Mulan

Filme abseits des Actiongenres aber mit Actionhelden [irgendwie so in der Art]
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Mulan

Beitrag von freeman » 21.11.2006, 00:06

Mulan

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Originaltitel: Mulan
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1998
Regie: Tony Bancroft / Barry Cook
Sprecher: Otto (Deutschland), Eddie Murphy, Pat Morita, Ming-Na (alle USA), Jackie Chan (Mandarin) u.a.

Der Zeichentrickfilm und der Computer

Um einen Zeichentrickfilm herstellen zu können, muss man theoretisch pro Sekunde Film 24 Einzelbilder anfertigen. Disney begann schon früh bei seinen Zeichentrickfilmen eine Art Arbeitsteilung einzuführen, um diesen Aufwand zu bewältigen. Dabei etablierte er die Posen-Plan-Methode. Dabei erstellten die besten Animatoren die jeweils erste und letzte Pose eines Bewegungsablaufes. Von den weiteren Bildern, die nötig waren, um einen glaubwürdigen Bewegungsablauf zu generieren, erstellten die besten Animatoren ebenfalls noch jedes fünfte Bild - diese bezeichnete man dann auch als Schlüsselbilder oder Keyframes! Das jeweils vorhergehende und folgende Bild zeichneten dann die "nur" guten Animatoren und die fehlenden Bilder erstellten neue Talente - also Animatoren, die sich erst in ihre Rolle einfinden mussten. Diese Zeichnungen wurden dann von einem anderen Departement mittels Tusche auf sogenannte Cells - also durchsichtige Zelluloidfolien auch Animationsfolien genannt - übertragen und koloriert. Die fertigen Bilder arrangierte man dann vor den Hintergründen, die von einem Backgroundteam gemalt wurden, und fotografierte die fertigen Bildkompositionen ab. Den Aufwand hinter diesem STARK vereinfacht dargestellten Fertigungsablauf, kann sich sicher jeder vorstellen. Diesen Fertigungsablauf begann man nach und nach zu perfektionieren und zu verbessern, doch vor allem Walt Disney, der immer auf der Suche nach technischen Neuerungen war, hatte für sich bemerkt, dass man zwar permanent Fortschritte machte und diverse Arbeitsabläufe vereinfachen konnte, man aber irgendwann an einen Punkt gelangen würde, wo der handgezeichnete Trickfilm schlicht und ergreifend perfektioniert war und man Risiken würde eingehen müssen, um wirkliche Neuerungen zu erreichen. Darum ging man bei Disney (dann leider ohne den bereits verstorbenen Walt) das - vor allem finanzielle - Wagnis ein und begann den Computer in den Fertigungsablauf einzubinden.

Um diese Entscheidung zu verstehen, muss man auch wissen, dass sich die Disney Company zu dieser Zeit gerade in einem absoluten Tief befand und man ganz einfach gezwungen war, neue Wege zu gehen! "Robin Hood", "Bernhard und Bianca", "Die Abenteuer von Winnie Puh" und "Cap und Capper" waren nämlich alles andere als optimal gelaufen und man hatte in Folge dessen 1983/84 nur mühsam eine feindliche Übernahme der Aktienmehrheit an dem Disney-Konzern abwenden können, indem man mit der Firma Bass Brothers of Fort Worth kollaborierte. Diese installierte dank ihrer Aktienmehrheit ein neues Management, mit großen Namen wie Michael Eisner, Frank Wells, Helene Hahn und Jeffrey Katzenberg, der dann die Animationssparte übernahm und sie - auch dank Freund Computer - zu neuen Weihen führte. Den Anfang machte man 1985 noch recht zögerlich mit "Taran und der Zauberkessel", der sich rühmen durfte, der erste Zeichentrickfilm mit computergenerierten Effekten (eine fliegende, sichtbare Lichtquelle) und Objekten (ein computeranimiertes Boot) zu sein. Intensiveren Gebrauch von der neuen Technik machte 1985 "Basil, der große Mäusedetektiv", in dessen Showdown im Uhrwerk des Londoner Big Ben sich 54 bewegliche Teile (Kurbeln, Ratschen, Balken und Flaschenzüge) gleichzeitig!!! bewegten. Derartige Szenen wären von Hand so gut wie unmöglich zu animieren gewesen. Man hatte die Bedeutung des Computers erkannt und war bereit, eine bestimmte Menge der Animationsarbeit durch Computer ausführen zu lassen. Dabei konzentrierte man sich zunächst auf computergenerierte Effekte und Hintergründe für die Animationsfilme.

