Miles Ahead

Dass Miles Davis seiner Zeit in vielen Phasen der Karriere weit voraus war, ist keine leere Satzhülse, um die Größe des Jazztrompeters zu untermauern, sondern beschreibt die Unfähigkeit der Zeitzeugen, einige seiner Werke auf Anhieb richtig einzuordnen, vor allem aber den stets im Wandel begreiflichen Gedankensprung von einer Strömung zur nächsten. Dem Wesen eines Musikers mit derart progressivem und vorauseilenden Charakter ist durch die episodische Abfertigung einer Lebensphase nach der anderen nicht Genüge getan.
Don Cheadle weiß um diese Aufgabenstellung und liefert einen impressionistischen Ansatz, der für ein Regiedebüt unheimlich stilsicher erscheint. Ausgerechnet die Phase Mitte bis Ende der 70er, in der seine Figur musikalisch völlig inaktiv war, kürt der Regisseur und Hauptdarsteller zum Handlungszentrum. Er dichtet darüber hinaus auch noch einen Rolling-Stones-Redakteur hinzu (Ewan McGregor), der im Laufe des Films von der journalistischen Plage zum Freund und begleitenden Kommentatoren wird.
Aus Davis' musikalischer Inaktivität heraus entsteht schließlich das streitbare Bild eines Gangsters in einer Welt voller Drogen, Waffen und Korruption. Privatparties, in deren Hinterräumen Lines gezogen werden, gehören vielleicht noch zu den erwartbaren Szenen, nicht aber Autoverfolgungsjagden mit Schusswechseln. Ein solches Portrait bildet Person wie Musiker natürlich nur unzureichend ab, vermutlich sogar irreführend. Nachdem Cheadle die vorliegende Biografie immerhin ein Jahrzehnt lang vorbereitet hat, ist er aber zu dem logischen Schluss gekommen, dass es nicht seine Aufgabe ist, ein abdeckendes Bild zu liefern. Womöglich wäre dies Aufgabe einer Dokumentation; von „Miles Ahead“ darf man vielmehr eine Abbildung der Denkweise des Trompeters und Bandleaders erwarten.
So befasst sich der Film über seine ungewöhnliche Struktur hauptsächlich damit, welcher Geist hinter der beispiellosen Metamorphose vom Bebop und Cool Jazz, Modal Jazz und Fusion verbirgt. So lässt Cheadle den älteren Miles auf eine junge Version seiner selbst treffen und verwandelt den Besuch eines Boxkampfes so zum surrealistischen Tanz. Die 70er Jahre sehen manchmal bewusst nachgestellt aus, um in Momenten besonderer Immersion plötzlich vollständig im Filmkorn zu versinken, so als schaue man sich Originalmaterial an. Der vor allem aus den mittleren Jahren entlehnte Soundtrack konterkariert das meist inaktive Geschehen auf der Leinwand (Don Cheadle hat dennoch eigens für den Film das Spielen der Trompete gelernt und vermittelt dies durchaus gekonnt) mit fortwährender Produktivität; persönliche Dramen und Liebesdinge, aus denen Filme wie „Walk The Line“ rückblickend fast ausschließlich zu bestehen schienen, begrenzt das Drehbuch auf Fußnoten. Vielmehr fungiert eine Rolle mit unveröffentlichten Privataufnahmen fast schon wie ein McGuffin aus dem Schaffen Tarantinos, nur um letztendlich den Wendepunkt der Schaffenskrise zu markieren.
„Miles Ahead“ ist damit keine vollständige Abhandlung und kein ultimatives Portrait; der Ansatz, Miles Davis als eine Art neurotischen Gangster auf eigene Faust zu zeichnen, ist zumindest streitbar. Cheadle vor der Kamera kommt dem Original trotz ansprechender Leistung optisch auch nur bedingt nahe. Dennoch überzeugt das Regiedebüt des Schauspielers mit einer einfallsreichen Struktur und von sicherer Hand geführtem Strich.
Gänsehaut

Den erfolgreichen „Gänsehaut“-Büchern sagt man nach, sie seien leicht zugänglich und beherrschten es, sich in das Denken von Jugendlichen einzufühlen. Als Vielschreiber nutzt Autor R.L. Stine außerdem die volle Klaviatur des Monster-ABC, wie es für gewöhnlich Groschenromanen zu eigen ist, und spielt sie mit Sinn für das Ikonische aus.
