Shang-High Noon

Der Action Film der 80er, der 90er und heute.
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Shang-High Noon

Beitrag von freeman » 26.01.2006, 13:47

Shang-High Noon

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Originaltitel: Shanghai Noon
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 2000
Regie: Tom Dey
Darsteller: Jackie Chan, Owen Wilson, Lucy Liu, Brandon Merrill, Roger Yuan, Xander Berkeley, Yu Rong Guang, Ya Hi Cui, Eric Chen, Jason Connery u.a.

Der Western ist ein Film-Genre, in dessen Mittelpunkt die Eroberung des Mittleren Westens der USA durch die aus dem Osten kommenden Siedler stand und steht ... Mit diesem Inhalt stellt der Western eines der urtypischsten Genres des amerikanischen Filmes dar. Und während die amerikanische Filmindustrie von Wagentrecks und Scouts berichtete, war man auch im fernen Osten nicht untätig und lancierte dort eigene Filme, die vor allem Kampfkünste, Spiritualität und durchaus auch Magie in den Mittelpunkt stellten, um von Persönlichkeiten wie Wong Fei Hung und ähnlichen Nationalhelden zu berichten und dabei die urtypischsten Werte des asiatischen Raumes zu beschwören. Da man im Westen immer gerne Kategorien entwirft, um etwas, was man nicht begreift, fassbarer zu machen, nannte man einfach all diese Filme Eastern, waren sie doch im Grundtenor dem Western nicht unähnlich ... Eine Durchmischung der beiden Genres erschien dabei aber seltsamerweise nie erstrebenswert. Klar, es gab durchaus Western, in denen ein Chinese opiumrauchender Weise in der Ecke stand und vom felnen Land mit den velschlobenen kleinen gelben Männeln zu belichten wusste, aber die asiatischen Einsprengsel waren selten mehr als ein Eingeständnis an die Tatsache, dass eben auch die Asiaten an der Urbar-Machung der USA beteiligt waren. Dennoch gab es auch filmische Ausnahmen, so "Die Rivalen unter roter Sonne", die Männer aus scheinbar verschiedenen Welten zusammenarbeiten ließ, um zu offenbaren, dass die Ehrenkodizes der Helden in beiden Genres gleich sind (Nicht umsonst ließen sich die 7 Samurai so trefflich auf die Glorreichen Sieben ummünzen!). Trotz derartiger Ausnahmen blieben asiatische Elemente eine Art sensationsheischendes Moment, nicht mehr und nicht weniger. In den 80ern lancierte dann John Carpenter endlich einen wirklich furiosen, wenn auch nur indirekten Mix aus Eastern und Western. "Big Trouble in Little China", wo die westliche, aufgeklärte Welt auf eine Mixtur aus Magie und Kampfkunst traf. Die Easternmelemente sind hier freilich überbordend, aber auch Westernelemente findet man, denn was sonst ist Kurt Russel als ein Cowboy, der auf seinem Pferd (ok, ok, sein "Pferd" hat mehrere hundert Pferdestärken ;-) ) in eine neue Stadt einreitet und dort Abenteuer erlebt, eine Frau fürs Leben findet und diverse Duelle austragen muss? Dieser Film blieb eine stark unterschätzte und an den Kinokassen gefloppte Ausnahme von der Regel, dass man Western und Eastern lieber nicht mischt. Zumindest verstärkte sich in den Folgejahren aber mehr und mehr der asiatische Einfluss auf die Hollywoodfilmindustrie. Die Amis drehten eigene Eastern wie Karate Tiger, machten die Handlungen "normaler" Filme exotischer, indem sie sie in "Chinatown" ansiedelten oder einfach Elemente wie Yakuzza oder ähnliche urasiatische Themen in US Filme einfließen ließen. Bald importierte man die besten Darsteller und Regisseure ebenso aus dem fernern Osten wie filmisches Know How in Bezug auf die Darstellung von Action oder in der Bildgestaltung.

