Schneeflöckchen

Filme abseits des Actiongenres aber mit Actionhelden [irgendwie so in der Art]
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Schneeflöckchen

Beitrag von freeman » 22.11.2018, 00:45

Schneeflöckchen

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Originaltitel: Schneeflöckchen
Herstellungsland: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2017
Regie: Adolfo Kolmerer, William James
Darsteller: Reza Brojerdi, Erkan Acar, Xenia Assenza, David Masterson, Alexander Schubert, Adrian Topol, Mathis Landwehr, Gedeon Burkhard, Eskindir Tesfay, Selam Tadese u.a.

Als zwei Killer ein Drehbuch finden, das ihr Leben exakt vorherzusagen scheint, dabei aber verdammt fies für die beiden endet, beschließen sie, den Verlauf der Ereignisse zu ändern. Mit teils haarsträubenden Folgen. Die Folge ist ein wilder Genremix aus deutschen Landen, der prächtig unterhält, sich wirklich etwas traut und Überraschung auf Überraschung folgen lässt. Mittendrin: Ein kickender Mathis Landwehr. Was will man mehr?
:liquid9:

Zur Kritik von "Schneeflöckchen"

In diesem Sinne:
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Vince
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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von Vince » 13.01.2019, 15:09

… und am Anfang war die Dönerbude. Zwei junge Männer (Reza Brojerdi und Erkan Acar), offensichtlich mit Migrationshintergrund, debattieren angeregt darüber, ob die Zusammenstellung der Zutaten eines Döners Auswirkungen auf seinen Geschmack haben kann oder ob es ausschließlich um die Qualität der Zutaten geht. Wir stellen schnell fest: Auch ein Vierteljahrhundert nach „Pulp Fiction“ (oder 20 Jahre nach Til Schweigers Tarantino-Replik „Der Eisbär“) scheint deutsches Filmemachen seine Identität immer noch an amerikanischen Kultfilmen der Neunziger festmachen zu wollen. Man unterliegt hierzulande offenbar immer noch dem Irrglauben, einmal den Burger aus den Fettgriffeln gerissen und einen Döner reingedrückt, schon sei etwas „Eigenes“ geschaffen - mit dem Potenzial, die deutsche Filmkultur aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Doch seht nur, die Kamera fährt zurück und offenbart, dass der vermeintliche Smalltalk über Nichtigkeiten inmitten von blutüberströmten Leichen stattfindet, die auf dem Boden verteilt sind. Wir fühlen uns in unseren Eindrücken mehr als bestätigt.

Und das war noch nicht alles. Das Drehbuch wird nun kapitelweise aufgefaltet wie ein Schmierzettel. Die Kapitel haben sogar Namen. „Das Waisenkind & Der Bodyguard“, steht plötzlich in fetten gelben Kill-Bill-Lettern über den Bildschirm verteilt, um den Szenenwechsel zu markieren und die Aufmerksamkeit auf die narrative Struktur zu lenken. Tarantino, ohne Zweifel. Der venezolanische Wahlberliner Adolfo J. Kolmerer sieht sich in einer Schere gefangen zwischen dem Anspruch, the Next Level of German Movie Making zu erklimmen und den Anstrengungen, die Stolperfallen der Postmoderne hinter sich zu lassen. So lange die Zusammenhänge zwischen den kontextlos eingeführten Subplots noch nicht hergestellt sind, schleichen sich sogar Längen ein: Hier erscheinen längst nicht alle Handlungsstränge gleichermaßen interessant wie beim großen Vorbild. Die Einführung des Waisenkinds (Xenia Assenza) und des Bodyguards (David Masterson) ist ausgesprochen zäh und verglichen mit einem „Hattori Hanzo“-Exkurs enttäuschend unexotisch, sie benötigt außerdem weit mehr als nur eine Szene Anlauf, um irgendwann doch irgendwie interessant zu werden. Immerhin.

Das Schicksal der Döner-Brüder hingegen entwickelt seinen Drive ungleich schneller, sobald sie nämlich mit den Meta-Grenzen ihres Daseins konfrontiert werden und vergeblich versuchen, diese zu durchbrechen. Die Erkenntnis, dass sie wie Marionetten von einer übergeordneten Macht gesteuert werden, dämmert ihnen aufgrund ihres geringen Intellekts nur langsam, was für den Zuschauer mit einer lustvollen Verzögerung humoristischer Szenen verknüpft ist, dem retardierenden Moment der Begriffsstutzigkeit der armen Tore sozusagen. Je länger Javid und Tan nicht begreifen, wie ihnen geschieht, desto witziger die eigentliche Ausführung des Plot Points. Wenn die Beiden das Drehbuch ihres Lebens argwöhnisch umkreisen wie Affen eine Banane mit Faulstellen, könnte man bei diesem Naturschauspiel stundenlang zu sehen. Und doch, der Anspruch auf etwas Neues wird längst noch nicht erfüllt, denn ein derartiges Spiel mit den Mechanismen des Films wird in Deutschland nicht zum ersten Mal imitiert.