Demzufolge erhält die Verfilmung den Geist der Bücher und fungiert als eine Art Sammelstelle für alles, was die Popkultur an Monstern hergibt. Kein Wunder, dass Stephen King in einer köstlichen Wutrede des Autoren (Jack Black spielt Stine herrlich knautschig als schwarz gekleideten Sonderling in Anlehnung an diverse „Neighbor-Horror-Movies“) aufs Korn genommen wird, steht er doch ebenso für das Enzyklopädische der Horrorliteratur.
Rob Lettermans Film erweist sich als durchaus charmante Special-Effects-Schau in teils magischen Bildern: Wenn die Lampen auf dem verlassenen Jahrmarkt inmitten eines Waldes angehen, spielt die visuelle Gestaltung schon all ihre Trümpfe aus. Wenn das zugehörige Riesenrad sich dann später, immer noch leuchtend, in Bewegung setzt, kommen auch noch furiose Perspektiven hinzu und eine Dynamik, die manchmal einem albernen, gleichwohl lustvollen Ballett gleicht.
Das Jugendabenteuer ergötzt sich somit in vollen Zügen an der Freude über die Vielfalt – Werwölfe in Turnhosen, Riesengottesanbeterinnen, Giftzwergarmeen (die tönerne, stop-motion-ähnliche Animation ist wahrlich hervorhebenswert), Zombies, Clowns, sprechende Marionetten und Schneemenschen in einem Film vereint zu sehen, kann ein irritierendes, aber sehr wohl auch stimmungsvolles Vergnügen sein.
Es ist ein Vorzug dieser Produktion, dass sie sich postmodernen Vorgaben des Kinos nicht beugt, in der Gefahr, einem älteren Publikum zu kindgerecht zu erscheinen (auch wenn einige Monstererscheinungen trotz einer stets ironischen Brechung für allzu junge Zuschauer zu gruselig sein mögen). Das gut aufgelegte Spiel der jugendlichen wie auch der erfahreneren Darsteller, die flotte Regie und der bekömmliche Humor machen „Gänsehaut“ schließlich zu einem schöneren Unterhaltungsfilm als erwartet.
Angry Birds

Das rein strategisch funktionierende Computerspiel lässt jeden erdenklichen Freiraum, was die Story anbelangt. „Simpsons“-Autor Jon Vitti wurde also vermutlich mit dem Wort „Angry“ in einen dunklen Keller gesperrt, um daraus mehr zu stricken als geflügeltes Arsenal und gekringelte Zielscheiben. Ans Tageslicht gelangte er mit einem Drehbuch, das in der ersten Hälfte ein CGI-Remake von Adam Sandlers „Die Wutprobe“ sein könnte, um in der zweiten Hälfte in den Artillery-Game-Modus zu wechseln und Schweine mit Vögeln zu beschießen.
Tatsächlich lässt Vitti humortechnisch viel von seinem gelben Hauptbetätigungsfeld einfließen und überzeugt dabei mit bissiger Gesellschaftsbeobachtung. Zynismus ist die wichtigste Antriebsfeder des roten Titelhelden, der von seiner naiven Umwelt regelmäßig zur Weißglut gebracht wird. Damit trifft „Angry Birds“ durchaus einen Nerv; wer selbst gerne mal über die Dummheit der großen Masse verzweifelt, die dank sozialer Netzwerke heute präsenter ist denn je, dürfte sich mit Red (im Original eingesprochen von Jason Sudeikis, im Deutschen ausnahmsweise auch mal kompetent besetzt mit einem gut aufgelegten Christoph Maria Herbst) durchaus identifizieren können.
Teil der erwähnten Dummheit ist es auch, dass ein Handlungsverlauf wie jener von „Angry Birds“ geistig schwächeren Naturen als willkommene Anti-Einwanderungsparabel dienen könnte; schließlich besucht hier durchweg feindlich gesinntes Schweinsvolk die Vogelinsel, um über Arglist und Täuschung Vogeleier zu stehlen. Deutsche werden hier Übereinstimmungen mit der deutschen Einwanderungspolitik erkennen (und je nach Standpunkt für die eigenen Zwecke umdeuten), Amerikaner die vereinfacht gehaltenen Sachverhalte ebenfalls auf ihre Umstände abbilden können. Dabei nimmt der Animationsfilm unter Rückgriff auf ein reduziertes Weltbild lediglich Stellung ein für gesunden Argwohn gegenüber Blendern und hat somit ein hervorragendes Argument gegen den Vorwurf, die Verfilmung eines derart inhaltsleeren Spiels könne nur einen inhaltsleeren Film hervorbringen.