"Oliver & Co" geriet 1988 zu einem ersten großen Triumph dieser Kombination. Der Film spielte die damalige Rekordsumme von 54 Millionen Dollar ein und lancierte eine Vielzahl an computergenerierten Bildern und Objekten. So stammen alle Vehikel, die in dem Film die Straßen bevölkern, aus dem Rechner. Auch für Kamerafahrten nutzte man den Rechner. So gibt es eine Szene, in der Pudeldiva Georgette singend eine Treppe herunterkommt. Diese Szene wird in einem Take abgespielt, wobei die Kamera ganz nah bei der Pudeldame bleibt und mit ihr die Treppe herunterschwebt, um am Ende unvermittelt in den Dachfirst zu fliegen und dabei weiterhin Georgette im Focus zu behalten. Diese Szene wäre mit den damalige Kameratechniken niemals realisierbar gewesen! Damit war der digitale Umsturz in den Disneyanimationsabteilungen endgültig eingeleitet und man begann sich mit der Idee zu beschäftigen, auf der Basis von handgezeichneten Animationen und Hintergründen, die weiteren Zeichentrickproduktionsschritte digital zu realisieren. Basierend auf der Arbeit von Edwin Catmull (damaliger Chef von Pixar!) entwickelte man CAPS (Computer Animation Production System), eine digitale Arbeitsumgebung für klassisch geschulte Animatoren. CAPS wurde in der Folgezeit von Pixar immer weiter entwickelt und erforderte nur noch die bereinigten Animationszeichnungen, die man einfach einscannte und weiter bearbeitete. Verschiedene Kopierverfahren und das Kolorieren von Animationsfolien wurde so überflüssig! CAPS ist auch das System, in dem am Ende des Produktionsprozesses alle Fäden zusammenlaufen und somit die einzelnen Bilder zusammengestellt werden. Der letzte Disney Film, der weitgehend ohne CAPS bearbeitet wurde, war "Arielle, die Meerjungfrau" im Jahre 1989, den man für die Umsetzung einer Massenszene als Testfeld für das CAPS System nutzte. Diesen ersten Praxistest bestand das System ohne große Schwierigkeiten und besiegelte damit das Ende der Animationsfolien bei Disney.

