Jackie Chan ist Nobody

Der Action Film der 80er, der 90er und heute.
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Vince
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Jackie Chan ist Nobody

Beitrag von Vince » 07.10.2006, 15:34

Jackie Chan ist Nobody

Bild

Originaltitel: Ngo Shut Sui / Who am I?
Herstellungsland: Hongkong
Erscheinungsjahr: 1998
Regie: Jackie Chan, Benny Chan
Darsteller: Jackie Chan, Michelle Ferre, Mirai Yamamoto, Ron Smerczak, Ed Nelson, Tom Pompert

Angenommen, wir sind Spezialagenten in einem hochgeheimen Fall um Hi-Tech-Konsortien der Sorte Top Secret. Etwas läuft schief, wir verlieren das Bewusstsein und wachen später in der Wüste auf, wo uns Eingeborene versorgen, aus deren Mündern wir kein Wort verstehen. Wer wir selbst sind, wissen wir nicht - auf jeden Fall gehören wir nicht zu diesem Stamm. Dennoch nehmen wir die Bräuche an und gliedern uns in die Gemeinschaft ein, bis wir stark genug sind, auf die Suche nach der alles entscheidenden Antwort auf diese Frage zu gehen:

Who am I?

Wenn Jackie Chan diesen Satz mit aller Kraft in den Himmel stößt, müssen wir schmunzeln, denn wer der Mann ist, der uns im folgenden mal wieder mit feinster Martial Arts-Action und klassischen Slapstick-Verwirrspielchen erfreuen wird, wissen wir schon lange. Als “Who Am I?” den europäischen Markt erreichte, hatte Chan gerade seinen Traum verwirklicht, internationalen Erfolg zu feiern. Das gelang ihm mit “Rush Hour” unmittelbar nach dieser Regie-Koproduktion mit dem späteren “New Police Story”-Inszenator Benny Chan. Und so wurde das multikulturelle Agentenspektakel einer der ersten weiterführenden Anlaufpunkte für jene, die durch “Rush Hour” wissbegierig geworden waren nach dem Chinesen. Kein schlechter Start ins Universum des Jackie Chan: die “Cinema” urteilte wohlwollend mit dem Fazit “Spätestens nach diesem Film wird Europäern Chans Popularität kein Rätsel mehr sein” und wahrhaftig bekommt man als Westlicher eine gewisse Ahnung davon, welch ein Imperium der vermeintliche Neuling im Filmgeschäft bis 1998 schon auf die Beine gestellt hatte.

Eine klare Formel wird auch sehr schnell ersichtlich: Auf die Story kommt es nicht an. Sie dient grundsätzlich immer als Mittel zum Einbau von Stunts und Kämpfen. Akzeptiert man das, was gerade Fans puristischer Actionfilme nicht allzu schwer fallen sollte, fährt man gleich auf der richtigen Schiene und wird in Chans Filmographie streckenweise immer wieder Offenbarungen erleben.

Die gewählte Amnesie-Ausgangsidee ist eine Variation alter “unschuldig gesucht”-Filme, an denen schon Alfred Hitchcock (“Die 39 Stufen”, “Saboteure”, “Der unsichtbare Dritte”) seine helle Freude hatte. Im Gegensatz zu dessen Thrillern kommt beim Amnesie-Thriller noch die Frage nach der eigenen Identität hinzu - ein insgesamt so reizvolles Konzept, dass auch dieses mitunter nahezu ausgereizt wurde. Jackie Chan (nicht nur Regie und Darsteller, sondern auch Drehbuchautor des Films) sah darin wohl auch eine Möglichkeit, die altbewährten Kampf- und Fluchtelemente hierdurch auf kreative Weise neu zu verpacken. Es finden sich viele Vertrauensspielchen und Missverständnisse im Plot wieder und Jackie wird wieder zum (vorerst) ahnungslosen Gutmenschen auf der Suche nach einer Antwort. Mit anderen Worten, dass Konzept ist wunderbar für Jackies Zutaten geeignet. Dass es allerdings ursprünglich aus dem Thriller-Genre stammt, merkt man - für kindliche Späße, die es in seinen alten Martial Arts-Streifen bis hin zu seinen Actionvehikeln der Marke “Police Story” immer wieder zuhauf gab, ist diesmal nicht mehr ganz so viel Platz. Die weibliche Unterstützung von zweierlei Seite (Michelle Ferre und Mirai Yamamoto) tendiert zwar immer wieder dazu, in das clownhaft-hysterische Dreierschema zu verfallen, das kurz zuvor noch bei “Mr. Nice Guy” und damals auch schon bei “Mission Adler” Anwendung fand, wirklich albern wird es aber nie. Dem westlichen Publikum wird’s gefallen haben, denn wenn es mal humoristisch wird, dann auch mit Konzept. So ist Jackie in der Anfangsphase als Indianer eine Wucht. Die missverständliche Situation an dem Auto mit der Panne, als Yuki (Yamamoto) glaubt, der “Wilde” wolle ihren Kollegen essen, ist köstlich und das dauerhafte Umhertaumeln durch das Kauen einer exotischen Pflanze lädt immer wieder zum Grinsen ein.