Im Gegensatz zur großen Konkurrenz etwa von Pixar funktionieren die Charaktere ungeachtet des hohen Identifikationspotenzials aus einer Frust- und Ärger-Regung heraus jedoch kaum auf der emotionalen Ebene. Die fast nur aus Kopf, Schnabel und Augen bestehenden Figuren gelangen nicht über Cartoon-Zweidimensionalität hinaus, insbesondere, wenn sie merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen, die nur in Kenntnis der Spielvorlage Sinn ergeben. Als die stark an die „Minions“ angelegten Schweine schließlich unter Beschuss genommen werden, verkommt der Film endgültig zum Let's Play, das nur noch an möglichst zerstörerischer Action interessiert ist. Als sich schließlich dann wieder sämtliche Tiere in den Abspann tanzen (möglichst mit unvorteilhaften Körperrundungen und in queeren Klamotten), ist doch wieder der langweilige Konsens erreicht.
Schade, denn stärkeres Zündpotenzial bleibt „Angry Birds“ damit verwehrt. Der bissige Anfang jedoch rettet die Produktion unerwartet doch noch ins Mittelfeld.
Lights Out

Man kann der Argumentation durchaus folgen, dass David F. Sandberg mit seinem Internet-Kurzfilm alles richtig machte, was in der Langversion nun mit einer unnötigen Hintergrundgeschichte wieder aufs Spiel gesetzt wird. Immerhin brillierte „Lights Out“ in der Kurzfassung mit minimalem Aufwand und maximalem Effekt.
Gleichwohl war das Spiel mit dem Lichtschalter letztlich nur eine technische Fingerübung, die mit einem vollwertigen Filmrahmen nichts gemein hatte. Aber der Hype siegt immer, insbesondere wo das Risiko so niedrig ist wie beim Horrorfilm, der in der Regel nach der gleichen Prämisse funktioniert wie Sandbergs Shorties: Geringe Kosten mit der Aussicht auf hohen Ertrag. Also kam es zur Verfilmung mit dem Zweck, das Buch der methodologischen Kniffe des Horrorfilms um ein Kapitel zu erweitern. Eine Gestalt, die nur im Dunkeln sichtbar ist... das klingt uralt und vertraut, bekommt aber durch die Licht-an-Licht-aus-Prozedur einen völlig neuen Twist. Wie konnte der Regisseur also anders als auch die Filmfassung mit seinem populären Trick zu beginnen: Wieder ist es seine Frau Lotta Losten, die als erstes von einer hageren Gestalt im Schatten irritiert wird.
So weit bewegt sich der Regisseur noch in der Comfort Zone. Ab hier dürften die Produzenten dann reingeredet haben, Das Screenplay stammt nicht mehr von Sandberg, sondern von Eric Heisserer und driftet schon arg in den Standard typischer Haunted-Movies aus der zweiten Reihe, die sich von der Mythologie japanischer Referenzen wie „The Grudge“ beeinflusst sehen und dem Zorn eines wütenden Geistes eine traurige Hintergrundgeschichte verleihen – und somit etwas Menschliches, was durchaus ein wenig am Horrorgefühl nagt.
Ungeachtet des konventionellen Unterbaus (der nicht einmal unbedingt enttäuscht, weil man ihn bei einer derart spartanischen Vorlage auch erwartet hat) spielt Sandberg seine Stärken jedoch weiterhin im Spiel mit unterschiedlichen Lichtquellen aus. Dass in einer Szene ausgerechnet das Rotlicht einer Werbetafel zur Rettung wird, eine Signalleuchte, die in Filmen üblicherweise eher Gefahr ausstrahlt, gehört zu den gelungenen Einfällen, mit denen die Schauplätze bestückt werden. Leicht übersehbare Schattenquellen nutzt Sandberg effektiv, um vermeintlich sichere Situationen doch noch ins Bedrohliche zu verkehren. Der drohende Ausfall flackernder Lampen und Kerzen mag dabei ein altes Klischee sein, verfehlt seinen Zweck jedoch nicht.
