Standoff

Der Action Film der 80er, der 90er und heute.
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Standoff

Beitrag von StS » 17.11.2005, 10:17

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Originaltitel: Quicksand
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1998
Regie: Andrew Chapman
Darsteller: Robert Sean Leonard, Dennis Haysbert, Paul Ben-Victor, Keith Carradine, Natasha Henstridge, ...


Wir erinnern uns: Im Jahre 1993 veranlassten Hinweise über den angeblichen Besitz illegaler Waffen die US-Behörde „BATF“ (Bureau of Alcohol, Tabacco and Firearms), das Gelände der Davidianer Sekte in Waco (Texas) durchsuchen zu wollen. Die Mitglieder der Gemeinschaft um ihren charismatischen Führer David Koresh eröffneten jedoch das Feuer auf die Beamten, töteten dabei einige von ihnen und zwangen sie so zum Abbruch der Razzia. Als das FBI schließlich am 19. April nach 51-tägiger Belagerung die ähnlich einer Festung ausgebaute Ranch mit schwerem Gerät stürmte, wählten die Sektenmitglieder (angeblich) den Freitod und setzten den Gebäudekomplex in Brand – über 70 von ihnen starben, nur wenige überlebten. „Standoff“ (1998) behandelt zwar nicht genau diesen Fall, doch die von Drehbuchautor und Regisseur Andrew Chapman konzipierten Ähnlichkeiten sind unverkennbar…

Der Film eröffnet mit den beiden FBI-Agenten Jamie Doolin (Robert Sean Leonard) und Ty „Bama“ Jones (Dennis Haysbert), wie diese nachts aus sicherer Entfernung das Anwesen des Kultführers Thomas B.Freemont beobachten, der sich irgendwo in Texas mit seinen Jüngern einen Zufluchtsort vor der restlichen Welt geschaffen hat. Aufgrund vermuteter illegaler Aktivitäten soll am nächsten Morgen eine Razzia durchgeführt werden, auf welche sich die Agenten mental vorbereiten – Bama auf eine ruhige, abgeklärte Weise, während der noch recht unerfahrene Jamie sichtbar von seiner Anspannung beeinflusst wird. Als die Sonne schließlich aufgeht, erhält der Zuschauer zwischen den Anfangscredits flüchtige Einblicke in den Komplex, wo die Sektenmitglieder beten sowie ihr umfangreiches Waffenarsenal reinigen und einsatzbereit machen…

Die Aktion läuft an – dann ein Zeitsprung: Inmitten eines auf sie niedergehenden Kugelhagels können sich Bama und Jamie zusammen mit einem verwundeten Sheriff (Paul Scherrer) gerade mal so in ein verlassenes Farmhaus irgendwo auf dem weitläufigen Gelände flüchten, rund eine halbe Meile offener Feldfläche von der Belagerungslinie der Behörden entfernt. Anscheinend hatte die Sekte einen Hinweis erhalten. Wenig später stoßen noch der FBI Gruppenführer Hank Magill (Paul Ben-Victor) und der örtliche Polizist Zeke Clayton (Keith Carradine) zu ihnen, was die Anspannung eher verstärkt als entspannt, denn Hank droht angesichts der Lage die Nerven zu verlieren, Zeke hat allgemein so seine Probleme mit Farbigen (Bama) und ist zudem mit dem angeschossenen Cop befreundet. Nach einem gescheiterten Versuch, übers Feld in Sicherheit zu robben, werden auch noch zwei Frauen (Tricia Vessey und Natasha Henstridge) im Keller des Hauses entdeckt. Beide sind Mitglieder der Sekte, welche, so behaupten sie, das entstandene Chaos zur Flucht genutzt hatten. Nach weiteren Verlusten (einer aus ihrer Gruppe sowie ein zu ihnen entsandter Sanitäter) will Zeke die aufgestaute Wut und Frustration an den „Gefangenen“ auslassen, doch Jamie stellt sich schützend vor sie und ermahnt zur Wahrung der Menschlichkeit, da er davon überzeugt ist, sie seien genauso Opfer von Freemonts Einfluss und Taten. Als Zeke jedoch trotzdem eine von ihnen exekutiert, und das in Anwesenheit des ranghöchsten Beamten (Bama, der es seinerseits nicht verhindern konnte), verändert das die Lage schlagartig – schließlich ist keiner der beiden bereit, seine Karriere und Zukunft aufgrund eines toten Sektenmitglieds zu opfern, weshalb die andere Frau ebenfalls aus dem Weg geschafft werden muss, was Jamie so aber nicht zulassen kann und will…

Reine Actionfans, die Angesichts der Prämisse auf taktische Spezialkräfte-Einsätze hoffen oder ein reißerisches Spektakel voller Feuergefechte erwarten, werden schnell überrascht bzw enttäuscht, denn anstatt die gesamte Entfaltung der Situation aufzuzeigen, konzentrierte sich Andrew Chapman bei seinem Regiedebüt ausschließlich auf die wenigen Personen im Haus. So wird die eigentliche Razzia nie gezeigt, genauso wenig wie die zweite Angriffswelle ganz am Ende – dort bricht der Film nämlich ab, doch was dann passiert, lässt sich anhand von im Abspann „versteckten“ Funksprüchen erschließen und vervollständigt den Kreis zu jenem Fall, der als Inspiration des Films diente.