In dieser Phase kam auch Jackie Chan in die USA und versuchte zum wiederholten Male die Staaten zu erobern. Und mit "Rumble in the Bronx" und "Rush Hour" gelang ihm das auch. Insbesondere das Rush Hour Prinzip schien besonders erfolgsversprechend und wurde in Shanghai Noon nochmals verwertet: Der körperliche Humor Chans und seine Kampfvirtuosität trifft auf ein Revolvermaul und tritt ein nettes Buddy Movie los ... Dieses beginnt in Asien und wird nach Amerika verlagert. Und das zu einer Zeit, in der echte Männer noch Revolver trugen, o-beinig durch die Kante staksten und ihr Pferd mehr liebten als irgendwelche Squaws! Shanghai Noon mischte die Genres ... endlich! Und Shanghai Noon fand für Chan einen kongenialen Partner, der hier und in der Fortsetzung das blieb, was er eben war: der sprücheklopfende Sidekick, dem es - im Gegensatz zu dem enervierenden und unwitzigen Chris Tucker in Rush Hour 1 + 2 - gar nicht danach gelüstete, die Action auf seinen Charakter zu verlagern und Kung Fu kämpfend diverse Bäddies zu verhauen ...

Diese versammeln sich diesmal vornehmlich um einen Chinesen namens Lo Fung, der einst aus der verbotenen Stadt geflohen ist und nun als Verräter gebrandmarkt in Amerika unter dem Deckmantel der Gutmütigkeit immigrierte Chinesen als Sklavenarbeiter missbraucht. Eine dieser Sklavinnen stammt direkt aus der Verbotenen Stadt. Es ist Prinzessin Pei Pei, die auf Wunsch des Kaisers mit einem potthässlichen Chinesen vermählt werden sollte. Diese Vorstellung behagte der Prinzessin nicht wirklich und sie suchte mit einem Lehrer aus dem westlichen Kulturkreis das Weite. Dabei wurde sie zwar von der Palastwache Chon Wang bemerkt, aber nicht aufgehalten, da Chon zu sehr damit beschäftigt war, sie nicht anzusehen (direkter Blickkontakt galt als ungebührlich). Was die Prinzessin nicht ahnte: Der ihr helfende Lehrer war ein Lakai von Lo Fung, der sich mittels Pei Pei am Vermögen der kaiserlichen Familie gesund stoßen will ...

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Die dlei von del Tankstelle

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Was heißt hier zweimal gemeldet, als Gott die Dummheit verteilte?

So findet denn die Familie von Prinzessin Pei Pei auch bald "ihren" Abschiedsbrief, für den der Begriff Lösegeldforderung wohl eher zutrifft! Drei Mitglieder der Palastwache werden daraufhin auserkoren, den Lösegeldüberbringer ins Land der untelgehenden Sonne ;-) zu begleiten. Chon Wang meldet sich daraufhin freiwillig als 4. Mann, sieht er doch die Hauptschuld an der Entführung auf seiner Seite ...

Sieben Wochen später überfällt Roy O'Bannon mit einem Haufen unterbelichteter Komplizen einen Zug, der ausgerechnet Chon Wang, seine Weggefährten und das Lösegeld transportiert. Dabei wird der Lösegeldüberbringer, der sich obendrein als Chons Onkel entpuppt, über den Haufen geschossen, was Chon veranlasst, im Alleingang den Überfall zu vereiteln. Nicht nur um seine Beute gebracht, wird Roy obendrein von einem seiner neuen Gangmitglieder entmachtet und bis zum Hals eingegraben den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Freilich kann er sich irgendwann befreien und freilich begegnet er auch Chon bald wieder und als er erfährt, dass Chon eine unglaublich hübsche, verdammt reiche und vor allem unglaublich hübsche *kihi* Prinzessin befreien will, erklärt er sich bereit, Chon vollkommen "selbstlos" zu helfen ...

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ohne Worte ...

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Die erste offizielle Schaumparty ...

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Huuuuiiiiii, is die heiß ...

Entführte Prinzessinnen sind doch immer wieder ein gerne genommener Vorwand, um ein Abenteuer loszutreten. Dass sich der Film somit nicht nur in der Grundkonstellation eines Buddy Movies null von Rush Hour abhebt, sondern eben auch noch eine fast 1:1 übernommene Entführungsstory auffährt, zeugt von der "Risikobereitschaft" der Hollywoodfinanziers, die im Grunde genommen eigentlich nur Rush Hour zeitlich zurückversetzt haben ... allerdings muss man konstatieren, dass die Geschichte hier weitaus besser funktioniert und zudem witziger und actionreicher daherkommt als der an den Kinokassen deutlich erfolgreichere Rush Hour.

