Van Shrike: "Look up 'idiot' in the dictionary. You know what you'll find?" - Harry Lockhart: "A picture of me?" - Perry Van Shrike: "No! The definition of the word idiot, cause that is what you fucking are!" [Kiss Kiss, Bang Bang]

Benutzeravatar
Vince
Actioncrew
Actioncrew
Beiträge: 19189
Registriert: 30.09.2005, 18:00
Wohnort: Aachen

Beitrag von Vince » 15.09.2018, 03:27

Das bittere Portrait einer an banalen Finanzmitteln unnötig gescheiterten Familienhierarchie, eine mit den Instrumenten des Entführungsthrillers aufgezogene Filmbiografie über einen schwer ergründbaren Menschen, eine sogenannte "Geschichte nach wahren Begebenheiten", all das ist Ridley Scotts "Alles Geld der Welt". Kurz vor Fertigstellung kam dann noch ein Etikett junger Filmgeschichte dazu, jener Film zu sein, mit dem der große Kevin Spacey als Präzedenzfall des "#MeToo" aus dem Business geschasst wurde - ob für immer oder nur zeitweise, muss sich noch zeigen. Darstellerisch bedeutet der Austausch des Schauspielers für Paul Getty vielleicht sogar einen Qualitäts-, in jedem Fall aber einen Authentizitätsgewinn; Christopher Plummer jedenfalls muss nicht unter die Maske, um einen über 80-jährigen Milliardär überzeugend darzustellen. Seine hastige Integration in das eigentlich bereits so gut wie fertige Produkt ist jedenfalls kein spürbarer Mangel dieser Arbeit. Im Gegenteil, Plummer bietet von Natur aus die undurchdringliche Maske, die man Spacey hat auflegen müssen, und erhält somit die Faszination für einen Menschen, dem Dinge weit mehr bedeuteten als andere Menschen.

Als reiner Unterhaltungsfilm hingegen, und das sind Scotts Arbeiten in Teilen grundsätzlich immer, versagt die Geschichte um den Entführungsfall Paul Getty III. zwar nicht direkt, kann sich von Problemen jedoch nicht freisprechen. Hat man sich einmal in die von extremen Farbkontrasten geprägte Optik gekämpft, erlebt man ein Charakterdrama, das spürbar von routinierter Hand geleitet wird. Kamerafahrten, Szenenübergänge, Schauspielführung, Dialogabläufe und Musik, aus dem flüssigen Zusammenspiel dieser und anderer Bestandteile spricht jahrzehntelange Erfahrung. "Alles Geld der Welt" ist das Werk eines Altmeisters, so viel steht fest. Damit ist es allerdings nicht davor gefeit, sich gerade im Mittelteil diverse Längen zu leisten, die man im ersten Durchgang vielleicht nicht einmal als solche wahrnimmt, die in der Nachbetrachtung allerdings um so auffälliger werden. Das "True Story"-Emblem mag die Fantasie an diesem Punkt vielleicht ein wenig beschränken, doch das ewige Hin und Her zwischen Erpressern, Erpressten und Journalisten artet zur elliptischen Rundbewegung ohne echtes Ziel aus. Christopher Plummer insbesondere, aber auch die völlig in ihrer Rolle aufgehende Michelle Williams bekommen neben dem unauffällig-solide agierenden Mark Wahlberg und dem seit frühesten Kindesbeinen vor der Kamera stehenden Charlie Plummer Gelegenheit zu glänzen, die 70er-Jahre-Atmosphäre gewinnt Raum zum Atmen; davon abgesehen geschieht in dieser Phase recht wenig.

Erst im letzten Drittel kristallisiert sich eine allgemeine Aussage heraus, die man aus dem fehlgeleiteten Verhalten aller Beteiligten ableiten kann. Es ist weniger der reichste Mann der Welt des Jahres 1973, den Scott hier zum Thema macht, sondern vielmehr der fiktive Wert des Geldes, aufgewogen gegen Menschlichkeit und Empathie. Dass sich der Regisseur, fast ebenso alt wie sein Hauptdarsteller, das zugehörige Pathos verkneifen würde, konnte man von ihm auch erwarten, doch dadurch wird die Erkenntnis nicht weniger schön.

Trotz der dramaturgischen Mängel: "Alles Geld der Welt" ist nicht nur das Portrait über einen alten Mann mit äußerst ungewöhnlicher Denkweise, sondern auch ein Kommentar zu jenem Scheinwert, den der Kapitalismus zu seinem Götzen erklärt. Ein Stoff, zu dem eine alte Handschrift wie jene von Ridley Scott passt wie angegossen.
:liquid6:

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste