[CD] Judas Priest - Nostradamus

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Ed Hunter
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[CD] Judas Priest - Nostradamus

Beitrag von Ed Hunter » 22.06.2008, 22:55

Judas Priest - Nostradamus

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Technische Daten:

Produced by: Glenn Tipton & K.K. Downing
Engineered by: Richard Wood
Mixed by: Attie Bauw At Bauwhaus Amsterdam with Glenn Tipton & K.K. Downing
Recorded at: THe Old Smithy Studio, UK
Mastered by Attie Bauw At Bauwhaus Amsterdam & Darius Van Helfteren At Amsterdam Mastering
Management: Bill Curbishley & Jayne Andrews
All Songs Written & Arranged by: Tipton / Halford / Downing
Published by: EMI Songs Ltd.
Artwork: Mark Wilkinson
Website: www.judaspriest.com

Band:

Rob Halford - Vocals
Glenn Tipton - Guitars & Synthesized Guitars
K.K. Downing - Guitars & Synthesized Guitars
Ian Hill - Bass Guitars
Scott Travis - Drums

Tracklist:

Act 1:

1. Dawn of Creation
2. Prophecy
3. Awakening
4. Revelations
5. The Four Horsemen
6. War
7. Sands of Time
8. Pestilence and Plague
9. Death
10. Peace
11. Conquest
12. Lost Love
13. Persecution

Act 2:

1. Solitude
2. Exiled
3. Alone
4. Shadows in the Flame
5. Visions
6. Hope
7. New Beginnings
8. Calm Before The Storm
9. Nostradamus
10. Future of Mankind

Kritik:

Es war die Metal-Sensation des Jahres 2005: 15 Jahre nach „Painkiller“ kehrte Rob the God Halford nach diversen Soloprojekten zu seiner britischen Kultformation Judas Priest zurück, ersetzte Tim „Ripper“ Owens, der kurz darauf einen neuen Shouter-Job bei Iced Earth ergattern konnte, die sich gerade von Frontmann Matthew Barlow getrennt hatten, als Sänger und nahm mit den Herren Tipton, Downing und Co. die formidable Reunion-Platte „Angel of Retribution“ auf, die in allerbester Britenstahl-Tradition mit Killersongs wie „Judas Rising“ und „Revolution“ verzückte und den Urvätern des Heavy Metal einen souveränen Neustart in klassischer Besetzung bescherte. Auch wenn die sich anschließende Tour nicht nur begeistert aufgenommen wurde und vor allem Halford aufgrund angeblichen Ablesens vom Teleprompter und einer statischen Show in die Kritik geriet, konnte man dennoch gespannt auf den zweiten Streich der Priester nach erfolgreicher Wiedervereinigung sein. Drei Jahre nach „Angel of Retribution“ steht nun das neue Werk „Nostradamus“ in den Plattenläden – wie es 2007 bereits die Kollegen von Manowar mit dem teils heftig gescholtenen Odin-Epos „Gods of War“ praktiziert hatten, trumpfen auch die Mannen um Rob Halford nun mit einem Konzeptalbum auf, das sich unter anderem Elementen der Klassik und zahlreicher Zwischenspiele bedient.
Die Priester erkoren dabei den französischen Propheten Nostradamus als Protagonist ihres Projekts aus, entschieden, dass dessen Leben weitaus interessanter sei als seine Prophezeiungen und präsentieren es nun als episches Metal-Musical auf einem insgesamt 23 Tracks umfassenden Doppelalbum, das auch in Luxusvarianten mit Monsterbooklet oder Vinyl-Edition erhältlich ist. Musikalisch bleiben sie dabei einerseits ihrer etablierten Linie treu, experimentieren aber auch unter anderem mit klassischen Elementen und lassen die Sache insgesamt überaus ruhig angehen, was bei zahlreichen DieHard-Anhängern Enttäuschung hervorrief. Die Fanbase spaltet sich in Wohlgesinnte, die für „Nostradamus“ die gleiche Begeisterung aufbringen können, die Herr Halford, auf die jüngste Erweiterung des Priest-Coeuvres sichtlich stolz, in Interviews an den Tag legt, und solche, denen die Scheibe nicht true und heavy genug ist und Uptempo-Kracher der Marke „Painkiller“ fast durchweg missen lässt. Geht man mit der richtigen Erwartungshaltung an „Nostradamus“ heran, bekommt man von den legendären NWoBHM-Göttern ein durchaus hörenswertes Konzeptalbum mit einigen starken Tracks geboten, das dem eigenen Anspruch aber nicht ganz gerecht wird und insgesamt in der Tat allzu zäh und gemächlich geraten ist.