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"Bernard und Bianca im Känguruhland" (1990) wurde vollständig in der CAPS Arbeitsumgebung erstellt und dank CAPS schien in diesem Film nicht mehr die klassische Figuren-Animation zu dominieren, sondern die computergestützte Effekt-Animation. Auch wenn dies zu Lasten der Hauptfiguren ging, wurden die Vorteile von CAPS offensichtlich: Computeranimierte Fahrzeuge und Effekte konnten direkt im Rechner mit den handgezeichneten Elementen verbunden werden. Auch die Actionszenen wurden dank CAPS einfallsreicher, temporeicher und innovativer. Somit war das Ergebnis eher zwiespältiger Natur, weil hier die Tendenz offenbar wurde, die Technik über die Geschichte zu stellen. Dennoch wurden nach "Bernard und Bianca im Känguruhland" alle weiteren Film mit CAPS realisiert. Der Höhepunkt der neueren Disney Animation war 1991 "Die Schöne und das Biest", der aus Animationssicht offenbar nur um eine grandiose Sequenz herumgebaut wurde: In dieser tanzen Belle und das Biest in einem Ballsaal. Die Kamera fährt bei dieser Sequenz von der Decke des Ballsaales - an einem Kronleuchter vorbei - hinunter zu dem tanzenden Paar. Diese Kamerafahrt stellte alles in den Schatten, was man bisher hergestellt hatte, und sie war ein einziger Triumph der Computertechnik im Dienste des Zeichentricks. Der Ballsaal war in dieser Szene komplett mit 3D Werkzeugen erstellt wurden. In CAPS wurde dieser Hintergrund mit Effekten, wie den Schattenwurf der 2D-Charaktere oder flackernde Kerzen, ergänzt und mit Dimensionen versehen. Auch sonst ist die Kamera in dem Film permanent in Bewegung, fährt durch die Kulissen, dreht sich im Kreis, wirkt wie entfesselt und liefert perspektivisch korrekte Bilder. Dies war nur mittels des Computers möglich, genau wie die Schaffung perfekterer visueller Spezialeffekte, realistischer Schatten und Lichtreflexe oder die bisher nie gekannte räumliche Tiefe des verwunschenen Schlosses. Auch die Szene, in der Gegenstände ein Mahl für Belle zubereiten, wäre vom zeichnerischen Aufwand ohne Computer nicht realisierbar gewesen, wirbeln hier doch Hunderte Teller, Messer und Tassen durch das Bild. Die Erfolgsgeschichte wurde 1992 mit "Aladdin" weitergeführt. Die Animation des Filmes beeindruckt besonders in den "computerrealistischen" Hintergründen und den im Rechner geschaffenen "Ritten" auf dem fliegenden Teppich, der selber auch komplett aus dem Rechner stammte. Weitere Highlights aus dem Rechner sind der Eingang zu der Höhle der Wunder, die einem riesigen Löwenkopf entspricht, und die Flugszene über einen computeranimierten Lavasee, der mittels eines Partikelsystems erschaffen wurde. Der 1994 folgende "König der Löwen" geriet mit rund 800 Millionen Dollar Einspiel zum damals weltweit erfolgreichsten Trickfilm aller Zeiten. Auch hier wurde der Computer intensiv genutzt, um noch flüssigere Animationen zu schaffen, detailliertere Hintergründe zu kreieren und diverse Spezialeffekte zu verbessern. Visueller Höhepunkt ist eine Stampede einer Herde Gnus, die so viele "gezeichnete" Figuren enthielt wie kein Film vorher.

Mit dem riesigen Erfolg "des Königs der Löwen" wurde der Anfang vom Ende des gezeichneten Animationsfilmes eingeleitet. Kein Zeichentrickfilm konnte jemals den Erfolg von "Der König der Löwen" wiederholen. Disney versuchte in der Folgezeit verstärkt eine erwachsenere Klientel zu erreichen, was zu einem ziemlichen Schlingerkurs führte, da das Finden eines erfolgreichen Rezeptes ausblieb. In der Zeit in der "Der König der Löwen" seinen Siegeszug um die Welt antrat, arbeitete eine bei Disney unter Vertrag stehende Firma namens Pixar bereits an dem ersten, komplett computeranimierten Trickfilm, der in der Folgezeit seinen Siegeszug antreten sollte. Darüber hinaus geriet die Disney Company wieder in massive Probleme: Frank Wells starb 1994 bei einem Helikopterunfall und Michael Eisner musste eine Herzoperation über sich ergehen lassen. Das Ende von Disney schien eingeläutet. Zwar mutierte man dank der Übernahme des Fernsehsenders Capital Cities/ABC zur weltgrößten Mediencompany, zerstritt sich aber im Zuge der Nachfolgeregelungen bezüglich der freien Stelle von Frank Wells mit Katzenberg, der daraufhin kündigte. Davon sollte sich die Animationsabteilung Disneys nicht wirklich erholen. "Der Goofy Film" lief unter Ausschluss der Öffentlichkeit und "Pocahontas" wurde von den Kritikern wegen seiner SEHR freien Interpretation der zugrundeliegenden Geschichte gnadenlos verrissen. "Der Glöckner von Notre Dame" aus dem Jahre 1996 beeindruckte dann mit den furiosen "Surfaktionen" des Glöckners über die Zinnen von Notre Dame - freilich allesamt am Rechner kreiert. Außerdem kamen erstmalig bei einem Disney Zeichentrickfilm computergenerierte Bewegungsunschärfen (motion blur) und Distanzeinflüsse (=depth of field und bezeichnet den Umstand, dass wenn das menschliche Auge einen nahen Gegenstand fokussiert, weiter entfernte Gegenstände unscharf erscheinen. Fokussieren wir Gegenstände in der Entfernung, erscheinen nahe Gegenstände unscharf.) als Effekte zum Einsatz. Auch für Massenszenen findet man in diesem Film einige beeindruckende Beispiele. Einzig der große finanzielle Erfolg blieb aus, was 1997 auch für "Hercules" gelten sollte. Spätestens bei diesem Film begann sich das Konzept der Trickfilmmusicals abzunutzen und die Handlung von "Hercules" hinkte dem Feuerwerk an zeichnerischen Einfällen und dem Können der Animatoren meilenweit hinterher. So präsentierte man zwar erstmals die Interaktion einer handgezeichneten Figur mit einer Computergenerierten (Hercules vs. Hydra) doch es war offensichtlich, dass die Disney Company einfach einen falschen Weg wählte, indem sie sich von Walt Disneys Kunst, richtige Geschichten ergreifend zu erzählen, abwandten und der technischen Seite ihrer Filme den Vorzug gaben.