Ansonsten hat man bis zur Hälfte leider manche Länge zu verdauen. Zwar gefällt das nicht Hongkong-untypische Prinzip, mit zunehmender Laufzeit an der Action zu drehen, doch ein wenig mehr hätte es zu Anfang gerne sein dürfen. Die Geschichte um die entführten Wissenschaftler und die Superwaffe ist einfach zu formelhaft, um für sich betrachtet Interesse zu wecken. Darüber hinaus ist die kürzere Anfangszeit bei den Indianern zu klischeehaft gezeichnet. Ursprünglich war ein Zweiteiler geplant; vielleicht ist es ganz gut, dass man sich auf einen Film einigte und einiges von dem Afrika-Material strich, um die restlichen Orte und die in ihnen ausgetragenen Kämpfe in den Mittelpunkt zu rücken.

Ist man nämlich einmal in Europa angelangt, geht es prompt gut los. Jackie, auf dessen Rolle hier jedes Ereignis zugeschnitten ist, findet sich in einem Verschwörungsnetz wieder und muss allerlei überraschende Auseinandersetzungen über sich ergehen lassen. Während er rätselt, wem er trauen kann und wem nicht, wird der Zuschauer teilweise eingeweiht (Ed Nelson), teilweise aber auch selbst noch im Unklaren gelassen über die Absichten der Beteiligten (Michelle Ferre). Das ist aber auch vollkommen unwichtig, denn es geht einzig und alleine um die möglichst abrupten Situationswechsel, bei denen Jackie quasi gezwungen wird, zu improvisieren. Und so rutscht er mal munter mit holländischen Holzschuhen über gepflasterte Straßen an fahrenden LKWs vorbei und unter hinunterfallenden Möbeln hindurch, er befreit sich aus einem Verhör per Umfunktionierung seines Drehstuhls zur Waffe, wieselt Wände hinauf und schlängelt sich durch Lüftungsröhren. Es ist das alte Programm neu choreografiert, und es begeistert immer wieder.

Als Höhepunkt präsentiert sich der Kampf Jackies gegen zwei mächtig wirkende Hünen (David Leung und Ron Smoorenburg) auf dem Dach eines gläsernen Hochhauses, inklusive anschließender imposanter Rutschpartie über die halbvertikale Außenwand des Gebäudes. Mit Ron Smoorenburg geht’s vorher aber noch in einem beinlastigen Kampf ähnlich dem aus dem Schnapsbrennerei-Finale in “Drunken Master II” ordentlich zur Sache. Der Holländer wird dabei allerdings teilweise von Jackie Chans langjährigem Stuntchoreografen Bradley James Allan gedoubelt, der kurze Zeit später in einem eigenen Auftritt gegen Chan in “Under Control” gebührend entlohnt wurde. Allans Einfluss auf die Choreografie ist dabei deutlich spürbar.

Ja, schönes Ding! Trotz des etwas langatmigen Beginns und trotz der Story nach Schema F macht die Suche des Jackie Chan nach seiner Identität unglaublich viel Spaß. “Nobody” ist durch seine wechselnden Handlungsorte auf aller Welt so etwas wie ein Vorläufer von “Spion wider Willen” und entfaltet einen Strauß von abwechslungsreicher Action, die mit zunehmender Dauer immer dichter wird. Ein paar Kulturklischees lassen sich nicht umgehen, Handlungswenden sind - teilweise ganz gewollt - jederzeit vorhersehbar und was das nun für eine Sache ist, weshalb alle hinter dem Mann mit dem Gedächtnisschwund her sind, interessiert kein Schwein. Warum auch, denn immerhin haben wir hier einen klassischen Jackie Chan in Hochform. Das genügt.
:liquid7:

Die DVD von Splendid ist wie alle deutschen Fassungen uncut, allerdings im falschen Bildformat und ohne Originalton. Bild und Ton sind eher mäßig.
Zuletzt geändert von Vince am 28.09.2011, 21:08, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von Sir Jay » 07.10.2006, 16:18

stylishes Teil, genauso wie der Chan Film, dessen showdown auf dem hochhaus wirklich 1A ist 8-)

und der vergleich zu spion wider willen ist mehr als berechtigt, hab die beiden Filme tatsächlich mal miteinander verwechselt :lol:

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Beitrag von freeman » 08.10.2006, 00:54

Jawohl, feines Review zu dem Nobody. Kann es sein, dass der Benny chan auf der deutschen DVD gar net vermerkt ist? Stand letztens vor ner 5 Euro Fassung von dem Film (hab ihn bisher nur auf VHS) und wollte mal zuschlagen, weil der ja vom Benny war und dann finde ich seinen Namen nirgends ... War echt seltsam. Jetzt weiß ich wenigstens mit Bestimmtheit, dass er vom Benny ist.