Dass bei alldem nicht einmal besonders viele Opfer nötig sind, gehört zu den weiteren Stärken des Films. Weiterhin hebt sich der Cast mit einer zwischen Verrücktheit und Verzweiflung pendelnden Maria Bello und einer sehr starken Teresa Palmer wohltuend vom reinen No-Name-Cast hysterischer Twentysomethings ab. Die Kamera unterstützt außerdem das permanente Spiel mit Lichtquellen durch sinnvolle Kontraste.
Um beispielsweise zu den Geisterfilmen James Wans aufzuschließen, fehlen hier natürlich viele Dinge: Der visuelle Einfallsreichtum, eine originelle Geschichte, ein eigenständigeres Erscheinungsbild der Kreatur ebenso. Gemessen an den Umständen ist „Lights Out“ aber schon ein Mini-Kracher. „Annabelle 2“ wird dann wohl zur Bewährungsprobe: Sollte David Sandberg dem aktuell tot wirkenden Spin-Off-Zweig der „Conjuring“-Reihe tatsächlich noch etwas abgewinnen können, so kann er damit beweisen, dass er vielleicht mehr ist als ein One-Trick-Pony.
The Lobster

Okay, der goldene Weirdo 2016 geht dann wohl an die herzhaft-skurrile SciFi-Dystopie „The Lobster“ von „Dogtooth“-Regisseur Giorgos Lanthimos, ein hierzulande mal wieder weitgehend unentdecktes Kleinod für Freunde des Absonderlichen, das nicht nur keine Kinoauswertung erfuhr, sondern darüber hinaus hierzulande nicht einmal auf Blu-ray, sondern nur auf einer spartanisch ausgestatteten DVD veröffentlicht wurde. Man mag dies fast als Auszeichnung verstehen, denn was dermaßen konsequent vor der breiten Masse versteckt wird, muss ja fast schon von einer gewissen Grundqualität zeugen...
Der Off-Kommentar sei ja das Mittel einfallsloser Regisseure, die ihre Geschichte über die Bilder alleine nicht zu erzählen imstande sind, heißt es oft; Rachel Weisz, die erst in der zweiten Filmhälfte als Darstellerin in Erscheinung tritt, kommentiert die erste Hälfte in einer Art freudlosem Wes-Anderson-Gestus mit dermaßen trockenen Sätzen aus dem Off, dass man dahinter pure Absicht erkennen muss. So wird der offen sichtbare Inhalt eines Kleiderschranks einfach noch einmal aufgezählt, später gar ganze Sätze, die von Darstellern zuvor gesprochen wurden, erneut paraphrasiert.
Dieser so herrlich trockene Rahmen schlägt sich in der gesamten Hotelanlage nieder, die anfangs Schauplatz absurdester Minderheiten-Zurschaustellung ist und Elemente der Handlungsorte aus Andersons „Grand Budapest Hotel“ und Sorrentinos „Ewige Jugend“ miteinander verknüpft. Auch Colin Farrels niedergeschlagene Miene und sein aufgedunsener Körper sind Zeichen einer allgegenwärtigen Aura der Selbstaufgabe. Lanthimos arbeitet die mit gesellschaftlicher Akzeptanz gesegnete Perversion im restriktiven Umgang mit individuellen Lebensstilen zwar sehr metaphorisch heraus, bleibt allerdings immer relativ leicht verständlich und hält den Kontakt zu diversen Klassikern, die Liebe und Dystopie miteinander kombiniert haben. Das fiktive Element der Verwandlung in ein Tier bleibt dem Zuschauer ein Mysterium, das erwartungsgemäß nur im Off stattfindet und somit ebenso gut suggestive Masseneinbildung sein könnte; die Charaktere begegnen dieser Aussicht, die der Regisseur einer Art „kleinem Tod“ oder eben einer massiven Behinderung menschlicher Freiheiten gleichsetzt, mit einem Hauch Neugier und vor allem endloser Untröstlichkeit, die sich im Film aber oft in obskuren Humor übersetzt, wenn plötzlich allerhand exotische Tiere wie Pfauen und Flamingos als Hintergrund-Gag durch für sie ungewohntes Wald-Terrain stapfen.
In der zweiten, von einem Rebellen-Subplot dominierten Hälfte wird auf eine Verdichtung der Liebesgeschichte gedrängt und damit in Kauf genommen, dass die bis dahin so scharfe Beobachtungsgabe verloren geht. Allerdings gelingt es dem Regisseur immer wieder, in einzelnen Sequenzen die Brillanz des Einstiegs zu reaktivieren und auch beim unkonventionellen Ende ist von Verbiegung nichts zu spüren.
