Unknown Identity

Filme abseits des Actiongenres aber mit Actionhelden [irgendwie so in der Art]
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freeman
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Unknown Identity

Beitrag von freeman » 09.03.2011, 07:59

Unknown Identity

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Originaltitel: Unknown
Herstellungsland: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, USA
Erscheinungsjahr: 2011
Regie: Jaume Collet-Serra
Produktion: Joel Silver u.a.
Darsteller: Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Frank Langella, Aidan Quinn, Bruno Ganz, Sebastian Koch, Stipe Erceg, Karl Markovics, Mido Hamada, Sanny Van Heteren, Rainer Bock u.a.

Dr. Martin Harris reist mit seiner Ehefrau nach Berlin, wo er einer Wissenschaftskonferenz beiwohnen möchte. Am Berliner Flughafen vergisst er allerdings einen seiner Koffer, was ihm erst auffällt, als er mit seiner Frau am gemeinsamen Hotel angekommen ist. Eilig bricht er wieder gen Flughafen auf, befinden sich in dem Koffer doch all seine Papiere. Doch Martin wird nicht am Flughafen ankommen, da sein Taxi auf dem Weg dahin verunglückt und von einer Brücke fliegt. Martin wird von der Taxifahrerin zwar gerettet, liegt hernach aber vier Tage im Koma. Kaum wieder erwacht muss er feststellen, dass ihm das Trauma wohl einige Erinnerungen gekostet hat. Es gelingt ihm gerade noch so, zu rekonstruieren, dass er an einer demnächst stattfindenden Konferenz teilnehmen wollte. Kurzerhand entlässt er sich selbst aus dem Krankenhaus und ist beim Empfang zu der Konferenz überglücklich, als er seine Frau in der Menge erspäht. Doch als er sich zu ihr durchgekämpft hat, scheint diese ihn gar nicht zu erkennen. Mehr noch, neben ihr steht plötzlich ein Kerl, der behauptet, er sei Martin Harris ...

Mehr über den Inhalt zu verraten, wäre echter Frevel. Stattdessen deklarieren wir den Film der Einfachheit halber einfach mal als Jason Bourne IV. Denn hier wie dort geht es um einen Mann, der seine Erinnerung weitgehend verloren hat und nun anhand von einzelnen Erinnerungsfetzen versucht, sein bisheriges Leben zu rekonstruieren. Dass dieses wohl aus mehr bestand als nur aus wissenschaftlichen Arbeiten, kann sich der geübte Bourne Fan sicherlich denken. Und auch der geübte Thrillerfan wird sich nicht sonderlich wundern, dass Martin Dreh- und Angelpunkt eines weitaus größeren Konstruktes ist, als man zu Beginn vermutet hätte. Wie dieses Geheimnis ausschaut, das kann man sich sogar ziemlich bald denken, aber glücklicherweise gelingt es Unknown Identity diese Erwartungen noch zu übertreffen, indem auf Enthüllungen immer neuerliche Wendungen folgen, die allesamt kühn konstruiert wirken - und ab und an auch das berühmte Quäntchen übertreiben -, aber durchweg die Spannungskurve auf einem erquickenden Niveau halten und keinerlei Form von Langeweile aufkommen lassen.

Im Gegenteil, Regisseur Jaume Collett-Serra, der schon mit The Orphan bewiesen hat, dass ihm wendungsreiche Filmkost gut zu Gesicht steht, verpasst seinem Streifen einen großartigen Spannungsschub nach dem anderen und hält das Tempo seines Thrillers beständig enorm weit oben. Dass dennoch eine sehr ruhige Szene zur eindrücklichsten wird, macht dann die Überraschung ob dieses Streifens vollends perfekt. In dieser Szene liefert sich Bruno Ganz einen stillen Showdown mit einem Superkiller, der so unaufgeregt und gleichzeitig intensiv inszeniert ist, dass man schon sehr abgebrüht sein muss, um dieser Szene ihre Qualitäten abzusprechen. Überhaupt sind die Darsteller durchweg einer der größten Pluspunkte des Filmes. Selbst Diane Kruger, sonst nicht wirklich eine Zierde ihrer Zunft, glänzt in ihrer Rolle, die obendrein vollkommen gegen den Krugerstrich gebürstet wurde und tatsächlich ihr schauspielerisches Talent fordert und nicht nur ihr fraglos gutes Aussehen. Das Eye Candy besorgt January Jones. Die kühle Schönheit aus Mad Men strahlt eine unglaubliche Eleganz aus, die es nicht schwer macht, bei Joel Silvers Anmerkung er sehe in ihr die neue Grace Kelly, zustimmend zu nicken. Leider kommt ihre Rolle der Ehefrau Martins nie so recht im Film an. Da hat man dem TV Gesicht wohl noch nicht soviel zugetraut.