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1998 versuchte man nun in "Mulan" ein Stück chinesischer Folklore aufzuarbeiten und auf diesem Wege den asiatischen Markt zu erschließen, der große Gewinnmargen versprach. Dabei muss man freilich meinen etwas arg langen Einstieg nicht kennen, um den Film genießen zu können. Ich habe den Einstieg aber bewusst so gewählt, um zu verdeutlichen, wie faszinierend ich den Einfluss des Computers auf den Trickfilm finde, der zum einen die von mir hoch geschätzten CGI Trickfilme als neues Genre begründete und zudem den klassisch von Hand gezeichneten Trickfilm gänzlich revolutionierte. So stellt "Mulan" eben auch mitnichten einen klassischen Zeichentrickfilm dar. Denn wie aus obiger Einleitung hervorgegangen sein dürfte, spielt der Rechner im Spätwerk Disneys (also ab den 80er Jahren) eine viel zu große Rolle, als das man hier noch vom reinen Zeichentrickfilm sprechen könnte.

Was bedeutet das nun für "Mulan"? Nun, "Mulan" entstand wie viele seiner Vorgänger aus dem Spätwerk Disneys auf folgendem Wege: Die Animatoren entwickelten die Animationsphasen der Figuren. Diese Animationszeichnungen wurden bereinigt und in den Rechner eingescannt. In der Arbeitsumgebung CAPS wurden dann alle folgenden Schritte durchgeführt, die beim klassischen Trickfilm allesamt noch von Hand gemacht werden mussten und enorm viel Zeit und Material kosteten! So das Kolorieren der Animationsphasen, die Erstellung der Hintergründe oder virtuellen Sets, das Arrangieren der einzelnen Figuren und Ebenen vor den Hintergründen (oder virtuellen Sets), die Erstellung von Kamerafahrten sowie der Schnitt des Filmes. All das war früher klassische Handarbeit und konnte freilich in den seltensten Fällen in kleineren Details wie der Farbpalette usw. verbessert werden! Der Computer erlaubt den Animatoren von heute sogar derartiges Feintuning. Kurzum, ALLE Produktionsschritte nach der Reinzeichnung der Animationsphasen wurden am Rechner vollführt und machen "Mulan" wie seine Vorgänger "Pocahontas", "Hercules" und Co zu einem Zwitterwesen aus Computeranimation und klassischer, handgezeichneter Animation. Darum werde ich im Bezug auf "Mulan" auch von einem Trickfilm sprechen und weniger von einem Zeichentrickfilm. Den technischen Part betrachte ich hiermit als abgeschlossen, werde allerdings auf meiner Einleitung aufbauend, später noch etwas spezieller auf die technischen Feinheiten "Mulans" eingehen und komme nun ENDLICH zu dem Film ;-).

