Danke an Wickerman aus dem deutschen Iron Maiden Forum, der die Fotos zur Verfügung gestellt hat.
Der Alltag ist trist, immer das gleiche, kaum Höhepunkte, voll von Sachen, die man eigentlich gar nicht machen will. Um das auszugleichen freuen die einen sich auf den lang zusammen gesparten Urlaub, andere auf den riesigen Flachbildfernseher, wieder andere machen sich ein Kind und freuen sich dann auf den Moment im Kreissaal, wo das optische Schlachtfeld sie in die Ohnmacht wirft.
Und dann gibt es da noch Rockkonzerte, einen Gewaltakt, den sich viele Menschen nie antun werden und dabei gar nicht merken, was für einen 2-stündigen Gänsehaut-Orgasmus sie bei guter Vorbereitung verpassen.
Bei mir ballen sich die Alltagsausgleich-Veranstaltungen unglücklicherweise alle innerhalb von 2 Wochen. Vorgestern fiel der Startschuss mit der einzigen 07er-Indoorshow von „Iron Maiden“. Ursprünglich im Duisburger Stadion geplant, wurde das ganze wegen nicht einzuhaltender Lautstärkevorschriften in den gigantischen ISS Dome nach Düsseldorf verlegt. Der riesige Neubau bietet 13.400 Menschen Platz, ist überdacht und mit Sitz- und Stehplätzen ausgestattet.

Da ich und mein Kumpel mit dem Ticketkauf zu lang gewartet haben, bekamen wir nur noch einen Sitzplatz im hinteren Drittel der gigantischen Konstruktion ab. Nach einer 2-stündigen Anfahrt, die beherrscht war von zahlreichen Maiden-Hymnen, wurden wir schnurstracks ins angrenzende Parkhaus geleitet. Schnell raus und zur Halle. Irrtümlich nahmen wir den Eingang durch ein Restaurant und waren plötzlich durch eine nichtgesicherte Hintertür in der Halle. Die 70 Euro für's Konzertticket hätten wir uns folglich sparen können. Aber egal, in ruhigem Gang sichten wir erst mal die Halle. Von unseren Sitzplätzen hat man eine hervorragende Sicht über das ganze Geschehen. Sehr zaghaft drängen erste Menschenmassen zu den Stehplätzen. Aber wir sind doch recht weit weg von dem gewaltigen Bühnenaufbau. Nach einem kurzen Imbiss werden nähere Stehplätze in den Tribünengängen ausgewertet.
Patrouillierende Securitys schicken uns allerdings immer wieder zu unseren Sitzplätzen zurück. Der Hartnäckigkeit meines Kumpels ist es zu verdanken, dass wir schließlich in einer unbeaufsichtigten Nische einen feinen Platz auf der Tribüne finden, der ca. 20 Meter von der Bühne entfernt ist inklusive fantastischem Rundumblick auf die immer größer werdende Menschenmasse vor uns.
Während unser Platzsuche sind schon 2 Vorbands durch. Lauren Harris, Tochter von Maiden-Bassist Steven Harris, spielte mit Band vor einer noch sehr kleinen Menschenmasse, haute aber ganz ordentlich groovende Rock-Songs raus. Vor einem wesentlich größeren Instrumente gingen anschließend Mastodon an die Instrumente und lieferten mit druckvollem Sound eine Progressiv-Show mit mittelhohem Langweilgrad hin. Ähnlich wie bei Tool sucht man hier vergeblich Live-Potenzial, als Vorband zum Anheizen des Publikums fällt das noch schwerer ins Gewicht. Die Musik an sich klang recht interessant, aber kein Schwein hat's interessiert. In 2 Wochen werde ich die US-Rocker aber wieder in Belgien treffen, dann beim Warten auf Metallica...vielleicht reißen sie da ja mehr vom Hocker.
“Cut my life in two pieces, this is my last resort!“
Aus meiner Nu-Metal-Zeit war mir „Papa Roach“ noch bestens bekannt. Umso mehr überraschte die grandiose Performance der Gruppe, die ihren kommerziellen Zenit schon lange überschritten haben. Die alten Hits bringen die Menge trotzdem zum Kochen, was aber vor allem an der Live-Energie der 4 Männer liegt. Bei jedem Lied wird das Publikum zig-mal eingebunden, ob nun durch „Hey Hey Hey“-Rufe, Mitklatschen oder Singen. Die knapp 10.000 Zuschauer, die sicherlich nicht zum normalen Hörerkreis von „Papa Roach“ gehören, gehen dennoch den ganzen Auftritt über perfekt mit. Die Menge ist am kochen, Zielvorgabe als Anheizer erfüllt! Auch wenn die Musik recht belanglos ist, sind die Jungs live ne echte Wucht.

