Picture Claire

Filme abseits des Actiongenres aber mit Actionhelden [irgendwie so in der Art]
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Picture Claire

Beitrag von StS » 13.06.2006, 19:40

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Originaltitel: Picture Claire
Herstellungsland: USA / Kanada
Erscheinungsjahr: 2001
Regie: Bruce McDonald
Darsteller: Juliette Lewis, Gina Gershon, Mickey Rourke, Kelly Harms, Callum Keith Rennie, Camilla Rutherford, …


Der künstlerisch angehauchte (TV-) Regisseur Bruce McDonald (“the Collector“/“Queer as Folk“) lieferte 2001 mit „Picture Claire“ ein sehr ansprechend in Szene gesetztes Krimi-Verwirrspiel ab, bei dem der „Schein“ gegenüber dem „Sein“ klar die Oberhand besitzt. Die Story an sich ist von Drehbuchautor Semi Chellas („Life before this“) ziemlich simpel gehalten worden, wird dem Zuschauer allerdings erst nach und nach offenbart, was ihr einen interessanteren Touch verleiht, als hätte man sie sich geradlinig entfalten lassen. Nichtsdestotrotz muss man dazu aber auch sagen, dass sich im Verlauf einige Zusammenhänge bereits vor ihrer eigentlichen Auflösung von selbst erschließen lassen, was die angedachte Konzeption, nämlich den Betrachter so lange wie möglich im Dunkeln zu belassen, natürlich etwas ausbremst.

Nachdem man ihre Wohnung in Montreal in Brand gesteckt hat, flieht Claire (sichtlich reifer und erwachsener geworden: Juliette Lewis aus „Natural Born Killers“, „Strange Days“ oder „Cold Creek Manor“, hier sogar mal nicht als „White Trash“ unterwegs) nach Toronto, wo sie bei einem ehemaligen Liebhaber unterkommen möchte. Das Problem ist nur, dass sie ausschließlich Französisch spricht. Trotzdem gelingt es ihr, die Wohnung des Freundes, seines Zeichens ein Foto-Künstler, ausfindig zu machen – er ist jedoch nicht zuhause anzutreffen, sondern steckt mitten in den Vorbereitungen für seine erste große Ausstellung. Da ihr zudem die Adresse der Vernissage-Räumlichkeiten bekannt ist, erkundigt sich Claire in einem kleinen Cafe nach einer genauen Wegbeschreibung dorthin, wobei sie aus Versehen mit dem Gauner Eddie (der aus „Spun“ oder „Sin City“ bekannte Mickey Rourke bei einem lässigen kleinen Gastauftritt) zusammenstößt und dabei etwas Kaffee auf ihre Kleidung verschüttet. Um die Flecken auszuwaschen, verschwindet sie daraufhin kurz im Bad, während er vorne im Kundenbereich Besuch von einer geheimnisvollen Unbekannten (Gina „Bound“ Gershon) bekommt. Die beiden Partner befinden sich gerade in der Abschlussphase eines Deals, doch da sie Eddies Absicht erkennt, sie hintergehen zu wollen, tötet sie ihn auf der Stelle und verlässt schnellstens den Tatort – genau in dem Moment kommt Claire aus dem Bad heraus und kann gerade noch einen Blick auf die Flüchtende werfen, bevor sie sich selbst angesichts der Situation umgehend aus dem Staub macht ...