Dies liegt vor allem an dem kongenialen Duo Owen Wilson und Jackie Chan. Owen Wilson, der Mann mit dem wohl verschrobensten Äußeren in ganz Hollywood, legt seinen Roy O'Bannon einfach genial an. Roy ist ein Großmaul, Taugenichts und Frauenheld, wie er im Buche steht, dem man aber irgendwie nichts abschlagen kann. Das Prinzip ist dabei, dass er etwas vorschlägt, was Chan aber vehement ablehnt ... Schnitt ... als nächstes werden die Beiden gezeigt, wie sie gerade genau das machen, was Roy vorgeschlagen hat. Ein kleines Highlight dahingehend ist die Badewannentrinkspielszene, die im zweiten Teil mit der Kissenschlacht noch getoppt werden soll. Und immer wenn Wilson mit seinen hirnrissigen Vorschlägen kommt, und sie eben auf Wilsonart "verkauft", muss man bereits unbewusst schmunzeln. Mehr Charisma und Charme als Wilson dürfte derzeit kein anderer Komiker der USA haben ...

Jackie Chan, dem man im Abspann noch deutlich anmerkt, dass er ziemliche Probleme mit der englischen Sprache hat, was Wortwitz fast schon von vornherein für ihn ausschließt, brilliert vor allen in den typischen Jackieszenen: Brillant choreographierte Actionszenen, die auch seinen körperlichen Humor trefflich transportieren können. Highlights setzen hier die Kampfszenen gegen die Indianer, das Cowboytraining oder die viel zu kurze Szene, in der Jackie sein Drunken Boxing erahnen lässt. Insgesamt gesehen präsentiert Chan hier im Gegensatz zu Rush Hour deutlich effektivere Kampfsporteinlagen, die eben deutlich häufiger auf Treffer mit Fäusten und Füßen setzen, denn auf wilde Akrobatikeinlagen, in denen sich seine Gegner eher selber ausschalten, weil sie gegen irgendwas rennen, was Jackie gerade hochschnellen lässt. Dabei vergisst Chan aber nie, dass er am besten ist, wenn er willkürlich in der Gegend rumstehende Sachen gegen seine Gegner einsetzen kann. Die "Hufeisen am Lasso" Szene sei dabei besonders hervorgehoben. Schauspielern oder dergleichen tut Chan hier genauso wenig wie in den meisten seiner anderen Werke, er verlässt sich auf seine physische Präsenz und seine zweifellos vorhandene Ausstrahlung ...

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Ich versprechs! Von hinten aufzäumen hat nichts mit mir und deinem Arsch zu tun!

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Was heißt hier, dein Tau ist länger?

Komplettiert wird der Cast von der hinreißend schönen Lucy Liu, die hier aber leider als Entführungsopfer viel zu selten zu sehen ist. Auch wird sie in die Actionszenen des Showdowns, an dem sie ja von Anfang bis Ende beteiligt ist, nicht ausreichend einbezogen, was insofern schade ist, da sie in Millisekundenkurzen Szenen erahnen lässt, was in dem kleinen, zierlichen Körper für Kampfkraft steckt. Kurzum, sie wird ein wenig verheizt ... Leider.

