
Originaltitel: Striking Distance
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1993
Regie: Rowdy Herrington
Darsteller: Bruce Willis, Sarah Jessica Parker, Dennis Farina, Tom Sizemore, Brion James, Robert Pastorelli, Timothy Busfield, John Mahoney, Andre Braugher, Tom Atkins, Mike Hodge, Jodi Long, Roscoe Orman, Robert Gould, Gareth Williams
Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen entschloss sich Bruce Willis schon frühzeitig, sich neu zu orientieren und das Federkleid des Actionfilmes abzustreifen, das er mit den “Stirb Langsam”-Filmen erworben hatte. Noch bevor die Trilogie überhaupt abgeschlossen war, hatte Willis sich bereits auf ein Projekt von Wunderkind Quentin Tarantino eingelassen, in einem drögen Erotikfilmchen dem kleinen Willis Raum zur Entfaltung geboten und schließlich an einer verschrobenen SciFi-Vision von Ex-Python Terry Gilliam teilgenommen. Wenn halt auch nicht unbedingt alles von Erfolg gesegnet war (das meiste aber doch, und so gibt ihm der Erfolg Recht), was Willis sich außerhalb des Actiongenres aussuchte, so ist doch eines ganz klar: Die Neuorientierung war notwendig. Und nichts dokumentiert dies mehr als Rowdy Herringtons Cop-Actionthriller “Tödliche Nähe”.
Die One-Man-Show von 1993 scheint inszenatorisch nämlich einer Trendwelle der Siebziger Jahre entfleucht zu sein, so gemodert präsentiert sich schon alleine der Filmlook, dem sich dann, wie man nach nicht einmal zehn Minuten feststellen muss, auch die Story anpasst. Korrupte Kollegen, knallharte Einzelgänger und persönliche Komponenten mit Selbstjustiz-Tendenzen lassen die guten alten Zeiten wieder aufleben, als Dirty Harry die Straßen säuberte und das “Law and Order” unter kritischer Beobachtung stand. In den Neunzigern jedoch jeglicher aktuellen Bezüge beraubt, kann ein solcher Film eigentlich nur ironisch oder parodistisch gemeint sein. Und das wird hier eigentlich nie so ganz klar.
Bruce Willis hat da auch seinen Anteil daran, denn es drängt sich einfach auf, dass er der einzige Grund für die Existenz dieses Filmes ist. Wenn er nun von Beginn an als versiffter Ex-Cop mit Dreitagebart zu bestaunen ist, der inzwischen zur Wasserschutzpolizei versetzt wurde, dann kann das auf dem Papier wirklich noch als Parodie auf die harten Hunde à la Eastwood, Caine oder Douglas verstanden werden. Durch die Beteiligung von Willis wird dieser Ansatz jedoch auf seine Person bezogen, und damit wird sogleich eine Idee aus “Stirb Langsam 3" vorweggenommen - ein gescheiterter Held, der einst zum Besten gehörte, was seine Abteilung zu bieten hatte... obwohl wir das witzig verpackt auch schon in “Lethal Weapon 3" gesehen haben (Ei ei ei, wer muss denn da Verkehrspolizei spielen?).
Wer sich daraus nun jedoch ein selbstironisches Spektakel erhofft, der sei gleich wieder ernüchtert: “Tödliche Nähe” ist im Wesentlichen eine ziemlich ernste Angelegenheit, die zwar nicht ganz darauf verzichtet, ein wenig Humor einzubringen, dies aber nicht in dem Sinne tut, sich auf etwas zu beziehen, geschweige denn etwas Spezielles durch den Kakao zu ziehen. Dieser Film nimmt sich trotz aller Humorelemente bitterernst, und das ist es, was ihn im eigentlichen Sinne zu einer drögen Allerweltsangelegenheit macht.
Dabei ist der Plot hinter dem grauen Schleier der langweiligen Inszenierung gar nicht mal so uninteressant. Natürlich darf man keine größeren Plottwists erwarten, die man nicht schon zehn Meilen gegen den Wind riechen würde, aber aus B-Movie-Sicht gefällt das Fernduell zwischen Siff- und Saufkopp Hardy und dem ebenso unbekannten wie penetranten Killer, der es ganz offensichtlich auf Hardy persönlich abgesehen hat - auch wenn die engstirnigen Cops um Dennis Farina und Brion James das als Alkohol-Hirngespinst eines versoffenen Wracks abtun. Sarah Jessica Parker, vor ihrem eigentlichen Durchbruch als Männer verschlingende Serien-Nymphe noch überraschend züchtig und handzahm, stellt die übliche vertrauende Konstante (und das potenzielle Opferle, gell?) dar, die dem Antihelden als Einzige glaubt.