In Folge dessen stellen sich für den Zuschauer sowie die Hauptprotagonistin einige (für den Kontext) wichtige Umstände heraus: Claire´s Bekannter lebt inzwischen in einer festen Beziehung und hat ein Foto von ihr (gegen ihren Willen) in seiner Ausstellung verwendet – sie hätte nie ihre Zustimmung dafür gegeben, denn grundsätzlich hasst sie Bilder von sich selbst, auch ohne dass man diese der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Cops sind nun ebenfalls hinter ihr her, da die Cafebesitzerin nur sie in Eddie´s Nähe vor seinem Tod gesehen hat, und es stellt sich heraus, dass die Unbekannte zufällig eine Etage unter Claire´s Freund wohnt. Bei dem geplanten Geschäft ging es um Diamanten, die sie vorm angedachten Weiterverkauf in die Stadt geschmuggelt hatte. In Folge einer Reihe von Verwicklungen finden die Edelsteine irgendwann ihren Weg in Claire´s Besitz, worauf beide Frauen ins Visier zweier Geschäftspartner von Eddie geraten und fortan um ihr Leben fürchten müssen, da die Männer zweifellos dazu bereit sind, für die kostbare Ware kaltblütig über Leichen zu gehen...

Der komplette Filmverlauf lebt von diversen Parallelen und Zufällen, die sich erst mit der Zeit in die Handlung einreihen und diese schließlich zu einer befriedigenden Auflösung führen. Die angenehm konstruierte Verschachtelung der einzelnen inhaltlichen Elemente, welche auf diese Weise nie gezwungen oder aufdringlich wirkt, gefiel mir sehr, die Darsteller geben sich ebenfalls allesamt erfolgreich Mühe, ihre Charaktere mit Leben zu füllen – doch etwas mehr Spannung hätte „Picture Claire“ gut getan. Bis auf zwei Verfolgungsszenen entfaltet sich alles sehr ruhig sowie recht arm an Tempo. Was das Werk hingegen aus dem durchschnittlichen Einheitsbrei heraushebt, ist der Inszenierungsstil von Regisseur McDonald. Alles an der Umsetzung ist leicht außergewöhnlich geraten, was ein interessantes Gesamtbild entstehen lässt … von den Figuren (allein, dass Claire kein Wort Englisch kann, sondern ausschließlich Französisch spricht, weshalb ihre Dialogzeilen in der Originalfassung allesamt untertitelt werden) … über bestimmte visuelle Erzählmittel (ein verstärkter Einsatz mosaiksteinartiger Split-Screen-Effekte findet oftmalige Verwendung) … bis hin zu anderen ungewohnten Stilelementen (wie surreale Traumsequenzen, die das Innenleben der Hauptfigur wiedergeben – zum Beispiel findet sich Claire ab und an alleine auf dem Mond wieder, quasi als eine Versinnbildlichung ihrer Einsamkeit und Isolation in der unbekannten Stadt). Dieser unorthodoxe Eindruck wird durch die verschachtelte Handlung und die gute Musikuntermalung, u.a. von David Usher sowie Juliette Lewis höchstpersönlich, zusätzlich verstärkt.

Insgesamt siegt die Optik klar über den Inhalt, denn der Zuschauer erfährt bestenfalls nur das Nötigste an Informationen – Randfiguren (wie zwei ermittelnde Cops) bleiben dabei blass, spezielle Geschehnisse (beispielsweise Claire´s Flucht aus Montreal) werden eher beiläufig thematisiert und keinesfalls ausschöpfend vertieft, weshalb am Ende leider einige Fragen unbeantwortet bleiben. Trotz aller anzuführenden sowie wahrlich nicht zu vernachlässigenden Kritikpunkte ist „Picture Claire“ eine interessante Indie-Produktion mit guten Darstellern, verpackt in einer schönen, originellen Bildersprache – nur leider „thrillt“ er nicht genügend für einen guten Thriller und lässt gleichzeitig einen tiefer gehenden Anspruch vermissen, mit dem sich eventuell eine Einstufung in die Rubrik „facettenreiches Drama mit Krimi-Anleihen“ hätte rechtfertigen lassen. So aber befindet sich das Ergebnis irgendwo in der Mitte dieser Bereiche – von mir gibt es dafür glatte...

:liquid5:


In Deutschland ist der Film bislang noch nicht auf DVD erschienen, die amerikanische RC1 ist inzwischen „out of print“.

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