Aktuell läuft die Online-Ausgabe der
56. Solothurner Filmtage, ich bin für ARTNOIR mit dabei. Hier die erste Ladung an Kurzkritiken:
Lieblingsmenschen
Streaming / Regie: Vlady Oszkiel
„Für das Herz ist das Leben einfach. Es schlägt, solange es kann.“ Oder ist es nicht so simpel, wie Karl Ove Knausgård im ersten Band seiner Autobiografie „Min Kamp“ schrieb? Schliesslich bürden wir unserem Organ nicht nur den Bluttransport auf, sondern die Liebe, deren gewichtigen Entscheidungen und alle sonstige Vernunft. Die fünf Berliner*innen in Lieblingsmenschen etwa wollen bei einem Ausflug aufs Land den Funken neu entfachen und in diversen Konstellationen endlich die Nähe finden.
Wenn sich „Generation Instagram“ an einer Auszeit versucht, dann offenbart dies nicht nur das grosse Unvermögen, sich in die reale Welt einzufinden, sondern die Abkehr von Ehrlichkeit und Vertrauen. Im Film von Vlady Oszkiel (teilfinanziert via Crowdfunding) wird dies nach dem Theaterstück von Laura de Weck aufgezeigt, ohne die Wahrnehmung und Stilform der Charaktere abzulegen. Traumähnliche Filterszenen schmuggeln sich in die Handlung, die Reflektion bleibt fern. Das bedeutet leider auch, dass sich der Film trotz Kammerprinzip selten freikämpfen kann – die Nähe zu „The Party“ (Sally Potter) und „Carnage“ (Roman Polański) ist vorhanden, lässt aber deren Gewitztheit vermissen.
Ale
Streaming / Regie: O’Neil Bürgi
Alessandra kämpft nicht wie Saraya-Jade Bevis mit ihrer Familie, zumindest nicht oft – trotzdem hält das Leben genügend Hürden für die junge Frau bereit. Mit der Sportart Wrestling will sie sich körperlich und geistig stärken, um zukünftigen Schwierigkeiten mit mehr Sicherheit entgegentreten zu können. Auf ihrem Weg hat O’Neil Bürgi sie für den Dokumentarfilm Ale im Trainingsring in Rorbas und im privaten Umfeld begleitet.
Der Film ist keinesfalls ein Sportdrama geworden, sondern im Grundsatz eine Betrachtung der Mutter-Tochter-Beziehung. Alessandra muss nicht nur ihre Teilheimat Kamerun, das Schweizer Mittelland und die schulische Ausbildung balancieren, sondern ihrer Mutter gerecht werden. Das verlangt viel Selbstfindung und Reflektion, was mit rohen Aufnahmen und den geführten Interviews gut eingefangen wurde. Ohne reisserische Montage, ohne offensichtlich konstruierte Elemente: Ale ist ein Portrait einer Frau, die das eigene Leben in Angriff nimmt und nach Ruhe im Ich sucht.
The Brain (Cinq Nouvelles du Cerveau)
Streraming / Regie: Jean-Stéphane Bron
„Where Is My Mind“ stimmen The Pixies während des Abspanns an und suchen Sinn und Verstand. Die Forscher*innen, welche der Dokumentarfilm The Brain vorstellt, wissen wo das Gehirn steckt – bloss halt nicht, wie es genau funktioniert. Seit Jahrzehnten wird untersucht, geprobt und nachgedacht, doch einen wirklichen Durchbruch gab es in dem spezifischen Gebiet bisher nicht. Trotzdem scheint die technologische Entwicklung alle zu überholen, die künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch.
Angetrieben durch die Privatindustrie wird versucht, ein autark und autonom denkendes Netzwerk zu entwickeln, das den Menschen ersetzten könnte. Jean-Stéphane Bron hat keine Anti-KI-Panikmache verfilmt, sondern zeigt Frauen und Mannen, die wissenschaftlich ruhig neue Möglichkeiten suchen. Der Film funktioniert als nüchternes Gegenstück zu „iHuman“ (Tonje Hessen Schei) und zeigt Menschen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Welt nicht in eine ungewisse Zukunft ohne Grundlagen davongaloppiert. Mit Interviews, Diskussionen und keinen falschen Schauwerten ist eine stimmige Reportage entstanden.