Bis auf die beiden „Gefangenen“ (Mary und Freebie) bekommt man aus den Reihen der Sekte nur noch den permanent aus der Bibel zitierenden Thomas B.Freemont zu Gesicht – und letzteren auch nur in Form von Aufnahmen seines Mundes oder der Hände. Elemente von „Reservoir Dogs“ (das gegenseitige Misstrauen, Jamies Einsatz insbesondere für Mary, welche ihm ehrlich und sympathisch erscheint), „Assault on Pre.13“ (die zwangsweise Zusammenarbeit gegen einen anonymen, belagernden Gegner, der sie durch seine überlegene Bewaffnung sowie ständigen Beschuss an der Flucht hindert) oder „Night of the living Dead“ (die Art und Funktion des Hauses, das Entdecken von Personen im Keller, welche dort Zuflucht gesucht haben, Hass und Misstrauen untereinander, was schließlich zur Eskalation der Lage führt etc) sind nicht zu übersehen, und auch in diesem Film wird aus dieser minimalistischen Ausgangslage genügend Spannung erzeugt, dass das Sehvergnügen nicht darunter leidet – es sei denn, man teilt nun mal die Entscheidung nicht, den Fokus auf nur sieben Leute an einem vom eigentlichen Hauptgeschehen isolierten Ort zu richten.

Wie reagieren Personen angesichts ihrer jeweiligen charakterlichen Stärken und Schwächen in einer Extremsituation? Mit dieser Ausgangsfrage hat sich schon eine Vielzahl ähnlicher Produktionen beschäftigt (deren Bandbreite solch unterschiedliche Werke wie „the Thing“, „Alive“, Cube“ oder „House of 9“ umfasst, um nur einige zu nennen), und immer wieder lässt sich daraus ein psychologisch interessanter Ablauf generieren, der problemlos als solide Basis funktioniert, sofern nicht zu abstruse Veränderungen eingeführt werden (im Falle von „Standoff“ bewegt sich zumindest eine allerdings nahe der Grenze). In diesem Fall haben wir es mit folgenden Persönlichkeiten zutun, welche (angesichts des begrenzten Budgets) zudem von erstaunlich bekannten Darstellern verkörpert werden: Jamie (Robert Sean Leonard: „Driven“) ist der klassische Sohn eines irischen Cops, der seinem stereotypen Leben in Boston unbedingt entfliehen wollte und daher zum FBI ging. Er ist ehrlich, glaubt an Freund- und Kameradschaft sowie ans Gute im Menschen – vielleicht, weil er den Job noch nicht sehr lange macht. Bama (Dennis Haysbert: TV´s „24“) ist der erfahrene, abgeklärte Vorgesetzte, der die Regeln des Spiels schon lange durchschaut hat und keine wirklich noblen Beweggründe in seiner Arbeit mehr sehen kann. Hank (Paul Ben-Victor: „Maximum Risk“) hat sich direkt von Washington aus in den Einsatz begeben, weshalb er abseits seines Büros ohne Felderfahrung verloren ist und die Nerven verliert. Als die anderen das mitbekommen, kann er sich nur noch hinter Richtlinien verstecken sowie gegenüber der naiven Freebie (Tricia Vessey: „Ghost Dog“) aufspielen, welche sich auf seine Art einlässt und die „ängstliches kleines Mädchen in Gefahr“-Nummer abzieht, um nicht ins Visier von Zeke (Keith Carradine: „Long Riders“) zu geraten – ein typischer Texaner, der seinen Freunden gegenüber treu ist, „Nigger“ nicht unbedingt leiden kann sowie Niederlagen nicht verträgt. Auch er ist vom Chaos der Situation überfordert, weshalb er sich die beiden Sektenmitglieder aussucht, um seiner Wut ein Ventil zu verschaffen. Getreu dem Motto „Auge um Auge“ droht er mit Vergewaltigung und Exekution, um von seiner eigenen Machtlosigkeit abzulenken. Neben Paul Scherer („Widow´s Kiss“) als verwundeter Officer wäre da dann noch Natasha Henstridge („Species“): Obwohl diverse Covermotive mit ihrem Antlitz werben, spielt sie keineswegs die Haupt-, aber eine Schlüsselrolle als Mary, die von ihrem Freund in die Sekte eingeführt wurde. Sie hält sich an Jamie zum Schutz vor Zeke – die Grenzen zwischen Cleverness, Zurückhaltung und subtiler Manipulation verschwimmen dabei zunehmend…

Angesichts der geringen Mittel, welche der Produktion zur Verfügung standen, überzeugt das Endergebnis mit einer durchweg ordentlichen Inszenierung und Struktur – auch weil die psychologischen Elemente immer wieder geschickt durch Shoot-Outs, in Blautönen gehaltenen Rückblenden sowie kurzen Actionsequenzen unterbrochen werden. Trotz allem ist der Film aber nicht frei von Schwächen: Von der Sekte erfährt man nicht sonderlich viel (außer dass die Mitglieder auf freie Liebe (mit Videokameras) stehen, Waffen besitzen und diese auch einzusetzen vermögen), im mittleren Drittel entstehen einige „kurze Längen“ und die Figuren vereinen doch das eine oder andere Klischee. Trotz (oder gerade aufgrund) der Tatsache, dass man (vermutlich auch angesichts des Budgets) auf schmückende Schauwerte verzichtet hat, strahlt Chapmans Debüt eine gewisse Authentizität aus, die bei einer reißerischeren Herangehensweise wohlmöglich verloren gegangen wäre, weshalb ich diese anständig besetzt- und inszenierte Kombination aus Action, Drama und Thriller letztendlich mit grundsoliden „6 von 10“ bewerte.

:liquid6:

In Deutschland ist der Film bislang noch nicht auf DVD erschienen - allerdings in den skandinavischen Ländern, wobei sich die dänische Version ab und an gut finden läßt.

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