2 Jahre hintereinander waren ich und die nächste Band am Ring und beide male haben wir uns aufgrund blöder Spielplanüberschneidungen verpasst. Jetzt sollte es endlich soweit sein. Der Schwedenhammer „In Flames“ kommt nach einer halbstündigen Umbauphase und bringt die Halle gleich mit „Cloud Connected“ zum Beben. Die Double Bass rattert fast konsequent durch, gespielt werden vor allem neuere Stücke. Bei „Only for the Weak“ geht die Masse unglaublich genial ab. Negativ fällt auf, dass der Sound hier recht schwach ist und sich Nuancen in den Höhen kaum raushören lassen und sich so viele Lieder sehr ähnlich hören, was sie aufgrund der abwechslungsreichen Melodieführung ja eigentlich gar nicht sind. Im durchratternden Schredderrhythmus fällt dann der ein oder andere Blick schon auf die Uhr. „Maiden“-Rufe werden zwischen den Songs immer lauter, die Schweden kommen beim Publikum aufgrund des matschigen Sounds weit schlechter an, als sie es verdient hätten. Schade eigentlich...
Nachdem „In Flames“ die Bühne räumen wird’s erst so richtig laut. Die ganze Halle, mittlerweile bis auf ein paar Blöcke in den obersten Rängen proppenvoll fordert in allen möglichen Variationen die Könige der New Wave of British Heavy Metal.

Da oben standen wir...
4 Stunden sind nun vergangen, seit das Konzert begonnen hat. Jetzt, gegen 20.30h sind die 4 Vorgruppen durch und alle warten nur noch auf das Sextett angeführt von Bruce Dickinson.
Plötzlich gehen die Lichter aus, ein gewaltiger Bühnenaufbau, der ungefähr 3 mal so groß ist, wie der Teil, der den Vorbands zu Teil wurde, wird in rotes Licht getaucht. Ein pompöser Orchestersoundtrack wird per Band eingespielt. Tausende Hände steigen in die Höhe, die Menge gröhlt, klatscht...ein gigantisches Menschenmeer erstreckt sich vor uns. Was für ein Anblick!
Und plötzlich kracht „Different World“ los. Der erste Track des von Kritikern & Fans gefeierten aktuellen Albums „A matter of Life and Death“ donnert in glasklarem, geradezu perfektem Sound aus der gewaltigen Boxenanlage. Schon in den ersten Konzertminuten springen die 3 Gitarristen und Bassist Steve Harris am laufenden Band über die ganze Bühne, hopsen über Monitorboxen, während Dickinson auf alles klettert, was ihm in den Weg kommt. Dabei fällt sein Gesang glasklar aus, keine Unsauberkeiten, keine Atemnot und das trotz den etlichen Metern, die der Brite Song für Song auf den Brettern hinlegt.
Direkt weiter geht es mit „These colours don't run“, ebenfalls vom aktuellen Album. Die für Iron Maiden untypisch komplexen Arrangements kommen live überraschend gut rüber. Trotz regelrechten Frickelpassagen und vertrackten Riff- und Drum-Kombinationen ist die Menge am kochen. Dickinson hält dabei die ganze Halle in Atem. Mit seinen charakteristischen Aufforderungen „Scream for me Düsseldorf!“ bringt er 10.000 Leute gleichzeitig zum schreien. Weiter geht’s mit „Brighter than a Thousand Suns“, dann „Wrathchild“ und schließlich „The Trooper“, bei dem die Menge dann endgültig ausrastet. Moshpits durchziehen das Menschenmeer unter uns, jeder summt die zweistimmigen Gitarrenläufe lautstark mit, beim Refrain versteht man von Dickinson kaum noch ein Wort, so laut sind die Fan-Chöre.
„Children of the Damned“ ist eine sehr seltene Nummer und findet anlässlich des 25jährigen Jubiläums des Erfolgalbums „Number of the Beast“ seinen Weg in die Playlist. Ein Song für die richtigen Fans, die Stimmung geht leicht bergab, weil viele Leute das Lied mit dem traumhaft schönen Akustikintro gar nicht kennen. Einen hohen Showwert hat dabei die schicke Double-Neck-Gitarre von Gitarrist Adrian Smith.

