Der Mandant

Filme abseits des Actiongenres aber mit Actionhelden [irgendwie so in der Art]
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freeman
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Der Mandant

Beitrag von freeman » 30.06.2011, 08:06

Der Mandant

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Originaltitel: Lincoln Lawyer, The
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 2011
Regie: Brad Furman
Darsteller: Marisa Tomei, Matthew McConaughey, Michael Pare, Josh Lucas, William H. Macy, Ryan Phillippe, Michaela Conlin, John Leguizamo, Bryan Cranston, Shea Whigham, Frances Fisher u.a.

Mick Haller ist ein Anwalt am unteren Ende der Nahrungskette. Und ein ganz besonders windiger dazu ... Um Geld zu sparen, agiert er von einem fahrenden Büro aus. Seine Kunden erreichen Haller am Besten, wenn sie ihn und seinen Lincoln von der Straße abdrängen. Und für einen Fall gewinnen sie ihn mit dicken Geldbündeln. Sehr dicken Geldbündeln. Diese sind für Haller Grund genug, vor Gericht das Rechtssystem so weit zu beugen, dass derartige Geldquellen nie versiegen und er ein einigermaßen ruhiges Leben führen und immer mal Zeit für seine - bei seiner Ex lebenden - Tochter aufwenden kann. Doch eines Tages holt ihn ein Fall ein, der eigentlich seine Gehaltsstufe weit übersteigt. Ein junger Playboy, der nicht einmal ansatzweise den Eindruck macht, auch nur einer Fliege ein Haar krümmen zu können, soll eine junge Frau missbraucht, verprügelt und mit einem Messer bedroht haben. Der junge Mann drängt auf einen eindeutigen Urteilsspruch, der seine Unschuld unumstößlich belegt, seine reiche Familie möchte den Fall lieber unter den Teppich gekehrt wissen. Haller sieht derweil seine große Chance gekommen, zumal nichts an der Aussage seines neuen Mandanten auf irgendwelche Probleme in Hinblick auf den Fall hinweist. Derart eingelullt und dank der Aussicht auf den großen Geldregen bemerkt er fast zu spät, auf welch gefährliches Spiel er sich mit diesem Fall eingelassen hat. Bald geht es für ihn und seine ohnehin angeschlagene „Familie“ aus Exfrau, Tochter und wahren Freunden um Leben und Tod ...

„Der Mandant“ - der treffendere Originaltitel „The Lincoln Lawyer“ soll hier nicht unerwähnt bleiben - basiert auf einem Roman von Michael Connelly, einem versierten Thrillerautoren, der schon die Vorlage für den Clint Eastwood Streifen „Blood Work“ lieferte, dem es aber sichtlich schwer fiel, die komplexe Romanvorlage auf die große Leinwand zu übertragen. Für den „Mandant“ mussten nun 500 Seiten Connellys gebändigt werden, was formidabel funktioniert zu haben scheint, denn der Film erfreut mit einer interessant konstruierten, wendungsreichen Geschichte, die schon auf der Filmhälfte einen frappierenden Twist bereithält, der gleichzeitig zu Fluch und Segen des Filmes wird. Zum einen fragt man sich fortan beständig, warum Haller plötzlich agiert, wie er agiert und warum er ein Ziel beinahe verbissen verfolgt, obwohl es ihm sichtlich widerstrebt, dieses Ziel zu erreichen. So erleben wir de facto mit, wie die bisherigen Überzeugungen eines zutiefst zynischen Drecksackes plötzlich von einem zutiefst moralischen Dilemma hinweggefegt werden. Die Folge sind irre intensive Momente, in denen die beiden Kontrahenten des Filmes einfach nur in einem Gerichtssaal nebeneinander sitzen. In ihnen brodelt es, jeder belauert den anderen, wartet auf einen Fehler und hat jeweils Trümpfe in der Hand, die den anderen sofort schachmatt setzen würden. Kalter Krieg im Gerichtssaal sozusagen ...

Hinter diesem Intimduell steht dann andererseits das eigentliche Gerichtsgeschehen lange Zeit ziemlich zurück. Was schade ist, da man mit Gerichtsthrillern eben auch clevere Winkelzüge der Advokaten verbindet, die Staunen machen und neue Spannungsschübe generieren. Dies bleibt hier weitgehend aus und die Vernehmungen plätschern ziemlich vor sich hin. Erst wenn klar wird, was Haller eigentlich versucht und dass er letztlich einen ziemlich gerissenen Plan verfolgt, zieht auch das Geschehen im Gerichtssaal unvermittelt an und wird deutlich spannender. Doch auch abseits des Gerichtssaales ist in „Der Mandant“ einiges los. Die parallel zu der Verhandlung stattfindenden Ermittlungen gestalten sich spannend genug und die Interaktionen von Haller mit seinen Freunden, seiner Ex und seiner Tochter machen den zunächst ziemlich zynischen Anwalt und Resteverwerter ungemein menschlich und glaubwürdig.