Mitunter geht einem dann auch “armes Baby” durch den Sinn, wenn der arme Hardy von allen geächtet wird und ihm niemand glaubt. Etwas zu sehr verlässt sich der Regisseur auf die Mitleidsschiene. Wäre Willis nicht Willis, würde man den Hauptdarsteller als trotziges Babywürstchen mit Knarre abtun. Sofern der Film also auch ohne Willis’ Beteiligung gedreht worden wäre, können alle Beteiligten froh sein, dass er mitspielt, denn auch wenn der einstige Darsteller des John McClane sicherlich kein Feuerwerk abbrennt, ein dem Film entsprechender B-Movie-Darsteller hätte die ganze Chose sicherlich der Lächerlichkeit preisgegeben.
Wenn schließlich Willis-Synchronsprecher Manfred Lehmann angepisst nörgelt “Jetzt reicht’s!”, nachdem der böse Killer dem geplagten Ersatzcop seine hübsch in Bettlacken verpackten Ex-Freundinnen am Ufer seines hübschen Waldhäuschens deponiert hat, geht’s richtig ab mit der Selbstjustiz. Rache ist Blutwurst, denkt sich Hardy, und macht sich auf, um seinen Peiniger zu enttarnen und seine hübsche Kollegin Jo Christmas (die sich übrigens vorher von Hardy hat pimpern lassen... hat die etwa nicht “Scream” gesehen?) aus den Klauen des Badmans zu befreien. Das Phantom wird dann tatsächlich im großen Finale enttarnt und damit auch ein Plottwist, für den Shyamalan bitter ausgeschimpft worden wäre, der sich aber auf jeder Party gut macht. Mit Kenntnis von Badmans Existenz wird dann nochmal ein Action-Finale abgelegt, bei dem Hardy seine im Ersatzdienst als Wasserschutzpolizei erlernten Fähigkeiten testen kann.
Ansonsten ist die Action das, was den Film fast durchweg unterhaltsam werden lässt. Sicherlich ist das alles sehr Oldschool, für die Neunziger fast sogar ein bisschen zu sehr (heute wäre ein solcher Film vielleicht gar nicht mal so verkehrt). Die Autoverfolgungsjagden machen jedenfalls Spaß. Ebenso wie die wenigen Ballereien. Der Knaller sind aber Dennis Farina und Brion James. Speziell letzterer gibt so eine überzeugende Drecksau, dass man ihm permanent in die Fresse treten möchte, und wenn er dann auch noch Willis als “miese kleine Ratte” beschimpft und seine Äuglein bösartig funkeln, dann passiert das, was für jeden Filmemacher das größte Ziel ist: Der Zuschauer verspürt Emotionen. Man ist ebenso angepisst wie Willis und sein deutscher Synchronsprecher, was ein wenig die Weinerlichkeit in seiner Charakterzeichnung ausgleicht.
Was abseits dieser Elemente nicht funktioniert, das sind Leihgaben aus anderen Genres. Die Gerichtsszenen sind plump, unrealistisch und frei von jeglicher Dramaturgie, die Slasher-Elemente (Frau im BH alleine in ihrer Wohnung, das Licht funktioniert nicht, und First-Person-Perspektive vor Hardys Waldhütte) sind doch eher schlecht als recht, auch wenn man aus dem Bereich ohnehin schon viel Müll zu sehen bekommen hat.
Berücksichtigt man all diese Punkte, so lässt sich für Bruce Willis, dessen Film dies nun mal ist, ein enormer Rückschritt verzeichnen. “Stirb Langsam” ist ein zeitloser Klassiker, “Stirb Langsam 2" eine brillante Kopie, “Last Boy Scout” ein deutlich selbstironischerer Buddy-Actioner, als es nun “Tödliche Nähe” ist. Optisch unspektakulär, rennt Willis mit einem auf den Leib geschriebenen Heulsusencharakter durch die Gegend, um einen Irren zu jagen, der aus seinen Ex-Freundinnen Schnitzel macht, und nebenbei plagt er sich mit korrupten Ex-Kollegen, einer Nörgelsuse mit einem Männernamen und dem eigenen Ego herum. Unterhaltsam ist das Ding eigentlich in jeder Minute, aber dazu schaltet sich das Zuschauerhirn automatisch in den B-Modus. Schön für Willis, dass er den sich anbahnenden Abstieg frühzeitig erkannt und sich anderweitig umgesehen hat, um auch in Zukunft einige Abstecher in die Güteklasse A des Actionkinos sicherzustellen.

Die DVD gibt es als DVD-5 ungeschnitten im anamorphen 1,85:1-Format, jedoch nur mit Stereo-Ton und abgesehen vom Kinotrailer ohne Bonusmaterial. Auf dem Cover sind zwar Biografien und Audiokommentar des Regisseurs vermerkt, die jedoch nicht enthalten sind.