Dem Film selber schadet dies allerdings nicht, denn dieser liefert - um einen Bogen zum Einstieg zu schlagen - einen wundervollen Mix aus Western und Eastern. So sind die Szenen in der Verbotenen Stadt Atmosphäre pur, eingetaucht in warme Farben, mit unzähligen Statisten, gelungener Ausstattung und schöner Musik, zudem fast vollkommen im Originalton belassen! Dennoch gibt es in diesem Easternpart auch schon erste Anspielungen auf den Westernpart, der den größten Teil des Filmes einnehmen wird. So soll zum Beispiel die Lösegeldforderung um "12 Uhr Mittags" beglichen werden und Chon Wang als Name für den Titelhelden spricht ja wohl auch eine deutliche Sprache ...! Sobald der Film dann in Amerika angekommen ist, wird alles verbraten, was den Western einst groß gemacht hat: Banditen, aufrechte Helden, "das stählerne Ross", Saloonprügeleien, Indianer und und und. Dennoch wird auch hier der asiatische Teil nicht komplett abgeschlossen. So trägt Chon ziemlich lange seine Palastwachenuniform, gibt es einen Drachentanz, findet man unzählige chinesische Immigranten im Bergwerk von Lo Fung und erlebt eben ein Asiate den ultimativen Clash der Kulturen, wenn er unwissentlich eine Indianerin heiratet oder von anderen Siedlern für einen Juden gehalten wird ...
Insgesamt nimmt der Westernteil, wie bereits erwähnt, dennoch den größten Part des Filmes ein, wird aber - als zusätzliches Bonbon - trefflich ironisch aufgebrochen. Wenn es zum Beispiel einmal heißt: Mein wahrer Name ist Wyatt Earp, nur welcher Cowboy hat schon so einen Namen? muss man fast automatisch lachen und wenn Roy mitten in einem Duell gedanklich ein weiteres Off-Screen-Monolog-Duell mit sich selber führt, ist das einfach nur genial!

All das wird optisch perfekt und mit dem rechten Gespür für die Bilder des jeweiligen Genres eingefangen. Warm und exotisch bunt im Easternteil und weitläufig, mit der Nase für schöne Landschaftsaufnahmen und staubige Cowboystädte im Westernteil. Die Action selber wird optisch souverän ohne große Schnittkaskaden eingefangen und ist in jeder Sekunde gelungen.

Was bleibt ist ein tolles Buddymovie mit dem Spitzenduo Chan/Wilson, dass sämtliche andere US Werke von Chan weit hinter sich lassen sollte und eine in meinen Augen mehr als würdige Fortsetzung zur Folge hatte. Shanghai Noon ist - um es mal floskelhaft auf den Punkt zu bringen - wirklich gelungene Unterhaltung für die ganze Familie, bei der auch Nicht-Jackie-Chan-Fans durchaus einen Blick riskieren können!
:liquid8:

Die DVD von VCL MAWA aus der Platinum Collection bietet ein tolles Bild und einen gelungen Sound und ist mit einer FSK 12 uncut ...

In diesem Sinne:
freeman

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Vince sagt:

Retrospektiv betrachtet, ist “Shang-High Noon” die zweite, etwas erfolgreichere US-Franchise Jackie Chans in der Zeit nach seinem Durchbruch auf amerikanischem Boden. Retrospektiv deswegen, weil die Eastern-Western-Komödie zunächst im Kino nur mäßig lief und erst auf DVD so richtig zum Kassenknüller wurde, so dass auch erst jenes Medium eine Fortsetzung ermöglichte.

“Rush Hour” bleibt aber nach wie vor die populärere Serie, und Chans Partnerschaft mit Chris Tucker diejenige, die dem Massenpublikum zuerst einfällt. Dabei ist doch die Chemie zwischen Chan und seinem blondgeschopften “Shang-High”-Kollegen Owen Wilson so viel stimmiger, die Interaktion zwischen beiden so viel dichter und der Humor so viel köstlicher. Sowohl die “Rush Hour”- als auch die “Shang-High”-Franchise sind in erster Linie Buddy-Movies - in diese Sparte wurde Chan in Amerika nun mal unweigerlich gesteckt, es gehört sozusagen zur bildlichen Vertragsbasis, die ihm globalen Erfolg sichert. Und aus dieser Sparte heraus betrachtet mag “Rush Hour” die erfolgreichere Reihe sein; die Comedyposse zwischen dem fernen Osten und dem wilden Westen ist aber die gelungenere.

Alleine der Umgang mit dem Buddy-Konzept ist beispielhaft und ebenso simpel wie geschickt: Es wurden einfach mal die ureigensten Genres des amerikanischen und chinesischen Kinos ausgepackt und zueinander in Beziehung gesetzt: das Kung Fu-Historienepos und der Western. Der Zuschauer wird mit Einsetzen der Credits vor dem Film förmlich erschlagen mit gigantischen Kulissen und einer Farbenpracht, die ihresgleichen sucht. Die Szenen vor dem Hause der Prinzessin sind ein Gemälde aus stilechten Kostümen und authentischen Gemäuern, die den Betrachter sogleich die Gegenwart vergessen lassen, welche zwei Jahre zuvor in “Rush Hour” als Spielplatz verwendet wurde.

