Gavin “The Wizard” Harrison & the Klaus Kinski Lemon Trees

Palladium Köln - 02.12.2009

“Ob kleine oder große Events: Auf dem großzügigen Gelände rund um das Palladium und E-Werk stehen Ihnen ausreichend Parkplätze zur Verfügung.”
- Palladium Homepage
Wie bitte, der Vince beginnt seinen Konzertbericht zu PORCUPINE TREE mit einem unwürdigen Zitat über Parkplatzmöglichkeiten vor dem Veranstaltungsort? Bah!
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Gemach, gemach. Ein kleiner Satz mit großen Auswirkungen steht einem erlebnisreichen Abend in der ALDI-Hauptstadt Köln/Mülheim voran und verbreitet schreiende Ironie. Der Vince, aufgrund akuten Autobahnstaus und später Abfahrtzeiten sowieso schon im Verzug, gerät kurz vor dem Palladium in einen Anfahrtsstau. Nummernschilder aus ganz Deutschland reihen sich kilometerlang voreinander und gieren auf einen Stellplatz, deren Anzahl nicht mal ein hoffnungsloser Zyniker als “ausreichend” hätte bezeichnen können, ohne sich dafür selbst zu hassen. Auf der leeren entgegengesetzten Fahrtrichtung streift hier und da mal ein Auto mit Kölner Kennzeichen vorbei und amüsiert sich vermutlich über unsere Versuche, die Schnecke am Bordsteinrand zu überholen.
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Doch dann ein magischer Moment, der uns nur durch den Trampelpfadeffekt der Schlangenbildung vergönnt ist. Was nun geschieht, ist ein so genannter “Incident”: rechts braust ein Zug an uns vorbei, im Dunkeln des Winterabends leuchten seine Fenster gelb und deuten Silhouetten von Menschen an, die zu unbestimmten Zielorten aufbrechen.
The Yellow Windows of the Evening Train. Boah.
Kenner wissen natürlich schon: so heißt einer der Songs aus dem aktuellen PORCUPINE TREE-Songzyklus “The Incident”. Es ist das minimalistischste aller Stücke, eine unscheinbare, kleine Komposition mit SIGUR ROS’schen Ambient-Effekten. Das ist Magie, das ist Bedeutung.
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Vorsehung ist es wohl, dass ich erst mal ein paar hundert Meter fahren muss, um doch noch einen Parkplatz zu finden und wir im nasskalten Wetter zurücklaufen müssen. Auf dem Weg passieren wir auch ein mit Aufklebern der norddeutschen Neoprog-Band SYLVAN beklebtes Auto (das ich nach deren letztem Musikreviews-Interview mit faulen Eiern beworfen hätte, wenn ich ein böser Mensch wäre, harhar). Prominente Präsenz läuft da zu einem pickepackevollgepackten Konzert einer Band, die in der selben Stadt zehn Jahre zuvor noch vor 50 Besuchern im “Underground” gespielt hat.
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Wir treten durch den Eingang in die prall gefüllte Lobby. Rechts sind etwa vier bis fünf Durchgänge zum Konzertsaal, aus dem jetzt bereits crimsoide Töne erklingen. Ganz klar: der Vince hat die Vorband so gut wie verpasst. Der bohli kündigt das Zuspätkommen noch an, ich setze es in die Realität um. Verdammtes Parkplatzpack, wär das Anathema gewesen, ich hätte euch alle einen Kopf kürzer gemacht! So verpasse ich “nur” die “Stick Men”, benannt nach ihren Instrumenten, den Chapman Sticks, die herkömmliche Gitarren ersetzen. Zwei Mitglieder, Tony Levin und Pat Mastelotto, sind KING CRIMSON-Urgesteine, was man dem Sound in jeder Pore anmerkt. Zwei Songs später ist schon Sense. Die Band mit dem “freakigen Sound”, wie ein Bekannter, der das Konzert in Stuttgart besucht hatte, mir euphorisch berichtete, hat sich der Kürze wegen nur erahnen lassen. Meiner Begleitung nach hätte es nicht schnell genug enden können. Sie war heilfroh, dass das nicht die Hauptband war, über die ich vorher so gewaltige Begeisterungsstürme ausgelassen hatte. Sie hätte wahrscheinlich an meinem Verstand gezweifelt.
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Der Umbau der Bühne beginnt, die Zuschauerreihen leeren sich (Pinkel- und Zigarettenpause). Wir nutzen die Gelegenheit und positionieren uns etwa 5 Meter links von der Bühne entfernt. Die vom dänischen Filmemacher Lasse Hoile inszenierte Leinwand-Videoshow und Keyboarder Richard Barbieri verschwinden dadurch zwar aus dem Augenwinkel, dafür ist der Rest der Band aber sehr gut zu erkennen. Trotzdem beneide ich kurz die Presseleute, die auf der Empore einen Sahne-Überblick haben, und wünschte, ich hätte mir rechtzeitig einen Presseausweis besorgt.
