New Big Boss, The

Der Action Film der 80er, der 90er und heute.
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New Big Boss, The

Beitrag von freeman » 13.08.2007, 18:34

The New Big Boss

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Originaltitel: Chin Long Chuen Suet
Herstellungsland: Hongkong
Erscheinungsjahr: 1997
Regie: Donnie Yen
Darsteller: Donnie Yen, Carman Lee, Edmond Leung, Dayo Wong, Ben Lam, Lai Suk Yin, Mak Wai Cheung, Tam Jan Dung u.a.

Ein namenloser Outlaw zieht durch die Lande, beständig auf der Flucht vor einer Schar Bad Asses, die ihm um jeden Preis an den Kragen wollen. Warum, dass weiß er selber nicht so genau, hat er doch vor einiger Zeit bei einem traumatischen Erlebnis nicht nur seine Geliebte, sondern auch sein Gedächtnis verloren. Untergeschlüpft in einem Dorf mit vielen sonderlichen aber freundlichen Einwohnern trifft er eine Frau, die seiner Geliebten zum Verwechseln ähnlich sieht und die obendrein behauptet, ebenjene zu sein! Doch der Outlaw hat nicht viel Zeit über diese Geschehnisse zu sinnieren, denn seine Verfolger gefährden bereits das Leben der Dorfbewohner, seiner Geliebten und freilich auch das Seine ...

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Donnie Yen überrascht in seinem Regiedebüt mit einem unheimlich ausgeprägten Stilwillen. Das Ergebnis ist eine Optik, die mit extravagant nur schwerlich umschrieben werden kann. Knallige Farben, Farbfilter aller Couleur, megaschräge Perspektiven, mehr als ungewöhnliche Einstellungen und eine fast schon expressionistische Schattensetzung erschaffen ein optisches Gesamtkunstwerk, dass man dem Mann fürs Grobe so niemals zugetraut hätte. Leider gelingt es Yen nicht, diesen Verve auf seine Geschichte zu übertragen. Diese ist nämlich genauso reduziert und quasi nicht vorhanden wie es sich in der Inhaltsangabe andeutet. Man versucht zwar die Handlung durch eine Rahmenhandlung - in deren Verlauf man die Geschichte des Outlaws als große Rückblende erzählt - komplexer erscheinen zu lassen, wirklich verkompliziert wird die Geschichte dadurch allerdings um keinen Deut. Nun ist eine reduzierte Story nicht immer von Nachteil und kann durch andere Elemente wie Daueraction wieder aufgewogen werden, doch Yen findet kein echtes Gegengewicht für die schwache Geschichte. Action gibt es zwar, allerdings zunächst in viel zu geringem Umfang. Und auch die Verblüffung über das optische Konzept legt sich recht schnell. Die Folge sind einige Längen im Mittelteil und ein seltsam kalt lassendes Figureninterieur. Leider hätte Yen für seinen - auf dem Papier - hoch emotionalen Showdown ein echtes Pfund an Sympathie für seine Figuren benötigt. So lässt der Showdown den Zuschauer letztendlich emotional seltsam kalt, während er in Actionhinsicht zu wahren Begeisterungsstürmen hinzureißen vermag. Denn Yen, der in den ersten 60 Minuten immer mal ein paar kleinere Duftmarken hinsichtlich der zu erwartenden Action setzte, kennt ab Minute 60 kein Halten mehr und knüppelt nun bis zum Abspann alles nieder, was ihm vor die Fäuste läuft. Dabei gibt es alle Yen typischen Moves wie den eingesprungenen, fliegenden Spagat, den Dropkick und seinen eingedrehten Doublekick zu sehen und alle machen den gewohnt spektakulären Eindruck. Neben diesen Highflyaktionen fürs Poesiealbum ist Feingliedrigkeit für The New Big Boss eher Nebensache. Hier wird mit Schmackes auf die Omme gehauen. Straight, brutal, blutspritzend und mit teils extrem fatalen Folgen wie Durchbohrungen, Enthauptungen und brechenden Genicken. Wichtig schien Yen dabei vor allem die Abwechslung gewesen zu sein. Spielen in einem Fight vor allem die Hände eine gewichtige Rolle, kracht's im nächsten Fight nur per pedes. Wird gerade ein Gegner niedergeknüppelt, sind es in der nächsten Szene sicher 10 und kam gerade nur der Körper zum Einsatz , klirren in der folgenden Einlage die Schwerter. Ein kleines Highlight stellt eine interessant inszenierte Verfolgung zu Fuße dar, die in der Bebilderung der Ereignisse geradezu innovative Wege zu gehen weiß! Top! In der Action schraubt Yen seinen optisch beeindruckenden Stil ein wenig zurück. Es gibt keine Farbspielereien mehr und auch die Einstellungen sind nun eher praktischer Natur denn verspielt und dennoch gibt es eine Menge fürs Auge. Seien es der ständige Wechsel zwischen offensichtlich beschleunigten Kampfeinlagen oder megaedle Zeitlupenstudien, krasse Perspektiven, die überdurchschnittliche, bodenständige, weitgehend wireworkfreie, Choreographie und fast schon anmutig herumspritzende Blutfontänen, Yen setzt voll und ganz auf sein offensichtlich vorhandenes Talent für die Inszenierung von Actionszenen. Nicht umsonst wurde und wird er für die Realisierung von Actioneinlagen in fremdinszenierten Filmen zu Rate gezogen.