Durch eine zugegeben kaum der Rede werte Story um Geld, Verrat und Entführung wird dann die Verbindungslinie zum Westen gesetzt. Die banale Plotkonstruktion mit einigen sehr einfallslosen Drehbucheinfällen (Prinzessin verliert ihr Büchlein beim Aufbruch in die USA et cetera) reißt zwar immer wieder leicht aus dem Geschehen, optisch verschmilzt dieses jedoch zu einer herrlich anzusehenden Einheit. Wie zwei Puzzleteile fügt sich die eine und die andere Seite des Produktionsdesigns zusammen und koppelt den Osten mit all seinen befremdlich schillernden Farben und Formen an den Westen, wo Staub und Wüste den Look bestimmen. In Anbetracht des Genres ist zwar auch hier Sonnenschein und die ganze Farbenpalette zu erkennen; man hat es also erwartungsgemäß nicht mit dem dreckig-nihilistischen Look eines klassischen Spaghettiwesterns zu tun. Aber dennoch ist das Zusammentreffen zwischen zwei tiefgreifenden Kulturen zu erkennen, und es macht alleine schon durch die gelungene Optik Spaß.

Ganz hervorragend ist nun die Verlinkung dieser ineinandergefügten Filmgenres mit den beiden Hauptdarstellern. Freilich ist Jackie Chan auch diesmal der ausschlaggebende Faktor, diesen Film zu machen, er ist das Zugpferd und wenn man so will die wichtigere Komponente in dem dualen Buddy-Konstrukt. Für den Westen ist er zweifellos der schauspielerische Repräsentant des fernen Ostens; diesen Rang hat er sich in Jahrzehnten mit vielen Rückschlägen und Erfolgen hart erarbeitet.
Es gibt aber einen qualitativen Unterschied zu den anderen Doppeln, an denen Chan teilgenommen hat, egal ob nun Chris Tucker, Danny Aiello oder gar Dumpfbacken wie Lee Evans. Und dieser Unterschied hört auf den Namen Owen Wilson. Denn Wilson wurde nicht einfach wahllos in das Ambiente geschmissen, nur um irgendeinen beliebigen Klischee-Amerikaner zu repräsentieren. Wilson ist Texaner. In Dallas geboren und aufgewachsen an der Seite seiner beiden Brüder Luke und Andrew. Ein Rotzbengel war er, flog in der zehnten Klasse von der Schule. Halt ein echter Rebell, ein Cowboy. Dieses Bild verfolgte er dann auch bei seinen Filmrollen - in “Armageddon” etwa sieht man ihn vor einem blutroten Sonnenuntergang auf einem Bullen reiten, kurz bevor er ins Weltall geschossen wird. Wilson ist halt die personifizierte jugendliche Freiheit, von der Attitüde her einem James Dean gar nicht so unähnlich, nur vielleicht etwas ironischer. Die Casting-Abteilung hat sich also durchaus etwas gedacht, ihn als Banditen und Möchtegern-Lebemann zu verpflichten. Und so macht seine Persönlichkeit diesmal absolut Sinn. Eine Sache, die man von Chris Tucker, so publikumsträchtig seine Blödeleien auch sein mögen, nicht behaupten kann.

Das Ergebnis ist herzerfrischend. Zwischen Chan und Wilson stimmt einfach alles. Chan funktioniert mit seiner zurückhaltenden, abwartenden Art als Buddy eigentlich grundsätzlich immer, so dass es meist an seinem Gegenstück liegt, die Sache auch zu einer wechselseitigen Symbiose zu machen, und da hat es Wilson einfach raus. Er interagiert wahrhaftig mit seinem chinesischen Kollegen, geht wirklich auf seine Art ein, anstatt an ihr vorbei zu klamüsern. Man spürt die Beziehung zwischen beiden. Hilfreich ist dabei die süffisante Belustigung, eben die Take-it-as-it-comes-Einstellung, die Wilson bei seiner eher subtilen Comedy zu Tage bringt. Es ist ganz einfach herrlich, den Ausdruck von seinem Gesicht zu lesen, als Jackie ihm in die Hand spuckt und er daraufhin entgegnet: “Das wird eine lange Reise...”
Im Rücken haben beide das historische Flair ihrer Herkunft, Jackie sein China, Owen seinen amerikanischen Westen. Und der fungiert in seiner optischen Pracht als Katalysator für die Buddy-Konstellation, die auf neue Art interpretiert wird, sieht man doch sonst meist zwei Buddies trotz all ihrer Unterschiede aus ein und demselben Metier kommen (als da wären zB. die für den Scheiß zu alten Cops aus “Lethal Weapon”). Diesmal jedoch kommen beide aus vollkommen entgegengesetzten Richtungen, finden auch eigentlich nie ein gemeinsames Karma, müssen dies aber auch nicht, um sich prächtig zu verstehen - gerade im Zeitalter der Globalisierung eine wichtige Erkenntnis.