Ganz im Gegenteil zu den deutschen Darstellern. Hier tummeln sich einige deutsche Namen. Sebastian Koch, Stipe Erceg (der mit steilen Actionauftritten punktet!) oder Rainer Bock … alle tragen mit unprätentiösem Spiel ihren Teil zum Gelingen des Filmes bei. Nur mit Bruno Ganz, der - wie bereits erwähnt - vereinzelte Superszenen voller Intensität abbekommen hat, wurde ich nicht so recht warm. Vermutlich wegen der mit seiner Figur einhergehenden argen Simplifizierung des Gebildes Stasi, das in Unknown Identity ungelogen zum Club alter Rentner verkommt, die noch heute aus Spaß an der Freude alte Kontakte pflegen und selbst geheimste Geheimnisse offen legen. Auch die Tatsache, dass sich Bruno Ganz’ Figur immer recht offenherzig als Stasimitarbeiter a.D. outete, verklärt das Phänomen Stasi und macht sie fast zu einer Art Zeitgeisterscheinung, der man halt angehörte. Für diese etwas seltsame Geschichtsauslegung kann Ganz selbst freilich nicht viel …

Herz und Motor der Show ist aber freilich Liam Neeson, der auf seine „alten Tage“ regelrecht zum neuen Actionstar aufgebaut wird und sich dabei sichtlich wohl fühlt. Zumal man dem Darsteller sowohl die physische Präsenz seiner Figur als auch die gefühligeren Momente fraglos abnimmt. Ist er doch einerseits ein Schrank von einem Kerl und andererseits schauspielerisch eine echte Macht. Beide Seiten kann er wie in 96 Hours immer zum Gewinn des Filmes ausspielen, wobei diesmal das Hauptaugenmerk auf seiner emotionaleren Seite ruht. Denn Martin Harris ist zuallererst immer Kopfmensch, der Situationen analysiert und hinterfragt. Erst im letzten Drittel lässt er dann die Wissenschaften Wissenschaften sein und holt den Knüppel aus dem Sack.

Genau in diesen Momenten zeigt sich Regisseur Jaume Collett-Serra dann aber nicht so versiert. Dass er die Action vornehmlich in Bourne Wackeloptik bebildert, geschenkt. Dies wirkt im Rahmen des Filmkonzeptes sogar durchaus schlüssig. Dass es ihm aber nicht gelingt, innerhalb der Actionszenen echte Höhepunkte zu lancieren bzw. selbigen einen echten Spannungsbogen zu verleihen, fällt schon ziemlich negativ ins Auge. Eine seltsame Autoverfolgungsjagd, die mit einem schlecht getricksten Crash einer Straßenbahn mit einem Auto endet, sei stellvertretend genannt. Auch das man ein ganzes Hotel verwüstet, nur um danach das coole Setting dieses zerstörten Gebäudes nicht für einen amtlichen Showdown mit ordentlich Bäddiekeile zu nutzen, befremdet doch sehr. Dafür erweist sich der Regisseur abseits der Action als durchaus versiert. Er präsentiert ein sehr kaltes, tristes Berlin. Dabei findet er in Deutschlands Hauptstadt Ecken, bei denen man glaubt, dieser Film stamme eigentlich aus dem Ostblock. Aber keine Angst, einen Steven Seagal Rumänien Kracher mit bulgarischem Cast erlebt man hier nicht. Viel eher kleine, aber ungemein effektive Kameraspielereien. Etwa wenn Martins Welt aus den Fugen gerät, was Collett-Serra mit einer absolut simplen Neigung der Kamera untermalt und so einen herrlich beklemmenden Moment generiert, der nicht nur Peter aus der Bahn wirft.