Der Showdown auf dem Glasdach ist neben den Helikopterspielereien am Anfang aber ganz ehrlich das Einzige, was ich noch vor meinem geistigen Auge abrufen kann ... muss den echt mal wieder gucken ...

In diesem Sinne:
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Beitrag von Cyborg Cop » 08.10.2006, 15:10

Klasse Film, einer meiner Lieblings-Jackies. Würde dem so 8/10 geben, ok, mit Sympathie-Punkt vielleicht 9/10. :wink:

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Beitrag von kami » 08.10.2006, 15:30

freeman hat geschrieben:Jawohl, feines Review zu dem Nobody. Kann es sein, dass der Benny chan auf der deutschen DVD gar net vermerkt ist? Stand letztens vor ner 5 Euro Fassung von dem Film (hab ihn bisher nur auf VHS) und wollte mal zuschlagen, weil der ja vom Benny war und dann finde ich seinen Namen nirgends ... War echt seltsam. Jetzt weiß ich wenigstens mit Bestimmtheit, dass er vom Benny ist.
Sowohl Jackie Chan als auch Benny Chan haben einen Regie-Credit für den Film, Jackie hat halt alle Martial Arts-Szenen inszeniert, da war der gute Benny laut Interview nicht mal am Set. Dafür, darüber freut er sich im Interview, hat er alle "Money Shots" gedreht.

Schöner Film, btw, und endlich mal wieder mit kernigem Finale.

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Beitrag von kami » 05.10.2007, 09:44

Übrigens, wer den Film mal uncut und in sehr guter Qualität erleben will, der sollte zur japanischen DVD (RC2) greifen, welche ein sehr scharfes, anamorphes Bild bietet und den Ton in sehr fettem DTS (und natürlich auch DD5.1). Die DVD kostet knappe 11,50€, was für eine japanische Veröffentlichung ja spottbillig ist.
DVD gibts hier.

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Beitrag von kami » 28.09.2011, 11:42

@Vince
Vielleicht könntest Du den Kopf nochmal korrigieren, WHO AM I? ist natürlich von 1998.

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Beitrag von Vince » 28.09.2011, 21:09

Gesagt, getan!

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Beitrag von McClane » 01.10.2011, 11:05

Ich sehe den ähnlich wie Vince. Braucht zwar etwas um Fahrt aufzunehmen, aber in Hälfte zwei lassen Chan & Co. dann so richtig die Kuh fliegen. Gerade der Kampf auf dem Hochhausdach, den ich persönlich zu den besten Chan-Fights zählen würde (angesichts größerer Lücken innerhalb meiner Jackie-Kenntnisse bin ich aber auch für Widerspruch offen). Schön, dass der Film im Gegensatz zu manchen Frühwerken Chans die Geschichte nur als Folie für Kloppe und Comedy begreift, sondern tatsächlich einen Plot erzählt, der vielleicht nicht raffiniert ist, aber den Film trägt.

:liquid7:
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Beitrag von Sir Jay » 01.10.2011, 11:43

McClane hat geschrieben:Ich sehe den ähnlich wie Vince. Braucht zwar etwas um Fahrt aufzunehmen, aber in Hälfte zwei lassen Chan & Co. dann so richtig die Kuh fliegen. Gerade der Kampf auf dem Hochhausdach, den ich persönlich zu den besten Chan-Fights zählen würde (angesichts größerer Lücken innerhalb meiner Jackie-Kenntnisse bin ich aber auch für Widerspruch offen). Schön, dass der Film im Gegensatz zu manchen Frühwerken Chans die Geschichte nur als Folie für Kloppe und Comedy begreift, sondern tatsächlich einen Plot erzählt, der vielleicht nicht raffiniert ist, aber den Film trägt.

:liquid7:
probiers mal mit Miracles aka "Canton Godfather" ;)
Storytechnisch der ausgereifteste und schönste Jackie Film...

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Beitrag von Actionfilmfan » 05.11.2012, 12:34

Ich fand den spitze und wie fast immer machte Jackie alle Stunts selbst. Toll fand ich den Kampf auf dem Hochhausdach der ist wirklich einer von Jackies besten Kämpfen oder wie er die Bösewichte mit diesen Schuhe aus Holland verprügelt. Einer von Jackies besten und einer meiner Lieblingsfilme deshalb auch :liquid8: Punkte.

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