Doch die prachtvollen Sets dienen nicht nur den Hauptdarstellern zur Verdeutlichung ihrer Beziehung; sie bieten auch reichlich Feld für Hommagen und Reminiszenzen an Klassiker des Westerns und des Easterns. “The Good, the Bad & the Ugly” wird durch die Galgenszene geehrt, während der schön schmierig agierende Xander Berkeley seine Rolle des Nathan Van Cleef äußerlich wie namentlich als Huldigung an den berühmten Lee Van Cleef auslegt, der einige der fiesesten Bösewichte des Genres abgegeben hat und dessen erste Rolle übrigens eine im Westernklassiker “12 Uhr mittags” war, der im Original unter dem Namen “High Noon” bekannt ist. Weiterhin spricht sich Chon Wang (Jackie Chan) phonetisch wie John Wayne und Roy O’Bannon (Owen Wilson) gibt später auch noch seinen wahren Namen preis.
Der Eastern ist diesbezüglich nicht ganz so stark vertreten, aber zumindest Jackie-Fans werden aufhorchen, wenn es um Trinkszenen geht. Ja, “Drunken Master II” wird bei der Badewannensequenz (die samt des anschließenden Fluchtversuchs auf eine kindische Art zu den witzigsten Filmmomenten gehört) zumindest angedeutet, als Wang “Uno Mass?” säuselnd Seifenblasen produziert. Drunken Boxing findet in der Szene mit Van Cleef auch in Ansätzen statt, aber leider viel zu schwach, um dies als richtige Hommage auszulegen - angeblich war hier keine Zeit mehr für eine Choreografie vorhanden. Schade, denn das hätte dem Fass im positiven Sinne den Boden ausgeschlagen.

Viel zu schwach wird leider Lucy Liu als Prinzessin Pei Pei in den Film integriert. Sie hat zwar vergleichsweise viel Screentime für eine Nebenrolle und kommt im Finale sogar dazu, etwas von ihren Kampfkünsten zu zeigen. Nur wirken viele ihrer Szenen mehr oder minder überflüssig oder zumindest ungeschickt ausgearbeitet, so dass sich alles rund um ihre Entführung im Grunde genommen als uninteressant herausstellt. Der Entführer (Roger Yuan) und alles, was mit ihm zu tun hat, bleibt so blass, dass der eigentlich nur als trietzender Sidegag involvierte Zwist zwischen O’Bannon und Van Cleef sich viel interessanter gestaltet und man von diesem am liebsten gar nicht mehr weg möchte. Ja, selbst die alte Bande O’Bannons sieht man lieber, obwohl die nun wirklich kaum eine Bedeutung für den Plot hat, sieht man mal von dem seltsamen Finale vor der Kirche ab.

Die Martial Arts-Einlagen Chans und seiner Gegner, darunter auch ein paar Cherokees, sind stets amüsant anzusehen und halten einige denkenswürdige Einlagen bereit, immer hübsch verknüpft mit einer netten Portion Comedy. Highlight ist die Choreografie der Saloonschlägerei, die wirklich originell in Szene gesetzt wurde. Insgesamt ist an Stunts nichts wirklich Extremes oder Gefährliches dabei, doch alleine das Setting gibt den Kämpfen genug Flair, um sie jederzeit sehenswert zu machen.