Filme wie „The Lobster“ hat es sicher öfter mal gegeben, ein Unikat ist er also nicht zwangsläufig; einer der stärkeren Filme des vergangenen Jahres ist es dennoch, der hier mal wieder unter Radar fliegt.
Ghostbusters – Answer The Call

Die Geisterjäger sind also zurück, wenn auch nicht in der Form, die man sich all die Jahre ausgemalt hatte. Man möchte jetzt sagen, all die hitzig geführten Kontroversen im Vorfeld habe die Mädels-Variante nicht verdient. Hat sie aber. Und das ist genau genommen das einzige große Kompliment, das man den „Ghostbusters“ anno 2016 machen kann.
Denn wenn diese Neuauflage eines nicht ist, dann stromlinienförmige Multimillionen-Dollar-Dutzendware, die so schnell konsumiert wie vergessen ist. Da bleibt schon was hängen. New York mag zwar schon wieder der Spielplatz sein, Plasma-Strudel mögen sich am Himmel bilden und Hochhäuser vor überdimensionalen Trampeltieren mit viel Trara in die Knie gehen (soviel immerhin zur Werkstreue, die sich auch noch mit dem heutigen Blockbuster-Gestus deckt), der höchst streitbare Grundton, den Paul Feig anschlägt, lässt das nicht ohne Risiko auf Kurs gebrachte Reboot aber immerhin aus der grauen Peripherie treten.
Es gibt da nur einen Haken: Der Mut rentiert sich künstlerisch nicht, denn fast nichts von dem, was man innerhalb der großzügigen 135 Minuten ausprobiert, gelingt. Erst recht nicht die ironische Umkehrung der Markenzeichen der Serie. Es wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass man diese, wenn überhaupt, nur oberflächlich verstanden hat. Die hintersinnige Schmutzigkeit, mit der die Original-Drehbücher von Ramis, Aykroyd und Moranis unterwandert waren, stülpt sich hier mit platten Frontalgags wenig elegant nach außen. Und wo ist der Platz für den langsamen Aufbau, die verführerische Annäherung der Geister an ihre Opfer und deren unbemerkte Isolation von der Restwelt? Verzweifelt sucht man auch nach wirklich markanten, originellen Geistererscheinungen und besonderen Szenen, in denen der Plot kurz innehält und sich völlig auf die Intimität zwischen Geist und Jäger konzentriert. Nur wenige Verweise auf die ersten beiden Teile gelingen (der Verzicht auf die ikonische Feuerwehrbehausung ist ein großes Opfer, das aber durch eine geschickte Überleitung auf eine nicht minder charakterstarke Basis über einem China-Restaurant neue Früchte trägt), viele andere verfehlen völlig den eigentlichen Punkt (Restaurant-Szene).
Dazu ein beinahe schon unverschämt blasser Bösewicht (wie eine fahle Kopie der von Peter MacNicol im zweiten Teil verkörperten Renfield-Variation, die nur diesmal als Hauptgegner herhalten muss), eine Verschlimmbesserung des Titelsongs, Spezialeffekte von sehr wechselhafter Qualität (gut sieht beispielsweise die stoffähnliche Textur des Endgegner-Buhmanns aus, die Geister-Beule am Rücken einer alten Frau allerdings könnte aber aus einem Rechner der 90er Jahre stammen) und unmotiviert aneinandergereihte Cameos, die Rick Moranis' Verzicht zur klugen Entscheidung werden lassen.
Für eine Produktion, die in jeder Kritik an ihr einen misogynen Hintergrund zu sehen glaubt, entpuppt sich ausgerechnet der Umgang mit Gender-Themen derweil als überraschend kleingeistig. Original-Sekretärin Janine wirkte nur scheinbar einfältig, übte tatsächlich aber eher Bürokraten-Ignoranz aus und zeigte damit durchaus Persönlichkeit (zumal sie sich letztlich der Geisterjäger-Chose ja auch angemessen verhielt). Ersetzt wird sie nun mit einem Mann, der offen debil ist und zu alldem auch noch von den weiblichen Geisterjägern zum Pin-Up-Nerd reduziert wird. Annie Potts' kurzes Cameo als Empfangsdame (der einzig gelungene) zeigt sogar noch einmal im Direktvergleich auf, um wie viel fortschrittlicher die 80er in diesem Punkt anmuten, zumal man damals mit Sigourney Weaver noch eine weitere starke Frau in der Hinterhand hatte. Ein solches Äquivalent fehlt in der Neuverfilmung ebenso. Stattdessen bekommt Geisterkartoffel Slimer eine Gattin mit 50er-Frisur und Lippenstift zur Seite gestellt...