Was bleibt ist ein spannender und vor allem wendungsreicher Thriller, der aber genau deshalb hier und da auch etwas überkonstruiert wirkt. Häufig wird so der Zufall zum antreibenden Element. Ein insgesamt sehr ordentliches Tempo, die tollen Darsteller, das raue und unwirtliche Berlin, eine straffe Regie und der Verzicht auf jedwede Form von Nebenschauplätzen gleichen so manchen Negativpunkt aber mühelos wieder aus. Temporeiche Thrillerkost …
:liquid7:

In diesem Sinne:
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Beitrag von SFI » 09.03.2011, 08:04

Bei dem warte ich eh auf die BD, hatte mir nach dem Trailer eh nicht sooo viel erhofft. Solide, mehr nicht eben!
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Beitrag von McClane » 09.03.2011, 08:49

Ich war Samstag in der Nachmittagsvorstellung und fand ihn ganz gut... der Trailer war leider etwas sehr auf Action gebürstet und hat die zwei, drei Actionszenen des Films zum Großteil verbraten, was meine Erwartungen in eine etwas andere Richtung lenkte. Zudem war der Twist zu erahnen (was leider am Trailer und an einem großen Vorbild der letzten Jahre liegt), aber "Unknown" hat IMO ziemlichen Drive. Aber es ist schon fast schon beschämend, dass erst die Amis Filme wie die Bourne-Sequels oder "Unknown" hierzulande drehen, um zu zeigen wie man Berlin und Co. Blockbuster-mäßig Szene setzen kann, während es den einheimischen Produktionen fast nie gelingt. Kurzweilige Thrillerkost, macht mit Heimvorteil:

Knappe :liquid7:
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Beitrag von StS » 09.03.2011, 09:07

Klingt ansprechend. Dennoch ein klarer "ich warte auf die BluRay"-Titel... :wink:

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Beitrag von Hannibal » 09.03.2011, 09:13

Saubere Review mal wieder! :)
Aber auch ich werde auf die BR warten..

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Beitrag von Cinefreak » 14.01.2012, 00:03

heute gesehen

muss dem Freeman recht geben - die Action wirkte für einen A-Film doch sehr durchschnittlich, vielleicht hat der Trailer auch falsche Erwartungen wecken wollen. Gut, dass ich den nur auf DVD gesehen habe, war schon ganz ok, und Diane Kruger als Sidekick doch ganz nett. Auch die andere Lady war schick anzusehen, mehr war aber auch nciht. NAja, ein zwar nette Plottwists waren, aber irgendwie war die Auflösung für mich am Ende dann zu simpel, hatte viel mehr erwartet. ;)

:liquid7:

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Beitrag von John_Clark » 16.01.2012, 00:40

Damals auf dem Flug von Los Angeles nach Hause gesehen. Fand den Film ebenfalls gut und gehörte für mich rein optisch irgendwie in die Bourne-Reihe.

:liquid7:

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Beitrag von Dr Dolph » 28.01.2012, 18:05

Spannender Streifen, der leider nie wirklich was eigenes zum Thema beitragen kann. Dennoch alles in allem gelungen.
:liquid7:

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Beitrag von Kruger » 29.01.2012, 21:10

Hab ich mir doch etwas mehr erwartet. An den Haaren herbeigezogen.

:liquid5:

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Beitrag von Vince » 04.07.2012, 21:44

So lange man gemeinsam mit der Hauptfigur über die Vorgänge im Unklaren gelassen wird, hält sich "Unknown Identity" alle Trümpfe und damit die Spannung in der Hand. Was ist geschehen? Warum verhalten sich alle so anders? Fragen, die das Thrillergenre mindestens seit Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" erfolgreich stellt, weil sie die eigene Identität in Zweifel stellen. Man wartet gespannt auf eine ausgeklügelte Auflösung und hofft, mit einem Paukenschlag überrascht zu werden.
An dieser Stelle nehmen nicht nur die Deutschlandklischees zu (Der Versuch, mit europäischen Schauplätzen eine neue Exotik in das klassische US-Skript zu integrieren, in allen Ehren, aber dann muss man sich auch mal von Schubladendenken verabschieden - zugegeben wird das aber wohl nur den Deutschen selbst auffallen), sondern auch ein fahriger Umgang mit Handlungssträngen, die oft notdürftig und vorhersehbar zusammengetackert werden. Glücklicherweise nimmt die Spannung dank schnittiger Regie und eines Liam Neeson im 96-Modus nie ganz ab, aber über die hanebüchene Entwicklung der Geschichte kann das leider nicht mehr hinwegtäuschen.
:liquid5:

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