Die letzten zwei Wochen waren weniger filmintensiv, trotzdem fand ich für einige Streifen Zeit.
Papicha
Kino / Regie: Mounia Meddour
Algerien vor dem Umsturz in den Neunzigerjahren, junge Frauen versuchen ihren Träumen und Hoffnungen nachzugehen. Doch dann kommt es, wie wir alle wissen, anders. Auch für Papicha, die im starken und gleichnamigen Film ihren Wunsch nach einer karriere als Modedesignerin scheinbar begraben muss. Doch warum aufgeben, wenn man kämpfen kann? Die Aussage, welche der Film allen mitgeben möchte, ohne moralisch danebenzugreifen und eine Utopie im Schrecken zu erschaffen. Meddour zeigt das Leben ohne Filter, sucht interessante Argumente auf allen Seiten und besticht mit einem scharfen Blick.
Sekuritas
Kino / Regie: Carmen Stadler
Die Schweizer Filmschaffenden finden seit längerer Zeit neue Wege in Form und Art - das freut mich. Denn was hierzulande oft fehlt - Wagemut, Verrücktheit, neue Strukturen - wird auf der Leinwand nun unregelmässig angegangen. Nach
Dene wos guet geit und
Love Me Tender gehört
Sekuritas ebenfalls zu den Produktionen, welche sich nicht vor der Eigenartigkeit fürchten. Stadler lässt uns so auf ein Gebäude treffen, das in der Nacht seine Besucher zu einer Liebesgeschichte bewegen möchte, kurz vor seinem Abriss. Garniert durch tolle Charaktere, welche mit viel Ausdruck dargestellt werden, einem grossartigen Sounddesign und gelungenen Aufnahmen ist so ein Film entstanden, der sich von fast allen anderen abhebt und den Zauber neu gestaltet.
The Girl With All The Gifts
BD / Regie: Colm McCarthy
Zombies in England, Zombies überall - was soll man daraus nach all den Interpretationen noch neues entwickeln. McCarthy ist bei seiner Adaption von M. R. Careys Roman immerhin eine spannende Betrachtung des Mythos gelungen. Mit vielen Anleihen an
28 Days Later und tollen Schauspielerinnen, besonders Gemma Arterton gefällt wie immer sehr. Trotzdem, die eingebrachten Fragen zum Lebenswert und der Stellung des Menschen greifen zu wenig. Da hilft das angenehm anders geratene Ende auch nicht viel.
Troll 2
BD / Regie: Claudio Fragasso
"You can't piss on hospitality." Zu selten gibt es abgrundtief schlechte Filme, welche besser unterhalten, als gute Werke. Diese "Fortsetzung" zum Fantasyabenteuer gehört dazu. Eine Produktion, die in allen Aspekten misslang und dabei ungemein fasziniert. Die Geschichte um eine Familie, welche sich in einer abgelegenen Kleinstadt gegen Goblins behaupten muss, wirkt wie ein Film, der von Aliens gedreht wurde. Nichts passt, alles wirkt befremdlich. Zu Recht ein Kultstreifen im Untergrund, der bis heute nichts von seiner Autounfall-Faszination verloren hat.
"Nilbog! It's Goblin spelled backwards!"
Best Worst Movie
BD / Regie: Michael Stephenson
Michael Stephenson, der "Star" von
Troll 2, versucht in dieser kurzweiligen Dokumentation der herrschenden Faszination zum misslungenen Film auf den Grund zu kommen. Die Dokumentation beleuchtet dabei aber weder die Entstehungsgeschichte des Filmes, noch die Vermarktung, sondern wird zu einer kruden Mischung aus Fandom-Betrachtung und Begegnungen mit zerbrochenen Menschen. Psychische Krankheiten, Grössenwahn, Verwirrung und falsche Hoffnungen prallen in den Aufnahmen zusammen, unbeholfen und ohne klares Ziel. Man spürt, dass Stephenson nicht wusste, wie er damit umgehen sollte und lässt den Film immer weiter zerfliessen. Eine Doku, welche ein befremdliches Gefühl hinterlässt.
I See You
BD / Regie: Adam Randall
Hilfe, was ist denn mit Helen Hunt passiert? Ihr Gesicht hat mich in diesem Film fast am meisten verstört. Und das will etwas heissen, ist die Arbeit von Adam Randall ein toll geschriebener und mit grossartigen Bildern gefilmter Thriller, der sich weder an Genrevorgaben, noch eine lineare Erzählstruktur halten will. Und weil dies ein Film ist, den man ohne Vorwissen zur Geschichte geniessen sollte, war es das nun bereits.
Zwei Anmerkungen: Der Anfang erinnerte mich wegen Musik, Kamerafahrten und Stimmung sehr stark an die Werke von Fincher.
I See You ist sein unheimlicher und packender Film. Lohnt sich!
Tenemos la carne
BD / Regie: Emiliano Rocha Minter
Dunklen und merkwürdig ist es im Innern von
Tenemos la carne, dem mexikanischen Experimentalfilm über den Menschen. Nicht nur wird man ohne klare Narration mit verstörenden Bildern und extremen Fantasien konfrontiert, man muss sich gar selbst mit eventuell vorhandenen Gelüsten auseinandersetzen. Das geschieht in Aufnahmen, die nicht nur an Gaspar Noé erinnern, sondern bei mir ähnliche Gefühle hervorriefen, wie
Holy Motors von Leos Carax. Fleisch, Instikt, animalische Herkunft - der Mensch wird neu betrachtet, von der Norm befreit und als Biest erschaffen.
Grossartig gespielt, toll gefilmt und mit vielen verstörenden Sequenzen ausgestattet. Am meisten überrascht war ich allerdings von mir selbst, als ich die letzten Bilder auf den Strassen einer grösseren Stadt als abartiger Empfand, als das zuvor gebotene.
