Alle Jahre wieder sieht man, wie jemand völlig verzweifelt durch eine komplette Großstadt sprintet und eine vorübergehende Schneise des Chaos in den geordneten Alltag zieht. New York, Berlin oder in diesem Fall London werden dann mit dem Schwung des Luftzugs eingefangen, der durch die Seitengassen pfeift. Bevor schon wieder Luftaufnahmen von architektonischen Besonderheiten wie den Wolkenkratzern „The Shard“ und „The Gherkin“ aus dem Archiv gekramt werden, um das Setting zu etablieren, nimmt man solche alternativen Perspektiven auf altbekannte Drehorte gerne mit.
„The Runner“ lebt demgemäß von seinen offenen Locations an touristischen Hot Spots, von Flussufern, U-Bahn-Stationen und Parkanlagen, durch welche die britische Hauptstadt vielseitig eingefangen wird. Prall mit Besuchern gefüllte Schauplätze zur besten Tageszeit lassen die Kulisse äußerst lebendig wirken und suggerieren einen höllischen Koordinationsaufwand, der bei den Dreharbeiten im Hintergrund vonstatten gegangen sein muss. Darüber hinaus hat der Actionthriller seine Hauptdarstellerin Gal Gadot zu bieten, die, völlig uneitel und ungeschminkt, ihre Rolle als verzweifelte Mutter im Kampf um ihren entführten Sohn hoffentlich nicht als schauspielerischen Befreiungsschlag gegen ihre Kritiker missversteht, die aber zumindest physisch einen bleibenden Eindruck hinterlässt, weil sie wirklich 80 Minuten lang nonstop rennt, als wäre die rote Lola hinter ihr her.
Viel mehr als das hat der Lauf gegen die Zeit allerdings nicht zu bieten. Der wackelige Schnitt knüpft an einen Fetisch der 00er Jahre an und lässt seine aus Schnipseln gebastelten Collagen oft in experimentelle Auflösungen münden, die einen künstlerischen Wert erzwingen möchten, aber schlussendlich affektiert wirken. Damian Lewis, der sich unter dem Rollennamen „The Caller“ in einer ähnlichen Rolle wiederfindet wie vor zwei Jahren noch Jason Bateman als „The Traveler“ in der Netflix-Produktion „Carry-On“, tritt über weite Strecken in Form einer isolierten Kopfpartie in Erscheinung, etwa eines beobachtenden Auges oder eines sprechenden Mundwinkels. Zu schade um seine Fähigkeiten als Schauspieler, die er erst spät einsetzen kann. Der Plot geht keinen Schritt über die Minimalanforderungen hinaus, weder sucht er Vielschichtigkeit durch Nebenhandlungen noch reichert er das Katz-und-Mausspiel mit einer besonderen Psychologie an, die über den Standard-Bösewicht hinausginge.
Obwohl für die Mutter immerhin das Leben ihres Sohnes auf dem Spiel steht, bleibt das Investment des Zuschauers aufgrund der Versäumnisse im Skript und der Inszenierung entsprechend zurückhaltend. Es gibt durchaus Momente, in denen man mit der Protagonistin mitfiebert, so richtig im Sog des Moments befindet man sich aber nie. Eine gewisse Distanz ist immer da, erst recht nach dem müden Twist, mit dem die Ziellinie überschritten wird.
Gute