Dabei lässt der Einstieg alles Andere als Negatives erwarten: „Dawn of Creation / Prophecy“, das „The Hellion / Electric Eye“ im aktuellen Liveset als Opener abgelöst hat, eröffnet „Nostradamus“ nämlich überaus vielversprechend. Der erste Track der Scheibe ist ein ruhig beginnendes, klassisches Instrumentalstück, das sich in eine atmosphärisch formidable Klimax mit Schlagzeugeinsatz steigert, die in donnernden Gitarrenwänden im allerbesten etablierten Priest-Stil kulminiert, als „Prophecy“ über den geneigten Hörer hereinbricht: Donnernde Riffs bekommen alsbald Unterstützung von einem leidenschaftlich singenden und schreienden Halford, der den rockenden Stampfersong mit seiner unvergleichlichen Stimme souverän trägt und mit grandiosen Screams veredelt.
Leider kann das Niveau des Einstiegs nicht gehalten werden und vor allem auf Disc 1 versumpft „Nostradamus“ fortan in vor sich hin dudelnder Belanglosigkeit: „Awakening“ bereitet mit ruhigen, schönen Gesangsparts „Revelations“ vor, das mit überzeugender Gitarrenarbeit einsteigt, dann aber als arg durchschnittlicher und uneingängiger Midtempo-Song weitergeht, der mit keiner eingängigen Melodie zu fesseln weiß und, obwohl im Vergleich zu diversen Folgesongs noch recht heavy, allzu monoton dahinstampft und mit einem gelungenen Gitarrensolo lediglich ein wenig Boden gutmachen kann.
„The Four Horsemen“ bereitet als schönes, melodiöses Intro den nächsten Song „War“ vor, der den vielleicht größten Anteil an Klassik-Elementen des Albums auffährt, nicht zuletzt aufgrund seines hässlichen, wannabe-düsteren Refrains aber auf ganzer Linie enttäuscht. „Sands of Time“ / „Pestilence and Plague“ bringt Besserung, was nach diesem Totalausfall zwar keine Kunst, aber doch ganz nett anzuhören ist. Ebenfalls im unaufgeregten Midtempo stampft der Song nach seinem sehr ruhigen Gesangsintro dahin und überrascht mit einem italienisch(!) gesungenen Refrain, was ihn zu einem der ungewöhnlichsten Stücke des Albums, nicht zuletzt dank gewohnt vorzüglicher Gitarrensoli allerdings auch durchaus recht gelungenen Song macht.

„Death“, das es beim 2008er Tourauftakt-Gig der Priester bereits live zu hören gab, wird mit Glockenschlägen angekündigt und fährt dieselbe solide dahinplätschernde, aber kaum herausragende Midtempo-Schiene, versucht sich dabei an extradüsterer Atmosphäre in entsprechend dunklen Klangwelten, nervt jedoch mit seinem unmelodiösen Refrain und kriegt erst gegen Ende mit überzeugendem, epischen Halford-Parts noch ein wenig die Kurve. Wieder etwas überzeugender fällt das vom schönen, melodiösen aber auch etwas belanglosen „Peace“ eingeleitete „Conquest“ aus, das einen recht ruhigen, aber dafür eingängigen Refrain zu bieten hat. Mit „Lost Love“ folgt die erste pure Ballade des Albums und lässt sich mit dem Prädikat „lahm“ absolut ausreichend charakterisieren. Diesem bestenfalls als Einschlafhilfe zu gebrauchenden Totalausfall schicken die Priester mit „Persecution“ ein Finale des ersten Akts hinterher, das endlich wieder Tempo aufnimmt und nach bedeutungsschwanger-atmosphärischem Wisper-Intro den Hörer aus dem Schlummer zurückbefördert, Halford im Refrain auch mal wieder etwas höhere Stimmlagen gönnt, sich aber dennoch nicht als nennenswertes Highlight werten lässt. Monoton, vor allem gegen Ende mit extrem nervigen Passagen und alles in allem trotz allem zu wenig Power reiht sich auch „Persecution“ in den bisherigen Standard ambitionierter, aber in ihrer Umsetzung mäßig überzeugender Durchschnittsware ein.