Über den Humor der Hauptbesetzung kann man natürlich herzhaft streiten und gerade der entscheidet am Ende wohl über Gefallen oder Nichtgefallen des gesamten Films. Mir erschien lediglich das unberechenbare Auftreten Kate McKinnons als Gewinn, die manchmal im Drogendelirium zu verweilen scheint, dann wieder psychotische Verhaltensweisen an den Tag legt und gelegentlich mit sexuellen Avancen gegenüber ihren Kolleginnen das Publikum verwirrt (wäre Margot Robbie in „Suicide Squad“ doch mal so unberechenbar gewesen). Kristen Wiig, Melissa McCarthy und Leslie Jones (die das Rassismus-Argument um Ernie Hudsons Originalrolle mit ihrer Bahnschalter-Rolle keinen Deut ausbügelt, sondern sogar noch auf die Spitze treibt) hingegen hängen durchweg in einer Dauerschleife zwischen Sitcom- und Standup-Comedy der infantilsten Art. Das Resultat sind einfältige Kindergartenwitze, die möglicherweise auch ein Produkt des Umstands sind, dass „Ghostbusters“ ein entscheidungsschwacher Film ist, der sich alle Möglichkeiten (u.a. über Test-Screenings) offen hielt und deswegen letztlich in einem spürbar zerfaserten Story Arc aufgeht, in dem die Darsteller ohne starke Führung schlichtweg unkontrolliert steil gehen. Kein Wunder, dass die Heimkino-Datenträger vor lauter unveröffentlichter Szenen regelrecht überquellen.
Man kann das Unorthodoxe an diesem Film natürlich trotzdem schätzen; dazu gehört auch die Spielerei mit dem Bildformat, wenn bei Geistererscheinungen und Protonenstrahlern Elemente über den Bildrand ragen (das passt zum knautschig-bunten Ton der Reihe und hat trotz des anbiedernden Pop-Up-Effekts durchaus seinen Reiz, so lange man es nicht überstrapaziert). Gleichwohl kommt man nicht umhin festzustellen, dass das sehnlichst erwartete und dadurch mit Nostalgiegefühlen vorbelastete Franchise-Update nicht nur daran scheitert, dass es im wahrsten Sinne des Wortes den Geist der Originale nicht fängt. Erst recht scheitert es nicht am Gender Switch (wenn überhaupt, an der Darstellerwahl oder an der Darstellerführung). Sondern vor allem am gewöhnungsbedürftigen Humor, vielen Einfällen, die nicht zünden und einer bigotten Haltung zu schwierigen Themen wie Rassismus und Sexismus.
Hotel Transsilvanien 2

Der extrem überdrehte Humor, den Sony bei vielen CGI-Produktionen des eigenen Hauses anschlägt, ist zweifellos nicht jedermanns Sache. Bei der Fortsetzung zum extrem cartoonesken „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“ hatte man die Regler beispielsweise überspannt, denn wenn aus den Augen der Charaktere schon reiner Irrsinn spricht, der selbst einem Joker die grünen Haare weiß färben würde, wird es gruselig.
„Hotel Transsilvanien 2“ bewegt sich diesbezüglich ebenfalls auf einem schmalen Grat, schließlich hatte der erste Teil schon das Herzschlagtempo eines Karnickels mit Herzrasen - und Fortsetzungen sollen ja grundsätzlich immer alles noch toppen. Ein Vorteil dieser Reihe ist ganz klar das atmosphärische Ambiente: Der knallbunte Monster-Mash im Schloss Dracula war im ersten Teil bei weitem noch nicht kreativ ausgeschöpft und wird vermutlich selbst für den schon beschlossenen dritten Teil doch Aberhunderte Möglichkeiten für Anspielungen und Running Gags übrig lassen.