Mulan

China vor Hunderten von Jahren. Eine riesige Streitmacht gefährlicher Hunnen fällt in das Land ein. Dem Kaiser bleibt nichts anderes übrig, als alle kampfesfähigen Männer einberufen zu lassen. So soll auch Mulans Vater eingezogen werden, doch dieser ist gesundheitlich gar nicht mehr in der Lage zu kämpfen. Da aber jede Familie zumindest einen Kämpfer stellen muss, greift Mulan zu einer List. Die asiatische Schönheit tut sich nämlich schwer damit, der ihr zugeordneten Rolle als Heimchen am Herd zu entsprechen und so will sie, anstelle ihres Vaters, in die chinesische Armee eintreten. Sie schneidet sich ihre Haare ab (Frauen dürfen nicht in die Armee), stiehlt Rüstung und Schwert des Vaters und bricht gen kaiserliche Armeetruppen auf. Ihre Ahnen schicken ihr eher unfreiwillig den chaotisch überdrehten Schutzdrachen Mushu hinterher, der ihr helfen soll, sich in der männlich geprägten Welt des Soldatentums zurecht zu finden. Und trotz seiner Hilfe ;-) gelingt dies Mulan hervorragend ...

Actionreich und mit teils brachialem Slapstickhumor erzählt Disney seine Interpretation der Geschichte von Mulan. Das geht mit hohem Tempo vonstatten, macht Spaß und hat ein ordentliches Gespür für Atmosphäre. Leider funktionieren die Musikeinlagen wie schon bei "Hercules", "Pocahontas" oder dem "Glöckner von Notre Dame" als Showstopper, die die Handlung eher aufhalten, als sie voran zu bringen. Dieses Problem trat vor allem mit dem Konzept auf, dass man mit "Aladdin" und "König der Löwen" perfektioniert hatte: Trickfilme als eine Art Musicals. Nur dienten in den ersten Beispielen die Songs der Handlung, trieben sie an oder vertieften die Charaktere. In "Mulan" wirken sie größtenteils leider beliebig und austauschbar, was dem Film ein paar Pacingprobleme vom Feinsten beschert.

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Ein Punkt, der bei der Betrachtung von Disney-Stories immer eine bedeutende Rolle spielt, ist ein häufig genannter Kritikpunkt in Bezug auf Disneys Herangehensweise an fremde Vorlagen wie Märchen, Sagen oder Fabeln. Seine Kritiker bezeichneten dies immer als Verdisneyfizierung des Ursprungsstoffes, denn seltsamerweise schienen Disney die eigentlichen Originalstoffe nie auszureichen, weshalb er immer Veränderungen an ihnen vornahm. Nehmen wir zur Verdeutlichung nur einmal "Schneewittchen und die sieben Zwerge":

Schneewittchen im Märchen:
-Mutter stirbt, Vater lebt
-Schneewittchen ist Hartz 4'ler :lol:
-Prinz spielt unbedeutende Rolle
-keine Tiere
-Zwerge sind anonym und spielen geringe Rolle
-Schneewittchen wird wiedererweckt, weil ein Sarg tragender Zwerg stolpert

Schneewittchen bei Disney:
-es existieren keine Eltern (ein weiblicher Jesus? ;-) )
-Schneewittchen arbeitet als Dienstmädchen und säubert das Schloss
-Prinz von Beginn an dabei
-Tiere sind Schneewittchens Freunde/Beschützer
-Zwerge haben Namen, Persönlichkeiten, sind eigentliche Stars
-Prinzenkuss erweckt totes Schneewittchen wieder ...

Diese Verfälschungen nahmen mit jedem Film mehr und mehr zu und erreichten mit dem Vorläuferfilm von "Mulan" - "Pocahontas" - ihren traurigen Höhepunkt, blieb hier doch von der Ursprungsgeschichte und damit einer WAHREN GESCHICHTE nichts mehr übrig!
Nach der Theorie der Verdisneyfizierung ist ein klassischer Disneyfilm gekennzeichnet durch die Übernahme von Folklore oder Märchen, die teils stark überarbeitet werden und im klassischen Hollywoodkinostil inszeniert werden. Sie bieten leichte Unterhaltung mit viel Musik und Humor, der zumeist slapstickhaft bzw. sehr körperlich angelegt ist. Probleme bei der Darstellung realistisch anmutender Menschen ließen Disney auf die Darstellung von Fantasiefiguren und cartoonfigurähnlichen Charakteren umschwenken. Die Helden/Heldinnen sind immer sehr formelhaft gestaltet und gekennzeichnet durch extreme Vorhersagbarkeit, was aus der klischeehaften Darstellung von Geschlechtern bzw. Geschlechterrollen und Volkszugehörigkeiten resultiert. So sind die Helden/Heldinnen auffallend schön und haben einen Oberklasse oder aristokratischen Hintergrund. Auf einem Abenteuer trifft er/sie meist auf den Love Interest, der zudem häufig die Begierden des Bösewichtes auf sich vereint und zunächst oft als Feind des Helden wahrgenommen wird. Der Böse ist immer das genaue Gegenteil des Helden. Bei tierischen Figuren neigt Disney zu einer starken Vermenschlichung und setzt sie vornehmlich als Sidekick des Helden ein, der für den Humor zuständig ist. Mit seinen Filmen transportiert Disney vor allem Mainstreamthemen, die in der amerikanischen Gesellschaft verankert sind. Wichtig sind dabei vor allem Werte wie Individualismus, Optimismus, Unschuld, Romantik, Fröhlichkeit und Arbeitsmoral. Häufig geht es auch um Themen, die sich um die Flucht aus dem Alltag drehen, wenn nicht aus eigener Kraft, dann zumindest per Fantasie, Magie und Vorstellungskraft. Der wichtigste Punkt ist der Sieg des Guten über das Böse und damit ein Happy End.