Atlas
Streaming / Regie: Niccolò Castelli
„Libera“ rufen sie, wenn eine Kletterroute freigegeben wird und die nächste Person das Seil nutzen kann. Doch die Freiheit verliert Allegra (Matilda De Angelis) bei einem Urlaub in Marokko, ihre Freunde sterben und sie muss ohne Gleichgewicht im Leben weitermachen. Atlas untersucht als Film die Zeit nach dem Terroranschlag, das Trauma, die Trauer, die Wut. Dies alles zu überwinden ist für die junge Frau nicht einfach, auch nicht, als sie einen Flüchtling kennenlernt.
Mit sanften Tönen beginnt Niccolò Castelli seinen neuen Film und überlässt es zuerst den Zuschauer*innen, die Geschichte zusammenzufügen. Das macht die Erzählung um Fremdenfeindlichkeit und Verlust fesselnd, De Angelis nutzt diesen Raum mit ihrem Spiel. Je mehr Minuten verstreichen, desto emotional intensiver wird die Produktion und die Schatten scheinen alles zu übernehmen. Mit der Beleuchtung und dem zurückhaltenden Sounddesign wird die Isolation der Hauptfigur unterstrichen, die Aufnahmen aus dem Tessin lassen die Schweiz fern und warm erscheinen.
Überhaupt: Atlas ist ein weiterer Film aus dem Süden unseres Landes, der durch Anbindung an die Realität und das echte Empfinden überzeugt. Eine Entwicklung, die zum Beispiel mit „Cronofobia“ (Francesco Rizzi) und „Love Me Tender“ (Klaudia Reynicke) beobachtet werden konnte und hoffentlich noch lange weitergeht.
Yalda, la nuit du pardon
Streaming / Regie: Massoud Bakhshi
Nachdem Maryam ihren Mann Nasser unter unklaren Umständen getötet hat, wird sie nach iranischem Recht zum Tode verurteilt. Ihre letzte Chance auf Leben erhält sie durch die Teilnahme an einer Realityshow im Fernsehen, bei der Mona, die Tochter von Nasser, sie begnadigen kann. Doch kann Maryam Mona von ihrer Trauer und ihrem Hass wegbringen? Und auf welche Seite werden sich die Zuschauer*innen bei der SMS-Abstimmung schlagen?
Yalda ist ein aufreibender und sehr intensiver Film. Massoud Bakhshi zeigt ein modernes Bild vom Iran und lässt in der Geschichte Fiktion, Wahrheit, Fortschritt und Tradition zu einem fast monströs wirkenden Amalgam verfliessen. Die kühlen und modernen Oberflächen im Fernsehstudio stemmen sich gegen den uralten Glauben und die barbarische Praxis der Hinrichtung. Mit schnellen Schnitten und durcheinandersprechenden Figuren wird die Nervosität und das Gefühl der Verlorenheit zu Beginn perfekt dargestellt, die leeren Zuschauerränge im Auditorium entlarven am Ende der Sendung die menschliche Beteiligung.
Jede*r hat eine Meinung zu Leben und Tod, zu Schuld und Verzeihung, sich jedoch zu positionieren und Verantwortung zu tragen, das will man nicht. Technik bedeutet Distanz und Abstraktion – Yalda spannt mit diesen Bildern geschickt den Bogen ins universale und alltägliche. Kein einfach verdaubarer, aber ein wichtiger Spielfilm.
Nachbarn
Streaming / Regie: Mano Khalil
„Was sie sagen ist egal, was sie machen ist wichtig.“ Sero hätte die Essenz des Daseins eigentlich begriffen, doch leider will die Welt nicht logisch funktionieren. So erlebt er im Nordosten Syriens als kurdischer Junge in den frühen Achtzigerjahren, wie der extreme Nationalismus nicht nur die Umgebung und sein Dorf verändert, sondern die Bewohner und direkten Nachbarn. Früher war alles eins, heute ist es ein unlösbares Puzzle aus Hass, Missgunst und Feindlichkeit.
Mano Khalil hat mit dem Spielfilm Nachbarn eine kleine Geschichte verfilmt, die eine abgelegene Region Syriens mit warmen Farben und aus den Augen eines Kindes aufzeigt. Gemalte Bilder dienen als Reflektion, die arabische Sprache ist zuerst unverständlich, eine gefundene Landmine aufregend. Dabei wird das Wort Nachbarn auf diversen Ebenen untersucht, bei Ländern, Kulturen, dem Glauben und Hausbewohnern. Sanft und ohne Hast wird der Alltag beschrieben, ein Ensemble an Figuren bespielt die kleine Fläche, in der sich der Film bewegt.
