Für ein B-Movie, das offensiv mit der Rape-and-Revenge-Formel wirbt und einen gealterten Actionhelden mit Waffe auf das Filmposter vorschickt, beweist „Vengeance“ unerwartet viel Einfühlungsvermögen in die Opferrolle. Anna Hutchison hat als vergewaltigte Mutter schauspielerisch alle Hände voll zu tun, um die Auswirkungen einer posttraumatischen Belastungsstörung nachfühlbar zu machen, was ihr auch bravourös gelingt. In einer „Revenge“ (ebenfalls 2017) nicht unähnlichen situativen Wendung verwandelt sie sich von einer Frau, die ihre Reize gegenüber ihrer Umwelt gezielt einsetzt, in ein seelisches Wrack, das wenigstens im ersten Drittel noch auf eine glaubwürdige Ausarbeitung vertrauen kann.
Das gelingt überhaupt deswegen, weil das Drehbuch anders als im gewöhnlichen Rape-and-Revenge-Thriller Beute- und Jäger-Positionen nicht in einer Figur vereint. Das verhindert nicht nur pulpige Entwicklungen im Skript, sondern erlaubt es der Hauptdarstellerin zugleich, in psychologisch schlüssigere Bahnen abzutauchen.
Was natürlich auf Nicolas Cage längst nicht zutreffen muss. Eine Gruppe eindimensional gezeichneter Degenerierter mit Spaß am Töten, ein schmieriger Verteidiger der Angeklagten, der sich auffällig gut mit dem Richter versteht, eine völlig hilflos wirkende Anwältin auf Seite der Kläger und die Legitimation zur Selbstjustiz ist für den von Cage verbittert gespielten Polizisten gegeben.
Doch Regisseur Johnny Martin setzt zum Wohle der Glaubwürdigkeit nicht auf reißerische Vergeltungsmaßnahmen, mit denen die Angst der Täter geschürt und der Blutdurst der Zuschauer befriedigt werden könnten, sondern auf kurze, harte Hinrichtungen, die sich tief einbrennen, weil sie eben gerade nicht comichaft anmuten.
Schwächen erlaubt sich „Vengeance“ trotzdem einige. Viele Subplots werden völlig unbefriedigend aufgelöst und nicht weiter verfolgt, so dass der Eindruck aufkommt, es sollen mit ihnen lediglich kurz Emotionen getriggert werden. Nicht zuletzt bleibt das Handeln des Polizisten zumindest fragwürdig, zumal es nur ein dünnes Band ist, das ihn mit dem Opfer des initialen Verbrechens verbindet. Das wiederum könnte man in einem comichaften Exploitationer eher verzeihen... in einem ernsten Drama wie diesem fällt es unangenehm auf.