Was bleibt ist ein brettharter, stark choreographierter HK-Klopper mit beeindruckendem optischen Konzept, der unter einer gewissen Art emotionaler Unterkühlung leidet, die es schwer macht, mit den Figuren und der sattsam bekannten Geschichte warm zu werden. Schade ... hier wäre mehr drin gewesen. Zumindest als Actionfan wird man allerdings in dem lang ausgespielten Finale Furioso erstklassig bedient.
:liquid6:

Die deutsche uncut DVD (FSK 18) von MIG kann dem optischen Anspruch des Filmes leider nicht genügen. Die Bildqualität schwankt zwischem soliden S-VHS und grottigem VHS Niveau hin und her und ist für einen alles andere als alten Film schlicht eine Katastrophe. Zumindest funktioniert diesmal einer der größten MIG Pferdefüße - die Synchronisation - einigermaßen. Da gibt es weitaus schlimmere Varianten ...

In diesem Sinne:
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Re: New Big Boss, The

Beitrag von kami » 14.08.2007, 10:27

The New Big Boss

Um dem Film gerecht werden zu können, muss man wirklich bedenken, dass man hier einen richtigen Cheapo vor sich hat, produziert von MY WAY FILMS, die damals mit räudigen Gurken wie dem Cynthia Khan-Heuler YES MADAM 5 die Leinwände (oder eher die Bildschirme) unsicher machten, und es allein Donnie Yens Enthusiasmus zu verdanken ist, dass der Film überhaupt ernstgenommen werden kann.
Visuell ist LEGEND OF THE WOLF stark von Daniel Lees WHAT PRICE SURVIVAL und Tsui Harks THE BLADE beeinflusst, vor allem die Actionszenen erinnern in ihrer Fokussierung auf Dynamik und Kinetik, häufig durchaus zu Lasten der Übersichtlichkeit, an den Harkschen Wuxia-Klassiker, die surreale Verfremdung der eher preiswerten Sets scheint dagegen vom Daniel Lee-Werk inspririert zu sein. Zusammen mit Kamerafrau Wong Ka Fei kreierte Donnie Yen einen nicht nur für Low-Budget-Verhältnisse fantastischen Look, der sich vor den prominenteren und teureren Vorbildern keineswegs verstecken muss.
Die Story bietet mehr oder weniger klassische Kost, der von seiner Vergangenheit eingeholte Ex-Gangster ist ja nun gerade im HK-Kino keine Seltenheit. Immerhin bemüht sich Yen, mit einer Rahmenhandlung noch etwas originellere Akzente zu setzen und gleichzeitig ein wenig eigene philosophische Ansichten unterzubringen, letztendlich vergeblich, denn diese Szenen sind eher ein Störfaktor in einem ansonsten recht ordentlich und zügig erzählten Film.

Die Actionszenen sind natürlich die Hauptattraktion von Donnie Yens Regiedebüt, und glücklicherweise sind ihrer viele, der Film beginnt mit einer Actionszene, braucht dann zwar vielleicht gute 20 Minuten bis zum nächsten, ziemlich spektakulären Fight, ab diesem Zeitpunkt gibt´s dann aber aller paar Minuten was auf die Nase, bis im über zwanzigminütigen Showdown die Action förmlich explodiert.
Wie schon angesprochen dominieren Close-Ups, schnelle Schnitte und Spielereien mit der Geschwindigkeit die formale Inszenierung der Action, geradezu berüchtigt bei den Fans ist das sogenannte "Undercranking", durch das Donnie Yen mal eben fünf Highkicks in zwei Sekunden auszuteilen vermag. Trotzdem sieht man deutlich, dass die Kämpfer ihr Handwerk beherrschen, besonders deutlich wird das bei den Fights gegen den kettenbewehrten Mandy Chan, den äffischen Tony Mak und natürlich im Finale gegen Ben Lam (HIGH RISK, SO CLOSE).
An der Handlungsfront dienen auch einige vergleichsweise prominente Akteure, der eher als Comedian bekannte Dayo Wong (der im gleichen Jahr in DEVIL 666 nochmal an Donnies Seite agierte) gibt einen soliden Sidekick ab, die niedliche Carman Lee (OPTION ZERO, SOMEBODY UP THERE LIKES ME) sorgt gar für einen Hauch von Glamour.
Auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird man dann allerdings wieder durch Tommy Wais (HEROIC DUO, NEW POLICE STORY) omnipräsenten und ziemlich trötigen Score, der einige schöne Momente aufweist, aber durchaus auch Nervpotential hat und hörbar preiswert ist.
Man hat aber auch in höher budgetierten HK-Produktionen schon Übleres gehört.