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Und wendet man nun dieses Schema auf "Mulan" an, muss man überrascht feststellen, dass man sich diesmal doch deutlich von diesem Schema entfernte! Zum Glück. Das beginnt schon bei der stark gezeichneten Frauenfigur. Zum dritten Mal (nach "Die Schöne und das Biest" und "Pocahontas") steht eine Frau im Mittelpunkt, deren höchstes Ziel es NICHT ist, nur die Liebe ihres Lebens zu finden und dann zur guten Ehefrau zu werden. Mulan möchte in erster Linie ihrem Vater helfen, aus vorgezeichneten Rollenklischees ausbrechen und ihr Land retten. Der Mann an ihrer Seite ist im Grunde nicht mehr als eine Randerscheinung. So bleibt zum Beispiel auch eine dieser formelhaften Liebesgeschichten aus! Da man sich den asiatischen Kulturraum als Publikum erschließen wollte, wählte man die Heldin eines alten chinesischen Volksgedichtes aus. Der Name der Figur ist Hua Mulan, was soviel wie Magnolie heißt. Sie lebte wohl in dem Dorf Wanhua und war als selbstbewusstes Mädchen verschrien. Sie meldete sich freiwillig zum Armeedienst, um für ihren alten Vater den im Kaiserreich vorgeschriebenen Militärdienst zu verrichten. 12 Jahre musste sie sich im Zuge dessen als Mann verkleiden, da Frauen der Militärdienst verboten war. In dieser Zeit machte sich Mulan im Kampf gegen diverse Gegner des chinesischen Kaiserreiches, die ins Land einfallen wollten, einen Namen und ist noch heute dank verschiedenster Überlieferungen vielen Chinesen ein Begriff. Dieser Figur näherte man sich bei Disney mit allem nötigen Respekt und versuchte die Geschichte Hua Mulans grundlegend beizubehalten und nicht zu verfälschen. Des weiteren beließ man die Tiere im Film eben auch als Tiere. Etwas menschlicher agieren nur Mulans Pferd, die Grille und der Drache Mushu, wobei dieser ja eher ein Fabelwesen denn ein Tier darstellt. Auch spielen - wie schon in einigen Vorgängerfilmen - nicht die Tiere die Hauptrolle sondern eben Menschen. Dennoch ist "Mulan" keine vollkommene Abkehr von den wichtigsten Ingredienzien der Disneyfilme, denn immerhin will "Mulan" ja vor allem eines: Unterhalten. So ist beispielsweise ein Happy End nach wie vor Pflicht, es setzt diverse Klischees über den asiatischen Kulturkreis und alle Helden abseits der Hauptfigur sind sehr eindimensional gehalten, was zum Beispiel die wohl düstersten Bösewichter der Disneygeschichte in Form der Hunnen zur Folge hat. Und freilich setzt es trotz der eher rauen Vorlage viele Witze, gute Laune, Musik, Action und und und.