Mit „The Reincarnation of Benjamin Breeg“ und „For the Greater Good of God“ folgen zwei weitere Nummern vom aktuellen Album, die sich live ebenfalls als eine Wucht entpuppen. Dickinson hält die Menge nonstop mit allen möglichen Aufforderungen in Atem. So wird der Arm schon mal schwer, wenn der ehemalige Geschichts-Student die Menge mit bösem Blick dazu auffordert, die ganze Bridge mit „Hey Hey Hey“-Rufen zu begleiten.
Plötzlich wird es dunkel und eine düstere Stimme verkündet die Worte...
Woe to You Oh Earth and Sea
for the Devil sends the beast with wrath
because he knows the time is short
Let him who hath understanding
reckon the number of the beast
for it is a human number
its number is six hundred and sixty six.
Erneut sind alle Hände ganz oben und Maiden starten in den Klassiker „Number of the Beast“. Der Refrain wird fast im Alleingang vom Publikum bestritten, das Solo komplett mitgesummt. Die Band wirkt selbst überrascht angesichts der Lautstärke des Publikums.
Anschließend kündigen 4 abgestoppte Hi-Hat-Schläge den Live-GIganten „Fear of the Dark“ an. Der Song bringt das Fass schließlich zum Explodieren. Ein Gänsehautschauer nach dem anderen rast den Rücken runter, aus vollem Leibe übertönen tausende Fans die ohrenbetäubend lauten Gitarren des Intros. In der cleanen Strophe trägt das Publikum erneut die gesamte Melodielinie bis Bruce Dickinson zum Refrain anstimmt und Düsseldorf zum letzten „FEAR OF THE DARK“ vor dem Up-Tempo-Part auffordert. „FEAR OF THE DARK“ schallt es in bebender Lautstärke von uns allen zurück. Gigantisch!

Mit „Run to the Hills“ folgt gleich die nächste Übergranate, die das Publikum erneut bis auf's letzte fordert. Die mittlerweile fast durch die Bank heiseren Stimmen geben im Refrain des Erfolgssongs aus dem Jahre 1982 nochmal alles. Angesichts dieser unglaublichen Power stehen einem nun fast durchgängig die Haare vor Entzückung zu Berge. Es ist kaum in Worte zu fassen, ein Teil dieser Menge zu sein, die in einer anderen Sphäre zu sein scheint und den brandneuen ISS Dome in Düsseldorf bis in seine Grundfesten erschüttert.
Mit dem Klassiker „Iron Maiden“ wird die reguläre Setlist schließlich abgeschlossen. Bei Song fällt einmal mehr die umwerfende Showqualität der Band auf. Hier fährt ein riesiger Panzer auf die Bühne, gesteuert von Bandmaskotchen Eddie, der wutschnaubend in die Menge zielt.

Nachdem die Lichter ausgehen, wachsen die Zugabe-Rufe zu einem kreativen Sturm an, der doch alle möglichen Klatsch- und Stampfrhythmen verziert wird. Als die 6 Musiker wieder auf die Bühne kommen, setzen sie sich zunächst mal auf die Bühne und lauschen den Fanchören, die Köpfe schüttelnd angesichts der unglaublichen Begeisterung, die ihnen entgegen gebracht wird.
Nach knapp 5 Minuten kündigt Bruce dann die „Middle Years“-Tour für 2008 an, bei der angeblich mit einem gigantischen Bühnenaufbau in Form einer Pyramide das Album „Powerslave“ von 1984 gefeiert werden soll.
Passend dazu gibt’s im Anschluss den „Powerslave“-Klassiker „2 Minutes to Midnight“, welcher einmal mehr Action in die Menge bringt. Erneut geht einem das Herz auf, wenn Tausende Menschen diesen astrein kalkulierten 80er-Metalschinken mitgröhlen & summen. Während dem Song war ich in Vice City und ich war mir sicher, dass vor der Halle mein in einer riskanten Aktion von der Army-Base geklauter Apache-Helikopter auf mich warten würde....im Nachhinein stellte sich raus, dass es leider doch nicht so war...;-(
Zum Abschluss präsentieren Maiden „The Evil that Men do“ und anschließend mit „Hallowed by thy Name“ den 5. Song von der „Number of the Beast“, bei dem das Publikum nochmal gehörig abfeiert.
Und dann gehen die Lichter wieder an und es steht fest, dass sich trotz nicht ganz homogenen Vorbands jeder einzelne Euro für die Konzertkarte gelohnt hat. Bei kaum einem anderen Konzert, ja noch nicht mal beim letztjährigen Metallica-20th-Anniversary-Master-of-Puppets-Rock-am-Ring-Gig, hatte ich eine derart penetrante Gänsehaut, die sich zu keinem Zeitpunkt vollständig abschütteln ließ. Derartig kraftvolle Fangesänge hab ich noch nirgends anders erlebt, einfach gigantisch. Dazu eine fantastische Setlist, die ausnahmslos perfekt funktionierte und kaum Wünsche offen ließ und nicht zuletzt eine Band in Topform, die trotz deutlich fortgeschrittenen Alters sämtliche jungen Newcomer-Burschen mit dem kleinen Finger plattmacht. Grandioses Ding, trotz einer eher kurzen Laufzeit von nur ca. 100 Minuten. Die hatten es aber sowas von derbe in sich, dass die Tour 2008 – komme was wolle – auf der „Must see“-Liste steht...

Lauren Harris

Mastodon

Papa Roach

In Flames
