
Broschiert: 192 Seiten
Verlag: Panini (18. September 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3866078870
In meinem Fall ist es so, dass ich die irre Stylebombe Wanted von Timur Bekmambetov vor der Rezeption der Comicvorlage gesichtet habe und sie richtig gut fand. Daran hat sich nun, nach dem Lesen des Comics, nicht viel verändert. Denn nach der Sichtung von Mark Millars Comicvorlage wird einem erst einmal so richtig bewusst, wie sehr sich Bekmambetov die Vorlage zu eigen gemacht hat und dabei im Grunde ein eigenes Wanted Universum entwarf, das mit Ideen aufwartet, die im Comic niemals eine Rolle gespielt haben. Und so sind die comiceskesten Einfälle in der Wantedverfilmung samt und sonders auf Bekmambetovs Mist gewachsen! Der Webstuhl des Schicksals, Wachsbadezuber zur Regeneration gebrochener Knochen, um Kurven fliegende Kugeln und die Identitätsspielerei um Wesley Gibsons wahren Vater ... nichts davon findet sich in Wanted, dem Comic.
Doch auch sonst gibt es kaum nennenswerte Gemeinsamkeiten. Das beginnt schon bei der Anlage der Figuren. Wesley Gibson sieht im Comic aus wie Eminem, Fox dagegen wie Halle Berry (Sie wird übrigens als Helferin des weltberühmtesten Detektivs vorgestellt, während sie gerade eine Art Catwoman Kostüm trägt!

Alles beginnt mit Wesley Gibson. Einem Loser vor dem Herrn. Er erfährt, dass sein Vater, zu dem er seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hatte, gemeuchelt wurde und ihm darum ein großes Erbe bevorsteht. Doch dazu muss er laut der Organisation (die auch im Film verwendete Bruderschaft), für die sein Vater tätig war, erst aus seinem bisherigen Leben ausbrechen. Seine fremdvögelnde Freundin loswerden, die ihn terrorisierende Chefin fertig machen und seine hypochondrischen Panikanfälle in den Begriff bekommen. Ein knochenbrechendes Training hilft ihm dabei. Und hier enden dann auch die Gemeinsamkeiten mit dem Film, denn nun geht es in eine komplett andere Richtung. Und die schaut so aus:
Im Jahre 1986 verbanden sich alle Superschurken dieser Welt und aus anderen Paralleluniversen, um in einem brachialen Frontalangriff alle Superhelden auszuradieren. Mittels der Fähigkeiten eines Kobolds aus einer fremden Dimension beugte man die Realität so sehr, dass man die Superhelden aus den Erinnerungen der Leute tilgte, die Superhelden entweder meuchelte oder ihnen ebenfalls gefälschte Erinnerungen einpflanzte (weswegen beispielsweise Batman glaubt, er sei nur der Held einer dämlichen TV Serie über einen Superhelden) und fortan die Superschurken die Welt beherrschten und unter sich aufteilten. Doch im Machtgefüge der Superschurken brodelt es. Und Wesley Gibson gerät als nunmehr bester Killer der Welt zwischen die Fronten. Als er einen Anschlag nur knapp überlebt, räumt er in der Schurkenwelt richtig auf. Beinahe zu spät merkt er, dass er nur einer unbekannten Größe in die Hände spielt ...
Auch wenn Wanted das Superheldengenre nicht so radikal aufbricht, wie es Alan Moore mit seinen Watchmen getan hatte, so räumt es doch ordentlich im Genre auf und zeigt ihm einen fetten Mittelfinger. Da werden Batman und Robin als Schwuchteln beschimpft und beiläufig gekillt, ein Supermanklon leidet am Down Syndrom, Marvelcomics werden verbrannt, Comicleser zu Idioten abgestempelt und es wird eine Liga der Superbösewichte errichtet, die weit jenseits der bekannten Superheldenligen funktioniert und eben genauso agiert, wie man sich das so vorstellen würde. Ergo zieht man umher und killt und vergewaltigt, als gäbe es kein Morgen. Man löscht sogar ganze Polizeireviere aus, um „runterzukommen“. Und all das wird von der Öffentlichkeit akzeptiert bzw. ein Deckmantel des Schweigens darüber gelegt. Das gibt dann auch den Ton des gesamten Comics gut vor. Dieser ist so wild, so anarchisch, so über die Maßen zynisch, dass einem mehr als einmal die Spucke wegbleibt und bösester schwarzer Humor zwischen den Panels fast schon mild wirkt.
Alleine mit welcher Einstellung Wesley Gibson als Superkiller an sein neues Leben herangeht (Ich fühle mich, als hätte ich Marylin Monroe ohne Gummi gefickt!), ist absolut irre und so wirklich niemals in einem Film umsetzbar – zumindest nicht in einem Hollywoodblockbuster. Apropos Film: Kommen wir zum Thema Zeichnungen in Wanted. Die stammen von J.G. Jones und sind so filmisch, so irre detailliert und atemberaubend schön, dass man durchweg meint, man schaue schon einen Actionstreifen, während man den rasant gescripteten Comic in wirklich einem Zug durchrast, weil er einen packt und richtig mitreißt. Dass dabei auch mit Brutalitäten nicht gegeizt wird, hat Bekmambetov schon gut in seinen Film einfließen lassen, nur ist sein Film gegen den mit Blut und Gedärm um sich schmeißenden Comicbastard Krabbelgruppe Kindergarten.
Und dann ist da noch ein Element, das den Comic Wanted so richtig genial macht. Seine letzten 4-6 Seiten sind absolut irre. Hier spricht er den Zuschauer direkt an. Nimmt Kontakt mit dem Wesley Gibson in uns allen auf und macht sich lustig über uns, die wir unsere Zeit mit diesem „Machwerk“ „verschwendet“ haben. Doch der Leser selbst ist nicht empört oder fühlt sich angegriffen. Nein. Vielmehr blättert er wieder zu Seite eins und liest noch einmal die geballte Fuck You schreiende zynische Urgewalt der vor Kraft berstenden Panels. Und am Ende wird er wieder schmunzelnd Wesley Gibsons letzte Worte an den Leser lesen:
„Das Gesicht mache ich, während ich dich in den Arsch ficke.“
Was bleibt, ist ein genial gezeichneter, megaspannender, urstzynischer Actionfilm in Comicform, der das Superheldengenre ordentlich auf den Kopf stellt und es so lange schüttelt, bis auch das letzte Stück Moral aus ihm heraus gefallen ist. Geiler Scheiß, ohne Wenn und Aber ...

In diesem Sinne:
freeman