Technisch präsentiert sich "Mulan" absolut perfekt als - in der Einleitung bereits angedeutete - perfekte Melange aus Computeranimation und handgezeichneten Figuren. Dabei wählte man einen deutlich reduzierten Zeichenstil, sowohl in den teils fast schon spartanischen Hintergründen als auch in der Charakteranimation, die beide nur die allernötigsten Details spendiert bekamen. Dennoch versprühen die pastellfarbenen Zeichnungen viel Flair, da sie sich sichtlich an einem asiatischen Zeichenstil orientieren. Abgesehen von den bereits erwähnten Einsatzgebieten des Computers nutzte man die Rechenpower aus Silikon Valley auch für die eindruckvollste Sequenz des Streifens: den Angriff der Hunnen in den schneebedeckten Bergen. Dieser ist zwar konzeptionell nur ein "Abklatsch" der Gnu Stampede in "König der Löwen", übertrifft deren Qualität in ihrer optischen Brillanz und hinsichtlich ihrer Laufzeit allerdings bei Weitem und mündet in einem actionreichen, vom Tempo her genialen Lawinenabgang! Um die riesige Menge an Hunnen auf ihren Pferden darstellen zu können, setzte man ein sogenanntes Crowd Simulation System ein, das wie folgt funktioniert: Man erschuf ein 3D Modell eines einzelnen Reiters. Diesem wies man ein ganz bestimmtes Verhalten zu. Zum Beispiel: Laufe nur geradeaus. Ein weiteres 3D Modell wies man an, einmal auszuscheren usw.. So schuf man einen Fundus an Reitern mit unterschiedlichen Verhaltensweisen, die man im Computer beliebig oft reproduzieren konnte. Am Computer wurden, zur Vervollkommnung der Szene, aufgewirbelter Schnee und diverse Schatten eingefügt. Neben diesen Massenanimationen perfektionierte man die im "Glöckner von Notre Dame" angetesteten Bewegungsunschärfen als auch die Tiefenunschärfeeffekte. Effekte wie Schnee, Regen, Rauch und Feuer stammen bei "Mulan" komplett aus dem Rechner, viele hochkomplexe Kamerafahrten auch. Sämtliche Pfeile entstammen ebenfalls der digitalen Retorte. Musikalisch haut Jerry Goldsmith so richtig auf die Pauke. Seine Themen in den actionreichen Abschnitten sind purer musikalischer Bombast mit brachialem Tiefbass und wirklich treibenden Themen. Hier und da darf in den ruhigeren Momenten auch einmal ein asiatisches Thema durchklingen, insgesamt hält sich Goldsmith dahingehend aber überraschend bedeckt. Die Songs des Filmes aus der Feder von Matthew Wilder und David Zippel sind der übliche Disney Schmuh, dabei musikalisch wahrlich perfekt und auch toll eingespielt, aber eben imo wirklich unnötiger Ballast.

Synchrontechnisch hat man in den jeweiligen Aufführungsländern versucht, jeweils eine recht prominente Besetzung zusammenzucasten. So wurde der Drache Mushu im Original von Eddie Murphy mit unglaublich viel Verve vertont, während in unseren Breiten Otto dem kleinen Drachen seinen überlebensgroßen Stempel aufdrückte, der mit der Performance von Eddie Murphy so gar nichts gemein hat. In Amerika waren des weiteren zum Beispiel Miguel Ferrer, Pat Morita (Karate Kid), George Takei (Star Trek) und Ming-Na Wen (ER) am Werk. Für den asiatischen Bereich gelang dann Disney ein ganz besonderer Coup: Man konnte Jackie Chan als Sprecher des chinesischen Hauptmanns Shang gewinnen. Jackie hat in dieser Rolle auch einen Gesangspart zu bestreiten und ließ es sich nicht nehmen, auch diese Aufgabe selbst zu erfüllen. Das Ergebnis koppelte man für den asiatischen Bereich auch noch als Single aus und erstellte ein Video mit good ol' Jackie, das man auf der deutschen DVD bestaunen kann.