Eine Ambient-Soundschleife läuft eine halbe Ewigkeit am Stück. Die Verzweiflung wächst. Insbesondere, als sich zwei alte Kiffer direkt vor meine Nase stellen und die ganze Zeit durchquatschen. Später bewegen sie sich glücklicherweise weiter Richtung Mitte, kurz vor Ende sehe ich, wie einer von ihnen von der Security aus der Masse gezogen wird.
Dann ist alles vergessen. Erstmals seit Mai 2008 stehe ich wieder mit Mr. Steven Wilson in ein und demselben Raum - ich in Schuhen, er barfuß. Das lange Haar hängt ihm tief ins Gesicht, als ohne Umschweife der “Incident”-Opener “Occam’s Razor” angestimmt wird. The Cycle has begun.
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Es ist eine eigene Erfahrung, eine Konstruktion wie “The Incident” live zu erleben. Fest steht allerdings, publikumstechnisch will diese erste Konzerthälfte nicht so recht funktionieren. Sieht man von ein, zwei Pausen vor dramaturgischen Höhepunkten ab, spielt die Band komplett durch. Applaus hat keine Chance. Alles zum Wohle der Kunst. Es ist eine eigenartige Atmosphäre, die über der Halle schwebt. Für Neueinsteiger eher weniger geeignet, spult sich vor Augen tausender Zuschauer eher so etwas wie ein interaktiver Kinofilm ab. Applaus scheint beinahe nicht erwünscht, man hört das leise “shshshshh!” des Nachbarn. In der Breite war dem ersten Teil des Konzertes nur durch jene etwas abzugewinnen, die erstens PORCUPINE TREE gut genug kennen, um “The Incident” im Bandkontext zu bewerten und die zweitens von einem Konzert nicht zwangsläufig nur gutes Entertainment erwarten.
Zwei, drei, vielleicht vier Ausnahmen bietet der Zyklus. Der offensichtlichste ist “Time Flies”, das Herzstück des Albums, bei dem erstmals richtiger Applaus im Publikum aufbrandet. Die PINK FLOYDs “Animals” zitierende Akustikgitarrenriff-Schwadron pumpt durch das Rund wie eine Bazooka mit Unendlichkeitsmunition, die Lightshow suggeriert DEN Höhepunkt.
Der war für mich ein anderer: Ausgerechnet “Yellow Windows of the Evening Train”, das unscheinbarste Stück, dasjenige, das sich vor der Halle schon angekündigt hatte, das bloße Bindeglied zwischen (dem ebenfalls sehr gelungenen) “Your Unpleasant Family” und eben “Time Flies”, mauserte sich in seiner Schüchternheit zum Magic Moment.Wilson setzt sich ans Keyboard und lässt geisterhafte Töne in die Sphäre entschweben, die erst mit organischem Widerhall außerhalb der Stereo-Digitalität einer CD zu wirken beginnt.
“Octane Twisted” und “Circle of Manias” lassen endlich die etwas andere Seite der Stachelschweine aufblitzen: deren Stacheln nämlich. Ohrstöpsel werden hier erstmals gebraucht, Trommelfelle unter Druck gesetzt. Im Abwechslungsreichtum des “Incident” lässt sich auch dessen Größe ablesen, in der Performance an sich dagegen weniger. Zum einen wirkt die Band und vor allem Steven Wilsons Stimme auf der letzten Station der größten Deutschlandtour überhaupt ein wenig angeschlagen, zum anderen funktioniert die Musik nicht mehr so gut über den Live-Kanal wie das Restmaterial.
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In die Pause geht meine Begleitung mit leichtem Desinteresse, doch aus der Halle gehen würde sie später mit einem nicht zu leugnenden Hauch von Euphorie und Überraschung. Und so wird das Event zum Fußballspiel, das die eigene Mannschaft nach einem Halbzeitrückstand glorreich gewinnt.
Denn nach zehn Minuten kehrt der Fünfer auf die Bühne zurück und zeigt ein anderes Gesicht: das Bösartige, das Mitreißende, das Dramatische, das Pathetische, das Überlebensgroße, das Publikumsnahe. Es ist der Beginn von etwas Wunderschönem - der Opener “The Start of Something Beautiful” hätte besser nicht getroffen werden können. Unmittelbar ist sie da, die typische PORCUPINE TREE-Atmosphäre. In blauem Licht ergießt sie sich über das Publikum, welches aus dem Stand heraus aufwacht und der Band ein Stück Lebendigkeit zurückgibt. Es folgt “Russia On Ice”, die Atmosphäre wird noch zwingender. Noten, die wie einzelne Eisblüten in Gebirgsmeeren wachsen, bündeln sich zu einfachen, aber für die Ewigkeit geschaffenen Kompositionen.