Besonders kantenreich ist “Shang-High Noon” in letzter Konsequenz nun nicht, und risikobehaftet höchstens insofern, als dass ein historischer Background gewählt wurde, der ja offenbar nicht jedem gefallen hat. Er sorgt aber zusammen mit Chans Partner Wilson für die frischeste Buddy-Konstruktion seit Jahren und zeigt ein verdammt gut harmonierendes Protagonisten-Zweigespann, unterstützt von vielen guten Nebendarstellern, die leider nicht allesamt sehr gut in Szene gesetzt wurden. Auch die Entwicklung des Plots lässt sehr zu wünschen übrig und ist gewissermaßen so etwas wie eine Entschuldigung dafür, eine Actionkomödie drehen zu können. Visuell ist der ganze Film mit seinen vielen Panoramashots aber eine Wucht, die Action taugt was und der Humor, untermalt von einem richtigen Gute-Laune-Score, ist zwar kindgerecht, aber angenehm unaufdringlich. Das macht “Shang-High Noon” mit seinem Sequel zum vielleicht besten US-Film, den Jackie Chan bisher gemacht hat.
:liquid7:
Zuletzt geändert von freeman am 30.03.2006, 15:27, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitrag von SFI » 26.01.2006, 13:50

boah muss ich mal gucken, also ich leihs mir mal bei amazon

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Re: Shanghai Noon

Beitrag von StS » 26.01.2006, 14:40

freeman hat geschrieben:Nicht-Jackie-Chan-Fans durchaus einen Blick riskieren können!
Hab ich gemacht - hab ich bereut! :wink:
Die Fortsetzung ist wenigstens etwas besser gelungen...

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Beitrag von Vince » 26.01.2006, 20:02

Super-Review! Ist auch mein Favorit aus den USA. Die Trinkspielszene finde ich ebenfalls absolut klasse, inklusive dem anschließenden Fluchtversuch, da kommt (trotz Moppen im Hintergrund) die Kissenschlachtszene auch net ran.
Was ich auch sehr geil finde an diesem Film: Die Eastern-Western-Thematik funktioniert quasi als Katalysator für die Buddy-Konstellation. Die meisten Buddy-Movies basierten bis dahin auf zwei Figuren, die aus dem gleichen kulturellen Background kamen. Da lag es doch nahe, die Gegensätzlichkeit - gerade in der heutigen Gesellschaft, die sich multikulturell ja immer weiter zusammenschließt - dadurch noch zu verstärken, dass man die Buddies aus verschiedenen Teilen der Welt zusammenkommen ließ. Ich bin sogar fast geneigt zu sagen, dass Chans Arbeit in Amerika diese Sache fast im revolutionären Maß angetrieben hat.

Ach so, ein Kritikpunkt: Der Film heißt dann doch "Shang-High Noon" in der deutschen Fassung. Siehe auch das von dir verwendete Cover. :wink:

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Beitrag von freeman » 28.01.2006, 00:21

Kritikpunkt beseitigt :oops: und danke fürs Lob, da mach ich mich mal irgendwann an die Fortsetzung, muss aber erstmal die DüVauDü suchen :roll:

In diesem Sinne:
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Beitrag von Vince » 28.01.2006, 00:22

freeman hat geschrieben:Kritikpunkt beseitigt :oops:
Noch net so ganz, denn ein Hai kam in dem Film meines Erachtens nicht vor. :lol: Guck dir noch mal gaaaanz genau das Cover an. :wink:

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Beitrag von freeman » 28.01.2006, 00:30

Kenn su nüsch den voll krass fetten gelben Hai? Hieß Jackie und hat Rothäute in Arsch gebisse ...

In diesem Sinne:
freeman, manchmal echt verpeilt, ich glkaube ich höre zuviel Tokio Hotel
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Beitrag von SFI » 29.03.2006, 14:52

hab ihn mir heute gekooft! 8-)
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Beitrag von freeman » 29.03.2006, 14:58

Na da leg ich schonmal die Ohren an ... ;-)

In diesem Sinne:
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Beitrag von Vince » 29.03.2006, 16:10

Liquid Love hat geschrieben:hab ihn mir heute gekooft! 8-)
Was jetzt, den Noon?!? :shock:
Man sollte bei den Narren schon mal nen Wiederverkaufsfred eröffnen...