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Gods of Metal: Judas Priest

Einen allzu gelungenen Eindruck macht „Nostradamus“ somit nach vollendetem „Act 1“ nicht wirklich: Es ist den Priestern löblich anzurechnen, dass sie etwas Neues wagen wollten und lässt man sich auf die Stücke ein, so evoziert das Werk durchaus eine gewisse Atmosphäre – der große Wurf, auf den Halford und seine Mannen so stolz sind, zeichnet sich aber nicht gerade ab. Gut, dass „Act 2“ Abhilfe schafft und die schwache erste Hälfte zumindest größtenteils vergessen macht.
Nach dem Minimal-Intro „Solitude“ beweisen die Metal-Legenden mit „Exiled“, dass auch gelungene Balladen nach wie vor in ihrem Repertoire liegen: Mit Leidenschaft, Power und Eingängigkeit steht der Song in der Tradition Priestscher Tugenden, die in der Vergangenheit bereits für so grandiose Tracks wie „Beyond the Realms of Death“ oder „Living Bad Dreams“ gesorgt haben. „Alone“ verzeichnet gar noch eine qualitative Steigerung, gibt sich ebenfalls sehr ruhig und sorgt mit wunderbarem, gefühlvollem Gesang Halfords, atmosphärischen Gitarren und einer Wahnsinns-Melodie für Gänsehaut pur, ohne härtere Zwischentöne zu vernachlässigen. Die Vorab-Single „Visions“, eingeleitet durch das wunderschöne „Shadows in the Flame“, stagniert während der Strophen zwar im verhaltenen Midtempo-Stampfstil der ersten Disc, vervollständigt dank eines grandios vorgetragenen, eingängigen Refrains jedoch das grandiose Balladen-Triple, mit dem Priest den geneigten Hörer für die enttäuschende erste Halbzeit entschädigen.
Mit „Hope“ / „New Beginnings“ folgt der einzige Ausfall des zweiten Aktes: Lahmes, der Band unwürdiges Tralala-Geklimper ohne Ecken und Kanten im gleichen Stil wie „Lost Love“. Das kompensiert jedoch mühelos das geniale Finale, mit dem die Priester ihr ambitioniertes Epos abschließen: „Calm Before The Storm“ ist der Titel des nächsten Intro-Zwischenspiels – und der ist Programm. Der „Storm“ bricht nämlich mit dem noch vor Veröffentlichung des Albums als erstes im Internet aufgetauchten Titeltrack „Nostradamus“ herein. Nach epischem Einstieg brettert der Track los wie Hölle, Tipton und Downing sorgen für donnernde Gitarrenoffensiven der Güteklasse A und Halford brüllt sich zum Einstieg die Seele aus dem Leib, ehe der kraftvolle Song den Zuhörer mit seinem Ohrwurmrefrain gefangen nimmt. Die klassischen Priest, wie man sie seit nunmehr über 30 Jahren liebt, sind nirgends auf „Nostradamus“ so präsent wie hier: Tempo, Riffing, Eingängigkeit, Screams – die Nummer hat alles an Bord, was den Stil der NWoBHM-Legenden charakterisiert und wird atmosphärisch und musikalisch gleichzeitig dem Konzept-Anspruch des Albums gerecht. So perfekt wie hier im kleinen ist die Symbiose beider Faktoren aufs große Ganze bezogen leider nicht gelungen.
Als Abschluss komponierten Priest mit „Future of Mankind“ ein wahres Überhighlight – das lediglich für den Song „Nostradamus“ reanimierte Tempo wird wieder unter den Tisch gekehrt, dafür ist der Track eines jener kraftvollen Midtempo-Epen, für die man Priest genauso liebt wie ihre Highspeed-Granaten. Musikalisch teils an den grandiosen „Painkiller“-Bonustrack „Living Bad Dreams“ erinnernd, glänzt Halford im Refrain mit einer Inbrunst und Leidenschaft, die einmal mehr unter Beweis stellt, warum er noch immer zu den besten Heavy-Metal-Sängern überhaupt zählt. Ruhige Töne, eingängige Melodien und tonnenschwere Stampfparts – „Future of Mankind“ kommt einem Meisterwerk gleich, das sich vor legendären Klassikern der Priestschen Diskografie nicht zu verstecken braucht.