Metalheads werden dann mit dem harten Mittelteil von “Anesthetize” belohnt und aufgrund der gelungenen Vorplatzierung von “Russia On Ice” vermisst man den spannungsbauenden ersten Akt des Longtracks kaum. Stattdessen ist wilde Entladung Programm.
Selbst das als Radiosingle verschrieene “Lazarus” wird erfreut aufgenommen, und das, obwohl es das von Fans inniger herbeigesehnte “Stars Die” ersetzt. Weiter geht es mit zwei Stücken aus der “Fear of a Blank Planet”-Phase; “Way Out of Here” ist mir schon vom Pinkpop bekannt, “Normal” erweist sich anschließend aufgrund seiner Laut-Leise-Konstruktion als echter Live-Hit. Das räudige “Bonnie The Cat” schließt das Hauptprogramm mit Paukenschlag ab.
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Dass die Zugabe obligatorisch werden würde, ist klar. Denn ein Album wird ja noch gar schmerzlich vermisst. Das Meisterwerk “In Absentia” erhält im Nachschlag seine rechtmäßige Ehrung...
“The Sound of Muzak” verbreitet totale Einigkeit im Raum. Die wahrste Zeile der Welt - “one of the wonders of the world is going down” - gesungen wird über die Musik - lässt mich nur noch die Augen schließen und es fühlen.
Über das Obligatorium “Trains” ist sich auch Steven Wilson im Klaren, als er mit einem beiläufigen “Okay, i guess we better play Trains then” den Publikumsliebling ankündigt. Es wird gejubelt, geschrien, in der eigenwilligen banjo-Passage im Takt mitgeklatscht, der Refrain mitgesungen. Dann der Höhepunkt des Abends - die Unterbrechung.
Wo auf der bisher einzigen Live-DVD an exakt dieser Stelle die Gitarrensaite gerissen ist, nimmt sich Wilson nun die Gelegenheit, jedes einzelne Bandmitglied nochmals vorzustellen. Als der Amerikaner John Wesley an der Reihe ist, wird seitens Richard Barbieri “Bonanza” eingespielt. Bassist Colin Edwin derweil, auf der Leinwand soll man ihn mit einer Zitrone im Mund sehen, wird wegen seines Klaus-Kinski-Shirts gedisst. Kinski mausert sich ohnehin zum Running Gag des Abends. Wer dieser Tage auf offener Straße jemanden mit einem Kinski-Shirt herumlaufen sieht, kann davon ausgehen, dass er auch dabei war.
Dem Schlagzeuger Gavin Harrison ist das Knallbonbon des Abends vorbehalten. Er holt ein weißes Tuch hervor und lässt es zu Zirkusmusikbegleitung ohne Berührung in der Luft tanzen - tosende Ovationen sind ihm gewiss.
Als “Trains” den Faden wieder aufnimmt und seinem hochemotionalen Klimax entgegensteuert, ist wohl jeder wieder mit dieser Band vereint:
- Die The-Incident-ist-langweilig-Behaupter.
- Die Stickmen-stinken-als-Vorband-Finder.
- Die Wilson-klingt-a-bissle-ausgelaugt-Moserer.
- Die Die-rechte-Box-ist-kaputt-und-John-Wesley-zu-leise-abgemischt-Feststeller.
- Die Ich-hab-ne-Säule-vor-der-Gusche-und-seh-die-Bühne-nicht-Jammerer.
- Die Stundenlang-gesucht-und-keinen-Parkplatz-gefunden-Ärgerer.
- Die Ich-weiß-zwar-nicht-was-ein-Stachelschweinbaum-ist-aber-die-Musik-gefällt-mir-Sager.
Ich auch. Sowieso.
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Tracklist
1. Occam's Razor
2. The Blind House
3. Great Expectations
4. Kneel and Disconnect
5. Drawing the Line
6. The Incident
7. Your Unpleasant Family
8. The Yellow Windows of the Evening Train
9. Time Flies
10. Degree Zero of Liberty
11. Octane Twisted
12. The Séance
13. Circle of Manias
14. I Drive the Hearse
15. The Start of Something Beautiful
16. Russia on Ice
17. Anesthetize (Part 2: "The Pills I'm Taking")
18. Lazarus
19. Way Out of Here
20. Normal
21. Bonnie the Cat
Encore:
22. The Sound of Muzak
23. Trains