The Scent Of Fear
Streaming / Regie: Mirjam von Arx
Furcht und Angst, täglich verspüren wir diese Gefühle und müssen uns damit konfrontieren. Das ist nicht schlecht, sondern ermöglicht es uns Menschen höhere Leistungen zu erbringen, Gefahren zu umgehen und uns selber besser kennenzulernen. The Scent Of Fear untersucht anhand diverser Beispiele diese Prozesse und lässt dazu in Interviews Expert*innen der Wissenschaft, Psychologie und Politik zu Wort kommen.
Mirjam von Arx hat einen vielseitigen Querschnitt zum Thema Angst als Dokumentarfilm zusammengestellt, der leider oberflächlich bleibt. Nicht alle angeschnittenen Punkte werden mit gleicher Intensität behandelt, so bleibt beispielsweise die Therapie gegen Spinnen-Angst nur ein kleiner Input. Die Beweggründe der „Prepper“ spielen keine Rolle, Forschung und geschichtliche Hintergründe sind marginal vorhanden.
Das ist schade, wäre die Thematik interessant und würde zur Reflektion einladen. So aber ist es vor allem eine Clip-Show, die mit dem plötzlichen Auftauchen von Covid-19-Bildern in der Mitte des Filmes irritiert. Ich hätte mir mehr Fokus und Tiefe gewünscht.
Suot tschêl blau
Streaming / Regie: Ivo Zen
Der Schmerz benötigt seinen Platz damit er frei sein kann. Die dokumentarische Arbeit Suot tschêl blau versucht dies zu ermöglichen, indem Ivo Zen eine tabuisierte Zeit im Oberengadin neu aufrollt. In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde in der Region von Samedan die Drogenszene immer grösser, viele Jugendliche verfielen dem Heroin. Familien verloren ihre Kinder, Menschen ihre Freunde und Partner. Leider aber wurden diese Probleme nie aufgearbeitet, sondern totgeschwiegen.
Blauer Himmel, viel Schnee, hohe Berge – Zen verknüpft die überwältigende Natur mit den hochemotionalen Schicksalen und sucht weniger eine Erklärung für die damaligen Probleme, sondern bietet Raum. Für Leute, die ihre Sucht überwunden und Verluste erfahren mussten, für Eltern, die ihre Trauer nie kollektiv ausleben konnten. Endlich dürfen Gedanken und Erinnerungen an die Oberfläche. Das ist traurig, aber nötig, das wird mit passender Distanz und ohne Hast erzählt. In den Achtzigern suchte die Jugend nicht nur in Zürich Sinn und Platz, sondern auch in Graubünden – schön, wird dies endlich thematisiert.
Tutti giù
Streaming / Regie: Niccolò Castelli
Wenn ein Film mit Reverend Beat-Man im Soundtrack beginnt und später noch The Pussywarmers erklingen lässt, dann ist das Herz der Produktion eindeutig am richtigen Fleck. Bei Tutti giù, der ersten langen Regiearbeit von Niccolò Castelli, kann dies auf jeden Fall gesagt werden. 2012 veröffentlicht, begleitet man drei Jugendliche, die ihr Leben und ihre jeweilige Leidenschaft in Lugano ausleben. Chiara (Lara Gut) ist erfolgreiche Skifahrerin, Jullo (Yanick Cohades) liebt das Skaten und Edo (Nicola Perot) verziert die grauen Wände mit seinen Sprühereien. Doch alle müssen ihre Wünsche und Träume dem harten Test der Realität unterziehen.
Natürlich ist es nicht ganz fair, wenn man den Film mit der neusten Arbeit Castellis vergleicht, beweist der Regisseur bei Atlas nämlich einen ausgefeilten Stil und mehr Sicherheit. Doch Debütwerke sind dazu da, die eigene Stimme zu finden. Erstaunlich ist, dass viele Stellen des Filmes wie eine Hommage an die Neunzigerjahre anmuten. Partys im Skate-Shop, verträumte Gespräche auf Parkdecks, Konzerte in Kellern.
Daneben bleiben die Verknüpfungen der drei Schicksale etwas locker und die emotionale Bindung an die Figuren will nicht immer gleich gelingen – zu viel Drama ohne Anker könnte man sagen. Trotzdem ist Tutti giù ein unterhaltsamer Film, der mit schönen Bildern und überzeugendem Schauspiel aufwarten kann.