Ein Meilenstein HKer Filmschaffens ist LEGEND OF THE WOLF natürlich nicht geworden, ein funkelnder Halbedelstein im B- bis C-Sumpf aber schon, den zumindest Genrefans auf alle Fälle gesehen haben sollten.

Knappe :liquid7:

BTW, mit Bruce Lees THE BIG BOSS hat die Handlung selbstverständlich nichts zu tun.
Zuletzt geändert von kami am 15.08.2007, 15:53, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von freeman » 14.08.2007, 18:34

Kami, ich hoffe, du bist net sauer, aber ich hab mal deinen Kommentar etwas editiert. Jetzt isser ein ein zweites Review und nen ziemlich cooles obendrein ;-). Dem kann ich eigentlich nur hinzufügen, dass die Tatsache mit dem Billigfilm mir so gar nicht aufgefallen ist, was ja absolut für Yens Können spricht. Inspiration hin oder her. Denn lieber Inspiriert als Fließbandscheiße! Doch auch mit diesem Wissen im Hinterkopf wird es keine Aufwertung meiner Bewertung geben, da ich eben Action und Optik schon ausreichend gewürdigt habe und da der "Billig - sieht aber geil aus Faktor" nicht mehr zieht, um die schwache Handlung und das quasi nicht vorhandene Involvement aufzuwerten. Ich meine, hat ein Film nicht versagt, wenn er eine wichtige Figur kurz vor Schluß aus dem Film nimmt und man als Zuschauer nicht etwa denkt NEEEEEEEIN, sondern eher Wayne ... wird jetzt gekickt? ;-)

Zu deiner Anmerkung (und damit ist dein Beitrag quasi wieder komplett :lol: )
freeman hat geschrieben:Die Bildqualität schwankt zwischem soliden S-VHS und grottigem VHS Niveau hin und her und ist für einen alles andere als alten Film schlicht eine Katastrophe.
Dann müsstest Du mal die HK-DVD davon in edlem Vollbild oder auch die muffige (und übel teure) UK-DVD sehen, dann würdest Du die dt.DVD wahrscheinlich als Segen empfinden. Größtes Manko der DVD ist imho die Umwandlung der 4.3-Letterboxed-Vorlage in ein anamorphes Bild, was mit unschönem Zeilenflimmern belohnt wurde.
Hast du eine der beiden Vollbildvarianten? Würde mich echt mal interessieren, weil wenn ja, könnteste mal nen Bild posten? Vor allem von den Computerscreenbildern? Ich vermute nämlich massiv, dass der Film nicht nur das Zeilenflimmern, Rauschen, Treppenmuster und Nachzieheffekte aufweist, sondern auch gezoomt wurde ...

In diesem Sinne:
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Beitrag von kami » 15.08.2007, 16:00

freeman hat geschrieben:Kami, ich hoffe, du bist net sauer, aber ich hab mal deinen Kommentar etwas editiert. Jetzt isser ein ein zweites Review und nen ziemlich cooles obendrein ;-). Dem kann ich eigentlich nur hinzufügen, dass die Tatsache mit dem Billigfilm mir so gar nicht aufgefallen ist, was ja absolut für Yens Können spricht. Inspiration hin oder her. Denn lieber Inspiriert als Fließbandscheiße! Doch auch mit diesem Wissen im Hinterkopf wird es keine Aufwertung meiner Bewertung geben, da ich eben Action und Optik schon ausreichend gewürdigt habe und da der "Billig - sieht aber geil aus Faktor" nicht mehr zieht, um die schwache Handlung und das quasi nicht vorhandene Involvement aufzuwerten. Ich meine, hat ein Film nicht versagt, wenn er eine wichtige Figur kurz vor Schluß aus dem Film nimmt und man als Zuschauer nicht etwa denkt NEEEEEEEIN, sondern eher Wayne ... wird jetzt gekickt? ;-)
Prinzipiell hast Du recht, auf der anderen Seite nehme ich dem Film das nicht so übel, da selbst mir selbst bei populären Klassikern wie BLACK MASK, HARDBOILED u.ä. die Charaktere vergleichsweise egal sind. Und aufwerten musst Du ja auch nicht, wir sind uns ja mehr oder weniger einig.:wink:
Hast du eine der beiden Vollbildvarianten? Würde mich echt mal interessieren, weil wenn ja, könnteste mal nen Bild posten? Vor allem von den Computerscreenbildern? Ich vermute nämlich massiv, dass der Film nicht nur das Zeilenflimmern, Rauschen, Treppenmuster und Nachzieheffekte aufweist, sondern auch gezoomt wurde ...
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Beitrag von freeman » 15.08.2007, 19:21

:shock:

Hammer, da kann man wirklich überall nen Haken hinter machen ... die ham den Film nach Fertigung wohl erstmal übern Studioboden gezerrt ... :roll:

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