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So präsentiert Mulan eine wirklich nette Geschichte um eine starke Frau in optisch perfekter Verpackung. Einzig das sich totlaufende Konzept der Trickfilmmusicals verhindert eine höhere Wertung. Die deutliche Abkehr von der üblichen Disneyformel in dem Figureninterieur und der damit verbundene offensichtliche Respekt vor der Vorlage machen Mulan dennoch nach "König der Löwen", "Aladdin", "Der Schatzplanet" und "Lilo und Stitch" zum besten Disneytrickfilm im Spätwerk der Disneycompany ... Die Jahre später entstandene DTV Fortsetzung konnte dann leider nicht einmal ansatzweise an das Original anknüpfen.
:liquid8:

Die DVD von Walt Disney Home Entertainment kommt in Deutschland ohne Altersbeschränkung uncut und mit wirklich tollen Extras daher.

In diesem Sinne:
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Beitrag von freeman » 21.11.2006, 00:08

Teil II ... einmal gesehen, nie wieder ... Also, wer immer Bock hat :-)

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Beitrag von Vince » 21.11.2006, 13:14

:shock:
Was ein megaflinkes Monsterteil! Wie kann man so schnell so ein Überding schreiben? Jesus Maria und der andere Typ! :shock:

Ich habs noch net gelesen, dafür nehm ich mir mal nen Tag frei, aber vorab schon mal

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Phatter Rehspeckt!

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Beitrag von freeman » 21.11.2006, 13:34

Vince hat geschrieben:Wie kann man so schnell so ein Überding schreiben?
Ich bin halt Gott ... :lol:

Danke für den Rehspeckt ... :00000694 :00000694 mal sehen, obs das Review nachm Lesen auchnoch verdient ...

In diesem Sinne:
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Beitrag von Sir Jay » 21.11.2006, 17:24

und das nur, weil ich ja unbedingt den Film erwähnen musste xD

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Beitrag von Vince » 21.11.2006, 23:01

freeman hat geschrieben: mal sehen, obs das Review nachm Lesen auchnoch verdient ...
Und ob! Hab's grad gelesen. Deine Exkurse zum Animationsfilm sind echt lexikonreif, die könnte ich stundenlang lesen. Unheimlich informativ (sofern das alles stimmt :wink: ) und sehr verständlich erklärt - klasse. Und gleiches gilt auch für das eigentliche Review. Wie du die Geschichte Disneys analysierst und anhand dieser die Frauenfigur in "Mulan" auseinandernimmst... Ich sach ja, Rehspeckt! :wink:

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Beitrag von John Woo » 21.11.2006, 23:08

He freeman, schläfst du auch mal? :lol:

Und wie lange hattest du an dem Mörderteil?

EDIT: Mulan hab'sch schon lange net mehr gesehen, aber ich glaub der gefiel mir. :wink:

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Beitrag von Sir Jay » 22.11.2006, 00:06

habn noch gar nich gesehen, hab mir nur das JC video auf der DVD angeguckt :lol:

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Beitrag von freeman » 22.11.2006, 01:32

John Woo hat geschrieben:He freeman, schläfst du auch mal? :lol:

Und wie lange hattest du an dem Mörderteil?
Ich schlafe viel und lang ... meine Schönheit kommt net von ungefähr :lol:

Ich habe ca 4 Stunden an dem Review gesessen ... Film gucken und Korrekturlesen net eingerechnet ... so werden es bestimmt 6 ...

@ Vince: Ich hoffe, dass das alles stimmt ... is mir zumindest so aufgefallen *lach* (durfte mich ja "etwas" ausführlicher mit dem Thema beschäftigen, da bleibt manches hängen ;-) )

@ Jay: Da is das Video von Coco Lee aber schöner ;-). Dass man den Jackie sogar in seinem Video auf den Kämpfer reduziert, is schon derbe ... hätte dich gereicht, wenn er da gestanden und gesungen hätte und man Bilder aus dem Film zeigt ... aber nein, Jackie hatte wieder Hummeln im Arsch ;-)

In diesem Sinne:
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Beitrag von wolfman » 22.11.2006, 05:41

freeman hat geschrieben:@ Jay: Da is das Video von Coco Lee aber schöner ;-).
Was auch für CoCo Lee an sich gelten dürfte! 8-) Chic-Bereich?

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Beitrag von freeman » 22.11.2006, 13:32

Zu der finden meine Quellen genauso viel wie zu den Twins ... NIX ... Dammit ... musst du, lieber Wolfman, mal die Archive öffnen oder mit geilen Links um dich schmeißen ;-)

In diesem Sinne:
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