freeman hat geschrieben: ↑03.06.2026, 19:58
Wobei man aber auch sagen muss, dass da aus Deutschland nicht viel kommen wird... Sommerliche Temperaturen, WM, da sind einige Hinderungsgründe für die gemeine Kartoffel.
Scheint doch ganz gut zu ziehen. Aktuell Platz 14 in den Jahrescharts, das ist fürs deutsche Publikum nicht schlecht. Als ich Ende Juli drin war, einen knappen Monat nach dem Start, war die O-Ton-Vorstellung immer noch gut ausverkauft.
Der Film an sich ist - ohne das allzu böse zu meinen - alter Wein in neuen Schläuchen. Sehr alter Wein, denn im Grund genommen ist es ja die alte Geschichte der Affenpfote (von 1902), hier neu verpackt. Witzig auch, dass Gen-Z-Filmemacher sich solche Klassiker dann über "Simpsons"-Wiederholungen erschließen, wie Stefan in seinem Review zitiert. Doch den alten Stoff adaptiert Curry Barker ziemlich passgenau für seine Generation, ohne dabei universelle Themen auszublenden, gerade die ebenso große wie unausgesprochene Liebe. Man kann die Hauptfigur anfangs sehr gut verstehen, ohne sein Verhalten zu entschuldigen. Die Angebete gibt ihm ja eigentlich das perfekte Opening für ein Geständnis, aber er kneift und greift stattdessen zur übersinnlichen Hilfe. Barker verschenkt etwas Potential, indem er nicht lange offenlässt, ob es vielleicht doch andere Gründe für Nikkis Verhalten geben könnte, kann dafür schneller in die Geschichte der Obsession einsteigen.
Dafür findet er immer wieder sehr stimmige Bilder und Situationen, die in ihrer Einfachheit unangenehm sind (Beobachten, Stillstehen, Türzukleben). Wenn das alles so drüber ist, dann wird aus Liebe Angst. Zudem hat er keine Scheu vorm Zeigen der Konsequenzen macher Handlungen (Stichwort: Fäkalien) und verzettelt sich eigentlich nur, wenn ein paar Szenen einbaut, die besonders edgy oder erinnernswert sein sollen, sich aber doch nur sehr notdürftig mit der Obsession erklären lassen (Stichwort: Sandwich). Ebenso wichtig ist das Sympathiemanagement: Bear schwankt zwischen versuchter Wiedergutmachung, Ausnutzung der Situation (gerade der Sex mit Nikki, nachdem er weiß, wie der Hase läuft, ist - wie Stefan schon schreibt - eigentlich eine Vergewaltigung) und der Leugnung des Ganzen gegenüber der Außenwelt. Der Vergleich mag aufgrund der unterschiedlichen Stile etwas abwegig erscheinen, aber erinnert mich ein wenig an Lionel aus "Braindead", der auch die absurdesten Situationen wegzuerklären und den Anschein der Normalität zu wahren versucht. Auch die Betriebsblindheit, mit der er beispielsweise übersieht, dass jemand anders ihm Gefühle entgegenbringt, ist gleichermaßen nachvollziehbar wie tragisch, da es den ganzen Schlamassel verhindert hätte, ohne dass dies die Schuld, die er auf sich lädt, mindert.
Das verläuft alles konsequent, vielleicht etwas erwartbar, aber ist dennoch meistens sehr effektiv inszeniert. Gerade bei der wohl heftigsten Szene des Films, ahnt man schon, was vermutlich in der einen oder anderen Form passiert, aber als es dann passierte, da zuckte das Kino kollektiv zusammen - und mit der Extremität des Ganzen hatte vermutlich niemand gerechnet. Schade, dass es auf den letzten Metern etwas holterdiepolter geht und eine Figur fast schon banal aus dem Spiel genommen wird. Dafür ist das Casting echt stark, denn die Freundesclique wirkt so echt und lebensnah, dass ich Indie-Darsteller dachte, aber die meisten haben doch die übliche Schulen von Film- und TV-Nebenrollen auf dem Karriereweg durchlaufen. Gerade Inde Navarette ist aber echt stark, die herausragendste Performance des Films. Insofern ist das Ganze schon ein runder, souveräner Horrorthriller, wenn auch mit paar Haken wie dem altbekannten Konstrukt und mancher gewollter Szene, weshalb ich persönlich nicht die ganz lauten Jubelarien anstimmen will. Das soll die Qualitäten von "Obsession" allerdings nicht mindern.

Jimmy Dix: "Du glaubst wohl nicht an die Liebe?" - Joe Hallenbeck: "Doch ich glaube an die Liebe. Ich glaube auch an Krebs." [Last Boy Scout]
Perry Van Shrike: "Look up 'idiot' in the dictionary. You know what you'll find?" - Harry Lockhart: "A picture of me?" - Perry Van Shrike: "No! The definition of the word idiot, cause that is what you fucking are!" [Kiss Kiss, Bang Bang]