Ideale Voraussetzungen für eine illustre Darstellerriege richtig zu glänzen. Und diese ergreift die Gelegenheit beim Schopfe. Gerade Matthew McConaughey war selten präsenter als hier. Eingeführt als selbstsicherer Sunnyboy legt er diese äußere Hülle bald ab. Wird von seiner Familie aufgebrochen und von seinem aktuellen Fall fast zum Sturz gebracht. Wenn McConaughey vollkommen kaputt dem Alkohol frönt und um seine Familie bangen muss, spielt er richtig genial auf und macht auch äußerlich einen erschreckenden Eindruck. So tiefe Augenhöhlen hat man noch nie auf der großen Leinwand gesehen, schon gar nicht bei dem als eitel verschrienen Schauspieler. Flankiert wird McConaughey von einem präzise aufspielenden Ryan Phillippe, der genau den richtigen Grad aus scheinbarer Naivität und eiskaltem Kalkül trifft, um seine schwierige Rolle zu meistern. Marisa Tomei zeigt mal wieder, dass der frühe Oscar in ihrer Karriere, der selbige irgendwie aus dem Gleichgewicht gebracht hat, definitiv nicht unverdient war, denn sie ist großartig als bessere Hälfte Hallers. Sie gibt nicht nur ihrer eigenen Figur Tiefe, sondern auch Haller, der vor allem in den Momenten mit ihr zum echten Menschen aus Fleisch und Blut wird. William H. Macy, der meine Begleitung frappierend an Asterix erinnerte – was dank irrer Prollaufmachung auch sehr gut traf! – hat leider nur eine kleine Rolle abbekommen, weiß aber rundweg mit einer sympathischen Performance zu gefallen. In weiteren Rollen gefallen John Leguizamo, Michael Pena, Josh Lucas und Frances Fisher. Zwei kurze Auftritte bestreitet 80’s Star Michael Pare (Straßen in Flammen) mit ungewohntem, weil endlich mal wieder richtig starkem und engagiertem Spiel! Vielleicht bringt ihm sein kurzer Auftritt mal mehr als „nur“ Engagements bei Uwe Boll, die er selbst mit gelangweiltem Acting abstraft?

„Der Mandant“ selber präsentiert sich optisch sehr direkt und lebhaft. Die Kamera ist beständig in Unruhe, vibriert, schwankt, zoomt und liefert leicht braunstichige Bildcollagen von Los Angeles, die auch vor stylischen Fadingspielereien / Szenenübergängen keinen Halt machen. Untermalt wird das Ganze von einem atmosphärischen Soundtrack, der die Marschrichtung für den „Mandant“ gut vorgibt. Dieser präsentiert sich als stark gespielter Thriller, der dank einer clever konstruierten Geschichte ohne irgendwelche Formen von Action- und Krawalleinlagen Spannung zu erzeugen versteht und nur gegen Ende leicht schwächelt, wenn er seinem Publikum eine Abfolge von Enden präsentiert. Diese zu einem echten Höhepunkt verdichtet und „Der Mandant“ hätte noch stärker ausgesehen. Doch auch so ist „Der Mandant“ absolut gehobene Thrillerkost, der sich auch ein paar kleine Seitenhiebe in Richtung amerikanisches Justizsystem erlaubt, etwa wenn Haller einem Cop das Funktionieren des Systems anhand eines Falles erklärt, bei dem er wissentlich einen Mörder herausgepaukt hat, nur um etwas zu beweisen!
:liquid7:

In diesem Sinne:
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Beitrag von SFI » 21.11.2011, 05:58

Gut gespielter, spannender Justiz Thriller mit einigen Überraschungen, der mir aber stellenweise schon etwas zu konstruiert wirkt.

:liquid7: +
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Beitrag von Vince » 20.10.2012, 09:58

Ich hatte unerwartete Probleme mit dem Film - zuerst legt er mit einem 70er-Jahre-Gedächtnis-Vorspann los, um dann stilistisch - abgesehen von der omnipräsenten Limo - kaum noch darauf einzugehen, dann wird der Fall etwas holprig in Gang gebracht, wobei erst noch auf "Whodunit" gesetzt wird, bevor dann doch recht schnell mit offenen Karten gespielt wird und es eher darum geht, sich aus der dabei entstandenen kniffligen Situation herauszuwinden. Das moralische Dilemma, in dem der Anwalt sich befindet, kennt man bereits aus dem ein oder anderen Gerichtsfilm, es wird aber immerhin neuerlich mit Finessen und Schlupflöchern ausgereizt, so dass sich im Mittelteil ein durchaus spannender Film entwickelt. Als die Story aber gerade mal in Fahrt ist, wird sie seltsamerweise vollkommen abrupt mit dem Abspann bedient, hätte der Handlungsverlauf doch zumindest noch einen weiteren Haken erwarten lassen. Immerhin ist die Kameraarbeit einen ganzen Film lang schön dynamisch gehalten; durch das Mitwirken von Marisa Tomei kamen hier fast schon Assoziationen zu "The Wrestler" auf.
:liquid6:

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Beitrag von LivingDead » 20.05.2013, 02:37

Tatsächlich verspricht gerade der Vorspann einen etwas anderen Film. So musste ich mich, angesichts des Soundtracks und des, durch feine 70s-Style-Splitscreen-Effekte, in Szene gesetzten Lincolns, erst nach den anderen Autos umsehen, um zu merken, dass der Film dann doch in der Jetzt-Zeit angesiedelt ist. Nichtsdestotrotz bewahrt der Film einen gewissen Stil über gesamte Laufzeit. Dies macht sich vor allem im dynamischen Inszenierungsstil bemerkbar, welcher mit chicen Aufnahmen Lässigkeit transportiert.
Die Geschichte bleibt interessant und vermag durchaus den ein oder anderen unvorhersehbaren Haken zu schlagen. Die Darsteller - durch die Bank weg namhaft besetzt - machen alle einen ordentlichen Job. Der Soundtrack ist ebenfalls erwähnenswert.
Guter Film.
:liquid7:
Mit freundlichem Gruß
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