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Beitrag von SFI » 29.03.2006, 16:18

denn 2. auch! :lol: Kann schon sein, dass die am weekend im Flohmarkt drinne stehen! 8-)
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Beitrag von Vince » 29.03.2006, 16:19

Oh my Goodness! Du wirst dir den zweiten net mal mehr ansehen, wenn du den ersten geguckt hast. :lol:
Obwohl, besser als City Hunter wird er dir auf jeden Fall gefallen...

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Beitrag von SFI » 29.03.2006, 16:42

naja abwarten, es gab bei mir schon so manche Überraschung und zudem mag ich den Wilson. Weiterhin muss ich sagen, dass gut 50 % meiner Flohmarktverkäufe nicht bedeuten, dass der Film schlecht ist, ganz im Gegenteil -> allerdings will ich halt in meiner Sammlung keine 0815 Filme um es mal so auszudrücken, denn die kann man sich bei Bedarf für paar Euros immer mal wieder kaufen oder leihen sofern man spontan drauf Lust hat. Das ist halt meine Devise, ich schmeiß da eher cd technisch mein e Kohle leichtsinniger raus, hab halt auch keine Videothek hier in der Nähe-> wollte dies einfach mal los werden, denn sonst heißts noch in 10 Jahren: Dem Liquid gefällt nix...usw! :D
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Beitrag von StS » 29.03.2006, 17:11

Der 2. ist imo besser als der 1. 8-)

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Beitrag von Vince » 29.03.2006, 17:14

StS hat geschrieben:Der 2. ist imo besser als der 1. 8-)
Ja naja, die nehmen sich eigentlich beide nicht viel... ist auf jeden Fall mal ne ordentliche Fortsetzung, klar besser als der eher enttäuschende zweite Rush Hour.

@Liquid: Klar weiß ich, hast du ja öfters schon mal betont. Trotzdem frag ich mich, ob zB. der Amazon-Verleihservice nicht günstiger und vor allem weniger aufwändig wäre für Leute wie dich, die eh das meiste wieder loswerden?

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Beitrag von John Woo » 29.03.2006, 17:56

Den Film würd ich mir vielleicht sogar mal reinziehen...

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Beitrag von SFI » 29.03.2006, 18:19

Vince hat geschrieben:
StS hat geschrieben:Der 2. ist imo besser als der 1. 8-)
Ja naja, die nehmen sich eigentlich beide nicht viel... ist auf jeden Fall mal ne ordentliche Fortsetzung, klar besser als der eher enttäuschende zweite Rush Hour.

@Liquid: Klar weiß ich, hast du ja öfters schon mal betont. Trotzdem frag ich mich, ob zB. der Amazon-Verleihservice nicht günstiger und vor allem weniger aufwändig wäre für Leute wie dich, die eh das meiste wieder loswerden?
ja vom Prinzip schon, aber da muss ich ja ein bestimmtes Pensum im Monat erfüllen sonst gehts flöten zumal ich am weekend 3-4 Filme brauche und das geht mit dem Verleihdings net -> außerdem haben die keine 18er.
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Beitrag von Vince » 17.06.2006, 18:05

Hab jetzt oben auch noch ein Review von mir druntergesetzt. @freeman: Ich hab extra vorher nicht mehr in dein Review reingeguckt, was aber nicht verhindern konnte, dass wir sehr viele ähnliche Aspekte betonen. :wink:

@Liquid: Hast du den eigentlich inzwischen mal gesehen?

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Beitrag von freeman » 18.06.2006, 00:05

Vince hat geschrieben:dass wir sehr viele ähnliche Aspekte betonen. :wink:
Jo, LOL, habe deine Ode an den Owen mit nem Schmunzeln goutiert. Das is aber auch nen Süßer ;-). Nach wie vor mein Lieblingserlebnis mit dem Charmebolzen: Im Fadenkreuz läuft an, ein schmucker Soldat stapft zackig auf die Kamera zu ... und das ganze Publikum schreit: Hänsel!!!

Zu geil ...

Liquid fand den imo ganz amüsant, ich gloobe 6/10 oder 7/10 ... man möge mich berichtigen ;-)

In diesem Sinne:
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Beitrag von Vince » 18.06.2006, 15:33

LOL... aber lief das Fadenkreuz erst nach Zoolander? Hab gedacht, der Zoolander war später.

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