Aber der Schmierzettel, auf dem das Drehbuch mit seiner anfangs so winzig erscheinenden Idee niedergeschrieben ist, entpuppt sich langsam als Panoramaposter, wenn nicht sogar als Landkarte. Sobald der Zahnarzt und Hobbyautor Arend (Alexander Schubert) ins Spiel kommt, beginnt der echte Drehbuchautor Arend (aha) Remmers sich selbst zu reflektieren und Meta-Kommentare zur eigenen Arbeit auszustreuen. Er übernimmt in einem inzestuösen Akt gewissermaßen die Aufgaben der Filmkritiker und beurteilt das eigene, unvollendete Werk, noch bevor der Kritiker den Rotstift zu greifen bekommt. Wie gesagt: Selbst dieser freche Blick hinter die Meta-Gardinen ist für deutsches Krimi-, Thriller- und Comedy-Kino kein Neuland, doch anders als die genügsamen Exemplare dieser Art des längst veralteten postmodernen Films hört dieser gar nicht mehr auf, sich in den Wogen aus Verhohnepiepeln und Glorifizieren der eigenen Arbeit zu wiegen, während Waisenkind und Bodyguard diverse Serienkiller-Comicreliefs in skurrilen Kurzepisoden abgrasen. Und man beginnt fast zu glauben, dass „Schneeflöckchen“ mehr kann als die anderen.

Das Drehbuch wird quasi vor den Augen des Zuschauers permanent modifiziert, was schließlich zu einem zerstückelten Seherlebnis führt, das aber immer wieder für Überraschungen in Form unvorhergesehener Wendungen gut ist. Aktuelle Blockbuster-Trends werden durch den Fleischwolf gedreht, filmische Symbolik wird zunächst analysiert und dann hinterrücks über den Haufen geschossen. Es dauert relativ lange, aber dann beginnt man zu begreifen: Diese verfilmte Autorenkrise ist gar nicht so verzweifelt wie sie vorgibt zu sein, sie verfügt tatsächlich über einen Masterplan, den mit allen Wassern gewaschenen Zuschauer wieder mit frischem Blut zu besudeln, ihn quasi live und direkt völlig an der Nase herumzuführen. Dabei geht es nicht um Whodunits und Whatdoesitmeans, sondern eigentlich nur um einen Kommentar zu Status Quo mit Ausblick auf eine bessere Zukunft: Ja, die 90er, die 00er und ein gewisser Anteil der 10er Jahre waren scheiße, aber alle Zeichen deuten auf Besserung.

So darf man also doch noch konstatieren: Was „Achteinhalb“ für Frederico Fellini war, ist „Schneeflöckchen“ für den deutschen Genrefilm: Ein psychoanalytisch motivierter Ausbruchsversuch aus der selbstverschuldeten Schaffenskrise. Diesmal bleibt der blinkende Cursor nicht über dem leeren Blatt Papier stehen: Er bewegt sich und produziert endlich Buchstaben.
:liquid8:

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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von McClane » 14.01.2019, 00:32

Wow, es häufen sich (nicht nur hier) die begeisterten Reviews. Werde wohl auch bald mal einen Blick riskieren.
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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von Vince » 14.01.2019, 18:46

Den Versuch ist es auf jeden Fall wert. In der ersten Hälfte dachte ich noch, der wird seinen Lorbeeren nicht gerecht, aber im Nachhinein finde ich doch, dass er seine sehr guten Kritiken absolut verdient hat.

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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von MarS » 15.01.2019, 14:53

Was ist denn hier los? Den Streifen hatte ich noch gar nicht auf dem Schirm. Wird sich wohl ändern müssen.

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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von kami » 15.01.2019, 15:03

Hat mir auch ziemlich gut gefallen. Hab ihn nur aus Rezensionsgründen geschaut, war dann aber doch überrascht, wie clever erzählt und hervorragend inszeniert der Film ist. Angesichts des Entstehungszeitraums von vier Jahren, in denen am WE gedreht wurde, erstaunt auch die erzählerische wie formale Konsistenz des Films. Großartig, dass so ein Independent-Projekt hinkriegt, woran deutsche Kinofilme nun schon seit Jahren scheitern, nämlich tolles einheimisches Genrekino.
Gute :liquid8:
Zuletzt geändert von kami am 15.01.2019, 19:36, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von SFI » 15.01.2019, 16:38

MarS hat geschrieben:
15.01.2019, 14:53
Wird sich wohl ändern müssen.
Ich nicht! :lol:
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Re: Schneeflöckchen

Beitrag von freeman » 15.01.2019, 20:17

Ich empfehle ihn dir trotzdem mal Timo. Einfach so. Macht wirklich Laune, der Film. Also so richtig. Und das sage ich, der seine Abneigung gegen den deutschen Film hegt und pflegt wie ein kleines Kind ;-). Ich glaube aber, dass die Art und Weise, wie der Film meta ist, dir sehr zusagen wird. Das ist schon sehr clever gemacht.

:yeah: @ kami und Vincelino!

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