Dieses Wochenende war ich am 16.
Zurich Film Festival unterwegs und habe mir folgende Filme gegönnt:
Proxima
Regie: Alice Winocour
In der Welt der Raumfahrt sind Astronautinnen immer noch in der Minderzahl, Filme über sie sowieso. Alice Winocour präsentiert mit ihrer neusten Produktion eine der wenigen Ausnahmen und schafftes, den weiblichen Blick auf die Thematik zu richten. Feinfühlig und feministisch, ohne jemals moralisch zu überborden oder in einfache Muster zu verfallen. Als Gegenstück zu
First Man beispielsweise. Das Spannungsfeld der männlich dominierten Branche wird aufgesprengt, wichtige Fragen zu Mutterschaft und Engagement angegangen.
Eva Green brilliert in der Hauptrolle und vermag es, alle Emotionen zu transportieren und hätte jede Auszeichnung verdient. Besonders die Szene mit ihrer Filmtochter (Zélie Boulant-Lemesle) gehen unter die Haut und wagen ehrliche Kommentare zur Doppelbelastung von Müttern in der Arbeitswelt. Im Verbund mit den realistischen Aufnahmen, gedreht an Originalschauplätzen, ist
Proxima ein mehr als interessanter Film, nicht nur über die Forschung im Weltraum. Und es ist immer schön, Matt Dillon und Sandra Hüller auf der Leinwand zu erleben.
The Assistant
Regie: Kitty Green
Was konnte man nicht alles zur #MeToo-Bewegung und dem Skandal um Harvey Weinstein lesen und sehen – doch meist ging dabei die weibliche Perspektive vergessen. Bestes Beispiel dafür war der unrunde Film
Bombshell. Mit dem ersten Spielfilm von Kitty Green wird dieses Manko auf fulminante Art behoben. Ruhig und subtil begleitet man eine Assistentin (eindringlich: Julia Garner) durch ihren normalen Arbeitstag und erlebt, wie tief die Probleme in der Filmbranche verankert sind.
Alle wissen Bescheid, Frauen werden auf unterschiedliche Weisen unterdrückt und fast niemand möchte daran etwas ändern. Eindringlich die stillen Szenen, brutal die niemals effekthascherischen Dialoge. Dank diesem Film werden die Missstände endlich in ihrer ganzen Tragik aufgezeigt und uns allen vor Augen geführt: Gut ist es noch lange nicht. Ein Pflichtprogramm für alle.
Preparations to be Together for an Unknown Period of Time
Regie: Lili Horvát
Wann ist man verliebt, wann ist man bereit für die Liebe? Fühlt sich ein solcher Zustand nicht oft wie ein Traum an? Die ungarische Regisseurin Lili Horvát entführt mit ihrem neusten Werk in eine Welt, in der man nie sicher sein kann, ob das gezeigte wirklich passiert, oder man selbst einem Zauber unterlegen ist. Schauspielerin Natasa Stork führt betörend durch die Geschichte, die Aufnahmen ergänzen das Gebotene mit lebensnahen Bildern auf 35mm-Film.
Ein ruhiger Film, der spannend aufgebaut ist, mit der Dualität spielt und damit immer wieder Unsicherheiten streut – bis man am Ende selbst entscheiden kann, wie alles nun ausgeht. Ein richtig oder falsch gibt es nicht, wie meist im Leben.
Ballad For A Pierced Heart
Regie: Yannis Economides
Die Coen-Brüder in Griechenland? Erstaunlich, wie gut sich die neuste Regiearbeit von Yannis Economides mit einem solch destillierten Satz beschreiben lässt. Und genau da lag für mich das Problem, Ballad For A Pierced Heart hätte mehr sein können. Sicherlich wird man trotz den 140 Minuten Laufzeit immer unterhalten und darf zusammen mit den Charakteren von einer tragisch-komischen Situation in die nächste stolpern, irgendwann verlor sich durch den repetitiven Charakter der Szenen aber etwas die emotionale Intensität.
Mit einem perfektionierten Stil und stark eingefangenen Bildern läuft der Film immer rund, bis die unvermeidbare Brutalität ausbricht. Diese Explosion am Ende ist kurz und heftig, was allerdings durch die immer sehr lauten und aggressiven Dialoge angekündigt wird. Wer auf direkten Humor und einen ungeschönten Blick auf den schmuddeligen Untergrund Griechenlands steht, der wird hier mehr als gut bedient.
Better Days
Regie: Derek Kwok-cheung Tsang
Leistungsdruck und Neid führen an den Schulen in China sehr oft zu Mobbing unter den Schüler*innen. Das kann soweit gehen, dass Jugendliche im Selbstmord den Ausweg suchen. Ein weltweit bekanntes Problem, das leider zu oft nur zurückhaltend diskutiert wird. Der Film Better Days versucht diesen Umstand zu ändern und war in China ein grosser Erfolg. Verständlicherweise, ist die Geschichte um Chen Nian und ihre Probleme sehr vereinnahmend und schämt sich nicht, Momente und Gefühle gross darzustellen.
Das erinnert in der melodramatischen Weise ab der Mitte des Filmes gar an die Anime-Kultur, weiss aber trotzdem zu berühren. Besonders wer sich von starken Überzeichnungen nicht abschrecken lässt und ein Faible für leichten Kitsch hat, wird vom, mit Preisen ausgezeichneten Werks Derek Kwok-cheung Tsangs mitgerissen werden.