Was also ist abschließend vom Konzeptalbum-Experiment der Gods of Metal zu halten? Es ist ambitioniert, liebevoll und trotz Schwächen jedem wahren Fan ans Herz zu legen. Ungewohnte Klassik-Elemente erweitern die Priestschen Klangwelten um nie störende neue Facetten, die im Gegensatz zu Manowars „Gods of War“ nie zentral in den Mittelpunkt ganzer Track geklatscht werden, sondern stets als dezente Bereicherung klassischen Britenstahls im Hintergrund bleiben. Für einige Ausfälle und viele durchschnittliche Filler des ersten Akts entschädigt der grandiose zweite, der vor allem Halford in gesanglicher Topform präsentiert. Potentielle Käufer sollten auf alle Fälle gewarnt sein: In Uptempo-Regionen à la „Painkiller“ oder „Screaming For Vengeance“ oder Heavy-Krawall der Marke „Judas Rising“ verfallen Priest hier so gut wie nie, zelebrieren lediglich bei den Killertracks „Prophecy“ und „Nostradamus“ die härter Gangart, während das Gros der auf dem Doppelalbum vertretenen Highlights (atmosphärisch) grandiose Powerballaden wie „Alone“, „Visions“ und „Future of Mankind“ darstellen.
Überaus gelungen ist auch das mit zahlreichen stylishen Zeichnungen aufwartende Booklet, das das überaus hässliche Covermotiv befriedigend kompensieren kann.

Fazit: „Nostradamus“ ist ohne Frage ein Album mit Schwächen und Längen und ein Album, dem etwas mehr Tempo gutgetan hätte, nichtsdestotrotz lohnt es sich, dem ambitionierten Projekt der Heavy-Metal-Urväter seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es hat sie verdient.

:liquid7:
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Beitrag von EatenAlive » 23.06.2008, 08:28

Wie immer sehr schönes Review, auch wenn ich dir hinsichtlich der Bewertung nicht traue. :lol: :wink:

Ein Kumpel von mir, der sehr viel Ahnung von Oldschool Metal hat, findet die Platte absolut mies und ich vertraue da einfach mal seiner fachkundigen Meinung.
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Beitrag von jack warrior » 23.06.2008, 20:08

bei dem was ich von der scheibe gehört hab mich anschließen an eaten... eventuell wäre weniger mehr gewesen...

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Beitrag von Hannibal » 27.06.2008, 16:39

Und auch hier nochmal Feedback.....jo, deine wiedermal sehr feine Review, die sorgfältigst auf alle Tracks eingeht und zudem noch interessante Backgrounds liefert, unterstützt eigentlich (vielleicht ungewollt) den allgemeinen Tenor. Das was du schreibst liest sich nämlich ein ganzes Stück schlechter als die Wertung die im Endeffekt rauskommt. Zieht man deinen Fan-Bonus ab, wird man vermutlich irgendwo da rauskommen, wo auch ein Großteil der Kritiker die Platte sieht.
Werde mir das Teil daher sparen, da mich schon die vorab veröffentlichten Tracks nicht vom Hocker hauten und evt. mal irgendwann zum NicePrice zugreifen.
Die Herren sollten sich mal ein Beispiel an "Dream Theater", "Queensryche" & Co nehmen.....die wissen wie man ein überzeugendes und gleichzeitig nicht langweiliges Konzeptalbum schreibt...

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