Entsprechend lebendig sind die kalten Gemäuer und ihr wuselndes Innenleben wieder gestaltet. Die Animation genügt einmal mehr allerhöchsten Ansprüchen und wimmelt vor Details und schillernden Persönlichkeiten hinter Capes, Bandagen und Pudding-Epidermis. Über den eigenwilligen Animationsstil erschließt sich der Humor; Körperhaltung und Gesichtsausdrücke folgen nicht der Niedlichkeitsstrategie diverser Disney-, Pixar- und Dreamworks-Produktionen, sondern haben ihre geistigen Ursprünge im anarchischen Selbstverständnis der Nickelodeon-Cartoons. Es ist jedenfalls keine Überraschung, dass der russische Regisseur Genndy Tartakovsky auch bei „Dexter's Laboratory“ seine Finger im Spiel hatte.
Plottechnisch gibt sich „Hotel Transsilvanien“ da schon wesentlich konservativer und folgt der klassischen Generationen-Evolution. Nachdem der erste Teil sich nämlich der Vater-Tochter-Beziehung widmete, sind es jetzt Großvater und Enkel, denen sich das Drehbuch zuwendet. Wiederum geht es dabei um Toleranz; die Grundaussage hat sich nicht geändert, allenfalls die Struktur des Storyverlaufs, der im Mittelteil jeder Nebenfigur seine fünf Minuten Ruhm gibt und damit zu perlenkettenartigen Slapstick-Nummernrevue wird, was man sich aber dank der spaßigen Figuren gerade noch leisten kann; das Finale dann bringt einen neuen Twist ins Spiel und wird noch einmal ungewöhnlich düster. Zumindest bis wieder die grassierende Animationsfilm-Krankheit um sich greift, alle Figuren fröhlich in den Abspann tanzen zu lassen.
Insgesamt hält „Hotel Transsilvanien“ Tempo und Niveau seines Vorgängers und überzeugt erneut mit Referenz-Animationen, hochoriginellen Figuren bis in die Nebenrollen hinein und jede Menge Anspielungen. Emotionen und Tiefe bleiben dabei auf der Strecke, aber würde das irgendwer bei Bugs Bunny und Daffy Duck vermissen?
Banshee – Season 2

Man entschied sich also dafür, hinter der wahnwitzigen ersten Staffel ein wenig aufzuräumen. Regelrecht zahm lässt es die zweite zum Auftakt angehen; vom Scenario-of-the-Week jedenfalls ist man deutlich abgewichen, auch wenn rückblickend doch wieder viele Dinge geschehen sind und haufenweise skurrile Nebenfiguren eingeführt wurden.
Dass ein Grande Finale mit Geballer in der Kirche, Zeitlupe und melancholischen Goodbye-Chören dann wieder nicht die kompletten Ereignisse tangieren, sondern nur einen Teil der Erzählung, ist eben doch typisch Banshee, ebenso wie die gewöhnungsbedürftigen Parallelmontagen zweier oftmals völlig unterschiedlicher Handlungsstränge. Dass neuerdings auch öfter mal intime Zwiegespräche (derer gibt es einige, nicht selten von Tränen begleitet) mit den daraus resultierenden Konsequenzen und Folgehandlungen verschnitten werden, gehört dann zu jener Sorte cooler Stilmittel, die bei übermäßiger Anwendung uncool wird.
Ansonsten ist „Banshee“ aber wieder Stil pur – tolle Bild- und Farbkompositionen, unberechenbare Wutausbrüche und Alleingänge (speziell vom Hauptdarsteller, grundsätzlich ist aber jeder verdächtig), Selbstjustiz, wohin das Auge blickt (dito), besinnungsloser Sex ohne Ende (Lili Simmons mit Auszieh-Abo), reinster Rock'n'Roll – und nicht die kurzen Teaser vergessen (nach dem Abspann sitzen bleiben).
„Small Town. Big Secrets“ klingt irgendwie immer noch nach der Mystery-Idylle von „Twin Peaks“. Nach wie vor fungieren Amish-Gemeinde, Indianerstämme und Dorfpolizei als Eckpfeiler der Serie, was die falschen Eindrücke noch weiter vorantreiben kann. Dabei ist „Banshee“ selbst in gedrosselter Ausführung immer noch völlig verrückter Action-Trash mit vielen Problemen und schnellen Lösungen.

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Weitere Sichtungen:
Extraction
Teenage Mutant Ninja Turtles – Out Of The Shadows
Bastille Day